Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
17. Juni 2007

Temporarily not available

© Bernd Schneid

Ich war in Eile, weil ich den Zug zum Flughafen nicht verpassen durfte. Der Streit mit meinem Mann hatte mich aggressiv gemacht, also stieß ich eher drohend durch die vor mir hergehenden Passanten. Es war nicht schön, wie ich von ihm ging und weshalb, sagen wir einmal, es ging in unserem Streit um die Problematik des Spagats zwischen Arbeit und Beziehung, die sich in den Anfängen einer familiären Beziehung stellt. Da ich auf diesen für mich und meine Karriere und also für meine Familie wichtigen Kongress musste, auf dem ich unbedingt diese Präsentation machen sollte, fiel eben so einiges flach, was nicht zuletzt das Unwohlsein meines das Kind versorgenden Mannes betraf, worüber ich nur sagte, dass er es sich ja freiwillig so ausgesucht habe. Darüber sei aber schon genügend gesagt.

Ich hatte jedenfalls eine Wut, mehr über meine Zeitbegrenzung, als über meinen Mann. Das meiste schien nur so an mir vorbeizugleiten, ob Schwangerschaft, Beziehung, Laufbahn oder Passanten, das war gleich. Immerhin war ich fünf Minuten nach der exakten Abfahrtszeit des Zuges am Gleis und musste dort außer Atem feststellen, dass der Zug aufgrund von Schneewehen circa eineinhalb Stunden Verspätung haben würde. Ich kann nicht sagen, dass dies meine Laune besserte, also setzte ich mich auf einen der Sitze und setzte die Kopfhörer meines MP3-Players in meine Ohren.

Gerade als ich wieder zu normalem Herzrhythmus kam, setzte sich ein älterer Herr, Mitte Sechzig, auf den freien Sitz neben mich. Zuerst dachte ich mir gar nichts, sondern war in die Musik versunken und in die Beobachtung der Stahlstrebenkonstruktion über mir. Wenn mir zu viele Gedanken durch den Kopf gingen, versuchte ich mich auf einzelne Dinge zu konzentrieren, damit alles andere mich belastende verschwinden könnte. Vor allem wollte ich nicht an meinen Mann und meine kleine Tochter denken. Keine weiteren Assoziationen sollten in mir Platz haben, nur der Stahl.

Plötzlich schubste mich der ältere Herr und schien mich etwas zu fragen. Ich blickte mich zu ihm um und sah ihn an. Er war körperlich eher zierlich, hatte einen Oberlippenbart, einen dunkelbraunen Kordmantel und kurzes, sich leicht kräuselndes Haar. Sein Gesicht war wenig faltig, eher ein bisschen aufgedunsen, aber durchaus ansehnlich. Ein älterer Herr, dem man gerne erlauben würde, an die Kinder Süßes zu verschenken. Alles in allem eine sympathische, recht langweilige Erscheinung.

Ich wartete völlig desinteressiert ab, als er seine Frage, es schien eine Frage zu sein, noch einmal an mich richtete. Er sah aus, als ob er mir einen Ratschlag geben wollte. Zuerst dachte ich, es störe ihn womöglich, dass der Zug Verspätung habe, wie zum Beispiel mich und alle anderen auf dem Bahnsteig, und deshalb fürchtete ich, er wolle mir das nun ausführlichst darlegen, von wegen, die Bahn sei auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen sei und so weiter und so fort. Deshalb nickte ich nur verlegen. Nach einer Pause gab ich ein fragend, entschuldigendes Ja von mir und zog dabei den linken Hörer aus meinem Ohr. Er fragte mich lediglich, ob ich denn vielleicht ein kleines Zigarettchen für ihn habe. Ich stutzte einen Moment und entgegnete, dass im Bahnhof neuerdings nur noch in den dafür ausgezeichneten Bereichen geraucht werden dürfe, er aber gern eine meiner Zigaretten haben könne.

Der ältere Herr entgegnete mir, er wisse das schon, wolle aber dennoch hier rauchen, denn an manchen Tagen, zu besonderen Stunden, dürfe man sich ruhig einmal über unsinnige Vorschriften hinweg setzen. Diesen Satz höre ich noch ganz deutlich, als würde er noch neben mir sitzen. An das Folgende kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Es war in der Art, wichtig sei schließlich der Mensch, oder so. Er sagte, er habe das viel zu spät eingesehen. Denn so, wie ich aussähe, würde ich viel zu sehr wirken, wie jemand, der... Es sei völlig egal. Obwohl es ihn nichts anginge, sagte er weiter, denke er doch meine Stimmung deuten zu können, dahingehend, dass er vor ein paar Tagen selbst so dagesessen sei und sich eingeengt gefühlt hätte, aus Gründen, die völlig dumm gewesen seien.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich ihm einfach eine Zigarette gegeben, hätte meine Ohrhörer wieder eingesteckt und nicht weiter auf ihn reagiert, da er doch drauf und dran zu sein schien, ein Gespräch mit mir führen zu wollen über seine Probleme, die er in mir zu sehen glaubte. Einer dieser typischen, seit zwei, drei Monaten in Rente dahinfristenden Herren, für die es nichts im Leben gab, als Arbeit und Schlaf, kam es mir vor. Aber ich war, wie gesagt, in meiner seltsamen Stimmung und zog den rechten Stöpsel aus meinem Ohr, holte eine Schachtel hervor und gab ihm und mir eine der Zigaretten.

Ich gab ihm Feuer und sagte, dass man es sich ruhig erlauben dürfe ab und an gegen Obrigkeiten zu rebellieren. Was er gesagt habe, sei schon völlig richtig, meinte ich zu ihm. Ich denke da genauso, brachte ich mit einem Lächeln über die Lippen, als ich den Rauch ausblies. Nach der Versicherung, dass er mich nicht gestört habe, sagte er, es müsse wohl doch etwas dran sein an diesen Glimmstängeln, obwohl er selbst kaum geraucht hätte und wenn, dann nur zu bestimmten Feiertagen oder ähnlichem. Aber es sei auf jeden Fall, sagte er weiter, eine Wohltat sich etwas für den Körper zu gönnen. Doch es gebe eben jene Tage, da helfe einem der Rauch einer Zigarette nicht über Probleme wegzukommen, sondern dazu, den Moment zu genießen, von dem man wolle, dass er noch andauere. Er sei, wie er weiter ausführte, heute sehr zufrieden mit sich und ausgeglichen und genieße den Rauch der Zigarette gerade besonders, da es im Leben sonst so wenig zu genießen gäbe. Er habe es viel zu spät eingesehen, dass es im Leben noch andere Meinungen und Vorschriften gäbe, als die, die in seinen Kopf gepflanzt gewesen seien. Es sei einfach schrecklich, versicherte er, diejenigen, die einen umgeben, ständig verändern zu wollen müssen, zu etwas, was sie nicht seien. Das sei eine herbe Erkenntnis, wenn man ihn frage, und er wisse, wovon er rede, denn er habe dies schließlich sein Leben lang zu tun müssen geglaubt. Wenn man sich von der Familie bei so einem verstockten Verhalten abwende, sei das kein Wunder. Er wisse wohl, dass sich das komisch anhöre, aber er habe nie anders sein können. Vor allem die eigenen Kinder seien Zielscheibe Nummer Eins gewesen, aber das sei wohl immer so. Das Fehlermachen wäre völlig normal, aber man müsse eben irgendwann ein Einsehen haben, was ihm persönlich nie gegeben gewesen sei. Er bereue nichts mehr, als die Tatsache, viel zu lange einem falschen Menschenbild hinterhergejagt zu sein. Man müsse aber auf so vieles im Leben acht geben, neben all den Pflichten und Anforderungen, als dass man sich um alles kümmern könne. Doch meist setze man seine Prioritäten eben falsch. Das sei ihm klar geworden, aber es gebe schließlich kein zweites Leben, in dem man seine Fehler ausbügeln könne, wie alte Wäsche, sondern nur das eine, und das sei sowieso viel zu kurz und ehe man es sich versehe, vorbei. Er habe gemeint, dass ein Kind eine Erziehung brauche, auf seine Eltern hören müsse und sich anstrengen solle, das zu machen, was man für gut halte. Erst jetzt sehe er, dass Personen aus seinem Umfeld, die er die ganze Zeit verachtet habe, im Grunde gar nicht so falsch und schlecht seien, nur eben anders als er. Jeder müsse das sein, was er sein müsse. Das sehe er ein. Eine herbe Erkenntnis, betonte er erneut, eben dahingehend, dass es brutal wäre, wenn man dies erst in seinem Alter einsähe, so wie er selbst. Aber daran könne man nun wohl nichts mehr ändern, sagte er. Zumindest die Zigarette sei fein gewesen und er danke mir dafür, und dabei schaute der ältere Herr auf die Glut, bevor er den Rest auf die noch immer leer stehenden Gleise schnippte.

Nach einer Weile, in der ich mich fragte, was er mir denn nun eigentlich sagen wollte, fing er wieder an. Ich könne mir nicht vorstellen, was es ihn an Überwindung gekostet habe, endlich den ersten Schritt zu machen, sagte er. Seine Tochter habe ihm eigentlich noch über viele Jahre Briefe geschrieben, aber es sei eben, sagen wir, sagte er, der erste Schritt von ihm aus gewesen. Er dachte nie, sagte er, dass er es tun hätte können.

Gleich darauf berichtete er mir von seinem Entschluss zu seiner Tochter zu gehen um sich bei ihr zu entschuldigen. Er teilte mir mit, dass die Gründe für ihr Zerwürfnis nicht der Kern der Sache gewesen seien, sondern seine Sturheit. Er sage nur soviel, sagte er, dass es für seine Tochter und ihn nach dem Tod seiner Frau und ihrer Mutter nicht leicht gewesen sei und Zustände vorgeherrscht hätten, über die er sich noch in hundert Jahren den Kopf zerschlagen könne, ohne je hinter deren Ursache zu kommen. In ihm sei eine solche Wut über die Flucht seiner Tochter gewesen, dass er selbst die nach einigen Jahren erhaltenen Briefe ihrerseits nicht lesen wollte und sie ungeöffnet in die Nachttischschublade ihrer Mutter gelegt habe. Aber das sei nicht der Punkt, beteuerte er mit Nachdruck. Der Punkt sei die Anstrengung, die es ihn gekostet habe, den Entschluss zu fassen, doch endlich die Adresse auf den Kuverts wahrzunehmen und zu ihr zu gehen, dass es ihm vorgekommen sei, als ob er durch die tiefsten Täler auf den höchsten Berg hätte steigen müssen.

Er erzählte mir des weiteren von Dingen, wie der Suche nach der besten Zugverbindung und der Frage nach der geeigneten Krawatte und so weiter, dass ich wieder an meinen Mann und meine Tochter denken musste und daran, wie ich so oft zu Hause am Computer saß und die Welt hinter mir vergaß.

Schließlich kam der ältere Herr zu der Stelle, als er am Bahnhof ankam, ein Taxi rief und dem Fahrer die Adresse seiner Tochter sagte. Er erzählte dies mit der größten Detailgenauigkeit, als ob sein Leben davon abgehangen hätte und die mir hier unmöglich zu beschreiben ist. Als er an besagter Adresse angekommen aus dem Taxi ausgestiegen sei, habe er sich zuerst überlegt wieder zurückzugehen und alles zu vergessen, aber er habe es nicht gekonnt, wie er mir beteuerte. Er sei nur dagestanden, habe das Haus lange betrachtet und an nichts gedacht. Ich dürfe nicht vergessen, sagte er, dass es ein schönes Häuschen gewesen sei, Einfamilienhaus mit Garten und guter Nachbarschaft, und so habe er gemeint, ein wenig erleichtert sein zu müssen ob der Tatsache, dass es seiner Tochter gut ginge. Aber nichts dergleichen, sagte er. Er sei wie versteinert gewesen und die Zeit sei ihm vorgekommen, als ob Jahrzehnte verschwanden, wie Kalender im Müll, was in gewisser Weise sogar stimme, wie er mit einem Lächeln quittierte. In diesem Moment sei er sich wie ein Stein in einer Felswand vorgekommen, unfähig sich selbst zu lösen und unfähig sich selbst zu halten.

Irgendwann, sagte er, er könne gar nicht sagen, wie lange er vor dem Haus gestanden sei, ob eine Minute oder eine halbe Stunde, sei er in Richtung des Vorgartens, Schritt für Schritt an dem kleinen Blumenbeet vorbei gegangen, habe das Gras betrachtet, eine Schaufel und einen Ball liegen sehen, jede der Steinplatten, die den Weg zur Tür ebneten, einzeln hinter sich gebracht, Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug, b is er die erste der drei Treppen genommen habe, auf der zweiten kurz verweilte und bei der dritten angekommen, auf dem Fußabstreifer stehend, den Knopf der Klingel betrachtet habe.

Die Türe sei, wie er mir sagte, in Milchglas gefasst gewesen und habe gekreuzte Eisenstreben gehabt. Er habe die Klingel betätigt und könne nicht sagen, sagte er, wie sehr sein Herz geklopft habe. Es sei ihm schrecklich lange vorgekommen, bis jemand an die Türe kam, weil niemand öffnete. Er habe die Klingel dann erneut gedrückt und sich seine Gedanken gemacht, sei aber zu dem Entschluss gekommen, es wäre niemand zu Hause. Irgendwie erleichtert, versicherte er mir, habe er kehrt gemacht, sei den Weg die wenigen Treppen herunter gegangen, die Steinplatten entlang und habe sich gedacht, es sei besser so wie es sei, als ein schöner, schwarzer Jeep die Einfahrt hereingefahren gekommen sei und er nicht mehr flüchten hätte können. Er sei wohl dagestanden wie ein Gartenzwerg, völlig bescheuert und unbewegt. Wahrscheinlich ein kurioser Anblick, lächelte er. Aus dem Auto seien ein Mann und ein kleines Mädchen von sieben, acht Jahren ausgestiegen.

Der Mann sah zu mir her, sagte der ältere Herr zu mir, ging zum Kofferraum, gab dem Mädchen eine der Einkaufstaschen, nahm zwei weitere, ging über den Rasen in meine Richtung auf mich zu und fragte mich, ob er mir helfen könne. Ich stammelte, dass ich zu Diana wolle, worauf er verwundert in Richtung Auto und Beifahrersitz sah.

Der ältere Herr sagte mir, er habe seine Tochter schon seit längerer Zeit im Auto gesehen und sie ihn. Der Mann aber habe nur geschaut und sei mit dem Mädchen in das Haus.

Ich ging entschlossen und zu jeder Niederlage bereit, berichtete der ältere Herr, zur Seitentüre des Wagens und öffnete. In Dianas Augen standen Tränen. Sie war wunderschön. In meinen Augen war nichts. Ich fühlte mich leer, alt und nutzlos. Wir verharrten eine Weile. Der Mann kam währenddessen aus der Tür und rief, ob bei Diana alles in Ordnung sei. Sie erwiderte nichts, starrte mich nur an. Ich konnte nicht weiter, hatte Angst und beschloss auf der Stelle zu gehen, mich nicht umzudrehen, alles zu vergessen, als sie aus dem Sitz auf mich zukam, mich weinend umarmte und sich immer wieder bedankte, dass ich gekommen sei. Von diesem Moment an löste sich der Schleier von meinen Augen und ich erkannte, dass ich es geschaffte hatte. Endlich! Ich hatte meine Tochter wieder. Sie war wunderschön. Ich umarmte und küsste sie und weinte, und wissen sie, sagte der ältere Herr zu mir, ich habe vor wahrscheinlich vierzig Jahren das letzte Mal geweint.

Der ältere Herr erzählte mir all das mit einer Nüchternheit in der Stimme. Er schien glücklich zu sein. Danach erzählte er noch von dem Mann seiner Tochter und der Tochter seiner Tochter, wie sie ein paar Tage verbrachten und er mit der Kleinen auf dem Schoß im Kino gesessen habe und er ihr einen Gutenachtkuss gegeben habe und mit seiner Tochter und ihrem Mann ein Glas Wein getrunken habe und all das, was niemanden interessiert.

Das Letzte, was mir der ältere Herr sagte, nachdem eine Durchsage kam, dass der Zug in circa zwanzig Minuten einlaufen würde, war, dass er es nicht geglaubt habe, dass es ihr so gut ginge. Mir war schlecht, weil ich noch nichts gegessen hatte und deswegen, weil an der Geschichte des älteren Herren etwas war. Zweifelsohne. Plötzlich wurde mir etwas klar. Ich sagte dem Mann, dass ich noch einen Anruf zu erledigen hätte und ging fort.

Die Präsentation war ein voller Erfolg.

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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