Unser Buchtipp
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Zeitung

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Eingereicht am
10. Juli 2007

Gabis Geheimnis

© Melanie Otto

"Die Gabi kriegt ein Kind."

Kaum eine andere Mitteilung hätte Bernd Klein mehr aus der Fassung bringen können. Er war an diesem schönen Sonnabendmorgen des ersten Septemberwochenendes gerade von seinem üblichen Wocheneinkauf wieder zu Hause angekommen.

"Gabi ... kriegt ... ein Kind", wiederholte er in seinen Gedanken.

In seinem Kopf drehte sich es sich, und vor seinen Augen verschwamm alles. Ihm wurde flau in der Magengegend. Schnell stellte er die Einkaufstasche auf den Küchentisch und setzte sich auf einen Stuhl.

Bernds Mutter versorgte gerade die Blumen, die in der Fensterbank des Küchenfensters standen. Sie schaute nach draußen, während sie sprach und bemerkte die Reaktion nicht, die ihre Mitteilung bei ihrem Sohn auslöste.

Als Bernd einen Augenblick gesessen hatte und sein Kreislauf entlastet war, fing er sich wieder. Wie in einem Zeitrafferfilm dachte er an die paar Junitage, die er mit Gabi erlebt hatte.

* * *

"Du Bernd, Gabi kommt nächstes Wochenende zu den Ahlerts, sie hat ein paar Tage Urlaub. Frau Ahlert hat es mir vorhin gesagt", sagte Frau Klein zu Bernd, als sie nach einem Schwatz über den Nachbarzaun wieder ins Haus kam.

Die Ahlerts wohnten im Nachbarhaus. Sie hatten keine Kinder. Frau Ahlert konnte nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen. Sie war seitdem nicht mehr berufstätig und kümmerte sich um Haus und Garten und dazu um ein Stück des Gartens der Kleins. Ihr Mann Dieter war Ingenieur für Signaltechnik bei der Bundesbahn. Sie und die Kleins wohnten als Nachbarn in kleinen Einfamilienhäusern einer Straße der Siedlung "Gartenstadt" am südlichen Stadtrand. Der Stadtteil hieß so, weil die Einfamilienhäuser auf besonders großen Gartengründstücken standen. Die Umgebung war hier ständig grün - auch nach längeren Trockenzeiten im Sommer, was ein Hinweis darauf war, das hier einmal das Überflutungsgebiet des Harzflusses Oker war, der die Ebene unterhalb der Gartenstadt durchfließt, sich dann in zwei Arme teilt und die Stadt umzieht. Es gab hier sehr grüne Wiesen, zum Teil mit kleinen Schilfflächen und Buschgruppen durchsetzt, in denen sich an späten Sommernachmittagen Fluginsekten tummelten, vor allem aber Mücken. Spaziergänger fand man daher hier nur bis kurz nach Mittag. Heute verläuft hier eine Autobahn, und das Grüngebiet ist zum Teil ein See und Erholungsgebiet der Stadtbevölkerung geworden.

Frau Klein hatte die Nachricht von Gabis Besuch bei ihren Nachbarn ohne sonderliches Interesse gehört. Man kannte sich in der Gartenstadtsiedlung; viele wohnten hier seit über zwanzig Jahren - oder waren hier bereits geboren und aufgewachsen. Die Gesprächsthemen waren im Laufe der Jahre erschöpft, und man sprach nun fast nur noch über Alltägliches, was aber nicht aufregend und interessant war oder über Familienereignisse. Man beobachtete sich viel und wusste auf diese Weise viel voneinander.

Frau Klein erinnerte sich an Gabi Söder, die sechs Jahre lang bei ihrer Tante Jutta und ihrem Onkel Dieter im Nachbarhaus gewohnt hatte. Brigitte Söder, Gabis Mutter, hatte sich entschlossen, den Beruf der Forsttechnikerin zu erlernen. Weil sie sich während der Ausbildung nicht um Gabi kümmern konnte, hatte sie sie in die Obhut ihrer älteren Schwester und deren Mann gegeben. Brigitte Söder war kurz vor dem Abitur schwanger geworden. Ursprünglich hatte sie Forstbotanik studieren wollen, aber ihre Eltern hatten eine Unterstützung abgelehnt, wie sie ihrer Tochter auch nur widerstrebend den Besuch des Gymnasiums gestattet hatten. Brigittes Klassenlehrerin in der Orientierungsstufe hatte sich dafür eingesetzt. Die Schwangerschaft hatte dann die Eltern endgültig in ihrer Entscheidung bestärkt, Brigittes Studium nicht zu finanzieren.

Nach Gabis Geburt schlug sich Brigitte als Haushaltshilfe und Babysitterin durch; sie nahm immer nur solche Stellen an, zu denen sie Gabi mitnehmen konnte. Wer Gabis Vater war, wusste man nicht; sie hatte dem Jugendamt mitgeteilt, dass sie sich bei einer Studentenfeier, die in einem Studentenwohnheim am Stadtwall stattfand, eingeschlichen und dabei mit einem jungen Mann in einem kleinen Park in der Nähe des Studentenheims intim geworden sei. Sie hätte ihn nie wieder gesehen und könnte sich auch nicht an ihn erinnern. Als Gabi alt genug war, um eine Trennung zu verkraften, entschloss sich Brigitte Söder zu einer Berufsausbildung. Ihr Interesse an der Natur hatte sie als Alternative zum Studium zum Beruf der Forsttechnikerin geführt. Nach Abschluss ihrer Ausbildung fand sie eine Stelle bei einem Forstamt in der Nähe von Bergisch-Gladbach. Sie richtete sich eine kleine Wohnung ein und nahm danach Gabi, die inzwischen zwölf Jahre alt war, wieder zu sich, sehr zum Bedauern der Ahlerts, die Gabi schon als eigenes Kind betrachteten.

Gabis Freude, wieder bei ihrer Mutter zu sein, schlug schnell in Enttäuschung um. Sie vermisste die fürsorgliche Wärme, die ihr Tante und Onkel geboten hatten. Vom schützenden Hafen war sie in raue See gekommen. Brigitte Söder ließ Gabi abends oft allein und kümmerte sich auch sonst wenig um ihre Tochter. Gabi musste ihre schulischen und persönlichen Probleme mit sich selbst ausmachen. In der Grundschulzeit hatte ihr der Onkel viel geholfen, aber jetzt in der Realschule, als sie wirklich Ermutigung und Hilfe brauchte, war sie auf sich gestellt. Sie suchte und fand etwas Vertrautheit zunächst bei einigen Mädchen, die in ihre Klasse gingen, und später in einer Gruppe Gleichaltriger.

Gabi hatte in der ersten Jahren nach dem Umzug zu ihrer Mutter Onkel und Tante regelmäßig in den Ferien besucht und wieder die Ordnung in der Wohnung und die Fürsorglichkeit genossen. Sie traf sich dann mit ehemaligen Schulfreundinnen aus der Grundschulzeit. Zu dieser Gruppe gehörte auch Bernd Klein, der Junge aus dem Nachbarhaus. In der warmen Jahreszeit gingen sie baden oder machten Radtouren in die Umgebung, sonst wanderten sie durch die Stadt - die Kaufhäuser hatten es ihnen angetan -, oder sie spielten Mensch-ärgere-dich-nicht in dem Zimmer, das immer noch Gabis war. Wenn die Ahlerts mit Gabi etwas unternahmen, luden sie Bernd ein mitzukommen.

Frau Klein fiel ein, dass Gabis Besuche in den letzten Jahren selten geworden worden. Und plötzlich war sie interessiert.

"Wie die sich wohl verändert hat?" dachte sie. "Sie müsste jetzt in der Oberstufe im 12. Schuljahr sein oder eine Berufausbildung machen." - Sie kam mit ihren Gedanken nicht viel weiter, weil sie in dem kleinen Blumenbeet vor dem Haus, das sie und Bernd seit dem Tode ihres Mannes allein bewohnten, einige kleine Gras-Unkräuter entdeckte, die sich anschickten, ihren Samen auszustreuen. Frau Klein hatte sich angewöhnt, beim Gang durch den Garten auf Unkräuter zu achten, die in Blüte standen oder Samen angesetzt hatten, sie gleich zu ziehen und in die Mülltonne zu werfen. Auf diese Weise hielt sie den Garten mit geringem Aufwand unkrautfrei.

Sie musste ihre Arbeit gut einteilen, da sie in der Buchhaltung eines Textilkaufhauses mit einem unaussprechlich anstößigen Namen gegenüber der Hauptpost arbeitete. Bernd fürchtete sich immer, wenn er in der Schule bei irgendwelchen Erhebungen, die meistens vom Hausmeister im Rundgang durch die Klassen erfolgten, den Arbeitgeber seiner Mutter angeben musste. Besonders peinlich war es, wenn ein neuer Lehrer, der mit der Stadt noch nicht vertraut war, mit gequält unterdrücktem Grinsen fragte, ob man das mit F oder V schrieb - und die Mädchen seiner Klasse kicherten.

Frau Klein arbeitete meistens bis gegen 18 Uhr. Ihre Wochenenden waren mit Haushalt, Wäsche und der Reparatur von Kleidung voll belegt. Die Bereitung des Essens war für sie mehr eine ungeliebte Notwendigkeit. Es gab oft schnell Zubereitetes wie Makkaroni mit Eiern oder Salzkartoffeln mit Spinat aus der aus der Tiefkühltruhe und einer Scheibe kalten Kochschinken. An Schultagen aß Bernd in einem kleinen Restaurant in Bahnhofsnähe, in dem auch viele Bahnarbeiter aßen. Man konnte das Essen "preisgünstig" nennen. Bernd war also nicht essensverwöhnt.

Frau Klein bekam von ihrer Firma Essengutscheine, die sie mittags in einem einfachen Speiserestaurant in der Friedrich-Wilhelm-Straße einlöste. Sie war froh über diese preisgünstigen Essgelegenheiten für sich und Bernd, da ihr Gehalt nach Bezahlung der Hypothekenrate für ihr Haus gerade zum Leben reichte und eine größere Reparatur, wie die der Waschmaschine, ihr Monatsbudget gleich durcheinander brachte.

Frau Klein war ehrgeizig in Bezug auf ihren Sohn. Er sollte es einmal besser haben als sie selbst, und das hieß für sie: Besuch eines Gymnasiums, Abitur machen und studieren, egal was, aber nicht zu lange, und

er sollte damit eine Stelle im öffentlichen Dienst einnehmen können. Es war ihr Wunsch, dass er Lehrer würde.

Bernd war ein ziemlich guter Schüler, sprachlich begabt, und kam im großen und ganzen in der Schule gut zurecht. Gelegentlich holte er sich Hilfe von anderen Klassenkameraden, besonders in Mathematik. Er besuchte jetzt die 11. Klasse und hatte noch fast zwei Jahre bis zum Abitur. Er lernte öfters zusammen mit Heimo Böttcher, der in der Nähe wohnte und gut in Mathematik war, aber weniger für Sprachen übrig hatte, so dass sie sich gut ergänzten.

Als Bernd wieder denken konnte, fiel im ein, dass sie auch damals im Juni in der Küche waren. Frau Klein hatte gerade das Abendbrot vorbereitet. Während sie die Brotscheiben abschnitt, war ihr Frau Ahlerts Mitteilung wieder in den Sinn gekommen und gab sie nun an Bernd weiter.

"Ja, und ...?" hatte Bernd damals gesagt. Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Er hatte Gabi schon fast vergessen. Ihm fielen die früheren Besuche ein, doch das half wenig. Er konnte sich nicht vorstellen, welche Rolle ihm nun zufallen würde. Radtouren und Mensch-ärgere-dich-nicht schienen nicht mehr passend, außerdem lagen in der Schule viele Klausuren an, so dass er nicht viel Zeit erübrigen konnte. Also hatte er Gabis bevorstehenden Besuch gleich wieder vergessen.

Eine Woche später war Gabi da. Bernd wurde durch Frau Ahlerts Einladung daran erinnert, am nächsten Tag, einem Freitag, zum Kaffeetrinken herüberzukommen. Ein bisschen neugierig auf Gabi war er schon. Frau Ahlert hatte alles vorbereitet. Auf der Terrasse stand ein etwas zu kleiner Gartentisch mit Kuchen und Kaffee. Ein Apfelbaum spendete Schatten. Sie waren zu fünft: Herr und Frau Ahlert, Gabi, Bernd und Angela, eine andere von Frau Ahlerts Nichten, die mit ihren vierzehn Jahren nicht ganz in diese (Fast)erwachsenenrunde passte und die Gesprächsthemen allein durch ihre Anwesenheit beeinflusste. Frau Ahlert hatte Angela als Gesellschaft für Gabi eingeplant. Sie meinte, dass Angela am Wochenende und an einigen Nachmittagen zusammen mit Gabi etwas unternehmen könnte.

Es wurde über die Schule gesprochen, über Angelas Reitunterricht und die bevorstehenden Sommerferien, über Gabis Berufsausbildung dagegen nur wenig. Sie hatte den Realschulabschluss mit einiger Mühegeschafft und durch Vermittlung ihrer Mutter, genau genommen des Chefs ihrer Mutter, bei der Niederlassung einergroßen Chemiefirma in Monheim einen Ausbildungsplatz als Biologielaborantin gefunden. Sie musste von Bergisch-Gladbach täglich dorthin fahren.

Frau Ahlert beteiligte sich nicht an solchen Gesprächen. Ihre Aufmerksamkeit galt der Versorgung ihrer Gäste. Das war etwas, was sie verstand - wie sie auch ihren Haushalt aufs Beste versorgte. Sie war eine lebenspraktische Frau. Als sie gegen sechs Uhr Frau Klein von der Arbeit nach Hause kommen hörten, verabschiedete sich Bernd, weil er noch einige Mathematikaufgaben zu erledigen hatte, mit denen er sich das Wochenende nicht verderben wollte. Angela blieb dort; sie wollte bei den Ahlerts übernachten und am Sonnabendvormittag mit Gabi in die Stadt gehen und mittags wieder zu Hause sein. "Komm doch morgen Nachmittag wieder!", rief Frau Ahlert Bernd noch nach."Vielleicht - wenn ich Zeit habe", rief er zurück. "Danke."

Bernd war von Gabi etwas enttäuscht. Sie war ein mäßig hübsches schlankes Mädchen geworden, geschminkt, die Lippen etwas zu rot - nach seiner Meinung, und Nagellack verlieh ihren Händen etwas Krallenhaftes. Sie sprach zum Teil noch norddeutsch, doch die rheinische Dialektfärbung, die sie sich inzwischen angewöhnt hatte, schien ihm in dieser norddeutschen Gartenrunde geradezu eine Beleidigung zu sein - Karneval war ihm ein Gräuel.

Am nächsten Tag klingelte Gabi gleich nach dem Mittagessen bei den Kleins. Sie hatte eine Tasche mit Badesachen bei sich. Bernd öffnete.

"Jude Tach, Bernd... . Dat Wetter is so schön. Lass uns ins Freibad jehen. Wer weiß, wie lang' et sich noch hält." Sie schaute ihn erwartungsvoll an.

Bernd wollte gerade zwei durchgebrannte Glühbirnen auswechseln und danach den Nachmittag lesend im Liegestuhl verbringen - oder vielleicht zu Heino gehen und an den Matheaufgaben arbeiten. Er hatte sich

noch nicht entschieden. - Nun hatte Gabi ihm die Entscheidung abgenommen. Die Glühbirnen konnten warten.

"Ich geh mit Gabi ins Freibad", sagte er zu seiner Mutter, die gerade Wäsche für die Waschmaschine durchsortierte.

"Ist gut, dann viel Spaß, aber denk an die Lampen, bevor es dunkel wird!" Er zog sich die Badehose unter seine Shorts, nahm sein Handtuch, rollte es zusammen und machte sich mit Gabi auf den Weg. Das Freibad lag am Rande des Grüngebiets. Es war voll und laut. Auf den sonnenbeschienenen Flächen der Liegewiese gab es keine freie Stelle mehr. Bernd und Gabi bahnten sich vorsichtig ihren Weg zwischen den Lagern der Freibadbesucher hindurch und fanden in einer entfernten Ecke im Schatten einer Weide, wo es ruhiger war, einen Platz, wo Gabi ihre Liegedecke ausbreitete.

Sie zogen sich aus. Auch Gabi hatte ihren Badeanzug untergezogen. Sie zog Shorts und T-Shirt aus, und Bernd stellte fest, dass ihr schlanker Körper leicht gebräunt war. Der blumengemusterte rotbraune Bikini saß ziemlich knapp, stand ihr aber sehrgut; er hatte Mädchen seines Alters noch nie so nah erlebt. Er musste sich Mühe geben, den oberen Bereich ihrer Brüste, die sich unter dem Oberteil hervorwölbten, nicht zu auffällig und zu lange anzusehen. Die Nabelregion fand er etwas zu dick, doch die Beine waren seiner Einschätzung nach gerade richtig, nicht zu dick und nicht zu dünn und genau so lang, wie sie sein mussten. Ihm fiel auf. dass sich an den Bikinirändern keine hellen Übergangsbereiche zeigten, wie er sie sonst bei den Mädchen im Freibad sah.

Gabi schien zu gefallen, wie Bernd ihren Körper betrachtete. Sie streckte sich mit nach oben gerichteten Armen und schaute dabei suchend in die Ferne. Bernd fühlte sich in diesem Augenblick irgendwie ausgeschlossen, aber gleichzeitig von ihrer Erscheinung angezogen.

"Jehen wir jleich rein!", schlug Gabi vor. Bernd war einverstanden, und sie bahnten sich wieder ihren Weg durch die mit Körpern auf Decken und Handtüchern belegte Liegewiese, gingen kurz unter die kalte Dusche und kletterten über die Leiter ins Schwimmbecken, Gabi voran. Hineinspringen war nicht möglich, es hätte Verletzte gegeben.

So gut es ging, schwammen sie zunächst nebeneinander her, bespritzten sich manchmal und berührten sich mehr oder weniger absichtlich mit Händen und Oberkörper.

"Zieh mich!", sagte Gabi, als sie im flacheren Bereich des Beckens waren. Bernd stellte sich vor sie, fasste sie an den Händen und zog sie rückwärtsgehend so schnell er konnte durchs Wasser. Es gab einige Rempeleien mit anderen Beckeninsassen, einiges Geschimpfe, in dem das Wort "Rücksichtslosigkeit" mehrfach zu hören war. An der Leiter angekommen, kletterten sie aus dem Becken und gingen zu ihrer Decke. Ihre Haut war bis auf ein paar Tropfen schon trocken, als sie ankamen, und Bernds Badehose und Gabis Bikini waren nur noch etwas feucht, Abtrocknen und Umziehen waren überflüssig.

Sie legten sich nebeneinander auf den Bauch, schauten eine Weile dem Treiben auf der Wiese zu und dösten dann mit dem Kopf auf den Armen im Halbschatten."Ich hätt jern ein Eis", sagte Gabi irgendwann. "Holste mir eins?"

Bernd kam die Beengtheit seines Schülerdaseins zum Bewusstsein. Er hatte nur wenig Geld bei sich; sein knappbemessenes Taschengeld erlaubte ihm kaum irgendeinen Luxus. Das Eintrittsgeld hatten sie getrennt bezahlt. Jetzt wünschte er, er könnte Gabi ein Eis ausgeben. Bevor er weitergrübeln konnte, kramte sie ihr Portemonnaie hervor und gab es ihm.

Wie im Traum ging er los, und erst am Kiosk merkte er, dass er gar nicht wusste, welches Eis Gabi mochte. Er kaufte zwei kleine Cornetto-Nuss von seinem eigenen Geld. Die konnte er sich gerade noch leisten. Als er wieder an ihrem Platz ankam, stand Gabi bei den beiden Jungen, die einige Meter entfernt lagen, und unterhielt sich mit ihnen. Sie lief auf Bernd zu, nahm Eis und Portmonee, und beide setzten sich auf den Rand ihrer Decke, wickelten ihr Eis aus, falteten die Verpackung zusammen, um sie später in einen Abfallbehälter zu werfen. Sie leckten eine Weile schweigend und waren fast zugleich fertig. "Wollen wir noch mal schwimmen?", schlug Bernd vor.

"Jern. Jetzt jleich?"

- "Ja, wenn du möchtest." Gabi packte das auf der Decke neben ihr liegende Portmonee in die Badetasche, breitete ihr Handtuch darüber, fasste Bernds Hand und bahnte wieder den Weg durch die Liegenden.

Sie schwammen eine Weile im Becken hin und her. Es war gewissermaßen ein Hindernisschwimmen. Als ihnen die Kühle des Wassers bewusst wurde, kletterten sie heraus, gingen zu ihrer Decke und ließen sich von der Sonne trocknen und wärmen, denn der Schatten war inzwischen weitergewandert. Es entstanden jetzt Lücken auf der Wiese, weil einige Leute nach Hause gingen. Man hörte auch öfter Klatschgeräusche, was auf Verteidigungskämpfe gegen Mückenschwärme hindeutete. "Dat is doch komisch", sagte Gabi, "bei den Mücken stechen die Weibchen und bei den Menschen die Männchen."

Bernd war überrascht. Nach kurzem Nachdenken antwortete er: "Na, das kann man doch so nicht miteinander vergleichen."

"Dat stimmt", sagte sie.

"Packen wir ein und gehen wir auch", sagte Bernd, während er eine Mücke auf seinem linken Unterarm plattschlug und abstreifte und dabei einen gebogenen Blutstrich erzeugte. Gabi war einverstanden.

Im Vorbeigehen verabschiedete sich Gabi von den beiden Jungen, als ob sie sie schon lange kannte: "Tschüss euch beiden. Bis demnächst."

"Kennst du die?", fragte Bernd sie beunruhigt?"

"Nein."

Auf dem Heimweg erzählte Bernd von seiner letzten Englischklausur. Es war um zwei junge Leute in gegangen, Patricia und einen Jungen, der in der Geschichte nur "he", also "er", genannt wurde. "Er" und Patricia waren Nachbarskinder. Sie hatten seit ihrer Kindheit miteinander gespielt und sich immer gut verstanden. Als "er" sie zu einer Schultanzveranstaltung einlud, hielt sie ihn zunächst hin und wies ihn schließlich beleidigend ab. Wenn sie überhaupt mit jemandem zu dem Tanz ginge, hatte sie gesagt, dann bestimmt nicht mit ihm.

Gabi hatte zuerst mehr uninteressiert zugehört, dachte sich dann hinein und fragte:"Warum is se denn nich mit ihm jejangen?"

"Das ist es ja gerade, ich weiß es nicht; in der Geschichte habe ich nichts gefunden, aber wir mussten gerade darüber schreiben. Also muss wohl doch was im Text gestanden haben, und ich habe es nicht gemerkt."

"Und welche Note hast du bekommen?"

"Wir bekommen in der Oberstufe Punkte statt Noten. Unser Herr Finke lässt sich immer viel Zeit mit der Korrektur. Bisher hatte ich einmal zwölf und einmal dreizehn Punkte in den Englischklausuren.

Bernd überlegte die ganze Zeit, ob Gabi wohl einen Freund hatte. Direkt fragen mochte er nicht, und aus dem, was sie sagte, konnte er keine Schlüsse ziehen. Inzwischen waren sie zu Hause angekommen.

"Was machst du heute Abend?", fragte Bernd.

"Mir jehe zu Angelas Eltern."

Bernd war erleichtert. Er hätte Gabi gern ins Kino oder zu etwas anderem eingeladen, fürchtete aber die Ausgabe - und seine Mutter mochte er nicht anbetteln, obwohl sie ihm vermutlich etwas gegeben hätte.

"Wollen wir morgen wieder ins Freibad gehen?""Ja jern. Wieder um die jleiche Zeit?"

"Ja, so gegen zwei. Ich hole dich ab. - Also dann viel Spaß und gute Nacht. Bis morgen."

Gabi gab ihm die Hand und drückte sie vielleicht einen Augenblick länger, als nötig gewesen wäre.

Bernd klingelte am Sonntag pünktlich um zwei bei den Ahlerts. Gabi schien schon auf ihn gewartet zu haben, denn sie öffnete sofort. Sie trug Shorts wie am Vortag, aber statt des T-Shirts eine hellgelbe Bluse, die mit orangefarbenen großen Blumen gemustert war. Sie gingen wieder durch die Straßen der Siedlung

und über die Bundesstraße, bogen in den breiten sandigen Weg ein, der durch das Grüngebiet am Freibad vorbei wieder zum Stadtrand an einem anderen Teil der Stadt führte.

Sie überquerten die Bahnstrecke und kamen am Wasserwerk vorbei in das Überflutungsgebiet. Hier zweigten von dem breiten Weg schmale und breitere Seitenpfade ab, die insgesamt ein lockeres Netz bildeten, sich teilten, kreuzten und wieder zusammenliefen oder auch blind endeten. Mit seinen kleinen Buschgruppen und Schilf- und Wiesenflächen war dieses Gebiet im Sommer sehr unübersichtlich. Bernd hatte hier früher viel mit Freunden gespielt und kannte sich daher gut aus.

"Wollen wir nicht erst noch ein bisschen spazieren jehen?", fragte Gabi, als sie hier vorbeigingen. "Wohin kommt man denn hier?"

"Man kommt hier nirgendwohin, einige Wege führen zur Oker, aber es gibt keine Brücke", war Bernds Auskunft.

"Dann lass uns doch hier rechts langjehen!" schlug Gabi vor, und sie bogen in einen breiteren Seitenweg ein. Bisher waren sie mit etwas Abstand nebeneinander gegangen. Bernd war bei dem Gedanken, eine Freundin zu haben und dies in der Siedlung etwa durch nahes Beieinandergehen oder gar Händehalten zu demonstrieren, nicht ganz wohl. Er fühlte sich als Schüler, der noch lange zu lernen und zu studieren hat, und ohne eigenes Einkommen zu solchem Erwachsenenverhalten nicht berechtigt, weil man dazu Geld brauchte.

"Komm doch ran, ich beiße nicht", forderte Gabi ihn auf. Jetzt, als es niemand sehen konnte, folgte er ihrer Aufforderung. Sie fassten sich an den Händen und gingen weiter. Bernd hatte Derartiges noch nie erlebt, er fühlte sich wohl, aber auch etwas aufgeregt. Sie folgten dem sich windenden Weg eine Weile und bogen dann in einen schmaleren Pfad ein. Er war wenig begangen und bis auf eine fußbreite Spur von Gras überwuchert. Bernd ging auf der linken Seite im Gras und Gabi benutzte die Fußspur. Das Gehen war für Bernd etwas mühsam. An einer kleinen Grasfläche zwischen zwei Buschgruppen, die mit höherem Gras und verschiedenen anderen Pflanzen bewachsen war, hielt Gabi an.

"Hier sieht uns doch keiner, hier könne mir et tun."

Sie zog die Decke aus ihrer Badetasche und versuchte, sie im Gras auszubreiten. Es gelang ihr nicht, weil das Gras zu hoch war. - Bernd war sich ziemlich sicher, was sie meinte; er fürchtete aber, etwas falsch oder sich lächerlich zu machen, falls Gabi doch etwas anderes meinte.

"Was meinst du denn?"

"Stell dich doch nich so blöd an, du weiß'et doch!"

Um sich endgültig zu versichern sagte er bestätigend: "Du meinst - ‚ficken'?"

Dieses Wort fand er zwar unpassend, aber ihm fiel in diesem Augenblick kein anderes ein. Auch Gabi schien es nicht zu mögen. Sie verzog das Gesicht:

"Ja, wat Jungen und Mädchen miteinander machen können."

Bernd hatte in der letzten Zeit öfter davon geträumt, aber nicht erwartet, dass diese Gelegenheit so schnell auf ihn zukommen würde. In der Gruppe seiner Schulkameraden hatten sie früher manchmal über dieses Thema gesprochen. Dabei wurden auch Puffwitze erzählt. Jetzt sprachen sie nicht mehr darüber, ja, es war ein Tabuthema.

"Und was willst du dafür haben?"

"Ich mach dat doch nich für Jeld", sagte sie entrüstet.

"Und wenn du ein Kind kriegst?"

"Da brauchste keine Angst zu haben."

Eigentlich hatte er noch nachfragen wollen, wieso nicht, aber seine Neugier und Erwartung waren groß, und Gabis Erscheinung zog ihn jetzt so an, dass er sich mit ihrer Auskunft zufrieden gab.

Sie traten das Gras nieder, legten dann die Decke aus und setzten sich darauf. Bernd wusste zwar, was jetzt kommen musste, konnte sich aber den praktischen Ablauf nicht vorstellen. Irgendwie schien es ihm nicht richtig, vor einem fremden Mädchen, das Gabi für ihn war, die Hose auszuziehen. Es war ihm besonders unangenehm, sein steifes Glied vor ihr zu entblößen.

Er fragte sie:"Und wer fängt an?"

"Na, beide", antwortete sie, kniete sich aufrecht auf die Decke und begann, ihre Shorts aufzuknöpfen und herunterzuziehen.

Bernd tat es ihr nach, knöpfte seine Hose auf und zog sie herunter und dann auch die Badehose. Sie zog dann das Bikiniunterteil ebenfalls nach unten bis auf die Kniekehlen, legte sich dann auf den Rücken, hob die Beine etwas an und streifte beide Hosen über die Füße ab. Dann knöpfte sie sich dann noch die Bluse auf - das Bikinioberteil trug sie nicht - und lag schließlich auf der Decke völlig entblößt vor Bernd.

Bernd sah sie an und er fühlte sein Herz klopfen. Sie lächelte. Sie war am ganzen Körper schwach gebräunt, der Bereich der Brüste und um die Hüfte herum war nur etwas heller. Ihr Schamhaar war nicht sehr dicht, die helle Haut schimmerte durch, und Bernd sah darunter den kurzen dunklen Strich, der zwischen ihren Beinen verschwand. Er schaute sie wieder an. Er fühlte sich mit seinem entblößten Unterkörper und dem steifen Glied ungeschützt und zögerte.

"Nu mach schon!", sagte sie. Er kniete über Gabi, die Knie neben ihren Hüften, und merkte, dass er zu hoch saß und mit seinem Glied den Strich der Schamlippen nicht erreichen konnte. Also rutschte er mit den Knien etwas nach hinten, stützte sich mit dem linken Arm neben Gabi auf und versuchte, schräg über sie gebeugt, mit der rechten Hand sein Glied in Gabis Scham zu stecken. Er hatte kein Gefühl für diesen Vorgang und musste die Bewegung seiner rechten Hand mit den Augen lenken. Er sah, dass sich Gabis Schamlippen zur Seite schoben, als sein Glied eindrang; aber dann kam er nicht weiter.

"Es geht nicht", sagte er.

"Du musst drücken!" Er tat es. Unter dem Druck ließ seine Erektion nach, sein Glied bog sich etwas und sprang schließlich aus der Furche heraus.

"Haste dat noch nie jemacht?", fragte sie Bernd

"Nein. Und du?"

"Ja. - Ich helfe dir", sagte Gabi. Sie stützte sich mit den Schultern ab, drückte die Hüften mit den Händen hoch und bog sie so Bernd entgegen. Erführte sein Glied wieder ein, dabei bewegte sich Gabi ein wenig, bis er an der Stelle war, wo er tiefer eindringen konnte. Es war sehr mühsam. Vorn am Glied fühlte er starken Druck. Er schob und drückte und kam kaum voran. Jetzt begann Gabi sich kräftiger auf und ab zu bewegen. Bernd tat dies immer mehr weh und schließlich spürte ereinen fast unerträglichen Schmerz, so dass er Gabis Bewegungen nur noch passiv mitvollziehen konnte.

"Kannst du nicht mehr?"

"Nein, es tut mir weh." Bernd musste sich überwinden, dies einzugestehen.

"Dann versuchen wir et nachher noch mal", sagte sie. Bernd zog sein Glied heraus, und sie zogen sich ihre Badesachen an. Sie legten sich auf die Decke. Sie waren schweigsam. Schließlich fragte Bernd:

"Wie oft hast du das schon gemacht?"

"Ein paarmal."

"Und mit wem?"

Gabi gab keine Antwort und küsste ihn auf den Mund. Bernd hatte das Gefühl, dass Gabi ihm viel voraus hatte. Sie lagen wieder schweigend nebeneinander. Nach einer Weile sagte Gabi:

"Wollen wir et noch mal machen?"

Bernds Schmerz hatte etwas nachgelassen, er spürte ihn aber noch deutlich.

"Ja", sagte er etwas zögernd, und sie zogen sich wieder aus.

Gabi legte sich auf den Rücken und öffnete etwas die Beine, so dass Bernd dazwischen knien konnte. Er rutschte so weit nach hinten, dass er sein Glied einführen konnte. Durch die Erektion fühlte er den Schmerz wieder mehr. Er versuchte unauffällig, die Ursache seines Schmerzes zu ergründen, sah aber nur eine Rötung seiner Vorhaut. Als er sein Glied einführte, verstärkte sich der Schmerz noch mehr. Er biss die Zähne zusammen. Gabi bewegte ihre Hüften wieder etwas, bis Bernd an der richtigen Stelle war. "Nun musst du drücken!"

Es war wieder schwierig, doch gelang es Bernd, etwas tiefer zu kommen, er blieb dann aber stecken.

"Nun drück schon!" Gabi wurde ungeduldig.

"Ich komme nicht weiter."

Gabi stützte sich auf ihren linken Arm und richtete sich etwas auf, fasste Bernds Glied mit gestrecktem Daumen, Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand und versuchte, es tiefer in ihre Scheide zu drücken. Sie kamen nur wenig weiter. Ihr rotlackierter Daumen kam ihm wie ein Blutfleck auf seinem Glied vor. Bernds Schmerzen wurden unerträglich, und seine Erektion ließ nach.

Er zog sein Glied wieder heraus. Erschöpft saß er auf der Decke.

"Willst du aufhören?"

"Ja."

Gabi zog enttäuscht die Bikinihose wieder an und Bernd seine Badehose. "Lass uns nach Hause gehen."

Ohne Worte zogen sie sich ganz an, Gabi legte jetzt auch das Bikinioberteil an, das sie in ihrer Badetasche hatte. Dass sie Bernd ihre Brüste wie selbstverständlich zeigte, bevor sie sie bedeckte, ließ ihn seinen Schmerz kurz vergessen. Erfühlte sich zu ihr hingezogen. Aber es störte ihn, dass sie ‚gebraucht' war - so wie er es empfand.

Den Heimweg legten sie schweigend zurück. Vor dem Hause der Ahlerts fragte Bernd:"Sehen wir uns morgen Nachmittag?"

"Na klar" sagte sie. "Wir müssen dat noch mal richtig machen", und küsste ihn wieder auf den Mund.

Bernd war es peinlich. Er hoffte, dass niemand sie in diesem Augenblick beobachtet hatte.

"Bis morgen."

Sie gaben sich die Hände, und jeder ging dann in sein Haus.

Bernd fühlte sich nicht wohl. "Und wenn sie nun doch ein Kind kriegt?" Er wagte gar nicht weiterzudenken und die Folgen auszumalen. Und dann war da der Schmerz. Nein, er würde sich nicht wieder mit einem Mädchen einlassen. Das war ja kaum zu ertragen. Vielleicht war es ja eine Geschlechtskrankheit - in der Schule hatten sie vor einiger Zeit über dieses Thema gesprochen. Aber so schnell konnte sich das doch nicht zeigen.

Was sollte er tun? Er konnte seiner Mutter doch nicht sagen, was vorgefallen war; und wenn er zum Arzt ging, dann musste er es ja auch sagen. Im Badezimmer untersuchte Bernd sein Glied. Die gesamte Vorhaut war gerötet und an einer Stelle etwas eingerissen. Dies musste der starke Schmerz gewesen sein. Er wunderte sich, dass Gabi keine Beschwerden gehabt hatte. Im Arzneischrank fand er eine angebrochene Tube mit Wundheilsalbe, deren Verfallzeit schon vor zwei Jahren abgelaufen war. Er strich die Salbe auf sein malträtiertes Glied und beschloss, erst einmal abzuwarten.

Er wechselte noch schnell die Glühbirnen. Zum Abendbrot aß er nur wenig und zog sich dann in sein Zimmer zurück, legte sich auf Bett und grübelte. Schließlich erinnerte er sich an die Matheaufgeben, dachte sich in die Fragestellung ein, war aber nicht in der Lage, überhaupt ansatzweise eine Lösung zu finden.

In der Nacht zum Montag schlug das Wetter um. Es wetterleuchtete zuerst ziemlich lange, und dann kam das Gewitter mit einem prasselnden Schauer, der nach einer Weile in einen Nieselregen überging. Es wurde auch kühler.

Den Vormittag in der Schule brachte Bernd mit Mühe hinter sich, dann fuhr er mit dem Fahrrad in sein Esslokal und anschließend nach Hause. Er versuchte, die Hausaufgaben zu erledigen - doch er war unkonzentriert. Kurz nach drei hielt er es nicht mehr aus. Er ging hinüber zu den Ahlerts. Gabi öffnete.

"Komm rein, ich bin allein zu Haus. Onkel Dieter und Tante Jutta wollen sich einen neuen Fernseher aussuchen. Sie wollen sich in der Stadt treffen, wenn Onkel Dieter Dienstschluss hat. Sie werden erst spät nach Hause kommen. - Ich war nach'em Mittagessen ein bisschen müde, also hab' ich mich bei dem Wetter wieder hinjelejt."

Jetzt fiel Bernd auf, dass Gabi einen Pyjama anhatte. Das weite Oberteil mit breiten gelb-blauen Streifen verdeckte die kurze Hose fast ganz, so dass es auf den ersten Blick so aussah, als ob sie gar nichts darunter anhatte. Sie küsste ihn auf den Mund, und es gefiel ihm.

"Komm!", sagte sie, "Ich hab' auf dich gewartet."

Sie führte ihn in ihr Zimmer und legte sich in ihr Bett. Beine und Bauch deckte sie zu. Bernd stellte einen Stuhl neben das Bett und setzte sich.

"Setz dich doch aufs Bett!", sagte Gabi.

Bernd schob den Stuhl zur Seite und setzte sich auf den Bettrand. Gabi richtete sich auf und küsste ihn wieder. Dann zog sie ihn zu sich herunter, so dass er mit den Beinen außerhalb des Betts war und mit dem Oberkörper in etwas verdrehter Haltung schräg neben ihr. Sie nahm seine linke Hand und legte sie auf den Pyjama, wo sich ihre rechte Brust abzeichnete. Bernd ließ Hand und Finger still ruhen. Nach einer Weile schob sie seine Hand in den Ausschnitt des Pyjamaoberteils, so dass sie dann direkt auf ihrer Brust lag. Bernd hatte noch nie so etwas gefühlt. Die Weichheit und Form ihrer Brust erregten ihn, und sein Glied begann steif zu werden.

Aber nun wurden ihm der Schmerz und seine Verletzung wieder so bewusst, dass er von sich aus keine Bewegung mehr zu machen wagte.

"Soll ich es ausziehen?", fragte sie - und bevor Bernd etwas sagte, setzte sie sich kurz auf, zog das Pyjamaoberteil aus und legte sich dann wieder hin.

Er bemerkte dann, dass sie unter der Decke das Höschen nach unten schob. Nun führte sie Bernds Hand streichelnd über ihre Brüste. Die Warzen richteten sich etwas auf, wenn sie Bernds Hand darüber lenkte. Gabi schien Bernd jetzt kaum noch zu bemerken. Ihre Augen waren geschlossen. Sie führte seine Hand weiter nach unten zum Nabel, und. dann noch weiter.

"Zieh dich aus und komm zu mir!", flüsterte sie. Bernd hörte jetzt ihren Atem, und seine Hand begann, sich mit ihrem Leib ein wenig rhythmisch zu heben und senken. Er verstand das alles nicht, und es beunruhigte ihn. Das, was Gabi wollte, wollte er auf keinen Fall. Seine Schmerzen und die Angst vor einer Vaterschaft lähmten ihn.

Ihre Hand lag jetzt auf seiner. Mit leichtem Druck führte Gabi sie weiter nach unten. Er spürte die Haare - und gleich darauf den Spalt. Gabi drückte seinen Finger hinein. Er fühlte etwas warm-feuchtes Weiches und zuckte zurück. Er fürchtete, dass ihr etwas zustoßen könnte und wollte aus der Situation heraus, die ihm so unheimlich war.

"Mach weiter!", presste sie hervor und drückte Bernds Finger weiter in sich hinein. Bernd fühlte sich äußerst unwohl.

Plötzlich begann sie die Hüften rhythmisch zu heben und zu senken. Sie drückte seine Hand noch tiefer hinein. Sie atmete schwer und ein Zittern lief über ihren Körper. Sie stöhnte: "A-a-a-ch."

Entsetzt riss Bernd seine Hand zurück. Er konnte sich in seiner Lage kaum noch halten. Seine außerhalb des Betts hängenden Beine verdrehten ihm den Rücken.

"Was ist los? Was hast du? Geht's dir gut?"

"Schade!", sagte sie kaum hörbar. "Alles in Ordnung."

"Wir sollten aufhören!", sagte Bernd. "Ich muss nach Hause, bald kommt meine Mutter - und dein Onkel und deine Tante können vielleicht auch bald zurück sein."

Gabi machte die Augen auf und kam langsam zur Ruhe.

"Dat war unsere letzte Jelejenheit. Ich muss morgen Mittag wieder nach Jladbach fahren."

Bernd war erleichtert und gleichzeitig bedauerte er es.

Am Donnerstag kam von Gabi ein Liebesbrief an, den er am Wochenende beantwortete. Im Laufe der folgenden Woche gab es noch einmal einen Briefwechsel, aber dann schrieb Gabi nicht mehr. Ein paar Tage später schrieb er noch einmal, aber sie antwortete nicht. Er traute sich nicht, Frau Ahlert nach Gabi zu fragen.

Das Schuljahrsende und die letzten Klausuren forderten Bernds ganze Konzentration, und die Angst, dass Gabi ein Kind von ihm bekommen könnte, legte sich langsam. Auch sein Glied heilte ab. Es kamen die Ferien, eine Reise mit seiner Mutter zu Verwandten in die Lüneburger Heide, und wieder etwas Langeweile und viel Lesen zu Hause, der Schulbeginn, neue Kurse und neue Freunde. An Gabi dachte er nur noch selten.

Und nun diese Mitteilung! - Er konnte zwar wieder denken, aber jetzt wurde ihm heiß und kalt. Er nahm kaum wahr, was seine Mutter nach einer Pause noch sagte:

"Im Februar ist es so weit. Der Vater ist wahrscheinlich ein 25-jähriger Lastwagenfahrer. Er hat Gabi seit April morgens auf dem Weg zur Arbeit in seinem Bauteiletransporter nach Leverkusen bis zur Autobahnabfahrt am Rheinufer mitgenommen; von da ist sie mit dem Bus zur Arbeit weitergefahren. Vielleicht war es aber auch ein älterer Kollege. Der ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat sie öfters von der Bushaltestelle in seinem Wagen zur Firma mitgenommen und nach Feierabend zurück nach Leverkusen gebracht. Genaues kann man erst sagen, wenn das Kind da ist und man die Blutgruppen feststellen kann. So hat es mir Frau Ahlert erzählt, als sich sie heute Morgen traf und nach Gabi fragte."

Während seine Mutter noch sprach, begriff Bernd langsam, dass es nicht um ihn ging. Er atmete tief durch, so dass seine Mutter sich zu ihm umwandte

"Ist was?"

"N n n e i n n n .... die Tasche war so schwer."

"Und weißt du, was Frau Ahlert noch gesagt hat?"

Bernd war beunruhigt: "Was denn?"

"Sie wussten schon seit Pfingsten, dass Gabi schwanger ist, und sie haben sie deshalb auch eingeladen. - Und sie hätten sich ja schon früher so gefreut, wenn ihr ein Paar geworden wärt. Falls ihr geheiratet hättet, wollten sie euch sogar eine Wohnung finanzieren und dir einen Zuschuss zum Studium geben."

Bernd, fand das ja irgendwie gut, aber es überstieg seine Vorstellungskraft: Er fühlte sich bei dem Gedanken nicht wohl. Er hatte Gabi ja ganz nett gefunden, aber heiraten ...?

Einige Tage später, kurz vor den Herbstferien, traf Frau Klein zufällig Frau Schnelle, die im Haus gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte, vor dem Supermarkt. Sie sprachen sonst wenig miteinander, weil sie beide immer wenig Zeit hatten. Diesmal blieb Frau Schnelle stehen.

"Wie geht es denn Bernd in der Schule? Es geht doch jetzt aufs Abitur zu?"

"Na ja, etwas dauert das noch. Danke, es geht ihm gut; nur Mathe fällt ihm etwas schwer, aber sein Freund Heimo hilft ihm."

"Hat Bernd eine Freundin?"

"Nein, warum? - Nicht, dass ich wüsste." Frau Klein war verwundert.

"Da war doch mal die Gabi Söder. Wissen Sie, was mir neulich mit Frau Ahlert passiert ist?"

"Nein, erzählen Sie mal!"

"Die Gabi war doch damals hier und hat dem Bernd schöne Augen gemacht."

"So?" Frau Klein nahm eine abwehrende Haltung ein. Für Klatsch und Tratsch hatte sie nichts übrig.

"Ja, und ich habe beobachtet, dass er und Gabi am Nachmittag vor ihrer Abfahrt ziemlich lange in dem Haus allein waren. Ich habe Frau Ahlert gefragt, ob sie das wüsste."

"Ja, und ...?" Frau Klein versuchte, Abstand zu gewinnen und das Gespräch zu beenden.

"Da sagt die doch zu mir, ich sollte meine Nase nicht in alles stecken. Die jungen Leute sollten auch mal allein sein, und deshalb wären sie in die Stadt gegangen."

Frau Klein schluckte und überlegte. Dann verstand sie. "So eine Gemeinheit! ... Das hätte ich von denen nicht erwartet. Stiefoma ist das letzte, was ich werden will."

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
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