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Schlüsselerlebnisse

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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Brief an Dr. Eugen Spiegel

© Onivido Kurt

Caracas, 27/10/05

Dr. Eugen Spiegel
Institut für Hypnotherapie
50932 Köln
Wiesenbergstr. 10
Alemania

Sehr geehrter Dr. Spiegel

Ihr Buch "Hypnose" hat mein Leben in ungeahnte Bahnen gelenkt. Ich wende mich an Sie in der Überzeugung, dass meine, durch die Lektüre dieses Buches verursachten Erlebnisse, Ihr Interesse verdienen.

Möglicherweise könnte mir Ihre Intervention auch aus der misslichen Lage helfen, in der ich mich gegenwärtig befinde.

Bitte, entschuldigen Sie, wenn dieser Bericht nicht immer der wissenschaftlichen Sachlichkeit gerecht wird und persönliche Angelegenheiten und Umstände vielleicht zu ausschweifend beschreibt. Die Einzelheiten dieser Ereignisse sind in mein Gedächtnis gemeisselt und ihre minuziöse Wiedergabe ist meiner Ansicht nach ausschlaggebend zu ihrer Analyse.

Ich bin Beinahe-Kaukasier, 39 Jahre alt, verheiratet, habe zwei Kinder, einen Hund, von Beruf bin ich Informatiker, wohnhaft in Caracas, Venezuela. Meine Gesundheit ist ausgezeichnet. Ich kann mich nicht entsinnen während der vergangenen zehn Jahre wegen Krankheit einmal nicht an meinem Arbeitsplatz gewesen zu sein. Ich unterscheide strikt zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Meine Vorstellungskraft ist begrenzt durch das hexadezimale, beziehungsweise das binäre Zahlensystem. Letzteres erwähne ich um etwaigen Bedenken bezüglich meines Wirklichkeitssinns vorzubeugen.

Sonderbarer Weise begann alles mit einer durchzechten Nacht. Sonderbar, weil wohl niemand unter solchen Umständen das Erwachen übersinnlicher Fähigkeiten erwartet. An jenem Tag, vor nun fast zwei Jahren, feierte ich in Frankfurt Wiedersehen mit einigen Studienfreunden. Wir tratschten und tranken die ganze Nacht. Ein hochprozentiger Frühschoppen am Flughafen verhalf uns schliesslich zu einem schmerzlosen Abschied.

In einem Buchladen suchte ich etwas zum Lesen für den langweiligen Zehnstundenflug der vor mir lag.

Normalerweise rüste ich mich zu solchen Gelegenheiten mit Abenteuergeschichten oder Science Fiction. Warum in aller Welt ich aber dann ausgerechnet das Buch " Hypnose " kaufte ist mir ein Rätsel. Vielleicht hatte der übermässige Alkoholkonsum etwas damit zu tun oder es war einfach mein Schicksal. Dies soll keineswegs als eine abfällige Einschätzung Ihres Werkes verstanden sein. Lediglich möchte ich damit zum Ausdruck bringen, dass die nun folgenden aussergewöhnlichen Ereignisse schon mit einer merkwürdigen Buchwahl ihren Anfang nahmen.

Das Flugzeug war glücklicher Weise ziemlich leer und ich ergatterte eine Reihe von drei Sitzen für mich ganz allein. Mit dem offenen Buch über den Augen übermannte mich der Schlaf noch vor dem Start. Die nächsten Stunden verbrachte ich abwechselnd lesend und schlafend. Während das Flugzeug über den Atlantik stürmte, liess meine Müdigkeit langsam nach und ich las zügiger. Das Kapitel in dem Sie telepathische Beeinflussungen beschreiben reizte mich einen Versuch zu riskieren und ich sah mich nach einem geeigneten Objekt um. Sie empfehlen jemanden auszusuchen, der sich offensichtlich langweilt. Reisende in einem Zug oder Bus, vor allem Kinder seien dazu geeignet. Das musste selbstverständlich auch auf Fluggäste zutreffen. Auf der anderen Seite des Ganges bohrte ein kleines Mädchen in ihrer Nase. Wie Sie raten, entspannte ich mich, atmete tief und regelmässig und stellte mir vor sie würde das Tablett vor ihr

herunter- und sogleich wieder heraufklappen. Das Blut schoss mir ins Gesicht als sie dies augenblicklich tat. Ich versichere Ihnen, das war kein Traum. Ich war hellwach und das Mädchen hatte zweifelsohne genau das getan was ich mir bildhaft vorgestellt hatte.

Den Rest des Fluges mühte ich mich das Experiment mit anderen Passagieren zu wiederholen. Jedoch die Überraschung und Aufregung hatte meinen entspannten Gemütszustand weggefegt, der, wie Sie schreiben, unerlässlich dazu ist. Ausserdem drängte sich mir eine Frage auf: Wer hatte seine Gedanken wem aufgezwungen?

Hatte wirklich ich den Befehl gegeben, oder hatte ich die Absicht des Mädchens geahnt und sie für meine eigene Idee gehalten?

Während der kommenden Tage versuchte ich dieses Rätsel zu lösen indem ich Passanten telepathisch dazu aufforderte ein Eis oder eine Zeitung bei einem Kiosk vor einem Bürogebäude zu kaufen. Nach anfänglichen Misserfolgen entwickelte ich ein beachtliches Geschick. Jedoch blieb immer noch ungeklärt, wer der Sender und wer der Empfänger der Idee war.

Ein weiteres Ereignis löschte die Zweifel darüber wer die Anweisungen gab. Ich joggte mit meinem Hund auf einer einsamen Schotterstrasse und rastete danach auf einem Felsbrocken, der von dem Berg gerollt war, durch den sich die Strasse nagte. Direkt zwischen meinen Füssen wuchs eine "Adormidera". Die federförmigen Blätter dieses Unkrauts schliessen sich, wenn man sie berührt. Im Geist sah ich wie sich die Blätter zusammenzogen. Und wirklich sie schlossen sich. Mir sträubten sich die Haare, aber zugleich fühlte ich mich seltsam abgeklärt.

Das änderte sich, als ich mich verliebte. Ja, ich verliebte mich, obwohl ich verheiratet war, obwohl ich ein vorsorgender Vater bin und obwohl, -warum soll man es nicht sagen,- ich ein treuer, ehrlicher Mann bin.

Die verlockende junge Frau mit den geheimnisvollen Augen nistete sich ein in meinem Herz, Hirn und Hoden und was die Sache verschlimmerte, auch sie verliebte sich in mich, grenzenlos, hilflos. Hilflos, weil ich ihr dieses Gefühl telepathisch aufgedrängt hatte.

Als mir das bewusst wurde, wandelte sich meine Freude in Niedergeschlagenheit. Zum ersten Mal fühlte ich mich unwohl wegen meiner Begabung, ja sogar abnorm.

Ein paar Tage stolperte ich geknickt und angewidert herum. Aber dann gewann meine Frohnatur wieder die Oberhand und ich argumentierte, dass Telepathie etwas Natürliches zwischen Liebenden sei. Es gibt eine Menge Geschichten über Frauen, die gerade im Augenblick des Ankommens ihres Geliebten die Wohnungstür öffnen.

Aber ich haderte mit mir, weil ich meine Frau und Kinder täuschen musste. Zum anderen schmerzte es mich meine Geliebte in der Nacht allein zu lassen. Hin und her gerissen zwischen Treue und Liebe, zwischen Pflicht und Leidenschaft, wanderte ich ruhelos und missgelaunt in schlaflosen Nächten im Haus herum, was ein plausibler Anlass war um schliesslich ins Gästezimmer zu ziehen.

Eines Nachts kam eine erlösende Ruhe über mich. Ich sah mich im Bett meiner Geliebten, fühlte ihre Nähe, roch den Duft ihrer Haut.

Plötzlich war all das Wirklichkeit. Ich lag bei Liliana, auf ihrem Bett. Als ich sie berührte, erwachte sie und starrte mich entsetzt an. Sie schrie, strampelte die Decke von sich, sprang aus dem Bett.

Dann, als sie mich erkannte, beruhigte sie sich. Nicht so ich. Ich war ausser mir, als ich begriff, oder besser gesagt nicht begriff, was geschehen war. Wie war ich hierher gekommen? Wie kam ich nach Guarenas, in eine dreissig Kilometer entfernte Stadt? War ich mondsüchtig, ein Schlafwandler? War ich verrückt geworden? Ich war vollkommen nackt. Wo waren meine Kleider? Stammelnd versuchte ich meiner Geliebten zu erklären, was ich selbst nicht verstand. Liliana war jetzt besorgt. Hatte ich mich gedopt? Ich umarmte sie und flüsterte ihr süssen Unsinn ins Ohr. Wir verflochten uns im Liebesakt, aber hernach übermannte uns wieder die beklemmende Frage. Wie war ich hierher gekommen?

Sobald die Geschäfte öffneten, kaufte mir Liliana etwas zum Anziehen. Kurz vor Mittag kam ich im Taxi zuhause an. Glücklicherweise war meine Frau nicht im Haus und auch die Kinder waren noch in der Schule. Ich fuhr zum Büro, murmelte etwas über unerträgliche Kopfschmerzen um meine Abwesenheit zu entschuldigen und stürzte mich erleichtert auf meine Arbeit. Nach Feierabend blieb ich alleine an meinem Arbeitsplatz und analysierte den Vorfall. Je länger ich grübelte umso stärker wuchs die Überzeugung; ich hatte mich teletransportiert.

Nach dem anfänglichen Schock überdachte ich die Möglichkeiten, die dieses neue Beispiel der Macht meiner Geisteskräfte bot. Nun konnte ich die Nächte bei Liliana verbringen. Im Morgengrauen musste ich mich zurücktransportieren. Von da an mühte ich mich jede Nacht meine Zauberreise zu wiederholen. Bald musste ich einsehen, dass sich der Erfolg nicht erzwingen liess.

Doch unverhofft gelang es wieder. Wieder war ich auf Lilianas Bett gelandet, aber wieder splitternackt.

Offensichtlich wurde nur mein Körper transportiert.

Auch wollte es mir nicht gelingen auf dieselbe Weise wieder heimzukommen. Meine hartnäckigen Anstrengungen blieben erfolglos. Der vorläufige Ausweg war ein paar Kleider bei Liliana zu lassen und im Taxi zurück zu fahren.

Allerdings löste auch dieses Mirakel meinen Konflikt keineswegs. Im Gegenteil ich grämte mich mehr denn je, betrog ich doch meine Frau, und konnte dennoch Lilianas Sehnen nach einem etwas konventionelleren Lebenspartner nicht verwirklichen.

Nach zwei Wochen verlor ich die Kontrolle über die Dinge. Ich teletransportierte jede Nacht sobald ich an Liliana dachte. Und schliesslich geschah es auch bei hellem Tageslicht. Das erste Mal hatte ich Glück, da ich in Lilianas Wohnung materialisierte. Das zweite Mal passierte es in einem Mall.

Ich schreibe diesen Brief in der "Clinica Mental, Pablo Aranguren", wohin man mich nach meinem hüllenlosen Auftauchen im Einkaufszentrum verfrachtete. Clinica Mental ist eine merkantile Umschreibung für "Manicomio" -Irrenanstalt. Seit ich hier festgehalten werde, habe ich versucht das ärztliche Personal von meiner absonderlichen Begabung zu überzeugen. Die freundlichste Resonanz ist ein mitleidiges Lächeln. Wie sollte es auch anders sein.

Den einschlägigsten Beweis gegen meine Behauptungen liefere ich doch selbst. Ich bin immer noch eingesperrt.

Sollte dieser Brief Ihren Forscherdrang anspornen, zögern Sie bitte nicht, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Mit freundlichen Grüssen

Byron Monjes Hauser

Clinica Mental - Pablo Aranguren-
Avda. Principal El Sebucan
Caracas-Venezuela

Eingereicht am
18. September 2007

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