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Schlüsselerlebnisse

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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Der Lieblingslehrer

© Chaya Natalia Korotkina

Er stand schon wieder auf dem Schulhof.

Die Blicke wanderten, bald war auch diese Pause wieder vorbei.

Die Tasche hatte er an der weißen Säule abgestellt.

Ein regnerischer Tag war heute angebrochen, es war schon Mitte Oktober.

Er atmete durch; frische Luft drang ihm durch die Nase, belebte die Sinne, reinigte den frühmorgendlichen, etwas schummerigen Kopf.

Er streckte sich leicht, die Idee, sich an die Säule zu lehnen, war gar nicht so schlecht.

Dass er solche einfachen Dinge schon im Voraus planen musste ...

Die Säule war breit und weiß und stützte den Haupttrakt und trennte so gesehen auch den Gang vom eigentlichen Hof.

Er meinte hinter sich ein erwartungsvolles Kichern zu hören, ach was, sagte er sich dann, reiß dich zusammen, nun lehn dich schon nach hinten...

***

Endlich hatte es geklingelt!

Sie liefen beide erwartungsvoll raus. Köpfe zusammengesteckt, aufgeregt tuschelnd und jede zweite Sekunde auflachend, so war es eben üblich, zu lachen gab es immer was zusammen.

Und was erst draußen auf sie zukommen sollte!

Es war doch Mittwoch, oder, versicherten sie sich gegenseitig; und es war auch Mittwoch, verzählen konnten sie sich schon lange nicht mehr.

"Der hat seine Zeit auf einmal pro Woche verringert", sagte sie zum wievielten Mal schon mit einem bedauernswerten Unterton. Er brummte zustimmend und stieß sie dann in die Seite, nach rechts zeigend.

Die Augen leuchteten auf, die Muskeln spannten sich, sie war Feuer und Flamme, eine gelungene Pause stand ihnen bevor.

Tasche an der Säule? Blick in Richtung Parkplatz, wie immer?

"Hinter die Weiße, schnell!" Sie lachte leise, schleppte ihn mit. Wie schnell man doch in der Menge untergehen und unsichtbar werden kann! ... Sie standen hinter der Säule.

Unbemerkt streckte sie den Fuß aus, leise schob sie die Tasche so weit wie möglich nach vorne. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ihr Besitzer einen Schritt nach hinten machte - ein gelungener für sie, eher weniger für ihn.

Er stolperte, warf die Tasche mit dem Fuß um, die Arme suchten nach Halt, dann fand ihn der Fuß - unglücklicherweise auf der Tasche selbst. Er schwankte noch, da schlitterte die Tasche bereits weg und öffnete sich.

Zwei Äpfel kullerten heraus.

Nicht alle schauten zu, nur diejenigen, die es brauchten.

***

Fünf Minuten bis zum Klingeln.

Er schloss kurz die Augen, bevor er sich zum Aufsammeln neigte. Ihm war, als liefe im Kopf ein Stummfilm ab, die letzten Wochen und Monate, die Erinnerungen rannen ihm durch die Finger, er bückte sich und hob die Äpfel auf. Am Liebsten hätte er sie weggekickt. Diese Aktion war sicherlich wieder einen Artikel in der Schülerzeitung wert, eine gute Schreiberin war sie ja, wer wusste es besser als er.

"Magere Lehrer, magere Stunden", "Unterbezahlt, unterernährt - Beispiel eines modernen Lehrers", "Profil eines Lehrers anhand seines Tascheninhalts" - er war ja schon richtig gut darin, sich seine Gespenster in allen Farben auszumalen. Die Schülerzeitung lebte von solchen "Gespenstern" - Pressefreiheit, sagte die Kollegin, sei unantastbar.

Es ist doch nur eine Schülerzeitung.

Sprich doch mit ihnen.

Das hatte er schon vor, als in der besagten Zeitung die Wahl zum "Sexiest teacher alive" erschien. Ja, und davor noch... "Wie nah ist mir mein Lehrer", Erfahrungsbericht über ihren Schulweg und seinen wichtigsten Teil - ihn, wie sie ihm hier und dort über den Weg lief.

Bevor sie in die Redaktion eintrat, war wohl der unschlagbare Klassiker das "Spiel der Blicke" im Flur gewesen (dem er langsam, aber fast erfolgreich gelernt hatte, auszuweichen).

Alles Kindereien, Zeitvertreib, um den Schulalltag etwas farbiger zu gestalten.

Was kann man schon von bester Freundin und bestem Freund erwarten, die auch noch zwei unvergessliche Jahre bei ihm in der Klasse zubrachten? ...

Es klingelte. Der Schülerstrom bewegte sich türeinwärts. Er sprintete im Nieselregen zum Eingang und die Treppe hoch.

***

In der zweiten Pause gingen sie leer aus, und überhaupt hatten sie zunächst genug.

Erst muss die vorherige Pause verdaut werden.

Beide lehnten sich hinter dem Schulgebäude ans Geländer und lachten und lachten.

Hielten sich die Bäuche in Erinnerung an seine wedelnden Arme, phantasierten wild über die vor Schreck aufgerissenen Augen, klatschten sich in die Hände bei der bloßen Erwähnung der Äpfel, der Nummer Eins der Woche.

Was waren alle Blickspiele der Welt gegen zwei verlorene Äpfel des Lieblingslehrers? ...

Wie jedes Mal eigentlich. Das Lachen stachelte auf, es war nicht nur ansteckend, das, was es auslöste, machte süchtig; wenn man gelungen gelacht hatte, schien es alles Weitere zu erlauben. Ein echt großartiges Spiel, begonnen hatte es zwar sie, aber mit ihrem Freund verhielt es sich wie mit trockenem Gras, in das ein brennendes Streichholz geworfen wird.

"Der ist einfach verdammt einmalig!", keuchte sie und strahlte, "viel zu einmalig."

***

Heute morgen hatten sie sich im Flur lautstark über die Einser und die "Ausgezeichnet" unterhalten, die sie in den "alten Zeiten" in Massen von ihm eingeheimst hatte, als er sie noch regulär unterrichtete.

Heute Nachmittag war er allein mit ihr im Raum.

Es kam, wie es kommen musste. Lange konnte man sich seine Ausreden nicht mehr anhören und setzte ihn kurzerhand als Vertretung der siebten Stunde in ihre Klasse.

Er stand am Pult.

Es war eine schwierige Stunde gewesen, wegen des "Blickspiels" hatte er mit aller Kraft versucht, nicht in ihre Richtung zu schauen - jeder Blickkontakt, das wusste er, gab einen Punkt und den wollte er ihr nicht gönnen. Sie hatte es natürlich gemerkt.

Er sammelte seine Unterlagen, packte.

Sie zögerte die Zeit umso mehr hinaus, Fenster auf, Fenster zu, Stuhl hoch, Mappe zurechtrücken, Bücher ordnen, das volle Programm.

Als sie dann am Pult vorbei schritt, hob er den Kopf und blickte ihr direkt in die Augen.

Er würde sie nicht bitten, das Ganze sein zu lassen, ihm Ruhe zu geben, das wussten sie beide zu gut.

Sie schaute zurück, hob ganz leicht eine Braue.

Er runzelte die Stirn.

Ganz leicht.

Blinzelte mit konzentriertem Gesicht.

Ihr entschuldigendes Lächeln folgte.

In Kinderbüchern kommt jetzt immer der Satz "Lass uns Freunde bleiben", schoss es ihr plötzlich durch den Kopf.

Sie blinzelte, hob, um die Situation zu entspannen, beide Brauen an, nickte mit dem Kopf -

wir müssen ja raus.

Blicke sagen mehr als tausend Worte? Was hatte sie verstanden? ...

Bevor sie wegschauen konnte, tat er es, blickte wieder auf, schenkte ihr ein väterlich wirkendes, wie er glaubte, Lächeln und sie gingen aus dem Klassenraum.

"Schönes Wochenende!", rief sie ihm zu. Er lächelte wieder, schönes Wochenende, und schloss ab. Am Wochenende konnte er sich bei seiner Frau und den Kindern entspannen.

***

Montags hatte sie wieder drei volle Punkte im schon weitläufig bekannten Spiel ergattert: morgens, auf der Treppe, mittags, im Kiosk. Dann einmal absichtlich, sie ließ die Kunstmappe laut im Flur fallen. Alle drei Male war ein Lächeln dabei.

***

Tarnung wird nicht mehr benötigt, so entschied er sich. Keine zweideutigen Bemerkungen über mageres Frühstück kamen von der Schulzeitungsredaktion, keine Nachrufe im Flur, das Lächeln hat es gebracht, sagte er sich und lächelte immerzu weiter.

***

Am Mittwochmorgen kam sie noch vor dem Klingeln in die Parallelklasse gestürmt, rote Wangen, beschriebene Blätter in der Hand.

Erst gestern war sie dazu gekommen, dem Freund die ganze Geschichte vom überraschenden Blickaustausch am Freitag zu erzählen.

Nun kam sie also am Morgen angerannt und zog ihn vor die Klassentür.

"Schau mal, was ich hier habe", plapperte sie drauf los, "ich hatte die Idee für die Schülerzeitung! Die Äpfel und dazu noch die Sache vom Freitag..."

Er grinste, sie konnte sich nicht halten und verriet:

"Das gebe ich heute in der ersten Pause der Redaktion! ‚Äpfel machen attraktiv', ist das nicht passend..."

Und fügte noch schnell, beinahe entschuldigend hinzu, es musste in einer Minute klingeln:

"Er ist einfach zu einmalig! Und überhaupt, jemand, der einen immer so vertrauensvoll anlächelt, verdient doch eine besondere Zuwendung, meinst du nicht?"

Eingereicht am
18. September 2007

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