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Schlüsselerlebnisse

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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Ein Dachziegel im Sumpf

© Susan Resnik

Als Herr Saphol mittags nach Hause kam, sah er sich im Spiegel an und sah sein müdes Gesicht mit den unterrandeten Augen, die matt blinzelten. Er fragte sich warum "Wer wird Millionär" schon im Mai in Sommerpause gegangen war und warum Wilhelm nicht Gustav heißt. Langsam überkam ihn eine gewisse Melancholie, was war zuerst, Ei oder Huhn? Und noch viel drückender: Wieso zum Geier haben die den Lidl umgebaut? Dann war ihm plötzlich klar, dass Jonathan gar keinen kleinen Kopf hat und dass das Blond Natur ist. Er dachte an Elisabeth und an Salatgurken. Solange sie lebte, war sie wie eine Salatgurke im Schmetterlingsnetz festgeklebt. Er fragte sich, wie Dornröschen ohne Schlaftabletten ganze 100 Jahre lang schlafen konnte. Wahrscheinlich wäre sie lieber gar nie mehr erwacht, weil die Bosheit des Lebens sie erschlagen hat wie ein Dachziegel im Sumpf. Doch dann haben das Leben, dieses unwissende Mädchen, und sie, die Liebe, die Königin von Eis, die Mörderin, sie gezwungen wieder zu erwachen, und das nur für eine Prinzenrolle-Werbung im Fernsehen. Da wäre Herr Saphol auch gerne, bloß erfunden, nicht lebendig. Würde er nicht leben, wäre seine Existenz die Schuld eines wahnsinnigen Menschen und sein Wahnsinn die Existenz eines Mörders. Der sein Leben dahin mordet und seinen Mord dahin lebt. Aber warum hat Jörg Pilawa seine Talkshow aufgegeben? Warum ist Elisabeth tot? Warum heißt Preisfux jetzt Edeka? Fragen ohne Antworten. Schmerz und Verzweiflung. Warum war Napoléon Bonaparte nur 1,65 m? Er konnte es nicht verstehen. Fragen verstopften ihm alle klaren Gedanken. Warum war Dipsy ein dunkler Teletubbie und die anderen weiß? Und warum haben die Viecher einen Staubsauger und einen Toaster und nicht einen Mixer und einen Vileda-Wischmob? Oder zumindest einen Swiffer? Fragen. Nichts als Fragen. Er wollte wissen, woher André Kemor seine Schuhe hatte. Bei Deichmann gab es nur Sandalen und Flip-Flopps. Aber die wollte er nicht, denn ihm gefielen keine Weihnachtsbäume. Ein letztes Mal sah er sich Gute Zeiten, schlechte Zeiten auf VOX an, dann schaltete er aus. Ganz aus. Zwei Tage später fand man seine eisgefrorene Leiche blutunterlaufen, wie einen Dachziegel im Sumpf. Doch in seinen Augen war die Antwort auf alle Fragen.

Eingereicht am
04. Oktober 2007

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