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Therapie

© Karin Reddemann

"Erzählen Sie."

"Ich gehe durch dieses riesige Kellergewölbe, ich schwanke leicht, bin aufgeregt, versuche, aufrecht zu sein, und überall sind Menschen. Sie machen mich nervös, ich bin ein exotisches Tier, das frei gelassen worden ist, aber sie registrieren gar nicht, wie besonders ich bin. Sie beachten mich nicht, sie leben dort, wo ich nicht zuhause bin. Aber ich beneide sie um die Perversität und das Glück ihrer Freiheit. Ich schaue mich um, bemüht, kontrolliert zu sein, alles reizt mich, was ich sehe, es lockt mich, das kleine Mädchen zu spielen, das keinen Verstand, nur Lust auf verbotene Spiele kennt.

Auf dem glatt gescheuerten Boden stehen Milchschälchen, überall verteilt, aus denen nackte Frauen wie Katzen trinken, sie sind durstig auf eine Art, die ich nicht kenne und die mich feucht macht, ohne mein direktes Verlangen wirklich zu fordern. Es ist einfach da.

Sie benutzen ihre Hände nicht, sie knien und stützen sich mit ihren Unterarmen ab, schlecken die Milch auf und öffnen ihre nassen Lippen, an denen weiße Tropfen hängen, während die Männer ihnen dabei zusehen. Einige werden dabei von hinten gefickt, ich erschrecke, weil die Deutlichkeit mir so wunderbar bewusst wird. Sie scheinen es gar nicht zu bemerken, sie hocken dort und halten sich hin, sie trinken und vergessen, während diese dort sie nehmen und andere nur Voyeure sind.

Ich weiß, dass es keine Milch ist. Es schmeckt anders, nicht so süß, nicht so unschuldig. Es schmeckt nach jener Hingabe, die ich nie freiwillig schenken wollte und die mir jetzt so wünschenswert nah erscheint. Die Mauersteine sind schwarz, sehen aus wie frisch lackiert. Fackeln brennen, ich sehe, dass Stufen zu Plattformen führen. Dort sitzen Männer und Frauen in Nischen, sie reiben sich wie junge Tiere in kleinen Höhlen, die sich gegenseitig spüren und lecken, weil sie nichts sonst jemals geschmeckt haben, für sie existiert nur diese Einmaligkeit. Sie beobachten mich, während sie sich gegenseitig anfassen und erforschen, ich denke, sie kennen und genießen sich. Ich weiß, dass ich trinken sollte, bevor ich zu ihnen gehe, um dort berührt und ertastet zu werden, wo ich es gern aushalte und manchmal nicht aushalten kann.

Ich stelle mich vor eine der Schalen, noch stehe ich, sehe einfach nur zu, wie sie besessen und doch teilnahmslos mit ihren Zungen lecken, ohne aufzuschauen. Sie haben diese milchigen Tropfen am Kinn und an den Wimpern und zwischen den Brüsten, die meinen Mund wässrig machen, trotzdem ich eine spezielle Einladung bräuchte, um tatsächlich kosten zu wollen. Oder will ich mich betrinken und würde doch nie zugeben, diesen Saft zu lieben, der meine Kehle, meine Scham benetzt?

Das lange Haar der einen Frau, die sehr kräftig von hinten gestoßen wird, ist nass, verklebt, sie schafft es kaum, ihre Zunge in die Schale zu stecken, weil der Mann sie so eifrig und kalt vor und zurück bewegt. Ich höre seine Hoden klatschen, es klingt wie Peitschenhiebe auf nasser Haut. Sie trägt ein dünnes Halsband mit kleinen glitzernden Steinchen, es gefällt mir, aber ich möchte es nicht kompromisslos tragen. Er hält sie daran fest, nein, er hält sie an einer sehr kurzen Leine. Ich sehe, dass die Leine eigentlich länger ist, er hat sie mehrmals um sein Handgelenk geschlungen, damit er die Frau so kurz halten kann, wie ich meinen Hund nicht halten würde. Sie stöhnt bei jedem Ruck, der durch ihren Körper geht, wie eine batteriebetriebene Puppe auf, ich höre sie ergeben wie Vieh und irgendwie für mich durchaus anregend schreien, das Primitive irritiert mich, weil ich anders, gewissenhaft, brav und doch nicht notwendig brav erzogen wurde, aber ich nicke völlig selbstverständlich bei jedem der hohen, gepressten Laute, die sie alle zwei, drei Sekunden ausstößt wie im Takt. Ich nicke sehr ernst und gewissenhaft, fast wie befohlen, als würde ich sie und ihn und auch mich dirigieren müssen, nicht als Domina, nicht als devotes Gebrauchsstück, nein, als mich selbst, die ich zu kennen glaubte, die mich erschreckt und die ich doch zu lieben versuche. Ich mag es, wie sich das Gesicht der Frau verzerrt, während er mit geschlossenen Augen monoton seinen Unterleib bewegt wie ein Löwe, der immer nur schläft und plötzlich so wach wird, wie kein Mensch es bildlich nach empfinden kann. Ich wünsche ihr Schmerzen, weil ich mir vorstelle, dass sie Schmerzen will und weil ich es ihr gönne, wenn es mehr schmerzt, als sie es will. Sie kniet dort nicht freiwillig, aber sie wirkt fast erstaunt darüber, dass es ihr gefällt.

Ich weiß noch nicht, ob auch ich dazu bereit bin. Vielleicht möchte ich nur zuschauen. Ich fühle mich fremd dort, aber ich will willkommen sein. Es ist neu. Irgendwie böse und doch ganz anders"

"Bereitet Ihre Phantasie Ihnen Angst?"

"Nein."

"Was ist es dann? Beschreiben Sie es genauer."

"Es wirkt nicht wirklich dunkel auf mich, es ist schwarz und wunderschön. Ich möchte auf keinen Fall gehen. Ich fühle mich merkwürdig gut, sauber sogar, obgleich ich herrlich dreckig sein will. Ich brülle nach Milch, ich will Finger und Zungen in mir, und dabei gefällt mir sogar meine Unsicherheit. Ich bin noch nie dort gewesen, nicht wirklich, aber ich bin nicht orientierungslos, ich finde mich ganz selbstverständlich zurecht. Es ist, als wäre ich eingeladen worden, und man hätte mir genau erklärt, was mich erwarten würde. Ich trage auch das Kleid, das ich anziehen sollte. Ich trage immer dieses Kleid, wenn ich mir vorstelle, anders zu sein, und es ist stets so, als sei es für mich das erste Mal und ich hätte auch dieses Kleid noch nie zuvor angezogen, das ich mir niemals aussuchen würde, weil ich mich darin keinem Menschen zeigen könnte. Nicht einem Menschen aus meiner Welt. Es ist sehr eng und bodenlang, darunter bin ich nackt. Es verhüllt nichts, und mir ist bewusst, dass ich es selbst entworfen habe, weil ich gut und böse bin, und dafür geniere ich mich, obgleich ich mich schön finde. Vielleicht sollte ich nachsichtiger mit mir umgehen.

Mein Kleid soll glitzern und grobmaschig sein, milchbraune Seide, und ich finde es aufregend, dass die sehr fein gehäkelten Löcher an den Brüsten und zwischen meinen Schenkeln besonders groß geraten sind, damit jeder meine dunkelrot gefärbten Warzen und die rasierte Scham sehen kann. Ich will dort angefasst, gestreichelt werden, ohne dass unnötig hässlicher Stoff beiseite geschoben werden muss. Ich stelle mir vor, wie jemand mich anspricht, - das Thema ist banal, unwichtig, vielleicht trocken, wie ein Wetterbericht -, und mir dabei ungefragt, eben ganz selbstverständlich die Brustwarzen mit seinen Handflächen reibt. Das will ich und will es doch nicht, weil ich die Menschen nicht kenne, die es tun werden. Die Löcher sind so groß, dass mein Körper überhaupt nicht von Stoff bedeckt wird, das Kleid besteht eigentlich nur aus Bändern, in die ich stramm eingewickelt wirke, ohne Hilfe könnte ich mich nicht daraus befreien, aber es wäre auch albern von mir, es ausziehen zu wollen, denn alles an mir liegt frei. Ich erröte darin und bin doch stolz auf mich, weil ich mich traue, so vulgär auszusehen. An den Fußfesseln ist das Kleid besonders eng, ich kann nur trippeln, wie eine Geisha, davonlaufen könnte ich nicht. Sie würden mich einfangen."

"Wäre das schlimm?"

"Nein. Ich möchte eingefangen werden. Ich bin ihre Beute. Sie dürfen mit mir machen, was sie wollen."

"Dürfen sie Sie verletzen?"

"Nein. Nicht wirklich."

"Kennen Sie Ihre Grenzen, Lissa?"

"Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich wohl."

***
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Eingereicht am
19. Oktober 2007
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