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Patricia Koelle: Die Füße der Sterne

Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-04-

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Windflüchter

© Patricia Koelle

"Stell dir vor, sie wollen mich zur Kur schicken. Mich!", berichtete ich Archimedes an einem Dienstagnachmittag Ende August. Trotz meines Deos mit der Note "Sehr gut" in allen Verbrauchertests roch ich nach Schweiß und Kreide. Draußen waren zweiunddreißig Grad und noch keine Spur von jenem Herbst, der für mich, Theo Knoll, so erstaunlich werden würde. "Kannst du dir vorstellen, was ausgerechnet ich dort soll? Da gibt es keine Arbeit. Ich fürchte, ich muss den ganzen Tag mit so einem Gymnastikball herumhampeln."

Archimedes ist meine griechische Landschildkröte. Er hört zu, ohne unterhalten werden zu müssen. Das Beste an ihm ist, dass er kaum ein Geräusch macht.

Ich bin Schulsekretär und den ganzen Tag umgeben von dicken Wolken aus dem Lärm trampelnder Kinderfüße, knisternder Brottüten, Pausenklingeln, Geschrei in sämtlichen Tonlagen und blechernem Geklimper aus dem Musiksaal. Viele denken, dieser Posten müsste von einer Frau ausgefüllt werden, die tröstende Pflaster auf Kinderbeine klebt, nett zu den Eltern ist und liebevoll den Direktor beruhigt. Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste, sachlich zu bleiben und den Überblick zu behalten.

Ich kenne jedes der Kinder beim Namen. Ich weiß, wer zum Schwänzen neigt und wer ein gutes Zeugnis bekommt und welchen Eltern man nahelegen muss, die Hosen ihres Sprösslings auch mal zu waschen. Ich weiß, welcher Lehrer heimlich außerhalb des Raucherzimmers qualmt. Wenn Schüler mit Bauchschmerzen zu mir kommen, weiß ich, wer krank ist und wer sich nur vor einer Klassenarbeit drücken möchte. Sie vertrauen mir ihre Sorgen nicht oft an, aber sie wissen, dass sie bei mir gerecht behandelt werden. Die Kinder nennen mich "Knolle", oft auch "die trockene Knolle". Das macht mir nichts aus. Den Direktor nennen sie "Baby Direx", weil er trotz seinen 1,95 Metern noch nie ohne rosa Krawatte gesehen wurde. Ich finde diese Farbgebung auch nicht sehr glücklich.

Das Wichtigste aber ist die Ordnung. Jemand muss dafür sorgen, dass ein solcher Betrieb nicht im Chaos versinkt. Das mache ich. Ordnung in den Papieren, Ordnung im Haus. Ich muss mich öfter bücken oder Kisten schleppen, seit es keinen Hausmeister mehr gibt. Es liegt ja dauernd etwas herum.

Ein wenig schwer fällt mir das schon. Ich habe eine Schwäche für Mokkacremeschokolade. Möglich, dass ich in den letzten Jahren umfangreicher geworden bin. Der Arzt diagnostizierte das Zwicken und Stechen, das sich in Gürtelhöhe in meinem Rücken festgebissen hatte, als leichten Bandscheibenvorfall. Ich glaube ja, ich hatte nur den Gürtel zu eng geschnallt. Dr. Dietrich bestand trotzdem darauf, ich bräuchte Ruhe, aber auch Gymnastik, Schwimmen und Diät. Dabei herrschte an meinem Schreibtisch, wo ich mich auskannte, bestimmt mehr Ruhe als in so einer Ansammlung von Hypochondern und weißen Kitteln.

Unser Direktor zwang mich jedoch beinahe dazu, zur Kur zu fahren. Sagte, ein Sekretär mit schmerzverzerrtem Gesicht mache ihn nervös. Wahrscheinlich wollte er meine Abwesenheit nur nutzen, um die Wände rosa zu streichen. Aber ich hatte einen Spion. Frau Thieme, die Chemie- und Biologielehrerin, würde mich telefonisch auf dem Laufenden halten. Sie ist sehr zuverlässig und schraubt alle ihre unheimlichen Flaschen und Dosen fest zu.

"Und was mache ich mit dir?", fragte ich Archimedes. Zum Glück kann er nicht antworten. Wer weiß, was ihm eingefallen wäre. Ich musste ihn wohl samt einer Gebrauchsanweisung Tante Susanne anvertrauen, die meine einzige lebende Verwandte ist. Ich habe nichts dagegen. Regelmäßige große Familienfeiern wären mir ein Gräuel.

Ich bin überzeugter Junggeselle. Eine Frau würde die Kaffeetassen ins untere Regal stellen, die Bankbriefe eine Woche lang herumliegen lassen und zum Essen Joghurt "light" kaufen. Wenn ich aus der Schule komme, habe ich genug Menschen um mich gehabt. Mein Hobby ist Modellbau. Meine detailgetreue Eisenbahnanlage nimmt zwei Drittel des Wohnzimmers ein. Ich kann Stunden damit verbringen, mit einem Pinsel, der aus einem einzigen Haar besteht, ein winziges Fachwerkhaus so zu lackieren, dass es aussieht, als könne man sofort einziehen. Das würde nun wohl warten müssen.

Ich musste ein paar Sachen einpacken und hoffen, dass die Bügelfalten das überleben würden. Ich war mir nicht sicher, ob die in so einer Klinik ein Bügeleisen haben.

Ehe ich wirklich mit mir einig war, stieg ich schon an der Ostsee aus dem Bus und stand zitternd im scharfen Wind. Ich war erst einmal an der See gewesen, als Kind mit Tante Susanne, und konnte mich nur an feindlich kaltes Wasser erinnern und an einen Krebs, der mich böse in den kleinen Zeh gekniffen hatte.

Vor einem verwitterten Supermarkt saßen Touristen und löffelten Eisbecher. Gern hätte ich nach Mokkacremeschokolade gesucht, wenn ich nicht zum Abnehmen hier gewesen wäre. Aus diesem Grund bezahlte die Kasse die Kur und ich würde mich selbstverständlich daran halten. Wenigstens am ersten Tag.

Mein Zimmer in der Klinik gefiel mir. Bett, Tisch, Schrank, saubere weiße Wände und ein einziges Bild von einem architektonisch unglaubwürdigen Leuchtturm. Kein unnötiger Schnickschnack. Der Arzt redete auch nicht umständlich herum. Er blätterte in meiner Akte, drückte auf meine Wirbel - natürlich da, wo es am tiefsten wehtat - schlug mit einem Hämmerchen auf meine Knie und überreichte mir feierlich eine Verordnung, auf der etwas von protrusio lumbale, von Rückenschwimmen und von Gruppengymnastik stand. Wie ich es befürchtet hatte. Mit dieser Verordnung musste ich zum Hausdrachen - so einen erkenne ich sofort - bei der Therapieplanung und bekam eine Art Stundenplan verabreicht. Das mir, wo ich doch in der Schule der Einzige bin, der sich nicht an einen Stundenplan halten muss!

Am merkwürdigsten war es, mich in dieses seltsame Kleidungsstück zu begeben, diesen Trainingsanzug. Ich hatte den Eindruck, darin auseinander zu fallen wie eine überreife Mandarine ohne Schale. Und das in aller Öffentlichkeit. Mit elf Damen und einem Herrn, die im wirklichen Leben bestimmt alle nicht mehr arbeiteten, stand ich bald in einer Turnhalle, die genauso roch wie meine Schule. Wir sollten versuchen, unsere Zehenspitzen zu erreichen. Für das junge schwarzhaarige Ding in der Mitte, das uns die Befehle zurief, war das natürlich kein Problem. Aber ich spürte förmlich, wie mich mein Rücken mindestens ebenso vorwurfsvoll ansah wie Archimedes, als ich mich verabschiedet hatte.

Oben im Zimmer zog ich den lächerlichen Anzug sofort wieder aus. Die Bügelfalten hatten den Transport zum Glück überlebt.

Das Essen war eine Katastrophe. So viele Menschen in einem Saal wie Flöhe im Haar von Michael Gruner aus der sechsten Klasse. Jeder einzelne davon schielte auf meinen Teller, meine Hände und meinen Bauch. Das Besteckklimpern und Stimmengewirr war bestialisch. Dagegen ist meine Schule ein Ruheraum. Das Abnehmen würde mir hier nicht schwerfallen. Zum Glück musste man nicht warten, bis alle fertig waren. Ich durfte sehr bald die Flucht ergreifen, denn was sich auf meinem Teller befand, konnte ich in drei Minuten verzehren ohne mich zu beeilen.

Der Mittagsschlaf war ein Fehlschlag, denn kaum war ich allein, befiel mich ein nörgelndes Hungergefühl. Da mein Stundenplan erst um sechzehn Uhr fünfzehn etwas vorsah, zog ich meinen neuen Anorak an und machte mich auf den Weg. Auf der anderen Seite der Straße verlief ein Deich, hinter dem sich laut eines verkommenen Schildes der Strand befand. Ich musste schnaufen wie ein überfütterter Mops, als ich auf den Deich stieg. Eigentlich unwürdig für einen Mann meines Alters. Es war wohl gut, dass ich hier war. Was ich mache, mache ich gründlich, also beschloss ich, gründlich fit zu werden. Mit dieser Einstellung würden mir das lächerliche Herumhampeln und das Abnehmen leichter fallen.

Auf der anderen Seite des Deiches wuchs unordentliches Gestrüpp, kopflastig von orangeroten Beeren. Eine aufdringliche Farbe, die unser Direx auch als Schlips hätte tragen können. Genau genommen hätte sie mir sogar viel besser gefallen. Es begegnete mir aber auch ein völlig neuer Geruch, in den ich lief wie in eine Wand und der mich so erstaunte, dass ich stehen bleiben musste um ihn einzuordnen. Ich glaube, dieser Geruch war der Anfang vom Ende meines alten Lebens, ich wusste es nur noch nicht. Bittersüß wie Orangenmarmelade, frisch und anheimelnd wie der Duft einer eben gemähten Wiese, wild und befremdend wie ein Land, in dem ich noch nie gewesen war, lockend und beunruhigend zugleich.

Ich schüttelte den Kopf über mich selbst, verwundert über solche Gedanken. Waren das meine? Oder hatten sie etwas in den dünnen Schlamm geschüttet, den sie in der Klinik als Kaffee bezeichneten?

Ein Bohlenweg führte durch einen Schwarm Mücken, die nicht auf Diät waren, und durch eine Gruppe krummer Kiefern zum Strand. "Windflüchter" heißen diese zum Land hin gebogenen Bäume, das hatte ich im Reiseführer gelesen. Sie versuchen dem ständigen Wind zu entkommen, daher ihre Form. Nachdem mir eine Handvoll Sand in die Augen geblasen wurde, ehe ich einen wirklichen Blick aufs Meer bekam, tat ich es ihnen gleich. Es war wohl kein Strandwetter. Mein Anorak blähte sich immerhin so auf, dass mein Bauch darunter nicht mehr zu erkennen war.

"Was ist das für ein Geruch unten am Deich?", fragte ich später den Therapeuten, der aus der Gegend stammt.

"Oh", sagte er und rührte energisch meine Rückenwirbel um, "das ist schwer zu sagen. Da ist von allem etwas drin. Reife Sanddornbeeren, aus denen wir Tee, Marmelade, Saft und Eiscreme machen. Trocknender Seetang. Heißer Dünensand und Strandhafer und Kiefern. Heu, das auf Küstenwiesen trocknet, und Baumrinde im Seewind. Die Holzbeize der Bohlenwege. Ein Hauch von Räucherfisch. Horizont."

Ich wollte ihn fragen, ob er wirklich der Meinung war, dass der Horizont einen Geruch besitzt, aber in dem Moment zog er so nachdrücklich an meinen Zehen, dass ich mit Weiteratmen vollauf beschäftigt war.

In der Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Der Wind heulte brausende Opern, ohne auch nur eine Pause zu brauchen. Es wurde kaum dämmrig, da witschte eine Sippe Schwalben vor meinem Fenster hin und her wie Scheibenwischer und führte eine streitbare Unterhaltung. Wenigstens vertilgten sie dabei einige der Mücken, die beschlossen hatten, dass Theo Knoll ein feines Gericht verkörperte.

Dafür war am Morgen der Himmel blau gebügelt und die Luft lautlos. Vormittags musste ich im Schwimmbad in einer Suppe von warmem Chlorwasser, Rentnern, Gummibällen, Plastikwürsten und Styroporscheiben planschen. Immerhin konnte ich feststellen, dass ich nicht die größte Badehose von allen trug.

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Die vollständige Geschichte finden Sie in dem Buch

Patricia Koelle: Die Füße der Sterne Patrica Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-04-3

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