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antastbar - Menschenwürde

antastbar - Die Würde des Menschen ...
Hrsg. Barbara Naziri
Vorwort Rüdiger Nehberg
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-12-8

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Menschenwürdig?

© Michaela Godefroy

"Wie klein sie aussieht", denke ich. "So blass, so zerbrechlich. Und so hilflos."

Die Schmerzen haben ihre Gesichtszüge verändert. Die Augen, einst leuchtend blau, funkelnd und voller Leben, mit vielen kleinen Lachfältchen, schauen nun müde und hoffnungslos in eine mir nicht zugängliche Sphäre. Das strahlende Blau ist milchig trüb. Die Wangen, früher rosig und stets gebräunt, sind eingefallen und bleich. Der Mund, einst schön geformt, meist zu einem kleinen, liebevollen Lächeln geschwungen und immer perfekt zur Kleidung in zarten Pastellfarben geschminkt, ist blutig gerissen und verkrustet.

In dem großen Bett wirkt sie verloren. Ich sehe nur ihr Gesicht und die vielen Schläuche, die von überall her in ihren Hals und die Arme zu laufen scheinen. Und ihre Hände. Hände, die ich als Kind liebte und bewunderte, weil sie so sanft streicheln und trösten konnten und immer so wunderschön aussahen, zart und gepflegt. Jetzt liegen sie dick aufgequollen in Bandagen auf der Bettdecke, blau von Hämatomen und mit Nadeln an Schläuche gefesselt.

Mein Herz krampft sich zusammen. Ich muss die Tränen zurückhalten. Was hat sie durchlebt in den letzten Monaten!

Die Ärzte haben sie in ein künstliches Koma fallen lassen, der Körper sei durch die lang andauernde Operation völlig unterkühlt, teilten sie mir lakonisch mit.

"Bitte, Sie müssen sie warm halten! Sie friert immer so", flüstere ich leise, doch die Schwester meint nur unbeteiligt: "Die Patientin merkt jetzt nichts, die schläft!"

Was weiß sie schon von ihr! Von ihrer Blutarmut, ihrem zu niedrigen Blutdruck und den ewig kalten Händen und Füßen? Von der ständig wiederkehrenden Frage "Ist dir auch so kalt, Kind?". Von dem Paar vorgewärmten Socken, die im Winter immer auf der Heizung liegen, als Ersatz. Oder den Freiluftübungen im Sommer auf dem Balkon. "Das bringt den Kreislauf in Schwung, solltest du auch mal probieren!"

Ich sehe sie an und denke, wie lebenslustig sie vor Kurzem noch war, ein richtiges Energiebündel! Bis der Schmerz im Rücken und den Beinen so stark wurde, dass schon der kleinste Schritt zur Qual wurde.

"Skoliose der Wirbelsäule, mit verdrehten Wirbeln und gequetschten Nerven", lautete die Diagnose, die sie zwang, diese Operation durchführen zu lassen.

Ich trete näher an das Bett, beuge mich über sie und sage leise: "Hallo, Mum."

Langsam und wie aus weiter Ferne richtet sie den Blick auf mich. Ein kleines Lächeln breitet sich zaghaft aus und ich sehe, dass sie mich erkennt.

Mit großer Anstrengung flüstert sie: "Ach Kind …"

Ihr Atem geht rasselnd, das Sprechen bereitet ihr Schmerzen und der Hals ist wund.

"Ich hab solchen Durst", meine ich zu verstehen.

Vorsichtig streichle ich über ihr zerzaustes Haar und flüstere: "Das Schlimmste ist geschafft! Von jetzt an geht's in kleinen Schritten wieder aufwärts!"

Doch sie hört mich schon nicht mehr, ist bereits zurückgekehrt in diese andere Welt, von der ich hoffe, dass sie ihr hilft, die Schmerzen besser zu ertragen.

Ein paar Tage später kommt der Anruf aus dem Krankenhaus. Eine teilnahmslose Stimme sagt: "Wir müssen Ihre Mutter noch einmal operieren. Sie ist heute Nacht wohl gestürzt, Genaues wissen wir nicht. Ist keine große Sache. Wir informieren Sie, wenn sie wieder ansprechbar ist."

"Was, was meinen Sie mit gestürzt? Wie ist das möglich? Sie kann doch gar nicht alleine aus dem Bett", versuche ich zu begreifen.

"Wie gesagt: Wir wissen nichts Konkretes. Wenden Sie sich an den Professor für weitere Informationen. Aber bitte erst nach der OP."

Doch auch nach der OP ist der Herr Professor für mich nicht zu sprechen. Auch erklärt mir niemand, warum die OP über fünf Stunden gedauert hat und warum meine Mutter schon wieder in ein künstliches Koma gelegt wurde.

"Das geht uns jeden Tag so", meint eine kleine Praktikantin im Vorbeigehen. "Die Herren Doktoren und Professoren operieren drauflos und wir dürfen uns mit den jammernden Angehörigen rumärgern."

Ich verstehe gar nichts mehr. "Wie geht es meiner Mutter? Ich möchte doch nur eine Auskunft über ihren Zustand." Doch sie ist schon weg, hat mich bereits vergessen.

Ich laufe durch diese düsteren, kahlen Gänge, immer auf und ab. Niemand spricht mich an, niemand antwortet auf meine Fragen. Wo bin ich hier? Ist das eine Einrichtung um Kranke gesunden zu lassen oder um Angehörige in den Wahnsinn zu treiben?

Endlich kommt eine Schwester und fragt mit hochgezogener Augenbraue: "Was machen Sie denn noch hier? Wissen Sie nicht, dass die Besuchszeit schon lange vorbei ist? Kommen Sie morgen zwischen 8 und 11 noch mal wieder."

"Bitte, ich möchte zu meiner Mutter. Keiner sagt mir, wo sie ist. Ich warte seit Stunden und habe sie noch nicht gesehen. Wie geht es ihr?"

"Kommen Sie morgen wieder, dann können Sie den behandelnden Arzt befragen. Wir sind nicht befugt Auskunft zu erteilen." Mit diesen Worten lässt sie mich stehen.

Am nächsten Morgen erfahre ich an der Pforte, ich solle mich in der Intensiv 2 melden. Die Schwester dort ist sehr ungehalten über mein Erscheinen. "Wir öffnen hier für Besucher erst ab 11 Uhr."

"Hören Sie bitte, entweder lassen Sie mich jetzt sofort zu meiner Mutter oder Sie geben mir die Nummer Ihres Chefarztes. Ich habe das Recht zu erfahren, wie meine Mutter die Operation überstanden hat." Plötzlich kommt mir ein furchtbarer Gedanke und ich stammle: "Sie lebt doch noch, oder?"

"Na, dann kommen Sie schon. Ja, sie lebt noch, es sieht aber nicht gut aus."

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen sind ihr Gesicht und der Oberkörper. Hämatome bedecken ihren Oberkörper und die Arme. Drainagen führen aus ihrem Körper, teils mit Blut, teils mit anderen Flüssigkeiten gefüllt. Ich höre sie leise wimmern.

"Hat sie Schmerzen?", frage ich bedrückt.

Die Schwester zuckt mit den Schultern. "Sie bekommt Schmerzmittel. Mehr können wir nicht tun. Sie müssen Geduld haben. Nachher können Sie den Arzt fragen, wie der genaue Stand der Dinge ist."

Zwei Stunden später erklärt mir der Stationsarzt aufgeräumt, die Operation sei so weit gut verlaufen, die Patientin müsse noch ein paar Tage überwacht werden, für weitere Details solle ich mich direkt an den Operateur wenden.

Tag für Tag besuche ich sie. Tag für Tag ist es dasselbe Spiel. Die Ärzte sagen, es sei alles in Ordnung, doch eine Besserung kann ich nicht erkennen. Ich sehe nur ihren geschundenen Körper und höre ihr Wimmern.

"Kann man denn gar nichts tun?", frage ich einen mir noch unbekannten Arzt.

"Was wollen Sie eigentlich?", meint dieser arrogant. "Wir geben ihr doch schon Schmerzmittel, mehr können wir nicht tun. Soll sie etwa betäubt dahindämmern? Durch die Schmerzen weiß sie wenigstens, dass sie noch am Leben ist."

Was soll ich dazu sagen? Ungläubig starre ich ihn an.

"Hören Sie, gute Frau", fährt er fort. "Ich arbeite auch als Notarzt beim Rettungsdienst. Den Angehörigen von Verstorbenen gebe ich auch keine Beruhigungsspritzen, die sollen sich des Verlustes bewusst sein und rechtschaffen trauern."

Ich drehe mich um und lasse ihn stehen. Wie menschenverachtend muss man sein, um solch ein Verhalten an den Tag zu legen.

Als ich am nächsten Morgen auf die Intensiv 2 komme, ist sie weg. "Verlegt in die O2", erfahre ich von einer Schwester.

"Geht es ihr denn schon besser?", frage ich hoffnungsvoll.

"Keine Ahnung, uns sagt hier ja keiner was. Fragen Sie unten nach."

Als ich das Zimmer betrete, in dem sie meine Mutter untergebracht haben, stockt mir der Atem. Man hat das Bett an die Wand geschoben und sie mit Blick auf die Wand gebettet. Sie kann sich nicht bewegen und starrt auf eine kahle, weiße Fläche. Es ist kalt im Zimmer, doch man hat ihr nur ein dünnes Leintuch aus der Intensivstation achtlos übergeworfen. Der Urinbeutel tropft auf den Boden und die Infusionsflaschen sind teilweise leer. Ihr linker Arm liegt in einer Blutlache.

Empört renne ich in das Schwesternzimmer und frage nach.

Eine ältere Schwester wirft einen kurzen Blick auf den Zustand und meint bedauernd: "Die Arbeit überfordert uns. Wir sind nur noch zu zweit auf der Station, mit zehn Zimmern in Doppelbelegung. Da kann man nicht überall gleichzeitig sein. Ich erledige das aber gleich nach der Essensausgabe." Damit eilt sie davon.

"Mum, hallo, wie geht es dir?" Vorsichtig nähere ich mich ihrem Gesicht.

"Ach, Kind", flüstert sie. "Ich habe so große Schmerzen. Kannst du nicht was tun? Hilf mir doch bitte, ich halt das nicht mehr aus! Ich möchte am liebsten sterben!"

Es zerreißt mir das Herz.

Ich durchsuche die Räume nach einer Schwester oder Ärzten, ohne Erfolg. Es ist niemand zu sehen. Mein Blick fällt auf eine Krankenakte, die zuoberst auf einem Stapel liegt. Es ist die meiner Mutter. Ich zögere einen Moment, dann klappe ich sie entschlossen auf. Mir wird vom Lesen übel. Keiner der Ärzte scheint einen Plan zu haben, wie es weitergehen soll.

Umso fassungsloser bin ich, als mir am folgenden Tag telefonisch mitgeteilt wird, man könne nichts mehr für meine Mutter tun, sie werde entlassen.

"Entlassen? Wohin denn bitte? Geht es ihr denn schon so gut, dass sie alleine zurechtkommt?"

"Das kann ich Ihnen nicht beantworten, ich bin schließlich kein Arzt. Ich soll Ihnen nur ausrichten, dass sie morgen ab 10 Uhr abgeholt werden kann. Wenn sie nicht zu Ihnen kann, müssen Sie sich eben um einen Pflegeplatz bemühen. Die finden Sie im Telefonbuch oder im Internet."

"Meine Mutter wohnt über 100 km entfernt von mir, im dritten Stock, ohne Aufzug. Dazu noch in einer Maisonette-Wohnung. Wie soll das denn gehen? Und wie soll ich alternativ bis morgen einen Pflegeplatz organisieren?"

"Gute Frau, das ist nun wirklich nicht unser Problem. Ich habe Sie informiert, alles Weitere liegt bei Ihnen."

Es grenzt an ein Wunder, doch ich schaffe es, ab der darauffolgenden Woche einen Kurzzeitpflegeplatz zu organisieren. Dort bleibt sie zwei Tage, dann informiert mich eine Schwester, dass ihr Zustand es nicht gestatte, meine Mutter weiterhin in der Kurzzeitpflege zu belassen. "Welcher Arzt hat denn in Gottes Namen diese arme Frau entlassen?", fragt sie mich fassungslos. "Ich bin einiges gewohnt, aber ihre Mutter leidet höllische Schmerzen. Wir sind hier überhaupt nicht eingerichtet auf solche Härtefälle. Sie gehört zurück ins Krankenhaus."

In den folgenden Monaten entlässt das Krankenhaus sie noch zwei weitere Male als gesund, jedes Mal muss sie nach zwei oder drei Tagen wieder zurück.

In der Zwischenzeit habe ich alle möglichen Stellen kontaktiert um Hilfe zu bekommen. Die Krankenkasse weigert sich, einen Gutachter zu schicken, solange sie im Krankenhaus ist oder in der Kurzzeitpflege. Die Pflegestelle verlangt auch für drei Tage den vollen Monatssatz.

Endlich, nach fast einem halben Jahr finde ich einen Arzt, der ein Einsehen hat und ihr einen Hospizplatz in Aussicht stellt. Seine Diagnose ist schnörkellos: "Sie sollten auf ein rasches Ende gefasst sein. Die Organe spielen nicht mehr mit, ab morgen bekommt sie eine Schmerzpumpe implantiert, damit wir sie wenigstens von den ärgsten Schmerzen erlösen können."

Ich sitze zu Hause und bete. Ich bete dafür, dass sie endlich nicht mehr leiden muss. Auch wenn das für mich die endgültige Trennung bedeutet.

Drei Wochen nach Mutters Beerdigung bekomme ich von der Pflegeversicherung ein Schreiben. Auf dem Kulanzwege würde man meiner Mutter ab nächstem Monat die zweite Pflegestufe genehmigen.

Buchtipp

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