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Eine Zigarre zur Beerdigung – Hermann fährt zur Beerdigung von Onkel Franz. Sein Kumpel Ferdi hat ihm eine gute Zigarre mit auf den Weg gegeben. Eine Geschichte von Agnes Jäggi.

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von Agnes Jäggi
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Dez
01
Eine Zigarre zur Beerdigung
© Agnes Jäggi

Hermann besuchte nach mehr als zwanzig Jahren sein Heimatdorf. Er würde den Zug auf Gleis 5 nehmen, welcher Punkt drei Uhr abfahren sollte. Das hatte ihm Helene, seine Betreuerin, geduldig erklärt. Hermann musste ein wenig lächeln. Er war doch nicht blöd, außerdem konnte er lesen, auch wenn die Fahrpläne in den vergangenen Jahren sehr umfangreich geworden waren. Aber das war nur natürlich. Die Menschen wollten überall hin fahren und das zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, deshalb brauchte es viele Züge, viele Gleise und große übersichtliche Fahrpläne. Hermann mochte Bahnhöfe, auch wenn er nur selten allein irgendwohin fahren durfte, eigentlich gar nie. Für Ausflüge mit der Gruppe wurde der praktische kleine Heim-Bus benutzt. Aber dies hier war ein besonderer Anlass und Hermann wollte keine Begleitung, wie er Helene würdevoll erklärt hatte. Immerhin verabschiedete er sich an diesem herrlichen Maimorgen von seinem Onkel Franz, der ihn jeden Donnerstag besucht hatte. Jetzt war es an Hermann, seinem Onkel einen letzten Besuch abzustatten.

Onkel Franz war gestorben und Hermann, der sich nur vage an die Bedeutung dieses Ausdrucks erinnerte, wusste immerhin, dass die Donnerstags-Besuche seines Onkels von nun an ausfallen würden.

Der Zug fuhr langsam in den sonnenbeschienenen Bahnhof ein. Hermann wanderte konzentriert und mit gerunzelter Stirn die Wagenreihe ab. Er besaß ein Billett für die zweite Klasse, und außerdem wollte er in ein Abteil, wo er seine Zigarre rauchen konnte. Diese hatte er von seinem Kumpel Ferdi bekommen. "Hier Hermann, tu dir was Gutes. So eine Beerdigung, die findet nicht jeden Tag statt", hatte Ferdi weise bemerkt, als er ihm feierlich die Zigarre überreichte. "Ich habe sie am Kiosk gekauft und Frau Schlatter hat mir bestätigt, eine sehr gute Wahl getroffen zu haben." Hermann war gerührt und einen Moment versucht, seinen Freund mitzunehmen. Er entschied sich schließlich dagegen. Ferdi war ein guter Kumpel, ganz bestimmt. Doch in Gesellschaft von vielen Leuten wurde er schnell nervös und er würde wieder anfangen, lautstark aus Robert Walsers "Der Räuber" zu zitieren. Ferdis Lieblingsbuch, das einzige, das er besaß und das er wohl beinahe auswendig kannte. Auch Helene wäre nicht einverstanden, wenn Ferdi mitkäme. Dabei erinnerte Hermann sich an einen Ausflug ins Landesmuseum vor einem Jahr. Seine Gruppe besuchte damals eine Ausstellung über Hermann Hesse. Hermann war sehr stolz darauf gewesen, eine Ausstellung seines Namensvetters zu sehen, auch wenn er nie etwas von diesem Dichter gelesen hatte. Er las nur die Romanhefte, die ihm Onkel Franz mitgebracht hatte. Na jedenfalls, kaum waren sie auf dem Parkplatz beim Museum angekommen, geriet Ferdi auch schon außer sich. Er lief aufgeregt hin und her, deklamierte lautstark vor sich hin und noch ehe Helene ihn zur Gruppe zurückbringen konnte, baute Ferdi sich vor einer eleganten Dame auf, stierte sie an und zitierte kreischend: "... und erkläre ich mich mit allen denjenigen einverstanden, die meinen, es sei schicklich, dass man den Räuber angenehm finde und dass man ihn von nun an kenne und grüße."

Helene erreichte Ferdi endlich und rief atemlos: "Aber Ferdi, so beruhige dich doch", wobei sie der erschreckten Frau einen entschuldigenden Blick zuwarf. Helene redete eine Weile beruhigend auf den aufgewühlten Ferdi ein, während sie den zitternden ungelenken Mann behutsam vor sich herschob. In einem großen Raum schließlich, wo eine Schulklasse den Erläuterungen ihres Lehrers über die Kindheit von Hermann Hesse folgte, fuhr Ferdi fort mit seiner Litanei, wobei er sowohl die Stimme des Pädagogen wie auch das Kichern der Kinder mühelos übertönte: "Sie mein geschätzter Herr, scheinen kein Freund der Dichtkunst zu sein, sonst würden sie sich besonnen haben, obiges eigentümliches Wort über die Lippen zu bringen ..." Welches Wort er damit meinte, wurde nicht weiter diskutiert, auf jeden Fall aber bedeutete dieser Auftritt das Ende des Ausfluges. Im Bus verhielt Ferdi sich ganz still, bis er merkte, dass niemand ihm Vorwürfe machte. Er holte seinen "Räuber" aus der Adidas-Sporttasche und las laut daraus vor. Wenn Ferdi nicht aufgeregt war, dann klang seine Stimme ganz angenehm.

Hermann vermutete zu Recht, dass ein solches Benehmen an einer Beerdigung unpassend wäre. Während er es sich im Zugsabteil bequem machte, und genüsslich an seiner Zigarre zog, kehrten Hermanns Gedanken zu Onkel Franz zurück, seinem einzigen Verwandten, der ihn vor vielen Jahren ins Auto verfrachtet und ins Heim gebracht hatte. "Ich komme dich besuchen, aber bei mir wohnen kannst du nicht mehr, es wird zu anstrengend für mich", hatte der Onkel ihm unterwegs erklärt. Hermann wusste nicht recht, was er damit gemeint hatte, "zu anstrengend". Er war doch ein guter Junge, der immer das tat, was sein Onkel von ihm verlangte. Er ging zur Schule, er kochte Milch, fütterte die Hühner, wusch die Wäsche und manchmal - nein - seine Gedanken verirrten sich, ihm wurde schwindlig. Er wollte nicht mehr darüber nachdenken. Doch sein Gehirn kannte keine Gnade, sein Kopf begann zu schmerzen. Bilder tauchten vor Hermanns geistigem Auge auf. Er sah die wütende Frau Manner, sie schrie ihn an. Hermann hatte Angst vor ihr, vor ihrer lauten Stimme. Er presste ihr seine große Hand auf den Mund und schrie: "Sei ruhig, sei ruhig!" Er glaubte noch den Schlag zu spüren, den sein Onkel Franz ihm auf den Rücken verpasste, als er ihn vor der brüllenden Frau wegzog. "Da, siehst du", keifte sie, "eines Tages wird dieser hässliche Kerl noch jemanden umbringen. Meine Lea hat Angst vor ihm, weil er ihr immer auflauert und auch die anderen Kinder im Dorf laufen vor ihm davon!" Hermann hatte die Frau fassungslos angestarrt. Was redete die denn da? Lea lachte doch immer laut, wenn er sie traf, und auch die anderen Kinder fanden es lustig, wenn sie mit ihm spielen durften. Onkel Franz würde das klären, die Frau musste krank sein, wenn sie solche Dinge behauptete. "Er ist das einzige Kind meines toten Bruders, was soll ich denn tun?", stammelte Onkel Franz bedrückt und setzte sich schwer auf die Bank in der Küche. "Es gibt Heime, wo solche Krea..., ich meine Menschen, gut versorgt werden und keine Gefahr für sich und andere sind", klärte Frau Manner den Onkel eifrig auf. "Ich finde, der Junge gehört nicht mehr hierher. Er wird älter und stärker und wer weiß schon, was in seinem Kopf vorgeht." Hermann hatte angstvoll seinen Onkel angesehen. Was ging hier vor? Er wusste es nicht, ahnte aber, dass etwas Schlimmes geschehen würde.

Hermann drückte behutsam seine Zigarre aus. Ihm war nicht mehr nach Rauchen. In seinem Hals steckte ein Kloß und zu seinem Entsetzen merkte er, dass er weinte, die Tränen rannen über seine Wangen, schmeckten salzig auf seinen Lippen. Er hatte plötzlich große Angst, wollte zu Helene, zu Ferdi. Die waren nie böse auf ihn. Wenn Onkel Franz tot war, dann wäre er ja gar nicht wirklich dort bei der Beerdigung, stattdessen wäre vielleicht Frau Manner da. Er weinte heftiger, wollte wieder nachhause zu Helene, in die Gruppe. Als der Kondukteur plötzlich vor ihm stand, erschrak Hermann so sehr, dass er den Mann von sich wegstieß, aufsprang und den Gang entlang rannte. Der Kondukteur schrie, was Hermanns Schrecken noch vergrößerte. Er rüttelte an einer Türe, die sich aber nicht öffnen ließ. Er lief weiter, die Leute auf den Sitzen starrten ihn an, der Kondukteur fluchte laut und war ihm dicht auf den Fersen. Hermann erreichte ein Fenster, sah den strahlend blauen Mai-Himmel, das Glitzern des Flusses unter der Brücke, riss das Fenster herunter und stürzte sich hinaus.

"Hermann ist tot", teilte Helene der Gruppe mit. "So wie sein Onkel Franz", warf Ferdi ein, "na, das sind ja Sachen. Und dabei habe ich ihm eine ausgezeichnete Zigarre zur Beerdigung geschenkt." Da keiner mehr etwas sagte, holte er sein Buch von Walser hervor und begann vorzulesen: "Denn ist nicht nach Friedrich Nietzsche das Anschauen, das Miterleben einer Tragödie im feineren und höheren Sinn eine Freude, eine Lebensbereicherung?"

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Amanda ist ein wenig verrückt, ein wenig verliebt in die Einsamkeit, und sie hat ein Faible für phantastische Geschichten. Zu ihren Vertrauten gehören ihre Katze Frany sowie Korbi, ein liebenswerter Bühnenkünstler mit seiner skurrilen Theatergruppe und ein weiser alter jüdischer Juwelier. Dann und wann wandert Amanda mitten in der Nacht durch die Straßen ihres alten Heimatdorfes, um sich für neue Geschichten inspirieren zu lassen. Eines Nachts begegnet sie auf dem Friedhof einigen Toten, die alles andere als friedlich ruhen. Als die agilen "Friedhofsbewohner" eine fremde Leiche in ihrem Totendorf finden, versucht Amanda mit Hilfe ihrer Freunde, den Lebenden und den Toten, das Geheimnis der "verirrten" Leiche zu lüften.
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