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Rufus Lämmlein – Von Manfred Schröder. Erinnerungen an den Volksschullehrer Rufus Lämmlein und eine dunkle Zeit der deutschen Geschichte.

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Dez
01
Rufus Lämmlein
© Manfred Schröder

Rufus Lämmlein war mein Volksschulklassenlehrer. So manches und manchen habe ich vergessen in den vielen Jahren. Doch Rufus Lämmlein - welch ein herrlicher und warmer Name! - taucht des Öfteren auf aus der Tiefe verblasster Erinnerungen und steht wie damals vor mir.

Er hatte es nicht leicht gehabt unter seinen Lehrerkollegen, die sich aus der Zeit der tausend Jahre herüberretten konnten und nun von Neuem, unterm christlichen Madonnenmantel versteckt, ihr braunes Gift verspritzten. Dieser Melomane mit dem milden Melanchthon-Gesicht und dem melancholischen Blick war ein Spiegel, in dem man ein anderes Deutschland erblickte. Er muss einen besonderen Schutzengel gehabt haben, dass er die Zeit der alles zertretenden Stiefel und herausgebrüllten Lieder überlebt hat. Sein braunes Haar war lockig, sein Gang ein wenig schlurfend, im Gegensatz zum kurzem Schnitt und forschem Gang seiner Kollegen. Er sprach leise und langsam, als wolle er kein Wort ungeprüft ins Freie lassen. Sein Hauptfach war Geschichte. Wenn er vor uns in der Klasse stand, saßen selbst die Lautesten unter uns still. Denn Rufus Lämmlein lehrte keine Geschichte, sondern erzählte sie. Da das Tausendjährige Reich tabu war, entführte er uns, oft den offiziellen Lehrplan missachtend, in die Antike. Wir haben zwar wenig von dieser Zeit verstanden, doch Herkules und Odysseus wurden zu guten Freunden.

Und Lämmlein hatte Humor.

Ich hatte etwas von Sokrates aufgeschnappt und wollte Lämmlein damit imponieren. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", sagte ich zu ihm.

Er lächelte. "Ich weiß. Wärest du Sokrates, ich würde dich weise nennen. Doch ich fürchte, dass du das nächste Schuljahr wiederholen musst."

Na, ich habe es dennoch geschafft. Ich musste ja nicht so weise wie der Sokrates sein.

Ja, Rufus Lämmlein. Einer der liebsten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Doch es war einfach nicht die Zeit für liebe Menschen. Und es kann der beste Deutsche nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nazi nicht gefällt. Eines Tages war Lämmlein verschwunden. Man hatte ihn versetzt. Wohin, das habe ich nie erfahren. Und ich habe ihn auch nie mehr wieder gesehen.

Von da an stand ein von Schmissen zerrissenes Gesicht vor uns und schnarrte von Helden und Germanentum.

Ich bin kein religiöser Mensch. Doch ich bin sicher, dass Rufus Lämmlein jetzt auf einer rosaroten Wolke sitzt und mit anderen Engeln Vivaldi und Purcell musiziert.

Als ich zwanzig Jahre alt war, habe ich das Land wie einen zu engen Mantel abgelegt und nie mehr wieder gesehen. Bizet statt Wagner; Wein statt Bier, François Villon statt Siegfried.

Doch, sein Vaterland kann man verlassen, seine Muttersprache nie.

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