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Vier Uhr nachmittags – Von Manfred Schröder. Vier Uhr nachmittags in einer Kneipe.

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Dez
01
Vier Uhr nachmittags
© Manfred Schröder

Es war vier Uhr am Nachmittag. Um diese Zeit gab es nur wenige Gäste in der Kneipe. Die meisten saßen vor dem Tresen und unterhielten sich. An einem der Tische befand sich ein junges Paar, welches stumm dasaß und sich wohl nichts zu sagen hatte. Am Nebentisch kämpfte ein Mann verzweifelt gegen seinen Rausch an. Hin und wieder fiel sein Kopf nach vorne, den er dann jählings nach hinten schnellen ließ. Der Wirt, groß und hager, blickte unter buschigen Augenbrauen durchs Fenster, an dessen Scheibe die Novembertränen eines verregneten Tages herunterliefen. Das Schild mit der Aufschrift "Zum alten Seemann" schaukelte oberhalb des Fensters hin und her. Missmutige Passanten eilten, den Kopf nach unten gesenkt, vorüber.

Für eine Weile hatte niemand ein Wort gesprochen. Dann fing der alte Mann mit seiner hohen Fistelstimme wieder an: "Mir kann keiner was erzählen, was Malochen heißt. Hab mein Leben lang im Hafen gearbeitet. Säcke geschleppt. Hundert Kilo."

Ein junger und kräftiger Bursche mit gutmütigem Gesicht lachte, denn der alte Mann war klein und dürr.

Der Alte blickte mit seinen wässerigen Augen wütend zu dem Lacher: "Ja, lache nur. Damals hatten sie noch Respekt vor mir."

Der junge Mann lächelte und hob zum Zeichen der Versöhnung seine linke Hand. Und zum Wirt gewandt: "Geben Sie dem Opa noch ein Bier. Auf meine Rechnung."

Der Wirt nickte. Die anderen hatten nur kurz aufgeschaut und setzten ihr Gespräch fort. Man sah dem alten Mann an, wie er mit sich kämpfte. Ob er auf die Bemerkung "Opa" reagieren sollte oder das Bier annehmen. Er entschied sich für das Bier.

Der Wirt schob dem Alten das Glas zu. "Zwei Bier stehen schon auf Ihrem Deckel."

Der Alte murmelte undeutlich vor sich hin. Und dann: "Wo ist meine Zigarettenschachtel? Die lag eben noch hier. Da waren noch Zigaretten drin." Er blickte vorwurfsvoll in die Runde.

Der Wirt atmete tief durch. "Niemand hat Ihre Zigaretten genommen. Ich habe die Schachtel weggeworfen, weil sie leer war."

"Da bin ich aber anderer Meinung," sagte der Alte. "Ich bin doch nicht blöd."

"Das hat niemand behauptet", gab der Wirt ruhig zur Antwort.

Jedes Mal, wenn der alte Mann seinen Mund auftat, sah man vereinzelte Zahnstümpfe in einem großen dunklen Loch.

Der Mann zur Linken schaute unwirsch zu ihm herüber. "Da!" Er schob ihm eine Zigarette zu. "Und halte endlich dein Maul. Dein Gerede geht einem auf den Wecker."

Der Alte schluckte und versuchte sich aufzurichten. "Ich bin es nicht gewohnt, dass man so mit mir spricht. Wenn Sie wüssten, wer ich bin, dann ..."

Der Wirt legte eine Streichholzschachtel neben die Zigarette. "Hier. Und machen Sie, was er Ihnen gesagt hat."

Der Alte blickte einen Augenblick in das ruhige Gesicht des Wirtes. Seine linke Hand zitterte, als er die Zigarette zum Mund führte. Erst beim dritten Mal fing das Streichholz Feuer.

*

Die Tür wurde aufgestoßen. Eine Frau trat ein, begleitet von einem kalten Windhauch. Sie grüßte zum Wirt hin. "Bring mir einen Kaffee und einen Cognac."

"Gut. Ich dachte schon, du kommst nicht."

Die Frau zuckte mit den Schultern und ging nach unten, wo sich die Toiletten befanden. Der Wirt machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und warf einen kurzen Blick nach draußen, wo es immer noch regnete. Die Straße war leer und glänzte.

Der alte Mann rutschte vom Hocker. Er war nicht mehr ganz sicher auf seinen Beinen. Sein Blick streifte den Wirt, der ihn beobachtete. Dann ging er zur Treppe, welche die Frau heruntergegangen war.

"Sie können da jetzt nicht nach unten gehen", sagte der Wirt.

"Und warum nicht?"

"Weil sich da unten eine Dame befindet. Sie müssen schon warten bis sie wieder heraufkommt."

Die Männer am Tresen unterbrachen ihr Gespräch und blickten abwechselnd zum Wirt und zum alten Mann.

Dieser setzte eine kämpferische Miene auf. "Halten Sie mich für einen Sittenstrolch?"

Der Wirt wischte mit einem Lappen über die Theke. "Nein", sagte er ruhig. "Doch Sie müssen warten, bis sie wieder heraufkommt."

Jemand sagte: "Opa, wir kennen dich alten Casanova", und es wurde gelacht.

Der alte Mann legte eine gewisse Vornehmheit in seine Stimme: "Ich war immer ein Gentlemen Frauen gegenüber."

Er versuchte würdevoll auf seinen wackeligen Beinen zu stehen und hielt dem Blick des Wirtes stand.

"Ich hatte eine vornehme Erziehung."

Für einen Moment zog ein Lächeln über sein von Falten überzogenes Gesicht. Als hätte er einen Sieg errungen.

Dann ging er auf den jungen Mann zu, der ihm ein Bier gespendet hatte, und setzte sich neben ihn.

"Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich neben Ihnen Platz nehme", sagte er, während sein Blick an dem halb gefüllten Glas Bier haften blieb, welches vor dem jungen Mann stand. Dieser schüttelte lächelnd seinen Kopf. Er begriff, und sagte zum Wirt: "Geben Sie ihm noch ein Bier und schreiben Sie seine beiden anderen auch auf meinen Deckel."

Der alte Mann versuchte Würde zu bewahren. "Ich weiß, was Sie jetzt denken." Er warf einen kurzen Blick zum Wirt. "Doch es ist nicht so. Ich hatte nur ein paar Ausgaben gehabt. Doch das Geld für die Biere gebe ich Ihnen zurück. Ich bin noch niemanden etwas schuldig geblieben."

Der Wirt brachte das Bier und sah die Frau die Treppe heraufkommen. Er wandte sich an den Alten: "So, Sie können jetzt heruntergehen."

Der Alte versuchte dem Wirt in die Augen zu schauen. "Ich bin ein freier Mann und kann selbst bestimmen, wann ich nach unten gehe."

Der Wirt nickte. "Das sind Sie."

Die Frau hatte sich frisch gemacht. Sie war nicht mehr ganz jung und musste in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein. Sie ging zu einem der freien Tische und legte den noch feuchten Mantel auf einen Nebenstuhl und setzte sich. Der Mann am Nebentisch hatte den Kampf gegen seinen Rausch verloren. Sein Kopf lag zwischen beiden Armen und sein Atem war geräuschvoll und unregelmäßig. Das junge Paar erhob sich und ging zum Tresen, wo der Mann beim Wirt die Rechnung bezahlte.

Die Frau zündete sich eine Zigarette an und rückte den Stuhl dann so, dass sie die Tür und das Fenster im Blick hatte. Kurz darauf kam der Wirt mit dem Kaffee und dem Cognac. Er stellte das Tablett auf den Tisch und setzte sich neben sie. Er zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Einen Augenblick saßen beide ohne ein Wort zu sagen da.

"Du weißt, dass heute der Tag seiner Entlassung ist", unterbrach er das Schweigen. "Fünf Jahre sind es her. Eine lange Zeit."

Sie reagierte nicht sofort auf seine Bemerkung. Als müsse sie sich über seine Worte erst klar werden. "Ich weiß."

Er schaute dem Rauch seiner Zigarette nach, der kräuselnd nach der Decke schwebte. "Du hättest ihn abholen können."

Sie nahm einen Schluck Kaffee, und leerte das Cognacglas in einem Zug. "Das hätte ich. Doch jetzt ist er an der Reihe. Er weiß, wo er mich finden kann. Es liegt jetzt alles an ihm."

Der Wirt zuckte mit seiner Schulter. "Ich verstehe. Übrigens: wenn du hungrig bist, geh in die Küche und mach dir etwas."

Sie nickte lächelnd. "Ja, danke."

Er erhob sich, blickte nachdenklich auf sie herunter und begab sich wieder hinter die Theke.

*

Das letzte Bier hatte den alten Mann noch aggressiver gemacht. Sein ausgestreckter Zeigefinger schlug gegen die Brust des jungen Burschens.

"Hast du jemals", seine hohe Fistelstimme gellte schrill und unangenehm, "hast du jemals vor einer Dame den Hut gezogen?"

Der junge Mann war die Gutmütigkeit in Person. "Nein, das hab ich nicht. Denn ich besitze keinen."

Einige lachten. Das brachte den alten Mann noch mehr in Wut und er warf mit unflätigen Bemerkungen um sich. Durch seine unkontrollierten Bewegungen verlor er das Gleichgewicht. In letzter Sekunde konnte ihn der Blondschopf noch auffangen.

Ein kurzes Lächeln ging über das Gesicht des Wirtes. Dann sagte er mit seiner ruhigen und ernsten Stimme: "Ich denke, es ist besser, dass Sie jetzt nach Hause gehen." Er blickte zum Fenster hinaus. "Es regnet nicht mehr. Und Sie sagten mir, dass sie nicht weit von hier wohnen."

Der alte Mann wurde trotzig wie ein Kind, dem man befohlen hat, ins Bett zu gehen. "Ich bin Gast wie jeder andere hier. Sie können mich nicht so ohne Weiteres rausschmeißen. Ich kenne meine Rechte."

Der Wirt kam langsam hinter der Theke hervor. "Ja, die kennen Sie. Trotzdem ist es besser, Sie gehen jetzt."

Die anderen schauten grinsend auf den Alten.

"Gut, ich gehe. Der Klügere gibt nach. Doch früher hätte das niemand mit mir gewagt." Er schwankte, doch er hielt sich auf seinen Beinen. "Und ich bin Ihnen wohl nichts schuldig, oder?"

"Nein, Sie sind mir nichts schuldig. Alles ist bezahlt." Er ging zum Garderobenständer und nahm den Mantel und Hut des Alten. "Kommen Sie, ich helfe Ihnen."

Dieser blickte ihn mit verkniffenem Mund an. "Ich brauche keine Hilfe. Von niemandem."

Der Wirt nickte. "In Ordnung." Er reichte ihm die Kleidungsstücke.

Der Alte ging schwankend zur Türe. Bevor er nach draußen trat, drehte er sich noch einmal um. "Und vergessen Sie nicht, junger Mann. Ich bleibe niemandem etwas schuldig. Sie haben mein Wort darauf."

Dieser hob freundlich seine Hand. "Klar. Geht in Ordnung."

Einen Augenblick blieb der Alte noch vor dem Fenster stehen. Dann verschwand er um die Ecke.

*

Der Wirt schloss die Tür und ging hinter den Tresen zurück. Sein Blick wanderte wieder nach draußen und er gewahrte das Taxi, welches auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhielt. Er schaute zur Frau, die den Wagen auch gesehen hatte. Doch sie zeigte keinerlei Gefühlsregung. Die Wagentür öffnete sich und der Wirt erkannte trotz der vielen Jahre, dass es Dirk war, der ausstieg. Das Taxi fuhr davon. Dirk blieb eine Zeitlang unbeweglich draußen stehen und blickte zur Kneipe herüber. Dann löste sich sein massiger Körper und er überquerte mit schweren Schritten die Straße. Die anderen Gäste nahmen von alledem keine Notiz und redeten weiter. Vor dem Fenster blieb Dirk stehen. Er schaute an den Wirt vorbei und bemerkte die Frau im Hintergrund. Ihre Gesichter waren ausdruckslos. Nur ihre Augen redeten miteinander.

"Er wird nicht reinkommen", dachte der Wirt. "Und das ist gut so."

Er bückte sich, als suche er etwas auf den Boden. In dieser Haltung verharrte er eine Weile. Als er sich wieder aufrichtete und nach draußen blickte, war Dirk verschwunden.

Die Frau stand auf. Sie zog ihren Mantel an und ging zur Tür. "Ich bezahle morgen."

Der Wirt nickte. "In Ordnung."

Die Frau trat ins Freie.

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