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Luftschlösser

© Laura Mattes


Lieber zieht er es vor, nach der Arbeit sofort nach Hause zu fahren.
Kneipengänge, Beisammensein, all das ist nichts für ihn. Oder besser, all das soll nichts für ihn sein.
Er spürt die Blicke ihm Nacken genau. Wie sie ihn hämisch verfolgen, auf Schritt und Tritt. Er hört ihr Geflüster, wie sie kichern wenn er verschreckt durch die endlos, hallenden Gänge schleicht.
Er macht nur seine Arbeit, denkt er. Er lässt alles zurück, nach 16 Uhr.
Ja, er lässt alles zurück. Er kehrt dann nach Hause zurück. Nach Hause, ja, das wäre schön.
Er wohnt in einer Wohnung, kaum größer als eine Garage. Jeden Tag nach der Arbeit sitzt er vor der alten Fototapete im Esszimmer.
Er denkt sich weg, irgendwo hin. Weit weg. Hauptsache das. Auf eine Insel. Mit Sand so hell und fein, und das Meer, strahlend türkis.
Wenn wieder einmal Steine fliegen denkt er schnell an das Rauschen der Wellen. Wie sie kraftvoll in die Brandung schlagen.
Seine Frau ist ihm weggelaufen. Wegen eines anderen. Er sei schließlich nicht in der Lage, eine Familie zu ernähren. Einen Versager nannte sie ihn.
Dieses Wort blieb eine Narbe, direkt auf dem Herzen.
Freunde hat er keine.
Er braucht keine Freunde. Seit einigen Wochen arbeitet er noch härter und länger als sonst. Er beißt die Zähne zusammen. Kämpft. Trotz der Sticheleien und der Demütigungen arbeitet er weiter, immer weiter.
Ist doch schließlich diese Stelle frei geworden.
Eine Beförderung, das wäre was. Er träumte so lange davon. Endlich jemand sein. Endlich nicht mehr ganz unten. Vielleicht eine größere Wohnung, oder einen Urlaub .Ob es dann auch mit den Frauen klappt? Wenn man es zu etwas gebracht hatte? Und er, er will es zu etwas bringen! Schluss mit den Zeiten des Versagens.
Er kommt jeden Abend erst weit nach 19 Uhr nach Hause. Übernimmt alle Überstunden. Lässt im Durchschnitt zwei oder drei Stunden mehr Schikanen über sich ergehen.
Und dann das Schreiben. Von ganz oben. Ein Termin beim Chef. Erst zum zweiten Mal seit 15 Jahren fährt er in den sechsten Stock. In die Chefetage. Nach oben, zu den ganz Großen. Zu denen, die niemand schikaniert, weil sie unantastbar sind. Sie kann nichts erschüttern. Sicher in Sportwagen und Designer Anzug.
Angstschweiß. Es schüttelt ihn vor Aufregung. Schnell das Mundspray gezückt.
Er wird es gut machen. Endlich bekommt er die Anerkennung, die er verdient.
Doch dann, beim Chef, der Absturz. Stellenabbau.
Keine zehn Minuten später findet er sich wieder. Mit einem Papier in der Hand. Am Ende. Mitten in der Fußgängerzone. Niemand sieht ihn, niemand hört ihn. Niemand ahnt, dass gerade ein Mann, der sich aufgeopfert hatte, um das letzte bisschen Ehre in seinem Leben zu retten, mit Füßen getreten wurde.
Niemand will etwas wissen von dem, der sein Kündigungsschreiben in der Hand hält und mit leeren Augen in seine leere Wohnung läuft, um seinem leeren Leben voller leerer Worte ein Ende zu bereiten.
Drei Tage später findet in der Firma eine Trauerfeier statt. Auf einem großen, schwarzen Plakat, welches man bedrückt in die Kameras der Presse hält, steht geschrieben:
In stillem Gedenken an Harald Schmidt, der so unerwartet aus dem Leben schritt.
Er hinterlässt eine große Lücke.
In Trauer
Die Firma Eberts
Metallbau



Eingereicht am 13. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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