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Snooze

© Ralf Niemietz


Der Wecker klingelt.
Der Versuch, das digitale Stück Plastik auf meinem Nachtisch mit einem gezielten Handkantenschlag, wenn man in diesem Zustand überhaupt von gezielt sprechen kann, zum Schweigen zu bringen, gelingt.
Unwillkürlich richten sich die verschlafenen Augen auf die nun erleuchtete Digitalanzeige.
Sechs Uhr.
Grausamer kann eine Zahl nicht sein.
Aber ich habe noch vier Minuten bis das Werkzeug moderner Menschenfolter wieder Laut gibt.
Noch lauter, noch durchdringender.
Wie jeden Morgen bei diesem Spiel, das übrigens immer 5:2 für das kleine graue Monster ausgeht, denke ich, wer so etwas erfunden hat.
Ich versuche den Gedanken wegzustoßen, für vier lange, warme, geborgene Minuten.
Ich ziehe die Decke höher und versuche die verbleibende Zeit zu nutzen.
Doch wie jeden Morgen beginnt sich etwas zu regen.
Zuerst ganz zart, so dass man es kaum spürt, aber ich weiß, dass es stärker wird, gewaltig, so dass es einen nicht mehr loslässt und dann beginnt es.
Das Gehirn spukt die To-Do-Liste für den Tag aus.
Gedanken über Arbeit, Meetings und andere unangenehme Dinge rasen durchs Hirn, so schnell, so bunt, so realistisch grausam, dass kein hochgezüchteter Computer mitkommt.
Es nimmt mich mit auf die schreckliche Reise durch den Tag.
Ganze vier Minuten lang.
Soll ich mich nach dem zweiten Alarm des Nachttischmonsters sehnen?
Mit einem Auge schnell die Zeit erfasst.
Habe noch zwei Minuten.
Ausruhen.
Genießen.
Doch das Gedankenstakkato trommelt weiter durch den Schädel, schnell und unbarmherzig.
Jetzt habe ich die richtige Idee, eigentlich habe ich jeden Morgen die richtige Idee.
Ich denke an was Schönes.
Großartige Idee.
Grüne Wiesen, blühende Blumen, graue Gedanken, Schmetterlinge.
Graue Gedanken?
In diesem Moment wird meine Illusion durch die Wirklichkeit der grauen Gedanken zerfetzt.
Das Stakkato geht weiter.
Noch ein Auge riskieren.
30 Sekunden.
Ich gebe auf.
Ich lasse den Gedanken freien Lauf.
Na los, macht mit mir, was ihr wollt.
Das Stakkato verebbt, warum nicht gleich so.
Das ist die Lösung.
Jetzt sind meine Gedanken frei.
Der schale Geschmack der Wahrheit bleibt, ich werde die Lösung bis Morgen früh vergessen haben.
Der Wecker klingelt.
Jetzt bleibt nur die Gewissheit, mein kleines Nachttischmonster führt 5:0, die nächsten zwei Runden gehören mir.



Eingereicht am 16. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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