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Kevin

© Elisabeth


Kevin war erst vor vier Monaten geboren worden. Vier Monate, in denen andere Kinder behütet, geliebt und verwöhnt ihre Umgebung erleben.. Kevin jedoch hatte nie Gelegenheit glücklich jauchzend seine Welt in einem tristen Vorort zu erkunden. In seinem jungen Leben hatte er schon viel geweint und geschrien, um auf sich aufmerksam zu machen. Mit der Zeit jedoch musste seine kleine Seele erkennen, dass niemand kam, ihn in den Arm nahm, für sein Wohlbefinden sorgte und ihm Liebe schenkte. Sein Weinen wurde immer leiser, seine Augen immer trauriger. Ganz selten kam es vor, dass ihn Mandy, seine Mutter, aus seinem kleinen Gitterbettchen hochnahm, ihn lieblos anzog und ihn, so wie heute, zum Einkaufen mitnahm. Sie gingen vorbei an eintönigen grauen Hochhäusern, vorbei an ungepflegten "Betreten-verboten"-Rasen, die übersät waren, mit Hundekot, Papierschnipseln und leeren Bierflaschen. Einige Jugendliche hatten wohl die Schule geschwänzt und lümmelten sich auf ein paar Bänken, die an einem heruntergekommenen tristen Spielplatz standen. Kevin lag still in seinem Wagen. Wusste er doch zu gut, wie böse Mandy werden konnte, wenn sie seine Gegenwart wahrnehmen musste. Auch zeigten seine Augen eine tiefe Leere. Er war müde, so müde, dass er nicht einmal mehr Hunger verspürte. Kraftlos lagen seine mageren kleinen Händchen auf der Decke Mandy nahm nicht wahr, dass ihr Kind einer anderen Welt entgegendämmerte. Auch die Menschen, die vorbei hasteten, hatten keinen Blick für das Drama vor ihren Augen. Keiner beachtete Mandy und Kevin. Jeder war mit sich selbst beschäftigt und versuchte sein Leben zu meistern. Versuchte, die Tristesse, die alles in graues Licht hüllte, zu vergessen.
Es war ein Stadtviertel, das in Zeitungsberichten allenfalls durch negative Artikel auffiel.
Kleine, einfache Leute, die mühsam versuchten, über die Runden zu kommen. Manche anständig, andere verschlagen und kriminell. Da es aber Bagatellfälle für die Polizei waren, ging man leger darüber hinweg. Es war ein Schmelztiegel der Armut, Einsamkeit, Gewalt und Gleichgültigkeit. Hierher hatte es Mandy verschlagen, als sie noch glaubte, alles wird gut in ihrem Leben. Als sie noch die Hoffnung hatte, geliebt zu werden. In ihren Träumen hatte sie einen Mann, der sie liebte und für sie sorgte, so, wie sie es selbst als Kind nie erlebt hatte. Während sie den Kinderwagen zum Einkaufscenter schob, dachte sie an Mike. Er hatte es in kurzer Zeit geschafft, ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzen zu lassen. Er träumte nur davon, viel Geld zu haben, leicht verdientes Geld. "Nicht malochen zu gehen, wie die anderen Deppen", war seine Einstellung. So brachte er sich meist mit kleinen Gaunereien über die Runden und verspottete Mandy, weil sie einer geregelten Arbeit am Fließband nachging. Viel verdiente sie nicht, aber es reichte für neue Klamotten, die in vielen Billigläden angeboten wurden. Sie freute sich über jede Party am Wochenende, genoß den Alkohol, der in Strömen floß und war mit ihrem Leben zufrieden. Die Arbeit erledigte sie notgedrungen. Sie hoffte und wünschte, dass irgendwann einmal ihr Märchenprinz auf einer der Partys sein würde. Dann würde das große Glück kommen, träumte sie sich damals ihr Leben schön. Ja, seufzte sie bitter im stillen, derweil sie weiter lustlos den Kinderwagen schob, aber es kam Mike. Mit ihm wurde alles anders, hing sie ihren Gedanken weiter nach. Sie glaubte an seine Liebe, seinen Versprechungen von einem tollen Leben ohne Sorgen. Sie gab den Job auf, weil Mike ja so Recht hatte. Warum sollte sie für ein paar Euro arbeiten gehen? dachte sie damals rebellisch und gleichzeitig voller Hoffnung auf eine schöne Wohnung, ein tolles Auto und viel Geld, wie ihr es Mike versprochen hatte. Nur kurze Zeit hatte sie ihre schönen Träume. Dann gingen Mikes "Geschäfte" schlecht. Missmut schlich sich ein. Streitereien waren an der Tagesordnung. Das wenige Geld, das sie hatten, setzten sie in Alkohol um; das machte alles etwas erträglicher. Mike beschimpfte sie als fette Schlampe, weil sie sonderbarerweise tatsächlich sehr rundlich um die Hüften wurde. Aber Mandy war sich keiner Schuld bewusst, da sie doch wirklich nicht viel aß. Weitere Gedanken darüber machte sie sich nicht, sondern lag rauchend und trinkend auf ihrer Couch und ließ sich vom Fernsehen von ihrer Wirklichkeit ablenken. Das Gerät war das armselige Kaminfeuer ihres Lebens. Bis sie auch dieser kleinen Geborgenheit entrissen wurde Sie war so gefangen in ihren Erinnerungen, dass sie sich auf eine der Bänke setzte, die am Rande der Grasfläche standen. "Mein Gott war das schlimm" durchfuhr es sie. Wieder einmal durchlebte sie die Szene. Erneut bemächtigte sich ein Gefühl der damals verspürten Angst. Sie glaubte, die sonderbaren Bewegungen in ihrem Bauch wieder zu fühlen. Da hatte sie entsetzt aufgeschrien, nicht begreifend wie ihr geschah. Die darauffolgende Diskussion war ihr noch immer in schrecklicher Erinnerung. Desinteressiert, aber von ihrem Aufschrei aus seiner Trägheit gerissen, fragte Mike, was los sei. Ihre Antwort ließ ihn aufschrecken. "Mann, Du blöde Schlampe, kriegst ein Balg. Ich glaub es ja nicht" schrie er hysterisch, während er entsetzt ihren Bauch ansah, so erinnerte sie sich immer noch schreckerfüllt. Schon längere Zeit hatte er sie nicht mehr bewusst angesehen, weil sein Interesse an ihr nachließ, machte sie sich jetzt klar. Darum war er umso geschockter. Mandy erinnerte sich, wie er sie kalt und erbarmungslos zur Abtreibung aufforderte. Wie sie die ganze Zeit mit weit aufgerissenen Augen auf der Couch saß, unfähig das Gehörte zu begreifen. Ihr Kopf dröhnte. Seine Worte prasselten wie Hiebe auf sie, während das Kind sich noch einmal bewegte. Unwillkürlich presste sie ihre Hände auf den Bauch. Aber Mike zerrte Mandy hoch und stupste sie zur Tür. Er warf ihr noch die Jacke, die an der Garderobe hing über die Schulter, zerrte ihre Tasche vom Haken und schob sie die Türe hinaus, damit sie sofort zu einem Arzt ging.
So begann ihr Abstieg in die Verwahrlosung. Stück für Stück starb ein Teil Menschlichkeit. Kein Arzt konnte mehr die Verantwortung für einen Abbruch übernehmen. Sie war zu sicher gewesen. Dachte an keine Schwangerschaft, weil sie ja immer ihre Tage bekommen hatte. Sie musste das verhasste Kind austragen. Mike war mit seinen wenigen Habseligkeiten ohne Worte gegangen. Verbittert, unglücklich und meist alleine erlebte sie die Schwangerschaft. Ihre Freundinnen vergnügten sich auf Partys und kauften sich neue Klamotten, während sie elend, unförmig und hässlich in ihrem Gefängnis saß, wie sie empfand. Oh wie war sie damals glücklich, als sie entbunden hatte und wieder sich selbst gehörte. Keinen Blick hatte sie für das Kind, keine liebevolle Umarmung hieß den kleinen Kevin willkommen auf der Welt. Bereits zwei Tage nach der Entbindung verließ sie das Krankenhaus mit ihrem Sohn. Unlustig erledigte sie die Dinge, die ein Säugling braucht. Aber auch nur die erste Zeit. Immer weniger und seltener versorgte sie an das Kind. Egoismus und Sucht nach Vergnügen beherrschten ihr Dasein. Freiheit wollte sie spüren. Wieder mit den alten Freunden feiern. Ja, sie wollte endlich wieder Spaß haben. Jubeln war in ihr. Kaum konnte sie den Abend erwarten. Schnell erhob sie sich wieder von der Bank und schüttelte die Gedanken an die Vergangenheit ab. Beflügelt von der Vorfreude auf den Abend erledigte sie ihre Einkäufe. Dass Kevin schon wieder eingeschlafen war, nahm sie nur am Rande wahr. Er schlief oft. Blass, fast grau war sein kleines Gesichtchen. Mager und erschreckend alt waren die Gesichtszüge des Babys.
"Ach das Balg" dachte sie flüchtig "Scheißegal, ich war ja schon öfter weg. So lange wird der auch nicht schreien, wenn er aufwacht, " überlegte sie noch, während sie, zurück vom Einkauf, den Kinderwagen einfach in das kleine Zimmer schob. "Der schläft ja, dann braucht der auch keine Flasche mehr"! Damit schloß sie die Tür und Kevin war nicht mehr in ihren Gedanken.
Heute abend sollte endlich einmal wieder eine Party stattfinden. Eine Bekannte wollte ihren Geburtstag feiern und hatte sie eingeladen. Endlich kam sie wieder einmal raus aus ihrer ungemütlichen Wohnung, die noch dazu schmutzig und unaufgeräumt war. Aber dafür hatte sie keinen Blick. Oh wie sie es haßte, diesem Kind die Windeln zu wechseln. Die schmutzigen Windeln stopfte sie in einen Plastiksack, den sie, wie vieles andere was sie nicht brauchte, auf den Balkon warf.
Ebenso wie die wenigen Verpackungen der Kindernahrung. Meist gab sie ihm widerwillig die Nuckelflasche mit lauwarmem Wasser, in die sie einfach ein einige Löffel Milchpulver schüttete und sie dem Baby in die kleinen Händchen drückte. Mühsam hielten diese dann die Flasche und Kevin saugte so lange, bis kein Tropfen mehr heraus kam. Dann fiel die Flasche neben sein Kissen und so schlief er ein. Aber das alles interessierte Mandy nicht. Sie war böse, weil sie das Kind als Halse hatte, sie fühlte sich um ihre Jugend betrogen und hatte nichts anderes im Sinn, als zu leben. Was sie als "leben" verstand, hatte nichts mit ihrem Kind zu tun. Daran verschwendete sie keine Gedanken. "Ach, wenn es doch schon Abend wäre", kam ihr wieder die Party in den Sinn. Gelangweilt blätterte sie in der Zeitung, die sie vom Einkauf mitgebracht hatte. Eine Schlagzeile fiel ihr ins Auge : "Ungewollt schwanger", "Hilfe für junge Mütter", "Babyklappe" stand da. Interessiert las sie weiter. "Das wärs doch", durchzuckte sie es freudig. "Egal, wenn es nur für Neugeborene gilt, Da bringe ich das Kind hin". Kurzentschlossen und voller Elan sprang sie auf, nahm ihre Jacke, holte den Kinderwagen mit dem schlafenden Kevin und verließ wieder das Haus. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie mit dem Bus die relativ weite Strecke fahren musste, führte sie ihr direkter Weg zur Haltestelle.
Endlich, dachte sie frohlockend, endlich bald wieder frei sein. Nichts anderes beherrschte ihr Denken. Über die Folgen ihre Tuns dachte sie keine Sekunde nach. Gewohnt, im Augenblick zu leben und Verantwortung als lästig zu empfinden, hatte sie nur ein Ziel vor Augen: das Kind loszuwerden. Den immer noch tief schlafenden Kleinen liess sie einfach vor der Babyklappe stehen, die sie nach langem ungeduldigem Suchen gefunden hatte. Sie betätigte schnell und kurz den seitlich angebrachten Klingelknopf und rannte dann wie von Furien gehetzt auf und davon. "Schnell weg hier", nur das beherrschte ihr Denken, während sie durch eine kleine Parkanlage lief. Genau auf die große Kreuzung zu, wo der Autobahnzubringer, zusammen mit drei weiteren sehr belebten Strassen, einmündete. "Weg, nur weg von hier", trieb sie sich selbst an. Alles hinter sich lassen, neu anfangen, drehten sich ihre Gedanken. Ihr Blick war auf ein imaginäres lockendes Ziel gerichtet, während sie lief. Den großen LKW, der gerade von Autobahn kam und die Grünphase der für ihn geltenden Ampel nutzte, sah sie nicht..........
Und sie sah nicht die glücklichen Augen von Kevin und seiner Adoptivmutter, die ihn voller Liebe und Fürsorge durch eine glückliche Kindheit begleitete, nachdem er in letzter Minute gefunden und gerettet wurde.



Eingereicht am 15. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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