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Dîner Sole – Susanne Weinhart. Die Gegend um Berchtesgaden, den Watzmann, den Jenner und den Obersalzberg birgt Erinnerungen an eine schreckliche Zeit.

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Buch

Dez
01
Dîner Sole
© Susanne Weinhart

Zwischen Vanessas Sätzen "Ich werde nie heiraten" und "Ich werde Nils heiraten" lagen drei ölfressende Winter, eine seltsame Bundestagswahl, eine morbide, 289-seitige Doktorarbeit über die Figur des Arztes in Thomas Manns Romanen und der schleichende Tod meiner Großmutter. Ich weiß noch, wie Vanessa dalag, als sie den einen, den ersten Satz sagte, sie lag auf meinem Bett, da ihr Bett schon abgebaut war, die langen blonden Haare wie ein Strahlenkranz bei Marienbildern um sich ausgebreitet, ihr weites grünes Kleid hing zu Boden, überall standen die Schranktüren offen, als ob sie nach uns schnappen würden, und sie beobachtete mich, am offenen Fenster stehend, nach ihren Eltern Ausschau haltend.

"Erinnerst Du mich daran, wenn ich jemand heiraten will, irgendwann?"

"Wie kommst Du jetzt darauf?"

"Nur so."

"Vielleicht willst Du dann daran nicht erinnert werden."

Sie betrachtete ihre kleinen Füße, umkniff mit ihren Zehen ein braunes Sofakissen und ließ es auf ihren Bauch fallen. "Und wenn doch?"

Ich hörte ein scharrendes Geräusch an der Tür, ging durch den zugestapelten Flur und öffnete nervös, es war ihr Vater und ihr Bruder, die grußlos nach Vanessas Koffer griffen und sie das lange Treppenhaus herunterwuchteten. Ich war unhöflich und hätte sie am liebsten gehindert, die Koffer und das Bett wegzutragen, Vanessa nach vier Jahren von mir wegzutragen. Vanessa selbst war ins Bad gerannt und kämmte sich wild die Haare mit meiner Bürste, schrie auf, stürzte in die Küche und schrieb auf ein Stück buntes Blümchenküchenpapier, das sie regelmäßig im Drogeriemarkt um die Ecke gekauft hatte, ihre neue Telefonnummer in Berchtesgaden, dahinter: (Vanessa!), küsste mich mit großen Klaus-Kinski-Augen und polterte türknallend aus der Wohnung. Bis bald, Liebe!, schallte es noch zu mir hinauf.

Ich stand mitten in der zerwühlten Wohnung, hörte das Geschrei ihres Bruders, dann das wegfahrende Auto, ging in ihr leeres Zimmer, strich über die scheppernden Plastikkleiderbügel im Schrank, betrat das Bad, in dem sie einige ihrer unzähligen bunten Anti-Bindestrich-Tiegelchen stehengelassen hatte, die lineallangen Haare in der Bürste. Schließlich wählte ich tranceartig ihre Küchenrollennummer, ließ es einige Male läuten, und speicherte die Zahlenfolge im Telefon. Gebraucht hatte ich sie selten, Vanessa war diejenige, die regelmäßig anrief, sie hatte einen Terminkalender, in dem sie mit rotem Stift alle getätigten Anrufe mit Datum vermerkte. Ein Grund, warum ich ihre Nummer immer noch nicht kannte, als ich den Satz "Ich werde Nils heiraten" auf dem Anrufbeantworter hörte. Ich hörte ihn mir achtmal an, an verschiedenen Orten der Wohnung. Doch nie wurde aus "Nils" nie.

*

Vanessa hielt einen Vortrag im NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg, exakt 1000 Meter ü. NN, als ich in Berchtesgaden mit dem Zug ankam. Sie arbeitete dort als eine Art Führerin oder wissenschaftliche Assistentin, ich schlich, müde nach der umständlichen Fahrt, mit Bus und Taxi und wieder Bus, mit meinem Koffer in den überheizten, abgedunkelten Raum, in dem es nach Plastik und Putzmittel roch, und sah sie während einer Filmvorführung seitlich auf einer Bühne stehen. Hakenkreuze huschten wild über ihr ebenmäßiges Profil, ihr Gesicht wurde abwechselnd in flimmerndes, mit Wochenschaufanfaren unterlegtes Weiß, Rot und Schwarz getaucht. Die Nazis in Schneewittchenfarben, dachte ich. In dem Saal saßen wenig Zuschauer, vorwiegend männliche Senioren, für die das alles, dem vorherrschenden Gesichtsausdruck nach, alter, guidoknoppartiger Schnee war. Ich setzte mich in die letzte Reihe und sah Hitler mit Göhring, Göbbels, Bormann und Speer rechts über Vanessa spazieren, sie grüßten gestenreich und übereifrig, pilotierten den Führer, standen schwärmerisch vor ionisch-dorischen Gipsmodellen und schließlich schulterklopfend am Balkon des Berghofs, Hitler streckte seinen rechten Arm aus, deutete mit dem Zeigefinger herrisch in die Bergtiara, sein spitzer Zeigefinger zielte plötzlich genau auf Vanessa. Sie trat instinktiv einen Schritt zurück und stand in der Dunkelheit. Der Film war zu Ende, doch das letzte Bild war zum Standbild eingefroren, der tötende Zeigefinger über dem ab 1937 hermetisch abgeschlossenem Gebiet, dem heimlichen Regierungssitz, ragte immer noch in Richtung Rednerpult, als wollte er Vanessa aufspießen wie einen seltenen Schmetterling.

"Am 25.04.1945 wurde schließlich ein Großteil der Bauwerke am Obersalzberg zerstört", schloss Vanessa und wollte das Licht anmachen, als ein junger Mann aufschrie.

"HALT! Ist das der Watzmann dahinten?"

"Nein, der Jenner."

"Das ist doch der Watzmann! Verarschen Sie uns doch nicht, Fräulein!"

Zustimmendes Brummen der älteren Männer. Was wusste so ein 28-jähriges blondes Ding schon von Berghof und Jenner. Da kannte man(n) sich schon besser aus.

Vanessa knipste blendendes Halogenlicht an und schaute gekränkt in die Runde, dass sich jetzt nach ihrer NS-Präsentation jemand für Berge interessieren konnte! "Folgen Sie mir bitte, wir gehen jetzt durch den lichtdurchfluteten Verbindungstunnel zu den Bunkeranlagen", flüsterte sie. Sie hielt die Tür auf, bis die ersten Besucher mit hochgezogenen Augenbrauen süffisant ihrem Ersuchen nachkamen, sah mit ihren großen runden Kinderaugen nach dem jungen Mann, entdeckte mich, als ich auf sie zukam (sie trug aus Eitelkeit keine Brille) und lächelte, erfreut und erschrocken. "Da bist Du ja", sagte sie schnell und umarmte mich so vorsichtig, als wäre ich eine der umherstehenden Litfasssäulen aus Pappe mit Eva-Braun-im-Dirndl-Schnappschüssen. "Tut mir leid, dass ich noch nicht fertig bin. Die Leute..." Sie verstummte, weil ein paar Besucher dreist neben ihr stehenblieben und zuhörten "Dass wir uns gerade am Obersalzberg wiedersehen müssen", grinste ich, hilflos ob all der Rempler ihrer nun in die Bunker preschenden Besuchergruppenellbogen und ihrer nervösen Unsicherheit. "Ja -", sie stockte, sah demonstrativ auf ihre zierliche Armbanduhr, so übertrieben, wie es Kinder, Komiker und Fernsehkommissare tun, "am besten, wir treffen uns in einer Stunde im Kehlsteinhaus zur Brotzeit", und eilte winkend in die Tiefe. "Den Weg findest Du leicht! Ich freu mich schon!" Ihre Stimme klang ab "Du" dumpf, wie aus dem Kohlekeller.

"Du ersparst mir den Bunker?", rief ich ihr nach.

Ich bekam keine Antwort mehr. Nur der spitze Zeigefinger Hitlers zeigte nun auf mich, als ich allein vor der Bühne stand, verschwitzt, mit schwerem Koffer und noch schwereren Beinen. Zorn stieg in mir hoch. "Zeig Du nur", murmelte ich und zog den Stecker des Videobeamers aus der Dose. Panik stieg in mir hoch, als ich aus dem verhängten Saal polterte.

Aus den Bunkern hörte ich es lachen.

*

Auf der fast sieben Kilometer langen, in die Felsen gebauten Straße zwischen Obersalzberg und Kehlstein wurden Spezialbusse eingesetzt, man stieg am Kehlstein aus, ging gute hundert Meter in den Berg hinein und fuhr mit einem messingverkleideten Aufzug direkt in das innere Kehlsteinhaus. Ich hatte furchtbare Angst vor Aufzügen, ich war als Kind allein im grünen Aufzug des Nachbarhauses stecken geblieben und hatte das Telefon nicht erreichen können, mit dem man die Hausverwaltung aus dem Verwalten aufschreckt. Zu klein. Ich hatte mich gestreckt und gestreckt und gegen alle Knöpfe gedrückt, geschrien, konnte den Text auf der roten Tafel nicht lesen und hatte mich panisch mit über dem Kopf verkreuzten Armen auf den Boden geworfen, bis einer der Hausbewohner nach einer halben Stunde den Aufzug brauchte, der sich plötzlich ganz normal in Bewegung setzte und mich als geschocktes, Wanderlieder singendes Knäuel im Erdgeschoß ausspuckte wie einen vergessenen Servierwagen. Plopp. ... die Luft ist blau und grün das Feld, lebe wohl, ade. Nie wieder betrat ich das Nachbarhaus, obwohl ich nach der Meckigeschichtenseite in der Fernsehzeitschrift gierte, die eine alleinstehende Frau im 4.Stock bezog.

Neben mir in dem prunkvollen Aufzug stand, wie ich jetzt erst bemerkte, der Mann, der Vanessa im Saal verbal angegriffen hatte. Ich hatte ihn vorhin schon im Bus gesehen, als er neben dem Fahrer saß und heftig auf ihn einredete, er hatte die Bunkeranlagen wohl nicht mehr besichtigt. Er besaß ein gewöhnliches Profil mit einem unzufriedenen Zug um Mund und Augen, schwarze, fast schulterlange Haare, trug eine rahmenlose, leicht besprenkelte Brille und zu enge, hellblaue Jeans. Er maß mich von oben bis unten, drehte, beide Hände in den Hosentaschen vergraben, eine enervierende Runde im Aufzug und studierte die ausgehängte Tageskarte mit so vernichtendem Blick, als sei er von der Gewerbeaufsicht und hätte den Auftrag, das Kehlsteinhaus sofort dicht zu machen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass ich in einem Aufzug war, in einem Aufzug tief drin im Berg, im Felsen, in Bunkernäher, in Nazi-Nähe. Als ich den roten, nach oben zeigenden Pfeil fixierte, den umgedrehten Rettungsanker, wie ein Hypnosependel, fielen mir wieder Wanderlieder ein. Die Berge glühn wie Edelstein, ich wandre mit dem Sonnenschein, lalalalalalala, ins weite Land hinein. Ein Pawlowscher Reflex. Aufzug, Wanderlieder. Sonst fiel mir nie eines ein, zum Leidwesen der kastanienwerfenden Kinder meiner Schwester in Mittenwald.

Ich starrte zu Boden.

"Na?", fragte der Mann langsam in Richtung Königsseeforelle, geräuchert, mit gemischtem Salat, 8,90 Euro, "Lust?". Er hätte auch "Watzmann?" fragen können, ich hörte ihn nicht. Alles, was ich dachte, war wieder: Aufzug, Aufzug, Aufzug. Er trat auf mich zu, drängte sich plötzlich mit dem ganzen Körper gegen mich und drückte steinharte Lippen auf meinen Mund. Ich hielt die Luft an, holte reflexartig mit der linken Hand aus und traf ihn über den Augen, zu zornig, um erschrocken zu sein. Er taumelte leicht, in dem Moment hielt der Aufzug, sprang auf, ich polterte mit dem Koffer in die Wirtschaft, als wären die Stiere Pamplonas hinter mir her, während er im Lift stehenblieb und provozierend winkte.

"Es war übrigens der Jenner, mein Freund", sagte ich herausfordernd. Der Wahnsinnige lachte, streckte den Zeigefinger nach mir, das hatte er gut abgeschaut, der Wahnsinnige imitiert den Wahnsinnigen, dachte ich noch, da drückte er auf einen Knopf, die Tür schloß sich, und weg waren die Stiere und der Wahnsinn.

Als Vanessa zwanzig Minuten später mit roten Backen und einem Packen Infoblätter an meinen Fenstertisch kam, hatte ich die Begegnung im Aufzug so gut wie vergessen, zu schön war das zu bestaunende Bergpanorama, zu normal die Leute um mich herum. Der Wirt servierte, Gläser mit Radler, Brotzeitteller mit Brezen, Bergkäse, Radieschen, Eiern und Presssack, wir krümelten Salz und WG-Erinnerungen auf die rot-weißen Kästchen der Tischdecke, Vanessa hob meinen Koffer probeweise hoch und verzog das Gesicht, lachte über das Geschenk, das ich von meinem Doktorvater zur Dissertation geschenkt bekommen hatte (ein Fieberthermometer) und erzählte von ihrer Arbeit "unter Tage", entspannte sich zusehends, während ich von Minute zu Minute mehr auf der Hut war. "Du musst nach B. kommen, ich brauche Dein Urteil", hatte sie am Telefon gebettelt, ich hatte abgelehnt und mich nach einer Anzahl gescheiterter Beziehungen für nicht urteilswürdig erklärt. Auch während des Studiums hatte ich mich nie zu ihren Freunden geäußert. Vanessa hatte immer einen Freund, sie war auch mit K. in Antalya, mit L. in Rom, mit W. in Ungarn, mit J. in Aix-en-Provence gewesen, ein kosmopolitisches ABC, ich hatte das ABC die Wohnungstür hereinkommen sehen, ich hatte ihre Jacken hängen sehen, ihre borstigen Zahnbürsten im Bad und ihre leeren Kaffeetassen mit interpretationswürdigen Sprüchen wie "Hier trinkt der Boss", und wusste, sie würden bald wieder hinausgehen, die bossigen Jacken, Bürsten und Tassen mit ihnen, und nie wiederkommen, Vanessa würde maximal eine Woche mit verheultem Gesicht und angezogenen Beinen auf dem Küchenstuhl sitzen, versichern, nie wieder auf einen Boss-Typ hereinzufallen, dann würde sie in die Uni oder einkaufen gehen und mit Vorlesungsskripten, Penne rigate, Frischkäse, Taschentüchern und Spülmittel eine neue Verabredung in Form einer Uhrzeit, eines Treffpunkts oder einer Telefonnummer mit nach Hause tragen, und irgendwann stand da wieder so eine knallige kluge-Sprüche-Tasse in der Spüle, so war das bei Vanessa.

Jetzt, hier in Berchtesgaden, gerade in dieser Keimzelle weiß-blauer Gemütlichkeit, wuchs meine Abneigung, dass ich plötzlich caesarisch den Daumen heben oder senken sollte, dass ich höchstwahrscheinlich aus Liebe zu Vanessa und aus Angst, ihr potentielles Glück zu verhindern, lügen würde, dass ich angereist war, um zu lügen. Eine Lügenmission. Gerade erzählte Vanessa mit leuchtenden Kinderaugen, die zwirbeligen Haare sorgsam hinter die Ohren geklemmt, dass ich morgen Nils kennenlernen werde, ihren klugen Nils, wir würden eine Schifffahrt auf dem Königssee unternehmen, damit ich auch etwas von dem Aufenthalt hätte und ihn von seiner besten Seite (der klugen Seite, nahm ich an) kennenlernen würde.

"Ich bin so gespannt, was Du von ihm hältst. Er ist wahnsinnig klug und humorvoll", schwärmte sie, mit Blick auf die Trockenblumen und die Salzkörner.

"Du doch auch", sagte ich.

Sie schwieg.

*

Ich hatte ein Zimmer in einer geranienbehangenen Pension in der Ortsmitte gebucht, da Vanessa momentan selbst nur ein Zimmer gemietet hatte; beim Frühstück, Croissants und Semmeln mit Waldhonig und Johannisbeermarmelade, das für die fünf Pensionsgäste auf einer vom Straßenverkehr abgeschirmten Terrasse serviert wurde, fragte mich die junge, resolute Inhaberin, was ich denn heute alles vorhätte, der Wetterbericht, der Mond und ihre blitzförmige Narbe am Knie prophezeiten einen heißen Tag und Gewitter am frühen Abend, ich murmelte hilflos "Königssee", und sie war damit zufrieden, schickte sogar ihren Mann aus dem Bett, der mich trotz meiner Proteste mit dem röhrenden Lieferwagen zur Anlegestelle "Königssee" fuhr.

Etwas verloren stand ich viel zu früh in einer Touristentraube vor dem langen Steg, studierte pflichtbewusst Fahrtroute und Preise der EMS Watzmann, schaute auf den smaragdgrünen See, der zwischen den riesigen Felsenwänden fjordartig eingekapselt dalag, eine aufgefangene Scherbe, eigentlich zwei, denn dahinter hatte sich noch, wie ich der Karte entnahm, ein Trittbrettfahrer angehängt, der Obersee, ein Punkt unter dem Fragezeichen Königssee. Aus der Ferne kam ein langgezogenes Tuten, das Warnsignal des weißen Touristendampfers, Wellen setzten ein, rollten gleichmäßig gegen das Ufer, Kinder kreischten begeistert und riefen "Ein Tsunami! Ein Tsunami!", schließlich legte das etwa zwanzig Meter lange Schiff am Steg an und spuckte eine fünf Fußballmannschaften große Gruppe aus, die scheibchenweise, mit ihren umgehängten Fotoapparaten um die Wette, an Land schwankte.

Ich suchte Vanessa in dem Getümmel von Ein- und Aussteigenden, ich konnte sie nicht finden, ihr Haarwimpel, ihre stets ganze Städte beschreibenden Hände, ging unruhig an Bord und schritt das Deck des Elektrobootes ab, wo ich sie schließlich mit einem dunkelhaarigen Mann an der Reling stehen sah. Es war, wie ich beim Näherkommen verblüfft erkannte, der Mann aus dem Aufzug. Ausgerechnet. Ich blieb unschlüssig stehen. In diesem Moment entdeckte mich die sich nach allen Seiten verrenkende Vanessa, sagte etwas zu dem Mann und lief hektisch auf mich zu, wie auf ein Kind, das man im Jahrmarkt verloren hatte.

"Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass wir Dich nicht mit dem Auto abgeholt haben! War es schwer zu finden?"

Ich schüttelte gähnend den Kopf, suchte nach meinem Billet, um es als Sichtschutz vor den Kopf halten zu können, und fragte: "Wo ist denn Nils? Ist er schon an Bord?"

"Ja klar, da drüben steht er doch!!" Ihre Hände beschrieben Manhattan oder Tokio.

Ich starrte in die angegebene Richtung, konnte aber außer den sich gerade sonnenden Wahnsinnigen und ein paar eisschleckenden Kindern niemanden entdecken.

"Wo denn, da ist doch nur der ..." Idiot vom Aufzug, wollte ich sagen. Vanessa lächelte entschuldigend, ja, im NS-Zentrum habe sich Nils daneben benommen, ab und an stellte er zu Trainingszwecken provozierende Fragen bei ihren Vorträgen, das dürfe er auch, denn er wäre ja ihr Chef, er hätte ihr den guten Job verschafft, nachdem sie eine Zeit lang als Bedienung bei "Bier Adam" gejobbt hatte. Ich starrte sie reglos an.

"Na?" Nils kam auf uns zu, respektive sein drohender, ausgestreckter Zeigefinger, er musste mich aus der Ferne erkannt haben, überspielte es aber geschickt. Er trug eine große schwarze Sonnenbrille, weißes Polo, weiße Shorts und grinste kalt und schief, mehr wie ein abgehalfteter Golfspieler als der Leiter eines NS-Dokumentationszentrums. "Wollen wir uns nicht setzen?" Vanessa stimmte schnell zu und drängte mich zu drei leeren überdachten Sitzen, um uns herum Landschulheimstimmung, Ferienlagerstimmung, Schokoladenkekse machten die Runde. Eine Schülerin wurde mit Namen genannt, die umsonst fahren durfte, weil sie eine Eins in Religion hatte. Applaus. Ich rutschte an den Rand und hörte aus allen Lautsprechern die kernige Stimme des Kapitäns dröhnen, seine launigen Begrüßungsformeln, dann seine edelweißschwenkenden Informationen zu den fast ins Wasser fallenden Bergen um uns herum, Kehlstein, Jenner, Götzenalm, Schlafende Hexe, kleiner und großer Watzmann, Grünstein, all das prasselte und plätscherte wie eine Bahnhofsansage an mir vorbei, ich sah ins tiefe grüne Wasser, neidvoll, ich dachte, da unten hat man Ruhe von dem ganzen Gehabe, ein Trompeter demonstrierte anhand einer Sonate das berühmte Echo vom Königssee, man lauschte andächtig, knipste wie verrückt, obwohl man Töne nicht fotografieren kann, jedes zweite Wort war "schau" oder "da", oder gleich "schau da". Look! War es ein Zeichen von Liebe, dass man dem anderen unbedingt das Schönste zeigen wollte? Dass man zuhause dieselben Erinnerungszeichen decodieren konnte, dass beim Stichwort "Königssee" die eheliche Festplatte die gleichen Bilder "hochfuhr"? Die gleiche Bucht, der gleiche Felsen, das gleiche Glas Apfelschorle, die gleichen bauchigen Zwiebeln von St. Bartolomä am Horizont, die Eis am Stil und Boden unter den Füßen verhießen? Schaute man ohne das "schau" des anderen das Falsche an? Vielleicht war es so.

Ich erwartete gespannt ein "schau" von Vanessa an Nils, oder ein "schau" von Nils an Vanessa, wie einen Liebesbeweis.

"Der See ist acht Kilometer lang und 190 Meter tief. Er hat Trinkwasserqualität", bequemte sich Nils schließlich aus dem Mundwinkel heraus zu destillieren, als die Trompete verstummte, in meine Richtung, wobei er gelangweilt an Vanessas Haaren herumspielte. Vanessa hielt still wie eine gestreichelte Katze, sah aber angespannt aus. Mich wunderte es, dass sie kaum mit Nils redete. Ich hatte Vanessa überhaupt noch nie in Gegenwart eines Freundes erlebt, es lag in ihrem Verhalten die ganze Zeit eine Steifheit und Unsicherheit, die ich sonst an ihr nicht kannte.

"Ich weiß", sagte ich kurz, mit dem Prospekt fächelnd, "trotzdem vielen Dank."

Vanessa war sichtlich enttäuscht und bemühte sich, eine kluge Unterhaltung zwischen mir und Nils aufkommen zu lassen, sprach von unseren Berufen und von Ausflugs- und Freizeitmöglichkeiten, doch Nils und ich schwiegen fortan beharrlich. Ich wusste genug von ihm, das war das Traurige, ein paar Minuten, und man wollte gar nicht mehr wissen, man klappte das Buch zu, man kannte auf Seite 3 den Mörder, der Mann hatte für mich seine Geschichte im Aufzug erzählt, und sie gefiel mir nicht, soviel stand fest. Vanessa tat mir leid in dem Moment, aber ich konnte es nicht ändern, auch bei der Besichtigung der seltsam vertraut wirkenden Anlegestätte St. Bartolomä und seiner Eiskapelle mied ich jedes Wort mit ihm, und, da er misstrauisch nicht von ihrer Seite wich, auch mit ihr. Ich wäre jetzt gern allein gewesen, um nicht so allein zu sein, eingeschlossen in dem ewigen Eis der Kapelle, das selbst im Sommer nicht taute, oder allein mit Vanessa, ich fand die Situation unerträglich. Die gallige Atmosphäre versiegelte mich, verschloss mich der glückverheißenden Kulisse von St. Bartolomä.

Als wir am Steg wieder auf die Abfahrt des Schiffes warteten, wie Kinder, die miteinander trotz Abwesenheit der Eltern und einer Kiste voller Spielzeug nichts anfangen konnten, fragte Nils, laut und provokativ wie im Saal am Obersalzberg, wie lange ich denn noch in Berchtesgaden bliebe, Vanessa und er hätten momentan sehr viel Arbeit im Zentrum, für Unternehmungen bliebe da kaum Zeit. In die Stille schoss die Frage wie eine Moräne aus der Höhle. Für immer, wollte ich sagen, um ihn zu schockieren, dann sah ich Vanessa an, sah in ihr zerbrechliches Gesicht, sagte, dass ich morgen früh abfahren würde, ich hatte bis morgen gebucht und morgen Abend noch einen Termin im Münchner Uniklinikum wegen meiner Großmutter. Vanessa schaute auf ihre Sandalen, auf ihr im Wind flackerndes blaues Kleid.

"Dann sehen wir uns ja gar nicht mehr", stellte Nils emotionslos fest, seine Freude nur mühsam verbergend, "das Zentrum hat ja heute noch seine Jahresfeier im Salzbergwerk. Vanessa ist natürlich auch dabei. Schade." So seltsam, wie er Zentrum aussprach, musste ich unwillkürlich an ein Konzentrationszentrum denken, oder an eine Sekte. Er warf beflügelt von dieser guten Nachricht Kieselsteine in den See "mit Trinkwasserqualität", er nahm immer größere Steine, die Ringe im Wasser begannen sich zu überschneiden, wie Eheringe auf einer Hochzeitseinladung.

Die EMS Watzmann tutete, es klang wie ein Protest gegen den Werfer.

"Sie kommt mit", sagte Vanessa auf einmal energisch. Ihre Hände beschrieben Sibirien, und das bei 25 Grad im Schatten.

*

In der großen Eingangshalle wurden wir vom teppichstangengroßen Salzbergwerks-Maskottchen Pauli mit kräftigem Tatzenschlag und einem "Glück auf!" zum sogenannten "Dîner sole" begrüßt, zwei Bedienungen mit Mittelscheitel reichten Sekt und köstliche, fruchtige Canapées mit herausquellender Füllung, Nils winkte ab und wandte sich mit ausgefahrenem 4711-Zeigefinger seiner schon in Bergmannstracht gehüllten Belegschaft zu. Als hätten sie nur auf sein Zeichen gewartet, stülpten sie synchron ihre Helme nebst Lampe auf, ihre Gespräche verstummten, während Vanessa und ich sich beim raschen Ankleiden, in jeder Hand ein tropfendes Glas bzw. ein klebriges Schnittchen, in den pluderigen weißen Hosen verhedderten. "Beeilt euch!"

Von Anfang an war die Distanz zwischen Nils und den Mitarbeitern unübersehbar, wenn Nils nicht hinsah, betrachteten ihn die Wissenschaftler wie die Schlange, die man aus dem Korb hervorgelockt hatte, und man musste für ihn weiter auf der Flöte spielen, um nicht gebissen zu werden. Kein zünftiger Spaß, eine trübe Pflichtveranstaltung, ein Gehorsamstraining außer Haus. Jedes Wort wurde abgetastet, begutachtet, gedreht wie der letzte Pfennig, auf der Grubenbahn saßen die elf Mitarbeiter, die privat wahrscheinlich schon einige Male hier waren, mit so stumpfem Blick, als führe sie der grüne Spielzeugzug an einen schrecklichen Ort, wieder musste ich an ein Konzentrationszentrum denken. Auch Vanessa übernahm übergangslos diesen stumpfen, feindlichen Blick, wie mir auffiel. Draußen zog ein Gewitter auf, es donnerte bereits verhalten. Ein Gruppenfoto mit Blitz, ein gequältes Lächeln, ein letzter Blick aus den Fenstern in den gelb-grauen Himmel, dann setzte sich die Bahn in Betrieb, schweigend rollten wir durch die dunklen Gänge, der Bergwerksführer, der eine fröhliche, durch den Sekt zumindest aufgetaute Gruppe erwartet hatte, war sichtlich beunruhigt und verlor seinen souveränen Reiseführertonfall, hektisch erklärte er das Salzgewinnungsverfahren, den Transport der Sole nach Bad Reichenhall und pries beinahe schüchtern einige Salzsouvenirs (Keramiktassen mit Pauli, Schneekugeln) an, bis wir abstiegen und zu den Rutschbahnen stiefelten, die sich wie lange, hellbraune Alphörner geschmeidig zu dem glatten Salzsee herunterbogen. "So ein Gruppenerlebnis stärkt den Teamgeist, es integriert, intensiviert und motiviert", Nils dozierende Stimme hallte unheimlich durch die gigantischen Höhlen, niemand widersprach, alles drängte zu den Rutschen, um dieser Stimme, wenigstens kurz, wegzurutschen, weg ins schwefelige Nichts, lange, lange Meter, wir flogen durch die Höhle mit schneidigem Wind in den Haaren, schmeckten das Salz in der Luft und kurz ein bisschen eigenes Leben, bis der felsige Boden unter den Bergschuhen wieder harte Realität, sprich: Nils, signalisierte. Auch die anschließende Floßfahrt über den geheimnisvoll blitzenden Salzsee brachte keine Entspannung, keine glücklichen Gondolieriseufzer, man war aneinander gekettet, man saß im buchstäblich gleichen, schwer beladenen Boot. Eine hochentzündliche Atmosphäre: ein falsches Wort, und alles würde explodieren. Ich sah Vanessa an, die mit großen Augen die Ruderschläge verfolgte und der melancholischen Musik des bayerischen Streichquartetts lauschte, zwei Mitarbeiter flüsterten und rollten die Augen, Nils begann, sich argwöhnisch in unser Eck durchzukämpfen, bis er sich an einer Tasche verfing, stolperte, sich grob an einem älteren Mann mit Wollweste festklammerte und diesen mit über die im Einstiegsbereich niedrige Brüstung in den kalten Salzsee riss. Die Geiger hörten sofort auf zu spielen, sicher schrien beide, aber man hörte nur Nils, er hatte sich schon längst wieder am Floß festgeklammert und konnte sich hochziehen, als er immer noch schrie, gellend, hoch, wie ein Ertrinkender, wie die imitierten Schreie der Opfer Jack the Rippers im Londoner Wachsfigurenkabinett Madame Toussauds. Der ältere Mann, den er mitgerissen hatte und der nun sprachlos am Floß hing, nach Luft rang, seine Brille im See verloren, interessierte ihn nicht, er fuhr den rechten Zeigefinger aus, völlig gestreckt, ein Anzeiger, ein Pegelstand seiner Wut, alles an ihm tropfte, sein Gesicht schien zu zerlaufen wie Teig, der aus der Schüssel fiel, er schrie immer noch, zeigte hasserfüllt auf mich, auf Vanessa, auf einzelne Mitarbeiter, wie auf niederzureißende Gebäude, griff die schuldige Tasche und wollte sie weit in den See werfen, bis ihn der Bergwerksführer schüttelte und er aufhörte zu schreien. Totenstill war es jetzt. Der Mann in der Weste wurde hochgezogen, die Musikgeräte verstaut, wir kamen im Eilrudertempo am Ufer an, wo im Kaiser-Franz-Sinkwerk gerade für uns eine festliche Tafel gedeckt wurde, der Salzkrustenbraten: servierfertig. Nils ließ sich auf einen Stuhl fallen, vor ihm dampfte die Platte mit den unzähligen, sauber geschnittenen Bratenscheiben, der Bergwerksführer hing ihm beklommen eine warme Decke um. Grußlos, stumm zogen die Mitarbeiter weiter in Richtung des Grubenbähnchens, in ihrer Mitte der tropfnasse, fast blinde Kollege. Vanessa zitterte, stellte sich vor dem kalt lächelnden Nils auf und schlug ihm weinend ins Gesicht, packte mich bei der Hand und rannte den anderen hinterher. Ich war die letzte, die in den Gang lief, ich drehte mich noch einmal um, um Nils mir noch einmal einzuprägen, bevor er zu "nie" wurde, zumindest für mich, übergangslos. Er saß in Gutsherrenart vor weißen Tellern, Gläsern, blitzenden Gabeln und Edelstahlhauben, zwei eingeschüchterte Bedienungen in schwarz-weiß neben sich, er zeigte blass und tropfend mit den Fingern auf den Braten und ließ sich auftischen. Unter dem Stuhl eine große Pfütze, die bereits helle Ränder bildete.

Dîner sole.

Draußen hagelte es.

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