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Carry Grant is back

© Daniela Steinbach


Michael ist eigentlich ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Gutaussehend, sympathisch, weltgewandt. Und nicht unvermögend obendrein. Vor allem aber versteht er es wie kein anderer, die Frauen zu verwöhnen. So wie dies die Gentlemen in den alten Schwarzweiß-Filmen zu tun pflegten, bei deren Anblick unsereine heutzutage nur traurig seufzt. Wenn man den Michael so auf diversen Gesellschaften beobachtet, würde man nie auf die Idee kommen, dass dieser interessante Mann eigentlich ein merkwürdiges Verhältnis zur Damenwelt hat.
Michael verliebt sich permanent heftig, besteht spontan darauf die jeweilige neue Flamme als "Frau des Lebens" zu titulieren und überhäuft sie mit Rosensträußen, Gedichten und Essenseinladungen. Ob ihm das auserkorene Mädel die passenden Gefühle entgegen bringt oder nicht, tangiert ihn nur wenig.
Begonnen hat der Reigen mit Claudia B., die er während eines Urlaubs kennen lernte. Zunächst war sie ihm gleichgültig, aber dann besann er sich seines Lebensmottos "verliebe dich ständig" und beschloss sie zu umwerben. Sie war ihm zwar in keinster Weise hold, aber wie gesagt, solche Kleinigkeiten haben Michael noch nie gestört. Er bombardierte sie mit kleinen Geschenken, ließ sich mit einem Kran zu ihrem Fenster im dritten Stock befördern und spielte "That's amore" von Dean Martin. Er ist wahrlich ein Goldstück was seinen Ideenreichtum am Verwöhnsektor anbelangt und so manche Frau wäre geradezu glückselig über derlei Zuwendungen. Aber Claudia konnte diese Aktion nicht dazu verleiten, sich ihn ihren neuen Verehrer zu verlieben und so suchte Michael nach neuen Opfern.
Diesmal entschloss er sich Barbara zu kontaktieren, ein Mädel, dass er von früher kannte und von dem er behauptete, sie sei schon damals rasend in ihn verliebt gewesen. Er begann auch sie systematisch zu verwöhnen, schickte Rosensträuße, machte Geschenke und führte sie unermüdlich aus. Es verstrichen mehrere Wochen, ohne dass Barbara Michael erhörte. Er behauptete zwar seufzend, sie habe von ihm dringend einen Aids-Test gefordert, und wolle sich erst dann vollständig hingeben, aber auch nach diesem Test änderte sich nichts. Michael zog sich irgendwann wieder zurück und wendete sich der Ex-Freundin seines Freundes zu. Nach einigen Tagen des emsigen Umwerbens kehrte diese aber wieder zum Ex-Freund zurück und nun geschah das Verwirrendste überhaupt: Michael entdeckte seine aufkeimende Liebe zur Zwischendurch-Freundin jenes besagten Ex-Freundes, der nun wieder seiner alten Liebe zur Ex-Freundin frönte.
Sandra, die sich auch immer eine fixe Bindung mit Kindkombination wünschte, erwiderte Michaels Gefühle und die beiden waren eine Weile lang recht glücklich mitsammen. Und wir haben uns sehr mit ihnen gefreut. Alle waren der Meinung, dass dass Michael seine Sandra nun bis in alle Ewigkeit Carry Grant-mäßig verwöhnen würde, aber es kam ganz anders. Denn Michael fühlte sich mit einem Mal eingeengt und beendete die Beziehung jäh. Derzeit ist Miriam an der Reihe und wenn man Michaels Schwärmerein Glauben schenken darf, werden die beiden bereits im nächsten Jahr vor den Traualtar treten. Bis dato ist Miriam zwar nach wie vor mit Max verlobt und zwischen ihr und Michael hat noch nicht das geringste "Einander näher kommen" stattgefunden. Abgesehen von den üblichen Essenseinladungen und kleinen Aufmerksamkeiten die auf sie niederprasseln. Vorgestern ist Michael für zwei Wochen auf Urlaub geflogen, aber zuvor hat er Miriam nahegelegt, sich bis zu seiner Rückkehr zu entscheiden, ob sie ihn lieben will oder doch nicht. Er möchte dann wissen: ja oder ja. Denn schließlich kann er dem Mädel ein hervorragendes soziales Umfeld bieten. Nebst einem einflussreichen Freundeskreis und so weiter. Was will sie also mehr? Denn eigentlich sind es ja bekanntlich ausschließlich diese Faktoren, die für uns Frauen bei der Partnerwahl zählen, nicht wahr. Im Prinzip kann man doch die Mausis alle kaufen, oder? Und der Verlobte von der Miriam interessiert den Michael wie eine Lungenentzündung. Falls sich die angeschwärmte Braut in spe nun wider Erwarten dazu entschließen wird, sich aus Sicherheitsgründen in Michael zu verlieben und dem derzeitigen Verlobten, der vielleicht nicht so viel soziales Umfeld auf dem Kasten hat wie sein Rivale, den Laufpass zu geben, gratulieren wir allen Beteiligten sehr herzlich. Es ist schade, dass Michael nicht mehr Selbstwertgefühl in seinem Bauch sitzen hat und seinen ganz persönlichen Werten keinerlei Vertrauen schenkt. Er will partout nicht glauben, dass man so altmodische Dinge wie Liebe oder Verliebtsein einfach nicht einkaufen kann, wie einen Zwerghamster aus dem Zoofachgeschäft. Und genau das unterscheidet ihn nämlich grundlegend vom Carry Grant aus den alten Filmen. Der war hat seinen Charme einfach spielen lassen und der Rest hat sich ergeben.



Eingereicht am 20. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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