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Profi gesucht

© Britta Dubber


Ich hatte ihn genau im Visier. Weshalb ich trotzdem daneben schoss, weiß ich nicht.
Vielleicht war eine Stunde im Schützenverein doch nicht genug gewesen.
Als die Kugel seine Autotür durchbohrte, anstatt seinen Kopf, zog ich mich so diskret aus der Tiefgarage zurück wie nur irgend möglich.
Ich hatte mich hinter einen kleinen zerbeulten Lieferwagen gekniet, von wo aus mir eine unbemerkte Flucht zum Treppenausgang gelang.
Vor meinem geistigen Auge sah ich Polizeiautos mit quietschenden Reifen heran fahren, Sirenengeheul, das die Trommelfelle fast zum Platzen brachte und Lautsprecherdurchsagen "Bleiben Sie wo Sie sind, das Gebäude ist umstellt!". Aber vermutlich hatte der Trottel, der sich mein Ehemann schimpfte, noch nicht einmal gemerkt, dass auf ihn geschossen worden war.
Als innerhalb von einem Monat drei Mal die Bremsen an seinem Auto versagt hatten, hatte er lediglich über diese beschissenen japanischen Kleinwagen gemotzt.
Als mir versehentlich der Fön in die Wanne gefallen war - während seines Sonntagbades - hatte er nur gesagt, ich solle besser aufpassen, da der Fön teuer gewesen sei.
Nun ja, ich hatte nicht gewusst, dass der Stromkreis unterbrochen werden würde. Über FI-Schalter, die in jeder Neubauwohnung installiert waren, hat mich erst meine Freundin Emma aufmerksam gemacht.
Mit dem Fön hatte mein Mann jedoch Recht behalten. Ein neuer der gleichen Marke hatte mich 50 Euro gekostet.
Und meinen Ehemann war ich immer noch nicht los.
Alles zusammen gerechnet, wäre es vermutlich billiger gewesen, einen Profi zu beauftragen. Darüber hatte ich auch ernsthaft nachgedacht, aber in den Gelben Seiten war keine Sparte mit Auftragskiller zu finden gewesen und eine Annonce in die Zeitung setzen konnte ich ja auch schlecht.
Allmählich gingen mir die Ideen aus, von meiner Geduld ganz zu schweigen.
Rattengift war zu riskant. In zu vielen Krimis ist der Täter damit aufgeflogen.
Meine Freundin Emma war auch keine große Hilfe gewesen. Während ich händeringend nach einer Lösung suchte, trank sie in aller Ruhe ihren brasilianischen Kaffee. Hin und wieder nickte sie bedächtig mit dem Kopf, als ob sie so etwas wie ihren Verstand benutzen würde, dabei wusste ich genau, dass sie sich in Wirklichkeit nur überlegte, ob sie ihre Nägel grün oder orange lackieren sollte.
Von meiner besten Freundin war also keine konstruktive Hilfe zu erwarten; so fuhr ich erst einmal nach Hause. In unseren schönen Bungalow, den ich so gerne für mich alleine haben wollte.
Natürlich war er schon da. Saß in seinen beigefarbenen Pumphosen zeitungslesend auf seinen Ledersessel vor dem Kamin.
Hatte ich ihm nicht schon vor zwei Wochen gesagt, dass Pumphosen seit zwanzig Jahren aus der Mode waren?
Wo bekam er bloß seine Klamotten her? Sepps Altkleidersammlung für kleinkarierte Spießer?
Wie sehr mich dieser Anblick anwiderte. Jeden Abend das gleiche Bild.
"Hallo Schatz, wie geht's"
Und wie jeden Abend antwortete ich: "Gut"
Mit dem Daumen schob er seine Lesebrille zurecht, dann vertiefte er sich wieder in seine Zeitung.
"Wie war dein Tag?", fragte ich so beiläufig wie möglich. Irgendwelche Neuigkeiten? Lottogewinn? Gehaltserhöhung? Schießereien?
"Roger hat mir seine neue Filiale im Einkaufscenter gezeigt. Schicker Laden", meinte er, ohne aufzublicken.
"Aha", machte ich.
"Bist du mit dem Auto hingefahren?" Irgendwie musste ich doch das Thema in die richtige Richtung lenken.
"Natürlich, wie denn sonst? Das ist eine merkwürdige Frage."
"Ich meinte bloß, weil der Wagen so viele Macken hatte in letzter Zeit."
"Deshalb habe ich ihn nach unserem Besuch in Rogers Laden an ihn verkauft. Soll er doch mal vom Pech verfolgt werden. Neue Frau, neue Freundin, neuer Laden. Das kann ja keiner mit ansehen. Und weißt du was?", fragte er und blickte breit grinsend von seiner Zeitung auf.
"Was?", fragte ich angstvoll.
"Er hat vorhin angerufen und erzählt, jemand hätte auf den Wagen geschossen. In der Tiefgarage."
Vor Schreck ließ ich die Zeitschrift fallen, die ich mit beiden Händen fest umklammert hielt.
"Die Kugel ist in der Fahrertür stecken geblieben. Wie viel Schwein hat der Typ eigentlich?"
Wie im Nebel zogen seine Worte an mir vorbei. Konnte das wirklich sein? Zugegeben, die Beleuchtung in der Tiefgarage war schlecht gewesen und ich hatte nur das Auto im Blick gehabt, seit ich ihn von der Arbeit aus verfolgt hatte ...
"... hat natürlich sofort seine Frau verdächtigt. Hatte die ganzen letzten Wochen so ein komisches Gefühl. Und weißt du was? Bei einer Hausdurchsuchung haben sie einen Vorrat an Arsen gefunden. Sie hat zugegeben, ihn umbringen zu wollen, aber sie streitet es partout ab, auf ihn geschossen zu haben."
"Was passiert mit ihr?" Die Frage klang fern und kam doch aus meinem Mund.
"Nun, sie bleibt in Haft, bis ihr der Prozess gemacht wird. Besteht ja kaum ein Zweifel an ihrer Schuld. Wird mindestens fünf Jahre in den Bau wandern. Ach übrigens, hast du mein neues Auto gar nicht gesehen? Der Silberne, neben der Einfahrt. Neben dem Einkaufscenter hat doch dieser Autohändler eröffnet. Habe sogar 5% Rabatt bekommen."



Eingereicht am 22. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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