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Eine blendende Geschichte

© Manuela Korn


Karl saß auf einer Parkbank und blinzelte in die Sonne. Er blickte tatsächlich direkt in die Sonne. Von außen betrachtet wirkten seine Augen aber vollkommen geschlossen. Niemand käme daher auf die Idee anzunehmen, er würde in die pralle Sonne schauen.
Für die Vorübergehenden kaum merkbar, hatte er aber einen hauchdünnen Spalt zwischen seinen Wimpern offen gelassen. Karl gefiel es in die Sonne zu blinzeln. Manchmal, wenn er ganz kurz seine Augenschlitze etwas weiter öffnete, blendete ihn das grelle Licht.
Das schmerzte Karl ein wenig.
In seinem Kopf drehten sich dann viele grelle rote und orange Kreise.
Karl konnte stundenlang so dasitzen und in die Sonne blinzeln.
Die hellen Lichtkreise förderten sein Denkvermögen.
Davon war Karl überzeugt.
Nichts! Wirklich gar nichts war ihm wichtiger! Sein ganzes Wohlbefinden hing davon ab.
Heute war schönes Wetter; die Sonne strahlte vom Himmel. Ein Tag wie geschaffen für ihn.
Gerade als er wieder seine Augen schließen musste und sich die üblichen Farbspiralen in seinem Kopf zu drehen begannen, hörte, nein spürte er dass sich jemand neben ihn auf die Bank setzte. Karl machte das sofort nervös.
Irgendwer störte jetzt ganz offensichtlich seine Kreise.
Trotzdem wollte er seine Augen nicht öffnen. Noch waren die bunten Spiralen sehr stark. Zu schön um damit aufzuhören. Aber irgendwie gefiel ihm die Tatsache nicht, dass jemand neben ihm saß. Karl war es einfach nicht gewöhnt neben Fremden zu sitzen und in die Sonne zu blinzeln. Er war ein Einzelgänger. Aus tiefster Überzeugung!
Einer von der Sorte die stolz darauf sind anders zu sein als alle anderen. Karl empfand sich als Denker. Aber er war völlig unverstanden.
Und Karl verstand nicht, dass ihn die anderen nicht verstanden. Deshalb hatte Karl schon lange keine Freunde mehr und lebte alleine und zurückgezogen.
"Alle wirklich großen Denker sind einsame Sucher"! So dachte Karl. Und er war stolz darauf einsam und suchend zu sein. Seine Mitmenschen störten ihn ganz allgemein. Die wirklich allermeisten erschienen ihm nur als hemmende Hindernisse auf seinem Weg. Ganz richtig! Auf seinem Weg zu höheren Erkenntnissen! Und dieser Weg war gut, wie er meinte.
Er war damit zufrieden.
Aber jetzt hatte sich jemand zu ihm gesetzt. Einfach so.
Wieder spürte er dieses aufkommende Unbehagen. Er konnte die Nähe seines Banknachbarn förmlich fühlen. Er wollte seine Augen schon öffnen, aber etwas lies ihn noch zögern.
Instinktiv presste er seine Augenlider wieder zusammen.
Er begann sich jetzt vorzustellen um welche Person es sich handeln könnte." Bestimmt ist es ein Mann", dachte er zunächst. "Aber, andererseits, vielleicht war es eine Frau"?
Hatte er nicht vorhin beim Niedersetzen dieser Person einen Hauch von Parfum eingefangen? "Oder war es doch der Duft einer Passantin gewesen"?
Er wurde wieder ein wenig unsicher.
"Nein, nein ich glaube eher dass es sich um einen Mann handelt". Der energische Schritt, und das entschlossene Niedersetzen passten nicht zu einer Dame. Und überhaupt, eine Frau hätte sicher vorher gefragt ob es gestattet sei. Alle Frauen machen das so.
"Oder aber, vielleicht doch"?
Er presste seine Augen jetzt ganz fest zusammen.
Die Möglichkeit neben einer Frau zu sitzen, machte ihn noch unruhiger als er ohnehin schon war. Vor Frauen hatte Karl ein wenig Angst. Sie waren für ihn einfach zu unberechenbar.
Mit Frauen konnte Karl nicht diskutieren.
Alle die er kannte hatten zu wenig geistigen Tiefgang.
Was sollte er aber jetzt tun, wenn sie ihn einfach ansprechen würde.
Er erschrak bei diesem Gedanken.
"Das wird sie nicht wagen", dachte er. "Das wäre völlig untypisch. Frauen sprechen keine fremden Männer an. Keine Frau macht so etwas".
Mittlerweile war Karl überzeugt davon dass sein Banknachbar weiblich war.
Aber, einer Frau die so energisch einhergeht und sich so selbstbewusst auf eine Parkbank neben einen Kerl wie ihn setzt, der ist einfach alles zuzutrauen.
Er hoffte jetzt sehr sie würde ihn nicht ansprechen.
Karl war es einfach nicht gewöhnt neben fremden Frauen zu sitzen und von ihnen angequatscht zu werden. Und jetzt dieses Weib hier, nebenan.
"Was bildete sie sich eigentlich ein"?
Einfach hier auf dieser Parkbank Platz zu nehmen. Neben ihm! Ohne zu fragen!
"Vorbeigehende würden vielleicht denken sie wären ein Paar", schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. "Genau genommen eine Frechheit, wer weiß was sie sonst noch alles annehmen könnten". Jetzt begann er sich langsam zu ärgern.
Nicht einmal zu fragen ob es gestattet ist.
"Ich sollte sie eigentlich zurecht weisen", dachte Karl.
Verärgert wollte er seine Lider öffnen.
"Aber andererseits", er zögerte.
"Ich lasse mich doch von niemandem zwingen. Schon gar nicht von so einer rücksichtslosen Person. Setzt sich einfach neben mich auf diese Bank".
Wieder überlegte er sie anzusehen. - Und wieder zögerte er.
Trotzig hielt er seine Augen weiterhin fest geschlossen.
"Niemand nötigt mich irgendetwas zu tun. Wäre ja noch schöner. Ich öffne meine Augen wann ich will. Außerdem habe ich Zeit, ich kann warten. Irgendwann wird sie schon gehen".
Sein aufgewühlter Geist entspannte sich allmählich bei diesen Gedanken.
Karl lehnte sich zurück und wartete einfach zu.
Warm schien ihm die Sonne auf den Kopf und seine fest geschlossenen Lider. Fast wäre er darüber eingeschlafen.
Das leichte Wippen der Sitzfläche als sich sein Banknachbar erhob schreckte ihn plötzlich aus seinem Dämmerzustand.
Aber immer noch blieben seine Augen fest geschlossen.
Erleichtert hörte er auf die sich entfernenden Schritte. Wieder vermeinte er einen Hauch von Parfum wahrzunehmen. Er hatte sich also nicht geirrt.
Bestimmt war es eine Frau gewesen.
Ihn konnte man nicht so einfach täuschen. Er hatte immer Recht.
Zufrieden lächelnd drehte er seinen Kopf mit den geschlossenen Lidern wieder direkt zur Sonne. Er öffnete seine Augen ganz vorsichtig einen kleinen Spalt weit. Sofort blendete ihn das gleißende Licht. Es schmerzte ihn wie jedes Mal ein wenig.
Karl atmete tief ein. Er fühlte sich wieder wohl. Alles war jetzt gut.
Ganz fest presste er seine Lider zusammen, und genoss die grellen tanzenden Lichtkreise.



Eingereicht am 23. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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