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Der Anruf

© Elisabeth Graf


Bereits seit einer knappen Stunde saß sie auf einem Hocker vor dem Telefon und erwartete seinen Anruf. Er hatte versprochen, sich heute zu melden und was er versprach, das hielt er auch.
Wenn sie an ihn dachte, krampfte sich ihr Herz vor Sehnsucht zusammen.
Wie viel Zeit war seit der letzten Begegnung vergangen? Drei Monate? Vier? Sie konnte es nicht genau bestimmen, wusste nur, dass eine Ewigkeit ins Land gezogen war.
Auch Telefonieren ging nicht oft. Er war meistens irgendwo unterwegs, wo es weit und breit kein Telefon gab, schlug sich mit seinen Kameraden fernab der Zivilisation durch die Berge. Dies war die Überlebensstrategie seiner kleinen Armee, ihr einziger Trumpf gegenüber einem übermächtigen Gegner: Er und die anderen kannten das schwierige Gelände, weil sie dort zuhause waren.
Sie musste lächeln, als sie an seinen Traum dachte. Es war ein schöner Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Doch gleichzeitig war dieser Traum auch das, was ihn von ihr trennte, der Grund, warum er in diesem Augenblick nicht bei ihr sein konnte. Er verfolgte ihn mit Entschlossenheit und Kampfgeist - beides Eigenschaften, die nicht recht zu seinem ansonsten weichen Wesen passen mochten. Sie hatte jedoch gelernt, damit zu leben und wünschte ihm aus tiefster Seele, dass er Erfolg hätte.
Ein Blick zur Wanduhr sagte ihr, es war so weit. Jeden Augenblick müsste nun das Telefon klingeln und sie seine Stimme vernehmen. Er würde ihr sagen, dass er sie liebe und bald nach Deutschland komme. Um seinen Geburtstag zu feiern, so wie im letzten Jahr seine Volljährigkeit. Der Fotograf war da gewesen und hatte Aufnahmen von ihnen beiden gemacht, fast so, als seien sie bereits ein Ehepaar. Eines dieser Bilder zeigte ihn allein: Er blickte verträumt in die Kamera, ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte seine vollen, empfindsamen Lippen. Dieses Foto hütete sie wie einen Schatz, trug es immer bei sich. Auch jetzt befand es sich sicher verstaut in ihrer warmen Hand.
Sie betrachtete sein Gesicht mit den dunklen Augen, welche direkt auf sie gerichtet schienen. Ihr Herz dehnte sich weit, erfüllt von der Vorfreude auf seinen Anruf.
Zweifellos war er der mit Abstand hübscheste Mensch auf Erden ... Und doch hatte sie sich zunächst in seine ruhige, sanfte Art und seine Gedanken verliebt - später erst in sein Äußeres.
Mit einem Mal ergriff eine merkwürdige Unruhe von ihr Besitz, ganz plötzlich, während sie noch in den Anblick seines Fotos vertieft war. Dieses Gefühl unterschied sich auf erschreckende Weise von der freudigen Erwartung, welche sie empfand.
Sie schob es bei Seite.
Was sollte ihm schon passieren? Er kannte dieses Land, um das er kämpfte - wie seine Westentasche. Außerdem hatte er ihr versprochen, auf sich aufzupassen.
Die Wanduhr tickte unablässig. Schon eine halbe Stunde über der verabredeten Zeit! Diese Warterei begann, an ihren Nerven zu zerren.
Ruf an, schrie es in ihr. Ruf doch endlich an!
Entschieden mahnte sie sich selbst zur Ruhe: Er befand sich schließlich in einem Kriegsgebiet und nicht im Nachbarort!
Ich liebe dich, dachte sie. Für mich wird es nie einen anderen Mann geben.
Und sie wusste: Er liebte sie auch.
"Pass auf, mein Schatz: Sobald diese Sache hier vorbei ist, komme ich zu dir zurück - für immer." Das waren seine Worte beim letzten Telefongespräch gewesen. "Dann heiraten wir und gründen eine Familie. Was meinst du dazu?"
Was sie dazu meinte? Welch eine dumme Frage!
Sie merkte, dass sie träumte - sah ihn vor sich, sein Lächeln, seine Augen ...
Ein schrillendes Läuten holte sie aus ihrer Versunkenheit.
Ihr Herz tat einen Sprung. Das Telefon! Sie riss den Hörer an sich, flüsterte seinen Namen in die Muschel und wartete atemlos.
Diese Stimme.
Es war nicht seine, sondern die seines besten Freundes und Kampfgefährten: "Ich muss dir etwas sagen ..."
Augenblicklich erstarrte das Blut in ihren Adern zu Eis und ein Teil ihrer Seele zerbarst in tausend Scherben.
Er brauchte nicht weiter zu sprechen. Sie wusste Bescheid.
Der Telefonhörer rutschte ihr aus der Hand und landete mit einem Krachen auf den harten Fliesen.
Sein Foto schwebte haltlos schwingend zu Boden, wo es sanft zum Liegen kam.



Eingereicht am 10. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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