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Auberginen für Nikita

© Christine Kühnel


Auf dem schweren, abgenutzten Holztisch tanzten tönerne Schüsseln, kristallene Gläser, hölzerne Löffel, gehälftete Limetten und selbst getrocknete Gewürze. Doamna Gabriela hackte schwungvoll Zwiebeln für ihre Auberginen - oder besser: Nikitas Auberginen - und brachte das alte, von so vielen darauf zubereiteten Speisen imprägnierte Holz zum Beben.
Es war ein heißer Sommertag, und da die Hitze schon seit Wochen anhielt, war sie inzwischen auch schon in die steinernen Mauern des alten Bauernhofes eingedrungen, den die Doamna mit eiserner, aber gerechter Hand und mittlerweile wieder alleine führte, seit Domnu Nikita es vorgezogen hatte, sturzbetrunken vom Taubenschlag zu fallen, um sich dann bei der Frau Doktor in der Stadt häuslich einzurichten. Eine glanzlose, stille Person war diese Ärztin und Gabriela fühlte sich in ihrer Ehre anfänglich so verletzt, so dass sie tagelang wie eine Furie über ihren Hof hinweg tobte. Ihre Bediensteten drückten sich nur noch schleichend im Schatten oder an den Hauswänden entlang, aus Angst, ihr in die Hände zu fallen, und die sogenannte Taubenschlag-Krise diente fortan als Fixpunkt für die Zeitrechnung des Hofes.
Jetzt aber hackte die Doamna friedlich mit dem Messer in ihrer rechten Hand die Zwiebeln, die Linke hatte sie lässig in ihre Taille gestemmt, hob sie von dort aus nur, um das seidene Taschentuch aus ihrer Schürze zu ziehen, damit sie sich über den verschwitzten Nacken streichen konnte. Gabriela war ein Weibsbild von harscher Schönheit, hochgewachsen, mit prächtigen Brüsten und üppigem, schwarzen Haar, das trotz ihrer 47 Jahre von keinem einzigen grauen Faden durchzogen wurde. Sie trug es die meiste Zeit über zu einem Knoten gesteckt, aus dem sich jedoch wie von selbst feine Strähnen an ihren Schläfen lösten, die dann ihr Gesicht mit den dunklen Augen und feurigen Lippen darin umrahmten, was ihrer wilden Anziehungskraft eine letzte Vollkommenheit verlieh.
Mit der Spitze des schweren, alten Messers schob sie das Brett mit den Zwiebeln zur Seite und zog mit der linken Hand die große Schüssel mit dem Auberginenfleisch darin zu sich heran. Sie hatte die Auberginen bereits am Morgen gebacken, bis ihre Schale eingefallen und verbrannt war, danach hatte sie sie geteilt und mit einem großen Löffel das Fruchtfleisch herausgestrichen, das nun, so gut es in dieser Hitze ging, abgekühlt war. Gabriela breitete es aus und begann es mit einem breiten Holzbeil zu einem feinen Mus zu hacken. Immer, wenn sie Auberginensalat zubereitete, musste sie an Nikita, den untreuen Herumtreiber denken - immerhin war es seine Lieblingsspeise - und sie wunderte sich, dass die Frau Doktor einerseits einen solch brillanten Kopf hatte, um ein Studium zu absolvieren, andererseits aber dumm genug war, an dem alt gewordenen Nikita Gefallen zu finden und an seine Treueschwüre zu glauben. Früher, ja früher, da war er anders gewesen. Groß, aufrichtig, muskulös und von Ausdauer im Bett und auf dem Feld, ein Knecht, den sie gern hatte, an ihren Busen drücken konnte, um ihn am andern Tag zur harten Arbeit zu schicken. Dafür ließ sie ihn in ihr Leben, in ihr Haus, heiratete ihn aber nie. Sie dankte ihm für seine Qualitäten damit, dass sie ihm treu war und es zuließ, dass die Menschen ihn Domnu nannten, als er älter und dicker wurde und sie ihm den Beinamen ‚der Schöne' nicht mehr geben konnten.
Gabriela hielt inne, beugte sich vor, griff durch ihre Beine hindurch, zog den Rocksaum von hinten nach vorne und stopfte ihn in ihre Schürze.
Verdammte Hitze, dachte sie bei sich und richtete ihr Haar. Anschließend griff sie nach ihrem Fächer, um sich ein wenig abzukühlen und ging zu einer stattlichen Anrichte, um sich ein Gläschen Schnaps einzugießen. Sich Luft zufächernd, mit der Zungenspitze das Glas ausleckend und sich in den Hüften wiegend, ging sie nun zurück zu dem großen, vollgestellten Holztisch, befreite ihre Hände und schob das Mus in eine Schale hinein.
Damals, nachdem sich nach Nikitas Fortgang ihre Wut ein wenig gelegt hatte, besann sie sich auf Vernunft, Logik und den Fortgang ihres Lebens und lud ihn ein, sich mit ihr auszusprechen. Sie fand ihn reumütig und schlaff, aber als sie dann das erste Mal nach der Taubenschlag-Krise hart auf dem mit Samt bezogenen Sofa in ihrem Salon ritt, fand sie ihre Befriedigung darin, dass sie ihn immer noch zum Wimmern bringen konnte, zum kleinen Jungen machen, der verzweifelt nach ihr griff, um einen Halt zu haben in seinem Leben.
Gabriela nahm sich die Flasche mit dem Rapsöl und rührte so lange die goldklare Flüssigkeit unter das Mus, bis es eine geschmeidigere Konsistenz bekam.
Als sie draußen das Geräusch eines herannahenden Pferdes hörte, griff sie in ihr Haar, öffnete den Knoten und streifte anschließend ihr Überkleid ab, so dass sie nur noch im weißen Unterrock und Mieder dastand, schulterfrei, schweißglänzend, glühend, als würde nicht die Sonne die Hitze anfachen, sondern sie, Gabriela, die die Auberginen jetzt mit Salz und Pfeffer würzte.
Nikita war bereits erregt, als er durch die Küchentür hereingetreten war.
"Doamna Gabriela?" fragte er zaghaft.
Sie antwortete ihm nicht, er sah nur, wie sich ihr Körper bewegte, von den Armen beginnend, auf den Oberkörper übertragend, in den Hüften endend, als sie die Zwiebeln unterhob und schließlich alles noch einmal glatt strich. Nikita stand still in der Tür, drehte seinen Hut zögerlich vor seinem Unterleib, um - nach all dem zusammen erlebten - schamhaft seine Erregung zu verbergen. Die Doamna konnte das alles sehen, ohne hinzublicken, griff jedoch erst unbeirrt zu den reifen Tomaten, schnitt sie in Achtel und garnierte damit die Auberginen, während ihre Finger eine rötliche Färbung annahmen. Mit eben diesen Fingern schob sie jetzt ihr Mieder herunter und befreite ihre herrlichen Brüste, hinterließ Spuren, fast so rot wie Blut auf dem weißen Stoff und ihrer Haut und drehte sich zu dem armen Nikita um, der wie ein Insekt dem süßen Duft der Früchte folgte und wenig später an ihrem Hals, ihrem Busen, ihrer Stärke, an der Doamna Gabriela hing. Als er danach noch keuchend und schwitzend, fast wahnsinnig ob der miteinander geteilten Gefühle, auf dem Boden neben den Kartoffelsäcken lag, ging sie über einem Bottich mit Wasser in der Ecke in die Hocke, wusch sich und trug ihm anschließend auf, das Wasser zu entfernen. Als er wiederkehrte, stand sie da, mit ihrem Knoten im Haar, dem schwarzen Überkleid und den Strähnen, die an ihren Schläfen klebten. Sein Blick glitt auf die Schüssel mit dem Salat und das Körbchen mit dem Brot, das sie daneben gestellt hatte.
Und wieder, zum sicherlich hundertsten Mal, seitdem er den größten Fehler seines Lebens beging und Gabriela für die blasse Frau Doktor freigab, fiel er auf die Knie und bat sie unter Tränen, ihn zurück zu nehmen.
"Es ist wie mit den Zwiebeln, mein lieber Nikita", sagte sie ruhig und stellte den Auberginensalat, das Brot, die Gläser und einen selbstgemachten Wein auf ein Tablett. "Gibst Du zu viele in den Salat, so schmeckt er nicht mehr." Sie sah ihn an und griff nach ihrem Fächer. "Hast du verstanden, lieber Nikita? Ich habe dir scheinbar schon einmal zu viel von meinen Zwiebeln gegeben, jetzt kenne ich genau die richtige Menge, damit du dein Leben lang woanders nichts Besseres mehr kriegst. Und nun trag das Tablett nach hinten, auf die Terrasse, ich werde dort alleine mein Abendessen zu mir nehmen."
"Sie wollen mich von innen her verbrennen, Doamna Gabriela. Und es wird ihnen gelingen." Sagte er leise, als er das Tablett nach hinten trug. Als er sich umdrehte, stand sie dicht vor ihm und er konnte sie riechen und spüren, als sie ihm einen kleinen Bissen Brot mit Auberginensalat darauf in den Mund schob.
Noch lange Zeit später hatte Nikita diesen Geschmack im Mund und es zog ihn immer, als wäre er das Meer und die Doamna der Mond, zu ihr zurück, wenn er zu schwach zu werden drohte.
Doamna = 'Dame', 'Frau'
Domnu = 'Herr'



Eingereicht am 04. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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