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Fanny

© Maria Wolfgarten


Als Fanny aufwachte, hallte in ihr noch der Traum der letzten Nacht nach. Sie wurde nachdenklich. Im Traum hatte sie sich an einem schmutzigen, trüben Wasser befunden. Menschen gingen hinein. Das Wasser begann zu wirbeln, zog die Menschen fort in eine Höhle im Untergrund. Fanny war aufgebracht, versuchte sie oder sich zu retten. Das Wasser wurde klar und durchsichtig, so dass sie auf den Grund sehen konnte. Dort trieben schwarze, aalartige Ungeheuer ihr Unwesen. Vom Ufer her schrie Fanny sie an. Eines der Ungeheuer fletschte seine Zähne und sprang sie an, aber Fanny fing es geschickt auf und hielt es unterhalb seines Kopfes mit ihrer Hand fest gefangen. So sehr es auch fauchte, es konnte nichts mehr ausrichten.
In Gedanken an ihren Traum fand Fanny bestätigt, wie sehr ihre Sexualität gelitten hatte. Ihr Leben war schwersten Belastungen ausgesetzt. Seit Fred sie immer wieder hingehalten und dann hinterrücks betrogen hatte, hatte sie Alpträume gehabt, lange bevor sie einen Verdacht hegen konnte. Er war feige, unendlich feige, aber das war nun vorbei. Es lag hinter ihr. Es war unwichtig, was er nun tat oder nicht tat. Es interessierte sie im Grunde schon nicht mehr. Sie hatte das Ungeheuer gefangen. Sie kannte es. Es lag in ihrer Hand. Es hatte seine Macht verloren. Er hatte seine Macht verloren. Sie würde ihn im Ungewissen lassen, ihn zurücklassen. Sie würde seine Seele in ihrer Seele nicht mehr wie ein Kind rufen hören. Sie hatte aufgehört, unter dem Schmerz, ihn zu verlieren, zu leiden. Es war vorbei.
Fanny ließ die Rollos noch unten. Durch die Schlitze drang das schneeweiße Licht eines neuen Tages. Es verlangte sie nicht danach, aufzustehen. Einladend lag der Roman, den sie bis tief in die Nacht gelesen hatte, neben ihrem Bett. Sie angelte nach ihrer Brille, die sie kurz vor dem Einschlafen noch beiseite gelegt hatte und war bereits wieder in dem Buch verschwunden. Erst der heftige Druck ihrer Blase brachte sie dazu, endlich ihr Bett zu verlassen.
Im Bad sah es chaotisch aus. Alle Kleidungsstücke der Woche hatten sich in ihm versammelt und lagen unordentlich über und in der Wanne. Angewidert betrachtete Fanny dies merkwürdige Stillleben. Dennoch nahm sie sich vor, Auszeit zu nehmen. Auszeit von dem Druck der Woche, der ihr Leben als Maklerin seit Jahren beherrschte und ihr immer weniger Zeit ließ, das zu leben, was sie ihr Leben nannte.
Während sie sich in der Küche noch mit dem Kaffee zu schaffen machte, klingelte irgendwo ihr Handy. Sie rannte kreuz und quer durch das Haus. Wo zum Teufel steckte das Ding? Im Treppenhaus vernahm sie es deutlich, aber immer wieder fühlte sie sich genarrt, wo sie auch suchte, bis es schließlich verstummte. Ein aufkommender Unmut wollte sich ausbreiten. Fanny ließ es nicht zu. Nicht heute. Sie ging in ihr angrenzendes Büro, in dem sich ebenso unordentlich alles auftürmte, wählte ihr Handy an. Nun machte sie sich in aller Ruhe auf die Suche. Die Antwort schien aus jedem Raum kommen zu können. Schließlich hatte sie es aufgespürt. Gestern, nach ihrem Besuch in der Bank hatte sie es in ihrem Pelz in der Diele stecken lassen, wo es nun munter vor sich hin lärmte. Sie nahm es mit Humor. Der vorige Anrufer hatte seine Rufnummer nicht hinterlassen. Wer auch immer er war, sollte er sich doch wieder melden. Mit ihrer Kaffeetasse kroch sie erneut in das kuschelige Bett, wo sie im Nu wieder in der Traumwelt ihres Buches verschwand. Auch als Kind hatte sie ihre Welt vergessen, sobald sie ein Buch in der Hand hielt. Trotzdem plagte sie angesichts der Unordnung ihr Gewissen. Offen gestanden, fühlte sie sich nicht wohl, alles so zu vernachlässigen. Immerhin liebte sie ihr schönes Heim und erinnerte sich an Zeiten, da alles sehr viel besser lief, aber da war vor dem Abgrund, in den sie gestürzt und dessen Steilwände sie nur mühsam, jedoch sehr gezielt und bewusst wieder erklommen hatte. Noch immer schien das Chaos sie einholen zu wollen. Was jedoch auch immer geschehen war, sie war stolz. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Diese Gammelzeit hatte sie sich verdient und beschlossen, sie zu genießen.
Von Zeit zu Zeit hielt sie im Lesen inne, schmunzelte und stellte fest, dass das Leben sie nun endlich wieder hatte, wie sich ihre Gedanken und Sehnsüchte wieder dem zuwandten, was es liebens- und lebenswert machte. Insgeheim genoss sie die Vorstellung, Fred glaube noch immer, dass sie sich nicht von ihm lösen könne. Sie hatte beschlossen, eine weite Strecke zurückzulegen, bevor er allmählich gewahr werden konnte, wie groß ihr Abstand zu ihm bereits war.
Es gab eine Zeit, da hatte er ihr tatsächlich alles bedeutet, jedoch hatte sie sich niemals so weit verloren, wie er glaubte. Er war ein Kollege, ein smarter Typ, durchaus witzig und charmant, wenn ihm danach zumute war. Sein wesentlichster Charakterzug war jedoch eine ungeheuere Geldgeilheit, die alles andere in den Schatten stellte. Zunächst hatte er dies geschickt zu verbergen gewusst. Sein Büro lag weit im Süden des Landes. So hatten sie nur wenig Kontakt. Es schauderte sie heute manchmal, wenn sie daran dachte, sich mit ihm beinahe tatsächlich auf immer verbunden zu haben. Ja, sie hätte ihn damals sofort geheiratet, mit offenem und ehrlichem Herzen, wenn er sie gefragt hätte. Hatte er jedoch nicht. Er war ein Meister der leisen Töne, der Untertöne, des sich Heranpirschens, Verbergens, der Suggestion, des urplötzlichen Verschwindens, erneut Heranpirschens und wiederum Verschwindens, verletzlich, jedoch unerbittlich gegen seine Feinde. Nein, auch seine Feindin konnte und wollte sie nicht sein, obwohl er es verdient hätte und sie durchaus in der Lage gewesen wäre, ihn zu vernichten, wenn sie es gewollt hätte. Lange, lange hatte sie für ihn, für ihre Liebe, für die gemeinsame Zukunft gekämpft. Es ergab keinen Sinn. Was ihn auch immer hinderte, es war zuviel, zu groß, zu hart. Sie spürte, dass es und er sich irgendwann gegen sie richtete in seiner maßlosen Selbstsucht, seinem Schattenspiel. Seine Welt war nicht die ihre. Sie hatte irgendwann Bilanz gezogen, als alle Versuche nichts fruchteten. Sie war eindeutig negativ. Jedoch gab es etwas, das übrig geblieben war nach und trotz allem, was geschehen war, etwas wunderbar Einmaliges, das in ihr selbst lag, tiefliegende Liebe und Zuneigung, die wie Gold in einer Schweinemistkuhle immer geblieben waren, was sie waren. Daran konnte auch sie nichts ändern, selbst wenn sie sich diese einstmals wunderbare Bindung nicht mehr erhoffte und nicht mehr erträumen wollte. Sie selbst hatte sich darüber hinaus neue Erkenntniswelten erschlossen. Es war harte Arbeit gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Jedes mal hatte sie eine diebische Freude daran, wenn es ihr gelungen war ein weiteres, gutes Stück voran zu kommen und ihn ahnungslos zu lassen. Das war ihre Art, nunmehr seine Arroganz zu spiegeln und zu täuschen. Es existierte, das gab sie zu, eine Verbindung, die ihr zu lösen nicht ganz gelang. Sie ahnte, dass auch er sie noch immer liebte, auf seine Art. Doch sie hatte beschlossen, dass es einen neuen Mann geben würde. Es würde ein an Körper und Seele gesunder Mann sein, intelligent, wohlhabend, gut aussehend. Er würde der Mann sein, der bei ihr bleiben, sie auf Händen tragen würde. Sie würde ihm eine liebevolle und gute Frau sein. Sie wusste, das hatte sie verdient. Ihr Leben hielt ihn bereit, irgendwo auf dieser Welt. Wenn die Zeit reif wäre, würde sie ihm begegnen. Die Lehrzeit lag hinter ihr. Sie war eine Frau geworden.
Fanny stand auf. Sie ging in ihre geräumige Küche, in der eine Unzahl Gläser und Gewürze standen, unkonventionell und doch bürgerlich. Heute kochte sie nicht. Sie zog die Rollos hoch und blickte auf eine zauberhafte weiße Traumwelt. Es hatte geschneit, wie schon lange nicht mehr. Eine dicke Watteschicht lag über allem. Fanny liebte diesen Anblick, wenn die Welt so zugedeckt, rein und unberührt aussah. Es war, als könnte man hinauslaufen, alles vergessen und einfach nur sein. Für eine Weile stand sie am Fenster und schaute hinab auf ihre Straße, die ihr so vertraut war. Inzwischen regten sich Schneeschaufeln und befreiten die Bürgersteige. Fanny beschloss, zu tun, als sei sie nicht da, obwohl ihr kleiner Sportwagen vor dem Haus stand. Wenn sie Glück hatte, schmolz der Schnee auf ihrem Gehweg schnell genug. Sie beschoss, das Schneefegen einfach zu vergessen. Nun wandte sie sich ihrer Mahlzeit zu. Es gab knusprige Körnerbrötchen, die sie liebte und in frische Milch tunkte. Sie schmeckten köstlich, auch später am Tag noch einmal. Irgendwann erwärmte sie den Rest des Essens vom Vortag, der immer noch vorzüglich war. Zwischenzeitlich lärmte das Handy erneut. Es war ein Interessent, der ihr Inserat im Internet gesehen hatte und mit ihr Konditionen für eine Vermietung aushandeln wollte. Fanny nahm es gelassen. Man würde sehen. Das Geschäft lief mäßig, jedoch machte es ihr nichts aus. Sie hatte ihre Dinge für die nächsten Monate geordnet. Dann würde man sehen. Da die Politik in den letzten 6 Jahren eine Kapriole nach der anderen schlug, die Politiker überboten sich in Unfähigkeit, hatte sie es aufgegeben, sich über die Konsequenzen zu erregen. Irgendwie würde und müsste es schon weitergehen. Sie würde es schaffen mit der Ausdauer und Energie, mit der sie alles in ihrem Leben geschafft und gestaltet hatte.
Sie hatte recht behalten. Die Sonne war herausgekommen. Es hatte sich etwas erwärmt. Am Nachmittag waren die Straßen und Gehwege frei. Ein Spaziergang wäre schön gewesen, aber ihr war es draußen zu kalt, zu nass und zu windig dabei. Auch waren inzwischen fast alle fortgezogen, die spontan zu einem Spaziergang zu verleiten gewesen wären. Allein zog es Fanny nicht hinaus. Im Büro wartete die Arbeit, trotz Wochenende. Sie hatte den gestern begonnenen dicken Wälzer von einigen hundert Seiten bereits ausgelesen, ein Bestseller vor Jahren, für den sie nun endlich die Muße gefunden hatte. Ein wenig Ordnung zu schaffen, würde nicht schaden. Sie machte sich ans Werk und wusste, dass sie diesen Tag zufrieden beschließen würde.
Weihnachten war vorüber, Sylvester stand vor der Tür. Nichts hatte sich geändert in diesem Jahr. Gelegentlich hatte Fanny überlegt, ihn anzurufen. Einmal hat sie es getan. Der Anrufbeantworter hatte sich eingeschaltet. Seine Stimme klang hart, fremd, sehr unangenehm. War das Einbildung? Nein, er hatte sich wirklich verändert in den Jahren. Früher, früher da ließ sie der Klang seiner wunderbaren Stimme nachts nicht mehr schlafen. Ihr ganzer Körper war in Aufruhr. Diese Stimme schickte sie in Traumwelten, in die Welt ihrer Sehnsüchte, denen sie nur schwer entfliehen konnte und er vermochte es sehr geschickt, den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Immer wenn sie gerade dabei war, sich zu lösen, hatte er sich wieder gemeldet und ihr gesagt, er ordne jetzt sein Leben, noch in diesem Jahr werde er eine Entscheidung treffen, nein, sie habe sich das nicht alles eingebildet. Ach, Fanny hatte immer wieder gehofft und sich gesagt, nun habe sie schon so lange gewartet und für ihn lohne es sich doch wirklich, ... . Schall und Rauch. Jahr um Jahr war vergangen. Nichts, wirklich gar nichts hatte sich geändert. Fanny realisierte das sehr gut.
In der Küche lief der Kaffee durch die Maschine. Sein Aroma durchströmte den Raum und drang an Fannys Nase. Sie schlenderte gemütlich dorthin, goss sich eine Tasse Kaffee ein. Ein herrlich freies Leben hatte sie, zu jeder Zeit. Nun gut, mit Arbeit hatte sie sich zugeschüttet, um den Schmerz nicht immer fühlen zu müssen, nicht so viel an ihn zu denken und ihrer Energie eine positive Richtung zu geben, an der Verwirklichung ihrer anderen Träume, die sie früher nie zu denken gewagt hätte, zu arbeiten. Es war ihr gelungen. Sie war erfolgreich. Es war ein Höllenritt gewesen mit höchstem Risiko, aber sie hatte es geschafft.
Sollte sie ihn doch noch einmal anrufen? War sie so weit? Nur als Freundin? Konnte sie das sein? Machte es ihr wirklich nichts mehr aus? In früheren Zeiten hatte ihre Seele ununterbrochen mit ihm geredet. Ja, nur so konnte sie es beschreiben: Sie war ihm sehr verbunden. Ihre Seele hatte ihn geheiratet. Sie war über all die Jahre seine Frau. Das entsprach nicht der äußeren Realität. Fanny wusste das sehr genau, aber sie empfand so. Er war der Mann ihrer Träume. Nur zu gerne hätte sie ihm geglaubt. Sie hatte ihm jede Chance gegeben. Er hatte gespielt. Nun hatte sie wirklich alles getan, diese Bande zu zerreißen. Es war so schrecklich schmerzhaft gewesen, immer wieder. Oft war sie an den Rand des inneren Todes geraten. Keine Depression, nein, es war etwas anderes, eine innere Zerreißprobe auf Leben und Tod, unbeschreiblich. Sie hatte mit dem Tode gerungen. Es hatte sie fast umgebracht. Es war vorbei. Geht das, nur Freundin sein?
Fanny entschloss sich, zum Telefonhörer zu greifen. Sie wählte seine Nummer. Der Anrufbeantworter meldete sich. Seine Stimme klang scheußlich. Fanny war froh, zu spüren, dass es ihr nichts mehr ausmachte. Das Leben ging weiter. Sie rief seine Handy - Nr. an. Eine Frau meldete sich. Fanny nannte ihren Namen. Sie fragte, wer am Apparat sei. "Sie haben sich verwählt." Fanny holte Luft. "Oh, entschuldigen Sie bitte." Sie legte auf. Ja, die Frau hatte Recht, nur wusste sie nicht, wie recht sie hatte. Fanny hatte sich verwählt und zwar von Anfang an.



Eingereicht am 13. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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