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Dez
01
Sieben Liebesbriefe
© Christian Heynk

Doch es gab weder gestern, noch gibt es heute so einen Orient und es wird ihn auch morgen nicht geben!
Nâzim Hikmet, 1935

ERSTER BRIEF

Als ich Sie vor drei Wochen das erste Mal sah, wie Sie mit Ihren beiden Freundinnen in den Lesesaal der Bibliothek kamen, merkte ich, dass meine Augen nicht die einzigen waren, deren Blick dem Ihren zu begegnen suchten. Viele der Männer, die dort an den Tischen über ihrer jeweiligen Fachliteratur brüteten, fühlten Ihre Gegenwart genauso stark wie ich. Das Interessante daran ist, dass Ihre ganze Schönheit nur durch die Augen strahlt. Sicherlich, auch Ihr Gang hat etwas Graziles, etwas Vollkommenes, dem man sich als Europäer nicht entziehen kann. Und natürlich, auch ich muss gestehen, dass Ihr Reiz zu einem großen Teil in dem Unbekannten liegt, das Sie verkörpern. Unter den deutschen Frauen, die zuweilen in die Bibliothek kommen, findet sich sicherlich auch die ein oder andere Augenweide. Aber schon allein die Tatsache, dass diese Frauen aus demselben Kulturkreis kommen wie ich, macht sie für mich weniger interessant. Sie hingegen verkörpern die exotische Kultur, die uns deutsche Männer davon träumen lässt, aus unseren zumeist festgefahrenen Leben auszubrechen.

Ich entschuldige mich zutiefst für diesen unverlangt an Sie adressierten Brief. Darüber hinaus muss ich mich auch für die Tatsache entschuldigen, dass ich mich in meinem Brief nicht zu erkennen gebe. Ich versichere Ihnen, dass diese Briefe keinesfalls die Intention haben, Sie irgendwie einzuschüchtern oder Sie zu etwas zu zwingen, das Sie nicht tun wollen. Ich schreibe diese Briefe an Sie einzig und allein aus dem Grunde, dass ich mich nicht traue, Sie anzusprechen, und dass ich, selbst wenn ich den Mut dazu aufbrächte, keine so schönen Sätze von mir geben könnte, wie es mir in diesem Brief vielleicht gelingen mag. Mich erfüllte das Verlangen, in Ihre Welt zu treten, ein Teil davon zu sein, und so entschied ich mich dazu, Ihnen zu schreiben. Gegen diesen ersten Brief werden Sie sich nur schwerlich wehren können, auch mag Ihre Neugier mir vielleicht dabei helfen, dass Sie diesen ersten Brief ganz zu Ende lesen. Aber schon den zweiten Brief, den ich Ihnen sicherlich schreiben werde, können Sie ungelesen wegwerfen, wenn ihnen danach ist. Ich muss schreiben, weil mir das Gefühl, das ich bei Ihrem Anblick hatte, auf der Seele brennt. Und da Sie dieses Gefühl, wenn auch ungewollt, in mir auslösten, haben Sie auch ein Recht darauf, davon zu erfahren.

Als Ihr Blick mich traf, durchfuhr es mich wie einen Blitz. Als Ihr Blick mich traf, strömte innerhalb einer Sekunde eine elektrisierende Kraft durch meinen Körper, die ich nicht erklären kann. Dieses Blitzgefühl kenne ich auch von anderen schönen Frauen, aber bei keiner war es so stark wie bei Ihnen, und bei keiner war es so nachhaltig und beständig wie bei Ihnen. Ihr Anblick ist jetzt, in den Tagen meines Studiums, zu einem Lebensinhalt geworden. Wenn ich morgens in den Lesesaal trete, und über den grauen Teppich zu meinem Lieblingstisch am großen Fenster schreite, dann sitze ich dort manchmal für Stunden in freudiger Erwartung. Ich sitze da, und hoffe, dass Sie kommen. Wenn Sie dann kommen, erlebe ich Ihren Gang zum Schreibtisch wie ein Ritual, in dem der untergebene Bauer, der ich bin, die göttliche Herrscherin bewundern darf, wie sie durch die Menge schreitet.

Ich bin, nebenbei bemerkt, ein alter Mann. Ich bin seit über zwanzig Jahren mit meiner Frau verheiratet, glücklich, wie ich zu behaupten wage. In diesen zwanzig Jahren habe ich die vielen Facetten, die der Charakter meiner Frau hat, schätzen- und lieben gelernt. Wir haben zwei Kinder, die aber schon aus dem Haus sind. Trotz ihres zunehmenden Alters finde ich meine Frau immer noch attraktiv, denn ich alleine erkenne in ihr die Schönheit, die sie einmal war. Wenn ich sie sehe, dann sehe ich direkt in ihr Herz, und nicht auf die Hülle, die dieses Herz umgibt. Aber, und ich glaube das ist der Grund, warum ich Ihnen schreibe, eine Sache kann mir meine Frau nicht mehr geben. Sie kann mir nicht mehr das Kribbeln geben, das mich aufreibende Fieber, das ich bei unseren ersten Begegnungen verspürte. Dieses anfängliche Gefühl einer beginnenden Liebe habe ich seit langer Zeit nicht mehr verspürt. Bis ich Sie vor drei Wochen das erste Mal sah.

Sie sind jung. Die wachen Mandelaugen, die straffen und glatten Lider lassen darauf schließen. Ich denke, dass Sie noch keine zwanzig Jahre alt sind und bin mir recht sicher, dass Sie eine Studentin der GIC, der neu gegründeten German University in Cairo sind. Es ist die einzige ägyptische Universität, mit der wir ein Austauschprogramm haben, und da ich an einem der Seminare dieser Universität in leitender Funktion tätig bin, weiß ich auch, dass gerade dreißig Studenten und Studentinnen dieser Universität bei uns zu Gast sind.

Ich muss schließen. Versprechen Sie mir, dass Sie auch den zweiten Brief lesen werden. Es bedeutet mir so viel, und ich denke nicht, dass meine Briefe einen großen Schaden anrichten können. Ich bin es, der sich vor Ihnen entblößt. Ich bin es, der Ihre Würde und Größe preist, an die ich glaube.

ZWEITER BRIEF

Lassen Sie mich zu Beginn eine Geschichte erzählen. Die Geschichte vom griechischen Maler Timanthes. Er hat seinerzeit die Idee gehabt, die Opferung der Iphigenie in einem Werk festzuhalten. Iphigenie, wie sie sicherlich wissen, war die Tochter des Agamemnon, der im Trojanischen Krieg nicht davor zurückschreckte, seine Tochter für den Krieg zu opfern. Obwohl Agamemnons Opfer den griechischen Streitkräften erlaubte, die Segel zu setzen und nach Troja zu fahren, war Agamemnon tieftraurig über den Tod seiner Tochter. Timanthes, der griechische Maler, erkannte während der Arbeit, dass er die Trauer im Gesicht des Agamemnons nicht überzeugend widerzuspiegeln vermochte. Und so behalf er sich eines Kunstgriffes: Anstatt das trauernde Gesicht Agamemnons zu malen, verhüllte er dessen Gesicht mit einem Schleier. Er hoffte auf einen Betrachter, der das Sichtbare nicht als es selbst, sondern als ein Zeichen aufnehmen, und es nach seiner Façon deuten würde.

Ich glaube, und seien Sie mir bitte nicht böse, dass Ihr Schleier genau denselben Zweck erfüllt. Indem die Männer, die immer noch nicht aufgehört haben, Ihren Blick zu suchen, tagtäglich in der Bibliothek auf Ihr Erscheinen warten, versuchen sie Ihren Phantasien neuen Antrieb zu geben. Dennoch prallt ein Großteil der Blicke an Ihrem verhüllten Gesicht ab, und nur in Ihren Augen findet der Blick die Nahrung der Phantasie. Ich denke, dass diese Männer, zu denen auch ich mich zähle, Sie als eine Projektionsfläche verstehen. Indem wir nur über Ihre Augen, Ihre Hände, und vielleicht Ihre Körpergröße definitive Aussagen machen können, ist der Rest des Geschöpfes, das Sie sind, nur zu erahnen. Diese Ahnung ist wie ein großer, leerer Raum, in den wir alle unsere Vorstellungen von perfekter Schönheit stellen können. Mit Ihrem Schleier erlauben Sie jedem Mann in der Bibliothek, in Ihnen seine maßgeschneiderte Vorstellung der idealen Schönheit zu sehen. Mit dem wenigen, was Sie von sich preisgeben, ist der große Rest ein Opfer unserer Phantasie geworden.

Meine Phantasie? Nun, ich bin mir sicher, dass die goldbraun schimmernde Haut, die sich um Ihre Augen spannt, sich auch über Ihren ganzen, jungen Körper erstreckt. Ich schließe von den schwarzen Spitzen, die zuweilen unter Ihrem Kopftuch hervorlugen, dass Sie langes, kräftiges, schwarzes Haar haben, welches eng an Ihrer Kopfhaut liegt, und selbst im Mondschein noch auffallend glänzt. Ihr mittelgroßer, fester Jadebusen scheint aus Marmor geformt. Ihre Hüfte und Ihre Beine legen Zeugnis von Ihrer Beweglichkeit ab, die jede orientalische Bauchtänzerin vor Neid erblassen ließe. Ihre nackten Füße sind so geschickt und grazil wie Ihre Hände, die zeitweilig aus der Haut hervorstehenden Äderchen schlängeln sich wie Schlangen um die soliden Knochen Ihrer Extremitäten. Die Fingernägel sind fein geschliffen, sie laufen nicht allzu spitz zu, und sind immer eingecremt. Das Erotischste an Ihnen aber ist ihr Rücken. Das linke und das rechte Schulterblatt scheinen beinahe in Ihre goldbraune Haut eingeschweißt, denn keine noch so kleine Bewegung Ihrer Rückenmuskulatur bleibt unbeachtet im Innern Ihres Körpers, sondern spiegelt sich in kleinen, wallenden Bewegungen auf der Haut, die sich entlang Ihrer Wirbelsäule erstreckt, wider. Die Feinheit Ihres Rückens findet ihren perfekten Abschluss in einem Nacken, der jeden Vampir vor Verlangen in den Wahnsinn treiben könnte. Kurz gesagt, jede einzelne Faser, jeder einzelne Fleck, jede größere Fläche Ihrer Figur fordern zu der freizügigen und in Ihrer Gegenwart frivolen Verlautbarung folgenden Faktums auf: Sie sind schön. Ach, Sie sind schön.

Ihr Schleier ist ebenso eine Metapher für das Geheimnisvolle. Er lässt mich mit dem Gefühl zurück, dass es mit Ihnen eine besondere Bewandtnis hat. In Ihnen sehe ich die Mystik einer Scheherezade oder die Unwirklichkeit einer Salammbô. Ihr verhüllter Körper ist wie der Beginn einer Suche, die am Ende zu der Lösung des Rätsels führt, das alle Männer beschäftigt. Das Rätsel der Frau im Allgemeinen, das Rätsel, das jede schöne Frau umgibt, die die Männer mit einer nachlässigen Handbewegung dazu zwingen kann, sich ihr zu unterwerfen. Die Schönheit, die ich in Ihnen zu erkennen glaube, lässt auch mich ohne jedes Zögern, ohne jeden Zweifel zu der zugleich zärtlich und doch zerstörerischen Zusage verleiten: Befehlen Sie über mich!

Ach, ich könnte Ihnen tausendundeinen dieser Briefe schreiben, ohne es jemals müde zu werden. Mich erregt allein der Gedanke, dass Sie meine Briefe vielleicht lesen. Und selbst, wenn ich wüsste, dass Sie meine Briefe nicht lesen, sondern nur voller Verachtung in den Mülleimer schmeißen, so bin ich doch schon alleine deshalb beglückt, weil ich weiß, dass Ihre und meine Hände dasselbe Papier berührt haben. Jeder Kontakt zu Ihnen, und sei er noch so klein und erzwungen, gibt mir die Kraft, den nächsten Tag zu bestehen.

Ich bete zu Gott, dass Sie meine Briefe lesen.

DRITTER BRIEF

Wir Europäer haben die dumme Angewohnheit, alles, was wir nicht kennen, gleich als unser Gegenteil zu definieren. Wir maßen uns an, uns selbst als zivilisiert zu bezeichnen und tun uns im Gegenzug nicht schwer damit, alles uns Unbekannte als unzivilisiert abzutun. Und so ist in der Vorstellung der meisten Europäer der Orient das komplette Gegenteil des Okzidents. Und schon wenn wir sagen, dass dort, im Orient, alles anders sei, meinen wir eigentlich, dass dort alles so ist, wie es hier nicht ist. Wir Europäer müssen noch lernen, dass das Wort anders kein Synonym für gegenteilig ist. Erst dann werden wir aufhören, uns selbst als sauber, und alles andere als schmutzig, uns selbst als kultiviert, und alles andere als unkultiviert, uns selbst als gut, und alles andere als böse zu definieren. Während des Kolonialismus wurde die Welt in zwei Hälften geteilt, eine Dichotomie, die wir heute, selbst im postkolonialen Zeitalter, noch beibehalten. In Wirklichkeit aber besteht diese Welt aus Kulturen mit fließenden Übergängen.

Mein Orientbild ist leider rein textuell. Es erschließt sich aus den Romanen von Flaubert, Nerval, T.E Lawrence, Chateubriand und Joseph Conrad. In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Reise in den Orient unternommen. Ich spreche kein Arabisch und habe auch keinen Kontakt zu in Deutschland lebenden Orientalen. Sie sehen also, dass die Mystik, die ich in Ihnen zu erkennen glaube, teilweise auch in meiner Unkenntnis begründet liegt. Wenn ich Sie in der Bücherei sehe, dann wirken Sie auf mich so deplatziert. Ich befinde, dass Sie nicht hierher gehören. Und ich stelle mir vor, was Sie dort getan haben, wo Sie herkommen. Ich sehe Sie dann auf einem Kamel durch ein Meer aus Sand reiten, wie Sie die Oase erreichen, und in dem zwischen Maulbeerbäumen, Tamarisken, Akazien und Zypressen gelegenen Teich ein Bad nehmen. Ich sehe Sie in langen, fließenden Gewändern mit eingewobenen Goldstickereien, und ich sehe, wie Sie, einer Pharaonin gleich, Ihre Verehrer verstoßen. Ich sehe ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, Scheherezade, aber ich sehe dieses Märchen, und halte es für Realität.

Ich habe mich mit meiner Frau gestritten. Wieder einmal. Es ist die Unfähigkeit, etwas sachlich diskutieren zu können. Diese Unfähigkeit hat sich in den letzten Jahren in unsere Ehe eingeschlichen. Wir schlafen nur noch selten miteinander, und merken beide an dieser unfreiwilligen Enthaltsamkeit, dass wir älter werden. Dieses Älterwerden macht uns beide unzufrieden, und wenn man nicht zufrieden mit sich selbst ist, kann man nur schwerlich mit den Leuten, die einen umgeben, zufrieden sein. Wenn ich mich nicht leiden kann, dann kann ich auch meine Frau nicht leiden, denn sie ist ja ein Teil des Ichs, das mir so verhasst ist. Und es ist zwar möglich, sich in solchen Situationen einzureden, man habe allen Grund, glücklich und zufrieden zu sein, aber diese Selbstüberredung funktioniert nicht. Nein, wenn man vor sich selbst wegläuft, dann sollte man richtig weglaufen. Denn nur so kann man zu einem neuen Ich finden. Wer weiß, vielleicht sind Sie mein neues Ich.

Ich verstehe übrigens nicht ganz, warum Ihre beiden Freundinnen nur ein Kopftuch haben, das die Haare bedeckt, während Sie ein Kopftuch und einen Schleier tragen, der nur Ihre Augen entblößt. Auch kleiden sich Ihre beiden Freundinnen viel westlicher, sie tragen bunte Gewänder, italienische Stiefel oder manchmal sogar amerikanische Jeans. Sie aber sind immer in das gleiche Gewand gehüllt, ein schwarzes Ornat mit einem roten Umhang. Ich deute es so, dass Sie, im Gegensatz zu Ihren Freundinnen, eine wahre Ägypterin sind, die sich von der Klimbim- und Konsumgesellschaft der westlichen Welt unbeeindruckt zeigt. Sie scheinen mehr als Ihre Freundinnen mit ihrem Stammland verwurzelt, Sie scheinen sich Ihrer Tradition viel bewusster zu sein, und ich schließe darauf, dass Sie aus einer stolzen Familie stammen, die sich ihrer langen Geschichte bewusst ist. Ich gehe sogar so weit zu glauben, dass Sie vielleicht ein direkter Nachfahre der Königin Hatschepsut sind. Ich weiß, das ist albern.

Jetzt sehe ich Sie schon seit Wochen Tag für Tag, und dennoch verblasst mein Interesse an Ihnen nicht. Im Gegenteil, es wird von Tag zu Tag stärker. In meinem Schreibtisch liegen haufenweise flammende Liebesbriefe, die alle die Schönheit unter Ihrem Gewand preisen, beziehungsweise die Schönheit, die ich darunter vermute. Ach, es wäre doch etwas, wenn ich ein einziges Mal den Schleier lüften, Ihre zarte Haut darunter berühren könnte. Es gäbe mir so viel. Es würde wahrscheinlich der Erlösung von allen irdischen Qualen gleichkommen. Durch die Berührung Ihrer Haut würde meine Bewunderung für alles Orientalische einen unglaublichen Schub erfahren, einen Elan, der Berge versetzen kann.

Ach, Sie müssen schön sein.

VIERTER BRIEF

Entsetzt war ich von der Tatsache, dass Sie heute nicht in der Bibliothek waren. Ihre Abwesenheit erzeugte in mir einen Kreislauf der Schwäche, der sich bis jetzt noch fortsetzt. Nur mit Mühe und Not gelingt es mir, den Füller in die Hand zu nehmen und Ihnen zu schreiben. Abgesehen vom Kreislauf der Schwäche dreht auch ein Kreislauf, oder vielmehr ein Karussell der Fragen lustig seine Runden in meinem Kopf. Ich frage mich, ob Ihre Abwesenheit vielleicht etwas mit meinen Briefen zu tun haben mag. Ich habe die Abschriften meiner drei Briefe wieder und wieder durchgelesen, und ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, dass Sie mich für einen kleinen Psychopathen halten, der Ihnen nachstellt. Ich kann Ihnen jedoch nur noch einmal versichern, dass meine Absichten Ihnen gegenüber von der lautersten und ehrenhaftesten Natur sind.

Sie können mir glauben, dass ich, obwohl ich ein Westeuropäer bin, Sie, obwohl Sie aus dem Orient kommen, nicht für minderwertig halte. Ich bin nicht einer dieser Westeuropäer, von denen Sie vielleicht gehört haben, die in Thailand oder sonst wo den dortigen Frauen eine schönes Leben in Germany versprechen. Ich bin keiner dieser bierbäuchigen Maurer, die von ihrem mühsam ersparten Geld in den Orient reisen, und sich dort in einem Katalog eine kleine Orientalin erwerben, deren wunderschöne, zierliche Körper sie dann zur Abreagierung ihres brutalen Geschlechtstriebs missbrauchen. Ich habe im Gegenteil die größte Hochachtung für Sie und Ihre Völker, und wenn ich an die Geschichte des Kolonialismus denke, dann erfüllen mich die Taten meiner Ahnen und Urahnen mit größter Scham. Auch wenn es die Briten waren, die sich im 19. Jahrhundert Ihr Land Untertan machten, so sehe ich mich dennoch als Deutscher in einer Linie mit diesem Feind, den Sie und alle anderen Völker, seien es die Indianer in Amerika oder die Zulu und Xhosa in Südafrika, als den weißen Mann bekämpften. Ich habe überdies die größte Hochachtung für den glorreichen Kämpfer Mohammed Ahmed ibn Saijid Abd Allah, der 1885 die Briten bei Khartum vernichtend schlug. Ich denke, er hatte jedes Recht, damals die muslimischen Sudanesen aufzufordern, mit ihm in den Befreiungskampf gegen das Joch der kolonialen Herrschaft und Unterdrückung zu ziehen. Sein Jihad, ungleich den heutigen, war ein gerechter und wahrhaft heiliger Krieg. Und wenn Sie mich fragen, dann hätte diese gewonnene Schlacht bei Khartum ein erster Schritt der Kolonien, Protektorate, Mandatsgebiete und Dominions sein müssen, um sich auf der ganzen Welt zu vereinen, und um den Briten, den Franzosen, den Spaniern, den Portugiesen und auch den Deutschen und Belgiern dasselbe Joch aufzuzwingen, das sie selber solange ertragen hatten. Ich bin sicher, es wäre eine gerechtere Welt, wenn die orientalische Kultur heute der Welt als Leitkultur dienen würde, und nicht unsere traditionslose und blutige Westkultur. Manchmal denke ich an die Jahrhunderte der Unterdrückung, die der Kolonialismus mit sich gebracht hat, und dann kann ich mich über den Zustand der heutigen Welt nicht mehr wundern.

Aber lassen wir das. Sie haben mir heute gefehlt. Immer und immer wieder schwang mein Kopf zu der Glastür, durch die Sie für gewöhnlich in den Lesesaal treten, doch Sie kamen nicht. Und obwohl der Lesesaal wie üblich voller Menschen war, kam er mir leer vor. Denn nur Sie haben die Grazie, die Anmut und die Schönheit, die einen Raum zu füllen vermag. Nur Sie haben die Kraft, meinen sinnlosen Tagen des unermüdlichen Selbststudiums einen Sinn zu geben. Jeden Tag stehe ich auf, in der Hoffnung, Sie zu schauen. Jeden Tag nenne ich nur dann einen Tag, wenn ich Sie sehen kann, wenn ich Ihre Anwesenheit spüren kann. Alle anderen Tage sind nichts weiter als von fahlem Sonnenlicht gegeißelte Nächte. Sie sind meine Sonne. Sie sind die sterngleich strahlende, streuungslose Sonne der Sorglosigkeit, die sanft und schön mit dem Säuseln einer Sirene in den Sedimenten meines kranken und kalten Gehirns niedersinkt, um mit ihrer Kraft ein Segel der Hoffnung zu setzen. Mit einer Serenade der Sonne, oh schönste Serenissima, sorgen Sie für das Verstummen meiner Sonette der Sehnsucht.

Da ich weiß, wo Sie wohnen, bin ich spät abends noch zu Ihrem Haus gefahren. Ich habe ungefähr eine Stunde lang versucht, Sie in den erleuchteten Zimmern des dritten Stocks auszumachen, aber ich sah immerzu nur Ihre Silhouette, die schwarz über die Wellen Ihrer Gardinen ritt. Ich weiß nicht einmal, ob es wirklich Ihre Silhouette war, aber der Gedanke, dass Sie es gewesen sein könnten, erregt mich jetzt. Finden Sie nicht auch, dass dies ein ungemein intimer Moment zwischen uns war, wenn Sie es denn wirklich waren?

Ich bitte Sie inständig, kommen Sie morgen wieder in die Bibliothek. Es bedeutet mir so viel.

FÜNFTER BRIEF

Mein Herz versank in der tiefsten Finsternis, als ich Sie gestern sah. Für einen langen Moment legte sich die Dunkelheit wie ein Schleier über das sonst so stark pulsierende Organ und brachte es aus seinem Rhythmus. Ich sah Sie und sah Sie doch nicht. Ich sah etwas, von dem ich glaubte, dass ich es nicht sehen solle, und glaubte für kurze Zeit, Sie zu schänden. Ein Impuls gebot mir, auf Sie zu zu rennen und mich schützend über Sie zu werfen. Ich folgte diesem Impuls nur deshalb nicht, weil gleich darauf ein Lähmen einsetzte, das nicht nur meinen Kiefer herunterklappen, sondern auch meine Glieder erstarren ließ. Die anderen Männer im Lesesaal bemerkten die Veränderung an Ihnen ebenso wie ich. Ihre Augen verrieten denselben Verlust von Kontrolle, der auch mich übermannte. Ein Dutzend ungläubiger Augenpaare schaute ehrfürchtig und entsetzt zu, wie Sie den Gang zu ihrem Tisch abschritten. Verstohlene Blicke von schwachen Männern trafen Ihre Augen, und diesmal nicht nur Ihre Augen. Wir alle sahen zum ersten Mal Ihr Gesicht.

Sicherlich wird es bei diesem einen Mal bleiben. Ich kann mir es nur so erklären, dass Sie unachtsam waren. Sind Sie so betroffen von meinen Briefen, dass Sie sich nicht mehr an Ihre Pflicht erinnern? Versetzen meine Briefe Sie in einen derartigen Aufruhr, dass Sie vergessen, Ihr Gesicht zu verhüllen? Beschäme ich Sie auf eine Weise mit meinen Briefen, dass Sie mir diese Scham zeigen wollen?

Ich habe Ihr Gesicht gesehen. Obwohl ich es nur für einen Moment sah (jener von mir geschätzte, kurze Moment, in dem Sie an mir vorübergingen, ohne mich zu sehen), brannten sich die Einzelheiten dennoch in mein fotographisches Gedächtnis ein. Und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, muss ich doch sagen, dass die Magie ihrer Augen sich in den Weiten Ihres Gesichts verliert. Während Ihr Schleier bisher nur die Betrachtung Ihrer Augen gewährte, und sich deshalb die Konzentration auf dieses einzelne Sinnesorgan beschränkte, war meinen Augen diesmal die Kontemplation Ihres ganzen Gesichtes erlaubt. Doch die von mir erwartete exponentielle Steigerung des Sehgenusses blieb aus. Ich will keineswegs sagen, dass Ihr Gesicht nicht schön ist. Es ist nur so, dass ich den Schleier, den Sie bisher über Ihrem Gesicht trugen, als ein Zeichen für Ihre göttliche Schönheit sah. Ich glaubte zu wissen, dass Sie deshalb einen Schleier tragen, weil Ihre Schönheit nichts Menschliches mehr hat, und deshalb für das gewöhnliche Menschenauge zu stark ist. Ich vermutete unter Ihrem Schleier ein Gesicht, dessen Anmut sich meiner Vorstellungskraft entzieht, ein Gesicht, das mit den üblichen sprachlichen Attributen und Parametern nicht zu beschreiben ist. Stattdessen sah ich ein beschreibbares Gesicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Sie sind sehr schön. Sie haben ein feine, zierliche Nase, rosige Wangen, die sich trotz Ihres goldbraunen Teints zu präsentieren wissen, und einen sinnlichen Mund. Keiner der anwesenden Männer schien von Ihrem Anblick enttäuscht, im Gegenteil, sie freuten sich, Sie einmal unverhüllt schauen zu dürfen. Nur ich hatte, ich gestehe es, mehr erwartet. Ihr Schleier hatte mich zu der Vermutung veranlasst, dass Ihrem Gesicht ein Geheimnis innewohnt, dass Ihr Gesicht ein mythisches Mysterium ist, dessen marmorne Merkmale nur der betrachten darf, der dieser unmöglich minderwertigen Menschheit meilenweit voraus ist. Ich glaubte, dass Sie ein Gesicht haben, das wir schon deshalb nicht sehen dürfen, weil wir sterblich sind.

Ich habe mich geirrt. Durch Ihre gestrige Enthüllung haben Sie für mich an Reiz verloren. All die Schönheit, die ich bei meiner Frau vermisse, konnte ich bis gestern in Sie hinein projizieren. All die Schönheit, die in meiner Phantasie ihr Ideal findet, hatte Platz in dem Geheimnis, das Sie um Ihre Erscheinung machten. Sie haben durch Ihre freiwillige Enthüllung meiner Phantasie einen wenn nicht tödlichen, so doch erheblichen Schmerz zugefügt. Denn wenn meine Phantasie Ihren Körper bis gestern noch komplett (mit Ausnahme der Augen, natürlich) nach meinen Idealvorstellungen erschaffen konnte, so bleibt ihr nach dem heutigen Tag nur noch der Körper ohne das Gesicht. Sie haben mich durch das Zeigen Ihres Gesichtes einer Phantasie beraubt, in die ich verliebt war.

Ich bitte Sie inständig: Wenn Sie morgen in die Bibliothek kommen, dann kommen Sie verhüllt. Noch ist es nicht zu spät. Noch können Sie meine Enttäuschung von gestern schmälern, indem Sie wieder vollständig verhüllt erscheinen. Bewahren Sie Ihre Keuschheit. Merken Sie denn nicht, dass das Zeigen Ihres Gesichtes einer Profanierung gleichkommt? Ist Ihnen nicht bewusst, dass es Ihr Antlitz entweiht? Wenn Sie weiterhin Ihr Gesicht zeigen, stellen Sie sich doch auf eine Stufe mit den europäischen Dirnen, die aufreizend und kokettierend durch die Gegend spazieren. Ihre Verhüllung ist auch ein Schutzmantel, der Sie vor der Gier und Lust der Männer bewahrt. Denken Sie immer daran!

SECHSTER BRIEF

Nein! Nein! Nein, Nein, Nein, Nein! So geht das nicht. Ich weiß, was Sie vorhaben, aber das können Sie nicht tun. Sie werden mir zuliebe wieder zur Ausgangsposition zurückkehren. Sonst werde ich böse, und glauben Sie mir, ich kann sehr ungemütlich werden, wenn ich böse bin. Sie wissen genau, dass Ihr Auftritt heute in der Bibliothek der reinste Affront war. Sie verraten nicht nur mich, Sie verraten auch uns beide, Ihre Religion, Ihre Heimat und Ihre Weiblichkeit. Sie können nicht einfach all das, wofür Ihre Eltern, Großeltern und Ahnen Jahrhunderte lang gekämpft haben, mit einem Streich einfach so aufgeben. Sie können sich nicht einfach Ihrer Geschichte entledigen, indem Sie in einem solchen Aufzug erscheinen. Wenn Sie so weitermachen, dann werden die Imperialisten gewinnen. Verstehen Sie nicht? Der Westen, Europa, das sind nicht Sie. Sie sind der Orient, Sie sind Ägypten, also verhalten sie sich auch dementsprechend. Wollen Sie, dass die gewinnen? Wollen Sie das? Was ist mit Napoleons Schlacht an den Pyramiden, als er die mamelukischen Truppen vernichtend schlug? Was ist mit 1811, dem Massaker in der Zitadelle von Kairo? Was ist mit dem Verräter an Ihrem Volk, mit Mehmed Ali? Was ist mit dem niedergeworfenen Urabi Aufstand 1880? Was ist mit der Erinnerung an die Vergewaltigung Ihres Landes durch die britischen und französischen Imperialisten? Haben Sie das vergessen, oder hat man Ihnen nie davon erzählt? Wenn Sie es nämlich wüssten, dann würden Sie sich nicht so schamlos verhalten, wie Sie es heute in der Bibliothek getan haben.

Gut, ich beruhige mich. Sicherlich sind Sie alt genug, um selbst zu entscheiden, was gut für Sie ist und was nicht. Aber glauben Sie nicht auch, dass Ihre Eltern sehr unglücklich wären, wenn sie erführen, wie Europa Sie verändert? Glauben Sie nicht auch, dass Ihre Mutter bitterlich weinen würde, wenn Sie sie in einem solchen Aufzug sähe, und dass Ihr Vater aufhören würde, mit Stolz von seiner Tochter zu sprechen? Bis vor kurzem war Ihre Keuschheit, Ihre Unberührbarkeit das größte Gut, was Sie besaßen. Die Unnahbarkeit, die der Schleier Ihnen verlieh, machte Sie zu der begehrenswertesten Frau in der Bibliothek. Jeder der anwesenden Männer hatte mehr Respekt vor Ihnen als vor den teilweise aufreizend gekleideten Deutschen, die ihr blondes Haar über die Schulter werfen, mit den Augen klimpern und auf hohen Absätzen über den Teppich staksen. Diese deutschen Frauen tragen ihre Schönheit zur Schau, sie betonen sie und bringen sie mit Schminke zur Geltung. Sie verkünden damit marktschreierisch ihren Verkaufswert, und bieten sich und ihren Körper feil. Auch wenn diese Frauen es sich nicht eingestehen, so trennt sie doch wenig von den Huren, über die sie so gerne abfällig reden.

Sie waren von Anfang an anders. Sie verhüllten das, was die deutschen Frauen penetrant sichtbar machen, und Sie zeigten durch diese Verschleierung mehr als die deutschen Frauen durch ihr aufreizendes Gehabe zu verhüllen suchen. Sie zeigten, dass Sie eine untadelige, reine, makellose und pure Frau sind, die sich selbst gehört und niemandem sonst.

Um Ihnen die Bedeutung der Jungfräulichkeit einmal näher zu bringen, will ich Ihnen von meiner Frau erzählen, die ich, wie bereits gesagt, immer noch liebe. Doch hat sich diese Liebe vollkommen verändert, nachdem ich das erste Mal mit ihr geschlafen habe. Vor dem ersten Koitus war es eine körperliche und sinnliche Liebe gewesen. Der Anblick ihres Körpers brachte meine Säfte in Wallung, und mit dem Brodeln dieser Säfte ging eine sinnliche Erfahrung einher, die die zähe und zermürbende Alltagswelt in ein goldenes Paradies der Erregung transformierte. Ich sah nicht alles durch die rosarote Brille, wie man sagt, sondern ich sah eine Welt, die durch ihre Existenz eine Aufwertung erfahren hatte. Meine Frau machte durch ihr Dasein aus meiner bis dato für verkommen und armselig gehaltenen Welt eine Welt, die göttlichen Charakter hatte. Meine Frau hatte die Kraft, der Geschichte der Menschheit eine Daseinsberechtigung zu geben. Mit ihrer Schönheit erklärte sie graues Regenwetter, sie erklärte Kriege, Hungersnöte, menschliche Verkommenheit und irdische Banalität. Sie wog diese negativen Dinge mit ihrer Schönheit auf. All diese hässlichen Dinge, so glaubte ich, existierten allein aus dem Grund, die Schönheit meiner Frau messbar zu machen. Nur weil es das Hässliche gab, konnte ich auch die Schönheit meiner Frau erkennen. Genauso können wir uns nur dann ein Bild vom Himmel machen, wenn wir auch das Bild der Hölle kennen. Yin und Yang, Sie verstehen?

Doch nachdem ich das erste Mal mit ihr geschlafen hatte, war der Glanz ab. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker gelange ich zu der Überzeugung, dass ich mit meinen tierischen Trieben diese Frau beschmutzt habe. Und wenn Sie sich nun in ihrer westlichen, wenig verhüllenden Kleidung den Männern der Bibliothek zeigen, dann erlauben Sie ihnen das Schwelgen in schmutzigen Phantasien. Und der Schmutz dieser Phantasien, das müssen Sie doch verstehen, wird schließlich auch auf Sie abfärben. Deswegen müssen Sie sich bedecken. Sie dürfen sich nicht entblößen.

SIEBTER BRIEF

Sie haben gewonnen. Ich gebe auf. Wenn es Ihr Ziel war, mich durch Ihre Europäisierung von meiner Obsession abzubringen, dann ist Ihnen das gelungen. Sie haben so ziemlich alles von sich gezeigt, und mich meiner Phantasie beraubt. Jetzt muss und darf ich mir nicht mehr vorstellen, wie Sie wohl ohne den Schleier aussehen, jetzt weiß ich es. Jetzt mache ich mir keine Illusionen mehr über die Form Ihrer Brüste, die Farbe Ihrer Haut, die Muskulatur Ihrer Beine, denn jetzt habe ich mehr als nur eine Ahnung von der Beschaffenheit dieser Körperteile. Im Grunde muss ich mir selber Vorwürfe machen, denn Sie waren von meiner Obsession peinlich berührt, und sahen keinen anderen Ausweg als die Entblößung. Sie haben den Preis bezahlt, und Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ich finde Sie nicht mehr göttlich. Sie sind schön, ja, aber auf eine profane Weise. Sie unterscheiden sich nun nicht mehr von den deutschen Ägypterinnen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Von der Exotik Ihrer Person ist nichts mehr übrig geblieben, Sie haben nichts mehr gemein mit der Frau, die ich vor über zwei Monaten zum ersten Mal durch die Tür des Lesesaals schreiten sah. Sie sind keine Scheherezade, keine Salammbô, nein, Sie sind eine Austauschstudentin ägyptischer Nationalität mit einem zeitlich begrenzten Visum, einer Sozialversicherungsnummer und einem Auslandskrankenschein.

Obwohl ich von Anfang an wusste, dass Sie nur eine meiner Phantasien sind, war ich doch in diese Phantasie verliebt. Wenn man das Leben auf dieser Seite der Erde so in- und auswendig kennt wie ich, dann bleibt nur noch die (wenn auch imaginäre) Flucht auf die andere Seite. Das Leben in Ägypten, die Menschen dort waren von meinem Leben so weit entfernt wie der Mond. Ich konnte alles in diesem Land sehen: Meine Heilung, mein neues Leben, meine Abenteuerlust, meinen Willen zur Flucht vor mir selbst.

Was bleibt? Was bleibt mir jetzt, nach der Flucht, die Sie sein sollten. Nun, mir bleibt meine deutsche Frau, mir bleiben meine deutschen Kinder. Mir bleiben die verregneten Tage im Herbst, das Bier in der Stammkneipe, meine Arbeit im heruntergekommenen Institut. Mir bleibt das Leben, welches ich so genau kenne, dass ich aufgehört habe, es zu betrachten. Ich sehe die Welt, in der ich lebe, nicht mehr wirklich; ich sehe nur noch Zeichen, die mich zu denselben Automatismen verleiten, denen ich mich jetzt schon über fünfzig Jahre ausgesetzt sehe. Ich spüre nur noch Impulse und Reflexe, die mich zu Taten veranlassen, die ich so oder ähnlich schon einmal getan habe. In der Festgefahrenheit meiner Existenz ist jedes Ausweichen auf andere Pfade schon im Vornherein zum Scheitern verurteilt, da ich auf keiner anderen als meiner eigenen Straße fahren kann.

Ich wünsche Ihnen alles Gute. Dieses war mein letzter Brief. Ich glaube, es ist an der Zeit, mich zu entschuldigen. Ich hatte keineswegs die Absicht, Sie zu belästigen. Ich war vielmehr von dem Willen beseelt, etwas Neuartiges erleben zu wollen. Und ich muss Ihnen, trotz des für mich unglücklichen Ausgangs, danken. Denn für die letzten zwei Monate war mein Leben aufregender als sonst, und diese Aufregung verdanke ich Ihnen. Sie haben mein Gefühlsleben ein wenig durcheinander gebracht, und mich für eine Weile die alltäglichen Probleme vergessen lassen. Für eine kurze Zeit konnte ich in Gedanken ein anderes Leben führen, und diese Andersartigkeit macht mir die Realität nun um einiges erträglicher. Ich werde in Gedanken immer auf unsere 'Affäre' zurückblicken, und das wird mich glauben lassen, dass ich etwas Besonderes erlebt habe.

Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise (das Austauschprogramm endet ja, wenn ich mich nicht irre, in zwei Wochen), und hoffe, dass Sie Deutschland ein wenig kennen gelernt haben. Wer weiß, vielleicht kommen Sie einmal wieder, und vielleicht werden Sie dann an diesen 'alten Sack' denken, der Ihnen bei Ihrem ersten Deutschlandaufenthalt diese bizarren Briefe geschrieben hat. Vielleicht werden Sie diese Episode Ihres Lebens dann mit einem Lächeln quittieren und mir verzeihen können. Es war keineswegs meine Absicht, Sie zu irgendwelchen Dingen zu zwingen, die Sie nicht wollten. Ich war vielmehr ein Egoist, der sich einer exotischen Frau, die er nicht kannte, aufgedrängt hat, um eine Intimität zu schaffen, die nur einseitig motiviert war. Auch wenn ich gerne wüsste, wie Sie über diese ganze Sache denken, ziehe ich es dennoch vor, wieder in die Anonymität zurückzukehren, aus der ich so plötzlich aufgetaucht bin.

Ein letztes Adieu, und machen Sie es gut.

T.W.

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