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Dez
01
Wenn ich nicht wollte, würde ich Nein sagen
© Jo Häselbarth

Wie immer wochentags so wähnte ich mich auch an diesem schaurigen Novembermorgen in der Pflicht, um vier Uhr das mollig traute Bett zu verlassen. Wie immer ließ ich dem Wecker kaum eine Chance, sich schrillend zu entfalten - und wie immer wand ich mich hinüber zu meiner aufgeschreckten Gattin, um mich in üblicher Analogie für den Tag zu verabschieden. Dieses mal jedoch sollte es kein Abschied bis zur gewohnten Abendstunde sein, denn eine ganze Nacht gedachte sich wie ein monumentales Vorkommnis in unseren schematischen Alltag zu zwängen!

Zwiespältige Erregtheit diktierte jede meiner Bewegungen, als ich nach schlafloser Nacht vorsichtiger als sonst die leicht knarrende Schlafzimmertür schließen wollte und sich mein Hoffen, dass Gudrun wie gewohnt sogleich weiter schlafen würde, nicht erfüllte. ‚ Viel Spaß', raunte sie mir lässig nach und ebenso, als würde sie mir hierbei ein Lasso um die Brust werfen, nahm mir der verbitterte Unterton in ihrer Stimme beinahe die Luft zum Atmen. Tausend mal munterer als sonst um diese Zeit war ich trotzdem nur in der Lage, flüsternd dankend zu erwidern, wankte ich doch plötzlich panisch hin und her zwischen fahriger Gereiztheit und besonnenem Mitleid. Um nichts in der Welt hätte ich mich jetzt noch einmal zu ihr umdrehen können, vermochte sie doch nicht im Entferntesten erahnen, was sie mir eben gerade mit auf den Weg gab! Erst als ich wenig später mein Spiegelbild im Bad betrachtete, viel intensiver und überhaupt nicht so verschlafen wie sonst, wich die Panik schier ruckartig von mir, wusste ich doch nur zu gut, dass Gudrun längst wieder tief und fest schlief. Gründlicher als gewohnt ging ich die Morgentoilette an und suchte vor allem danach, meine silbergrauen Locken, welche ich noch immer zu gern etwas länger trug, leger zu stylen. Zahnbürste, Spray, Hautcreme und Eau de Toilette mussten sich auch veralbert vorgekommen sein ob ihres ungewohnt innigen Morgeninteresses. Ein flüchtiger Blick durch die trüben Fensterscheiben genügte, um zu erkennen, dass es dieser bedeutungsvolle Tag vom Wetter her nicht gerade gut meinen würde. Was sollte man hingegen auch von einem Mittnovembertag als den nasskalten Vorboten des Winters erwarten? Zumindest jedoch ließ der lästige Schnee, wie ich diesen bei der ständigen Autofahrerei nun mal empfinde, noch auf sich warten. Demnach würde ich die etwa einstündige Fahrt an den Tegernsee problemlos zurücklegen können, glaubte ich mich sicher und schlürfte trotzdem den heißen Kaffee nur eiligst zur Hälfte aus. Musste ich ja auch die verlorene Zeit der Morgentoilette aufholen, sollte alles so verlaufen wie jeden Morgen. Für Gudrun, falls sie dennoch aufgewacht wäre, war ich ja ganz normal auf dem Weg zur Arbeit! Einer gewissen Aufgewühltheit konnte ich mich folglich nicht erwehren und hatte erstmal nur eines im Sinn, nämlich die Wohnung so rasch als möglich zu verlassen…

Entgegen gewisser Vorahnungen wurde ich im Wagen immer ruhiger und gelassener, was irgendwie gar nicht zu mir passte, denn seit Tagen konnte ich ja kaum mehr an was anderes denken, als daran, was mich von nun an in den folgenden 24 Stunden erwarten könnte! Zum ersten male verließ ich zu solch früher Stunde meinen Heimatort in genau entgegen gesetzter Richtung und niemand weiter auf der ganzen Welt, außer einer Person, kannte den Anlass dafür. Starr blickte ich auf die nachtleere Straße vor mir und meine Gedanken wanden sich noch einmal wie im Kreis, wog doch trotz aller Gelassenheit das Joch der Lüge schwer wie ein Amboss auf meiner Brust! Schließlich war es das erste mal, dass ich Gudrun nach 15 Jahren getreuen Zusammenlebens mit einer beinahe rundherum erlogenen Story begegnet war. Angeblich hatte ein Kollege von mir zu seinem 50. Geburtstag eingeladen, bei dem ich nach der ausgiebigen Feier gemeinsam mit noch ein paar anderen Kollegen auch zu nächtigen gedachte. Es passte schon, dass diese Feier tatsächlich statt fand. Gudrun hingegen hätte wissen müssen, dass ich niemals dort geschlafen hätte!? Wie auch immer, es war mir gelungen, sie von meiner "Behauptung" zu überzeugen - und der langwierig in mir so sehnsüchtig gediehene Grund hierfür kannte nur einen Namen: KATHRIN

Wie es meiner überspannten Pünktlichkeit geziemt, kam ich viel zu früh an meinem so idyllisch ins weite Bergmassiv eingebetteten Lieblingssee am Fuße des Wallbergs an. Alles in dem feinen Kurort, bis auf eine hell erleuchtete Tankstelle an der langen Hauptstraße, schien sich alle Zeit der Welt zu lassen, den neuen Tag zu begrüßen. Selbst war ich ja ein paar Jahre zuvor hier Kurgast gewesen und wusste um das romantische, stressfreie Flair dieses wundersamen Fleckens. Eben genau die rechte Idylle für eine einzigartig erwachende Begebenheit…

Leger, so als würde ich dies tagtäglich tun, suchte ich in jener Tankstelle nach einer besonders schönen, dunkelroten, langstieligen Rose. Ein fürwahr passendes Präsent für meinen ( wie ich es mir ungewohnt selbstbewusst ausgemalt ) reizend romantischen " Seitensprung"! Den Sekt, einen weißen und einen roten, fuhr ich ja schon seit Tagen im Wagen spazieren. Anheimelnd duftete es nach frisch gebrühtem Kaffee und die kleinwüchsige, untersetzte Kassiererin hinter dem überladenen Tresen sah mir mit erkennbar schmunzelndem Weitblick untrüglich an, dass es mit dieser Blume etwas ganz Spezielles auf sich haben würde. Verwirrend und wohltuend zugleich berührten mich diese frauenhaft abgeklärten Blicke, welche ich mir abrupt wie ein verständnisvolles Gebaren verinnerlichte. Wenn ich mir damit selbst eine Fiktion geschaffen hatte, dann sollte es genau so sein - denn es tat mir gut, unheimlich gut! Eiligst in den Wagen zurückgekehrt, sah ich mich erneut regelrecht überrumpelt ob meiner emotionalen Ausgewogenheit, schließlich eröffnete mir die immer näher rückende Konstellation faktisch atemberaubende Brisanz. Herz und Seele rumorten dabei pausenlos und auf das heftigste in mir und besänftigten auf unabwendbare Art meine Sinne. Nie vorher hatte ich so etwas seltsam befreiendes erlebt - wie in einem hellwachen Rausch blockierte mein Rückgrat im Fahrersitz und ein freudiger Aufbruch packender Verzückung erklomm sich mir kribbelnd warm einen geraden Weg vom Becken hinauf bis unter die Kopfhaut, als wäre soeben, gerade jetzt und hier, eine Quelle neuen Lebenselixiers in mir entsprungen. Ein Elixier, nach dessen Born ich gesucht, seitdem mein ganz persönliches Aquarell von Liebe und Leidenschaft in meiner nicht erhörten Seele verharrt. All der monotone Ballast wurde von besagtem Elixier pedantisch sanft aus meinen Adern hinweg gespült. Gedanken an meine dröhnende Fabrikhalle, an belastende Fakten und Zahlen, an nervenden Zeitdruck, an meinen Gesinnungen fernen Verwandten und Bekannten, an eine Ehefrau, die sich meiner Seele immer mehr entfremdet, als dass ich sie ihrem Herzen hätte kredenzen können - all diese Gedanken hatten mit einem male keine Chance mehr, sich in mir aus zu toben! Sogar die Gewissheit zeitlicher Eingeschränktheit hinderte mich nicht daran, sogleich in eine andere Haut zu schlüpfen, deren Frische mich federleicht aus prickelnder Blockade befreite…

Mit tiefsten Atemzügen suchte ich danach, mich der Realität wieder näher zu bringen, war es doch bislang nichts weiter als Vorfreude, was mein Gemüt so erfrischend besänftigte!? Vorfreude auf ein mir bis dahin lediglich in traumhaft romantischer Korrespondenz erschienenes, reizend natürliches Geschöpf!? Vorfreude auf eine Frau, welche mir ( nie vorher war ich mir in unbefangener Weise so sicher ) mit sanftester Leidenschaft begegnen sollte!? Kraftvolle Herzschläge beschwerten mir nun ob aller Erkenntnisse und trotz aller Wonne Kopf und Glieder. Schweren Atems presste ich meinen Kopf fest in die Stütze, schloss die Augen lang und fest - und dachte in brennender Erleuchtung nicht im Entferntesten daran, auch nur den winzigsten Schritt retour in die Tristesse verschwiegener Sehnsüchte zu gehen…

Nasskaltes Morgengrauen hüllte den Wagen ein und die eisige Luft hatte sich inzwischen unaufhaltsam einen Weg ins Innere meines soliden Gefährts gesucht. Nichts jedoch hätte in dieser wundervollen Ergriffenheit die Glut in meinen Adern kühlen können! Noch über eine Stunde der Vorfreude, ehe mir Kathrin zum ersten male leibhaftig gegenüber stehen sollte. Wahnsinn, diese Gespanntheit auf einen nie erfahrenen, ergreifenden Augenblick, wo sich zwei fern voneinander gereifte Menschen erstmals in die Augen sehen und jeder vom anderen weiß, wonach er gesucht, wonach ihm verlangt und was geschehen wird. Den Weg zu dem etwas verborgen gelegenen Hotel, in dem sie für uns beide eingecheckt hatte, kannte ich seit dem Tag der Verabredung intuitiv so gut, als wäre ich diesen schon hunderte male gefahren. Welch reizende Überschaubarkeit, dass mich nun nur kaum mehr als fünf Minuten Fahrzeit von ihr trennten! Dennoch gebot mir eine innere Stimme den feinen Hauch der Gewissheit, dass mir noch genügend Muße blieb, meine entflammten Sinne in Balance zu halten. Auf gar keinen Fall mochte ich wie ein ungeduldiger Verehrer früher als vereinbart vor ihrer Türe erscheinen, denn vielleicht würde sie jetzt noch auf dem Bett liegen und dort gleichsam mir die verbleibende Zeit in inniger Besinnung nutzen? Oder sollte sie gar immer wieder zwischen prüfenden Blicken in den Spiegel unruhig aus dem Fenster zum sicherlich erleuchteten Parkplatz schauen und dabei hoffen, dass ich eher als erwartet erscheine? Was sollte es, niemand auf der Welt hätte dies wissen können. Sympathie jedoch, habe ich für beide Vermutungen empfunden.

Gemächlich wie eine Streife auf nächtlicher Kontrollfahrt fuhr ich, vorbei an meiner damaligen Kurklinik, einmal ums Karree und parkte direkt vor einer Schwimmhalle. Großzügige Parkplätze zur Rechten säumten die verlassen wirkende Straße, direkt zwischen See und Hauptstraße gelegen, gegenüber gepflegten Villen zur Linken, ein. An bestimmten Tagen, besann ich mich ablenkend, sind diese Parkplätze von zahllosen Badehungrigen bis auf den letzten Platz belegt, doch jetzt, zu so früher Stunde, erschien es mir, als gehörte aller Platz weit und breit einzig mir allein. Vorsorglich zog ich meinen dicken Anorak von der Rückbank hervor und streifte ihn über meinen molligen Rollkragenpullover. Eingemummelt wie ein Eskimo lehnte ich mich zurück, drehte das Radio, aus dessen Kassettenteil wie fast immer in jener Zeit "Zucchero" zu hören war, ganz auf leise - und ließ mich metaphorisch einfach treiben in eine verworrene Vergangenheit, welche mir Gegenwart und Zukunft so gewinnend und edel erschienen ließ:

Wie oft hab ich mir überhaupt schon selbst vorwurfsvoll ins Gewissen gerufen, ob denn das alles normal sei, was da seit einiger Zeit, so unberührbar tief in meinem Inneren verborgen, mit mir geschieht!? Doch die vielen "Gleichgesinnten", vor allem jene meiner Altersgruppe jenseits der 40, welche sich eifrig auf diesen ganz bestimmten Internetseiten tummeln, stimmten mich immer wieder gebannt darauf ein, dass es eben doch nicht ganz und gar anormal ist! Obgleich ich mir auch widerlegend bewusst bin, dass sich Seitensprünge nie und nimmer wie folgerichtig in den Reim vielerlei Lebensgeschichten einreihen dürften, was mir in manchmal quälend dementierender Weise zu erkennen gibt, dennoch einen anormalen Entschluss gefasst zu haben!? Meine Gedankenfolgen hingegen, welche ich für mich selbst starrköpfig mit diesem heiklen Schritt verknüpfe, scheinen fürwahr in recht unerreichbarer Traumwelt zu wandeln! Die Meisten von denen, welche sich wie ich auf eheliche Abwege begeben, sehen sich ganz gewiss in erster Linie dem Drang verfallen, unbedingt noch einmal die sexuelle Lust mit einem anderen Partner erleben zu müssen, noch einmal dieses Prickeln von damals unter der Haut zu spüren, wie es einem überfällt vor dem ersten mal, noch einmal dieses sinnliche Hochgefühl genießen, vollauf zu begehren und ebenso begehrt zu werden. Nun - ich würde mich selbst Lügen strafen, wenn ich mir nicht eingestehen würde, dass gerade auch solch reizende Verlockung eine Rolle dabei gespielt hat, weshalb ich jetzt hier in so früher Stunde auf diesem verlassenen Parkplatz stehe, fernab meiner mir selbst geschaffen, stetig abstumpfenden Welt. Zumal ich mitnichten behaupten kann, mit Gudrun je in den Genuss eines erfüllten Liebeslebens gekommen zu sein. Ich mag mich gerade jetzt nicht all dieser unaufhaltsamen Dinge erinnern - doch hat sie nicht mindestens genau soviel wie ich selbst dafür getan, dass ich nun wie unabwendbar dazu entschlossen bin, sie in intimster Weise zu hintergehen, meine Gedanken, meine Emotionen, ja meinen Körper einer anderen Frau zu schenken?

Nein, meine Gefühle sollen und dürfen noch lange nicht sterben! Darum bin ich jetzt hier und darum nehme ich diese atemberaubende Gelegenheit wahr, meiner geschundenen Seele endlich etwas Gutes zu tun. Vielleicht sogar, um sie zu retten - denn es ist schon sagenhaft, wie viel ich schon jetzt für Kathrin empfinde, für eine Frau, die ich noch nie gesehen, deren Stimme ich noch nie gehört! Womöglich stoße ich mit meinen illusionären Vorstellungen schon bald auf eine riesige Mauer des Scheins!? Wie nur soll ich das wissen? Hab ich mich nicht zu oft schon im Leben falschen Illusionen unterworfen? Doch was nur, wenn ich aufhöre, an ein glückliches Leben zu glauben? Dabei hab ich es längst verworfen, mich nochmals einem Wagnis gleich Hals über Kopf in eine neue Beziehung zu stürzen! Sicher müsste ich mir sein, sicher, dass "sie" es "endlich" ist, so zauberhaft natürlich, spontan, verständnisvoll, liebevoll und zärtlich, mir Freundin und Geliebte zugleich - ja, eine seelenverwandte Freundin, der ich mich hemmungslos anvertrauen und mit der ich harmonische Brücken schlagen kann - eine Freundin, mit der ich genau auf solch verbindendem Wege das Feuer der Sinnlichkeit auf eine völlig neue, unerfahren anziehende Weise erleben kann - eine Freundin, die mir irgendwann nicht mehr nur Freundin ist…

Oh ja, ich weiß sehr wohl um die Gefahren, welche solch eine innige Verbundenheit mit einer anderen Frau für meine nach außen hin so solide erscheinende Ehe nach sich ziehen würden! Hab ich mich doch schon so oft, und das vor allem in den letzten Tagen, gefragt, was diese Wunschgedanken überhaupt noch mit einem Seitensprung zu tun haben? Was, wenn ich tatsächlich "fündig" werde - oder es gar schon geworden bin? Könnte ich dann als der in privaten Gefilden so emotional überspannte Typ überhaupt in der Lage dazu sein, meine Gefühle immer wieder solch enormen Schwankungen zu unterwerfen? Was geschieht mit mir, wenn es wirklich viel mehr als nur Freundschaft ist zwischen ihr und mir? Spüre ich doch längst mehr als deutlich, welch zarte Flamme bereits zwischen Kathrin und mir lodert…

Jeder, der Gudrun und mich kennt, glaubt sich fest in der Annahme, dass wir eine konstant ausgeglichene Ehe führen. Dabei könnte wohl keiner so recht nachvollziehen, was in all den Jahren zwischen uns auf der Strecke geblieben ist. Aber bitte, auf keinen Fall möchte ich ihr allein die Schuld dafür geben, dass mich so viele Gründe hier her geleitet haben. Sie hat ihre guten Seiten, sehr viele sogar - doch eben trägt sie ein Herz unter der Brust, welches das meine, was nur zu oft geduldig in zweiter Reihe verweilen musste, kaum mehr in sich vereinigen wird. Und ein Herz - oh Mann, wenn man es denn verstehen kann - lügt nie…

Neuartige, keineswegs unbedenkliche Begebenheiten, in welche ich mich ob der aufreibend verfahrenen Jahre nun so eifrig hinein manövriert habe. Obwohl ich seit wer weiß wie lange nicht mehr so beschwingt und frei aufatmen konnte wie jetzt und hier, sehe ich mich doch wie in einer Zwickmühle gefangen, wähne ich mich ja keinesfalls in der Absicht, dauerhaft ein Leben zwischen Lug und Betrug zu führen! Aber bis jetzt ist ja noch immer nichts passiert - noch nicht…

Irrsinnig gespannt bin ich darauf, von Kathrins Beweggründen für diesen ihren nicht minder brisanten Entschluss zu erfahren! Bislang weiß ich so gut wie nichts von ihrem Mann und dem Zustand ihrer Ehe, wie sie selbst ja auch noch nichts von meiner ehelichen Lethargie wissen kann. Wieso sollten wir auch, geht es doch erst mal nur einzig um uns, um unsere Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte. Und dass Kathrin gleichsam mir recht unerfahren in der Sündhaftigkeit der Untreue ist, glaube ich längst zu wissen, denn unzählige Mails und SMS sind seit knapp einem Monat zwischen uns hin und her geflattert und haben mir von mal zu mal eindringlicher prophezeit, dass unsere Motive und vor allem auch unsere Ansichten mindestens auf ähnlichen Argumenten basieren! Wenn sie es denn wirklich sein sollte, wenn ich sie denn nun wirklich gefunden hätte, sie, der ich garantiert in nicht mal mehr einer Stunde und in aller Lebendigkeit gegenüberstehen sollte - Kathrin - oh Mann, ist das ein Wahnsinn!!!

Tief ein und ausatmen - entspannen - ablenken, noch ein wenig - es ist ja noch nichts geschehen - außerdem wird es traumhaft schön werden - es ist fast so, als wäre ich angekommen, ich weiß nur noch nicht genau wo…

Wahrhaftig schreit alles so abwegig im Leben erscheinende immer wieder nach dem "Warum"! Ja - warum? Bräuchte ich doch einfach nur in scheinbarer Zufriedenheit spartanisch dahin zu dämmern, wie all die anderen auch, welche sich mit oder ohne Widerstand in ihre ach so abhängigen Rollen gefügt haben. Gar nicht lang brauche ich zu suchen, will ich mich selbst an dieser gebeugten Daseinsweise messen - und immer häufiger und immer intensiver reagiere ich mit Verbitterung, Mitleid und Selbstmitleid darauf! Selbstmitleid, das sich irgendwann in Wut und wilder Gedankenflut verlor und mich letztlich unwiderruflich dazu getrieben hat, mein Gemüt endlich wieder mit echtem Hochgefühl beschenken zu müssen. Man soll mir, geschehe was wolle, mit einem noch so lauthalsen "Warum" begegnen - ich selbst habe es mir beantwortet! Ich stehe dazu und fühle mich schon jetzt und hier wie befreit - wie ein bunter Vogel, der frischauf tirilierend hoch über seinem Bauer schwebt, obwohl er weiß, dass er bald wieder zurück in seinen Käfig muss, denn noch getraut er sich nicht, endgültig hinaus zu fliegen in jene sich vor ihm ausbreitende Unbewölktheit, die seine Seele in sanftester Weise streichelt. Doch er weiß jetzt ganz genau, dass die Käfigtür ihm kein Hindernis mehr sein wird…

Aber noch bin ich ein Gefangener in meiner so verdammt vernünftigen Welt, denn der sonst so Ellenbogen vertraute Johannes hat es noch immer nicht geschafft, sich auch im privaten Gefilde vollauf seiner Würde zu besinnen. Vielleicht setzt er seine Erwartungen auch viel zu hoch an und fällt dann in ein noch tieferes Loch? Vielleicht müsste er sich einfach zusammen reißen und sich in sein "geziemtes Dasein" fügen, schließlich ergeht es ja unzähligen auch nicht anders als ihm! Was er so sehnsüchtig zu finden hofft, kann er, wenn überhaupt, ohnehin nur in einer neuen, für ihn noch so denkbar fremd anmutenden Welt finden…

Darauf mag ich mich jetzt lieber nicht versteifen - und im Moment schon gar nicht! Jetzt bin ich erst einmal unglaublich froh darüber, wirklich hier zu sein, gleich dem, was sich daraus entwickelt. Optimistisch wie fast nie zuvor in meinem verzwickten Leben habe ich dem heutigen Tag entgegen gesehen und derweilen überhaupt nicht mehr daran gezweifelt, die richtige Vorgehensweise gewählt zu haben. Wo sonst als unter jener zweischneidigen Rubrik hätte ich eine sinnbildlich liebe Freundin finden können, die ähnlich wie ich selbst und trotzdem nicht hoffnungslos in Verlassenheit wandelt!? Eine liebe Freundin, die dank einer gewonnenen Reife erkannt hat, dass sie selbst ihre Komponente dafür tragen muss, will sie denn wieder mal, oder endlich, glücklich sein - die es, begünstigt von wundervollen Voraussetzungen, wagen möchte, einzig und mit mir gemeinsam ab zu tauchen in eine herausfordernde Anonymität - die sich nicht zuletzt hierdurch endlich einen lebendigen Gleichklang mental vereinigender Gesinnungen und Gefühle erhofft…

Kathrin!?!?!?

Nie vorher trug ich solch untrüglich leitende Gefühle des Hochgefühls in mir! Sanftmütiges Prickeln, optimistisch besänftigende Lautlosigkeit, schonend verbindende Offenheit und liebevoll zärtliche Bereitschaft eilen diesem unserem ersten, ja hoffentlich erstem, Beieinander voraus - als wären wir uns schon seit unendlichen Zeiten erkennbar vertraut! Gleich mit ihrer allerersten Mail, deren Spiegelung so zaghaft entschieden mein Inneres berührte, hat mir ihr wachsam lyrischer Charme regelrecht den Kopf verdreht. Selbst zuvor, als ich eben an dem Tage, wo ich mich frustriert von jenen Seiten verabschieden wollte und ich wie einen himmlischen Wink ihr Inserat entdeckte, welches von so reizvoll, wie schlicht fesselnder Art, fühlte ich mich sonderbar befangen. Die Silben strömten wie ein mildwarmer Hauch in meine Seele - so voll reservierter Sehnsucht, rufend nach romantischer Harmonie, was zu erkennen mir wie eine ins Herz stechende Offenbarung erschien!

Vorlieben: Lesen, Musik hören, gute Gespräche - Erotik. Dinge, die in sich vereint und eben genau in dieser Reihenfolge ihren besinnlichen Ruf nach sich mild ergänzender Lebensfreude verkündeten. Wenige Worte nur, in welche sie jedoch beinahe alles zu verpacken verstand, was sie einem freundschaftlich sinnlichen Versuch eröffnen würde!

Abneigungen: Pessimismus, Zynismus - Eifersucht. Dinge, die in sich vereint und in zwingender Güte nur das unterstreichen, was sie im Kern ihrer Vorlieben so vorsichtig zu bedeuten verstand. Beeindruckend, wie Kathrin vollendend die Vertrauensfrage als "die" vorbehaltlose Botschaft verlauten ließ!

Wie versteinert starrte ich damals minutenlang auf den Monitor und ich glaube, dass ich es nicht einmal bemerkt hätte, wenn mit Gudrun plötzlich in meiner Heimlichkeit über die Schultern geschaut hätte! Nur wie beiläufig registrierte ich vorerst, dass auch Alter und Maße meinen Vorstellungen entsprachen - bis mich ihre Postleitzahl in Form eines faden Beigeschmacks aus meiner Starre erweckte. Meiner Neugier auf diese mir sofort instinktiv sehr nahe stehende "Inserentin" tat dies jedoch nicht den geringsten Abbruch - und nichts hätte mich nunmehr davon abhalten können, ihr sogleich ein paar Zeilen zu senden!

'Mal sehen, was passiert'. Der kürzeste Anzeigentext, den ich je hier entdecken konnte! Eine "Kürze", welche mir indes hundert mal mehr zu vermitteln in der Lage war, als jede vorher erforschte Ausführlichkeit: Bedenken wider Zuversicht; Zaghaftigkeit wider Entschlussfreude; Gedämpftheit wider Signale…

Gesinnungen meiner selbst rieben sich in ihren sensiblen Zeichen schier wagemutig aneinander - und fluteten meine verloren geglaubte Seele regelrecht mit neuem Lebenselixier. Verdammt gut tat es mir, zwischen diesen ihren stillen Zeilen lesen zu können - und ich tat es immer und immer wieder! Immer wieder neue Berührungspunkte verstand ich von Mail zu Mail an uns zu entdecken und es warf alles Vorherige aus der Bahn, erfahren zu dürfen, mit welch beschwingter Leichtigkeit wir uns rasch auf diese uns wohl beiden gewogene Weise immer vertrauter wurden - in solch kurzer Zeit und ohne bislang je ein Wort miteinander geredet zu haben. Von Güte und Geist getragene, aufrichtige Sympathie, Achtung und Leidenschaft für den anderen empfinden - dies sind unumwunden die wunderbaren Elemente des Lebens, von denen ich sehr bald wusste, dass wir zwei uns geistesverwandt danach sehnen. Nahezu unbemerkt ist dabei der Begriff "Seitensprung" immer weiter ins Abseits geraten - gefährlich weit…

Kathrin ist ein klein wenig älter als ich und lebt genau wie ich seit etwa 15 Jahren in einer festen Beziehung. Auch sie ist in dieser Beziehung verheiratet und hat wiederum genau wie ich eine erwachsene Tochter aus erster Ehe - und auch sie hat der Job in den Süden des Landes verschlagen, mit dem einen feinen Unterschied jedoch, dass sie ihren Wohnsitz nicht hierher verlegt hat. Das "vorteilhafte" daran ist, um es mal ruhig ein wenig egoistisch aus zu drücken, dass sie nicht zuletzt ob ihres variablen Vertreterdaseins Wochentags, wie auch ab und zu am Wochenende, im Hotelzimmer nächtigen muss!!!

Es wird wunderschön werden mit Kathrin - und aufregend - ganz sicher wird es das sein - nur keine Zweifel mehr - warum bin ich mir sonst so sicher - die Minuten vergehen wie in Zeitlupe - Gott sei Dank…

Echt bewundernswert, wie sie in diesem zeitaufwendigen Job solch andauernde Doppelbelastungen bewältigt! Vor allem als verheiratet Frau, die noch dazu nicht mehr ganz so jung, muss man schon unheimlich gut drauf sein, will man sich Tag für Tag und Nacht für Nacht allein und fernab von daheim durchboxen. Obgleich ich mir so ein Leben für mich selbst sehr gut vorstellen kann, weil ich - ja genau, weil ich mich längst nicht mehr so richtig wohl fühle dort, wo ich es sozusagen sollte! Wenn ich mir so manch andere Frau in Kathrins Altersgruppe ins Gedächtnis rufe, vermag ich mir unschwer ein gewisses Bild von ihr zu machen - wenngleich, oder gerade weil, sie mich, was ihr Äußeres betrifft, weitestgehend in gespannter Erwartung belassen hat. Meiner in Windeseile gewachsenen Affinität ihrer Erscheinung gegenüber - ich weiß es einfach, dass sie mir gefallen wird - konnte sie damit jedoch nicht den geringsten Abbruch abringen! Von bescheidener Natur, was ich über alles mag, ist sie ohnehin. Mit heller Erleichterung konnte ich dies schon bei ihrer ersten Mail an mich feststellen. Vielleicht legt sie enormen Wert darauf, wie oft hab ich mir dies in den letzten Tagen zugeraunt, dass wir uns tatsächlich über unsere Sinne näher kommen, als dass wir uns von Äußerlichkeiten blenden lassen!? Wenn es denn so sein sollte, dann hat sie verdammt gut damit getan, weiß ich doch selbst, wie solche Momentaufnahmen trügen können. Und doch ist sie mir in dieser Hinsicht ein klein wenig im Vorteil, denn sicherlich hat sie mein Foto aus dem Internet genau betrachtet. Als ein Typ, der vom Aussehen her in keine rechte Schublade zu passen scheint, bin ich mir ebenso sicher, dass ich auf gewisse Frauen überhaupt nicht wirke, wie ich hingegen auf einen ganz bestimmten Frauentyp wohl zu wirken verstehe - und heut beschleichen mich voll unerklärlichen Optimismus nicht die geringsten Bedenken, nachher mit meiner lässigen Jeansjacke über dem molligen Rollkragenpullover und der total "atypischen Mittvierzigerfrisur" ihr selbstbewusst entgegen zu treten. Ich bin nicht dick, ich bin nicht dünn, kein Schönling, aber längst auch kein Unästhet, nicht überstylt, aber wohl gepflegt, kein alternativer Jugendtyp mehr wie früher, aber erst recht noch kein früh gealterter Knacker - und es ist der Irrsinn, wenn ich mir zu denken gebe, dass ich, seit ich von Kathrin weiß, mich selbst aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachte! Habe ich doch tatsächlich damit begonnen, mich zu mögen und auf eine besonders tief dringende Weise an mich zu glauben…

Schwarze Haare und braune Augen, dies konnte ich einzig mit einer kleinen List aus ihr heraus kitzeln! Sportlich und schlank wird sie, ihren Maßen und der sportlichen Begeisterung nach zu urteilen, auf jeden Fall sein. Gepflegt und adrett sowieso, anders hätte sie diesen Job gar nicht über so einen langen Zeitraum ausüben können. Außerdem hat sie sich mir mehrmals als eine sehr moderne Frau zu erkennen gegeben, womit sie ganz gewiss nicht nur allein die Art, sich zu kleiden, gemeint hat…

Schlank - sportlich - gepflegt - adrett - modern - oh je, alles weibliche Vorzüge, wie ich sie so sehr mag - hoffentlich hat sie auch ein paar nette Makel, so wie sie das Leben sie zeichnet - bestimmt hat sie die - hoffentlich!

Nicht wesentlich kleiner als ich und von der Mentalität her unmissverständlich so nett und taktvoll, wie spontan und aufgeschlossen zugleich, dass ich von Beginn an keinerlei Zweifel hegte, ihr irgendwann einmal völlig frei und unbefangen gegenüber treten zu können! Tatsächlich schon eine ganze Menge, was ich zumindest von ihrer Wesensart weiß und de facto scheint Kathrin eindeutig der Typ Frau zu sein, nachdem sich meine Seele so sehr sehnt: Keine selbstherrliche "Tussi", keine chaotische "Streunerin", wie auch keine ewig zweifelnde "Hinhalterin" - eben harrgenau jene weibliche "Vollendung", wie ich sie zu finden auf besagten Seiten längst aufgegeben glaubte…

Noch einmal strecken und tief durchatmen, bald wird es ernst - nur noch glatte zehn Minuten - jetzt grollt es mir doch ganz schön unter der Bauchdecke - aber echt angenehm, dieses hastige Kribbeln - angenehm aufregend - schwitzende Handflächen - abwischen, aber wo, egal, an der Hose eben - mir wird ganz heiß - bloß ruhig bleiben, du großer "Ehebrecher" - noch ein ganz klein wenig zurücklehnen - ist doch alles normal so, oder!?

Wie euphorisch jetzt mein Herz trommelt und mit echt wärmender Offensive dieses hastige Auf und Ab meiner Bauchdecke diktiert!? Totenstille, der Nebel wird immer dichter und ich kann die Schwimmhalle direkt vor mir kaum mehr erkennen. Eingehüllt in den Schwaden meines eigenen Atems spüre ich die Kälte nicht. Meine Gedanken sind jetzt nur noch bei ihr und ich bin verrückt danach, sie endlich zu sehen - und bin dabei trotzdem froh, dass es immer noch nicht ganz soweit ist. Ja Johannes, hast du es nun wirklich soweit getrieben, gleich nachher und nach so vielen Jahren mit einer anderen Frau als Gudrun richtig eng zusammen zu sein! In ein kleines, unheimlich gemütliches Gemach wirst du dich einzig und allein mit dieser anderen Frau, nach der du dich so lange gesehnt hast, zurück ziehen, vor aller Welt mit eurem herzbewegenden Geheimnis verborgen. Du wirst sie irgendwann im Arm halten, du wirst sie streicheln, du wirst sie küssen, du wirst sie…

So aufregend schön hab ich mir das wirklich nicht vorstellen können. Waren es ja bis vor kurzem eh nur immer wieder hinter dem Horizont schwindende Träume - doch jetzt, es tut mir so sagenhaft gut, jene Träume endlich halten zu können, sie gar real werden zu lassen! Und erst jetzt scheint es mir gegeben, so richtig unbehindert die Erleichterung darüber zu empfinden, es tatsächlich gewagt zu haben. Und man soll mir getrost zürnen deswegen, oder auch nicht, denn nie vorher war es mir je so egal, was die anderen über mich denken - ich weiß genau, was ich tue und warum ich es tue - ich bin sogar unheimlich stolz darauf, das ich es endlich tue und endlich auch einmal gegen den Strom schwimme!!!

Immer wieder gehen mir Kathrins, so wie ich diese empfunden habe, eindrücklichsten Zeilen durch Mark und Kopf, als sie mir auf meinen Vorschlag hin, ich könne bis zum nächsten Morgen bei ihr bleiben, entgegnete: ‚ Wenn ich nicht wollte, würde ich nein sagen - aber ich sage ja.' Zeilen voll sanft besiegelter Resonanz, die mich tief berührten, die mir Beherztheit zuraunten und mich dogmatisch davon überzeugten, dass es wirklich so etwas wie Seelenverwandtschaft geben muss! Wieder hatte es Kathrin wundersam verstanden, ihren seelischen Widerschein in eine kleine Hand voll Silben zu verpacken. Eine Gabe, die gewiss nur wenigen Menschen gegeben ist, Menschen mit unbestechlichen Gefühlswogen behaftet - so rein, so offen und geradlinig, wie es ihnen ihr gütiges Herz gebietet. Ich selbst wollte und möchte mich allzu gern dieser Gabe bemächtigen, was aber leider immer und immer wieder von meinem ergebenen Habitus verdrängt wurde. Kathrins Lebensmaxime muss ganz einfach von einem durchschlagend offenherzigem, wie natürlich liebevollen Naturell geprägt sein und ich bin nicht eben unbeschwert gespannt darauf, wie mein beinahe ruiniertes Innenleben darauf reagiert. Doch es beflügelt mich so sehr, wenn ich mich ihrer stillen Schreie besinne, die so klingen wie der sanftmütigste Widerhall seelischen Stillstandes - der da nichts anderes bedeutet als: Endlich bist du da!!!

Alles schien zunächst genau so, wie ich es mir unzählige male ausgemalt: Die kleine Seitenstraße gegenüber jenes weithin bekannten Klinikparks trug ich ohnehin von meinem damaligen Kuraufenthalt schwach in Erinnerung. An das eher unscheinbare, aber dennoch sehr einladend wirkende Hotel Garni, welches geradezu romantisch im eisigen Frühnebel schlummerte, vermochte ich mich jedoch nur schwerlich zu erinnern. Gerade mal ein einziger Parkplatz schien wie für meine Ankunft reserviert, der mir noch dazu beste Sicht auf die vielen kleinen Fenster gewährte. Hinter zweien, direkt unter dem wie gewohnt weit vorgezogenen Dach, flackerten sogar schon lebhaft verhangene Lichter, zwischen denen meine Blicke sogleich sensibel scharf hin und her wanderten - sollte wirklich "meine Kathrin" hinter einem davon auf mich warten, so fern und doch plötzlich zum Greifen nahe!? Unvermittelt wähnte ich mich nun sogar auf der "Zielgerade" noch einmal wie in einer fernen Welt, denn von einer Sekunde auf die andere schien ich tatsächlich wie gelähmt! Die Emotionen spielten wie aufgedreht Katz und Maus mit mir. Herz und Lunge drängten meinen Oberkörper wie in Trance versetzt fest in den Sitz zurück und wirbelten meine Sinne noch ein letztes mal hin und her. Die Lippen verbissen aufeinander gepresst, mit schweren, weit aufgerissenen Augen, glaubte ich, einer Fata Morgana gleich, Kathrin genau hinter einem dieser Fenster deutlich erkannt zu haben, obwohl ich sie niemals zuvor zu Gesicht bekommen hatte - mit diesem reizend versunkenem Lächeln auf zuckersüßen, schmalen Lippen und dunkelbraunen, hellwachen Augen, umrahmt von einem beinahe südländischem Teint und pechschwarzen, lustig gewellten Haaren - und wie mich eben dieses Lächeln voll besonnener Anmut geleitete in eine einzigartig angenehme Phase neuen Erwachens! Überwältigt ob der heiteren Leichtigkeit meines "Erwachens" genoss ich diese traumhaften Vorboten, die faszinierendsten Erleuchtungen, welche mir bis dahin je erschienen sind. Im Inbegriff der Ruhe selbst fühlte ich mich jetzt gelöst und frei wie sich jemand fühlen musste, dem nie im Leben irgendein Trübsal widerfahren ist - eben happy, einfach nur happy! Glücklich und zufrieden, einzig durch das einnehmende Lächeln einer Frau, deren leibhaftige Nähe mir der Wirklichkeit vorauseilte, die seit Tagen, seit Wochen in mir lebte, von Stunde zu Stunde ein wenig intensiver und deren Liebreiz mich schon damals tiefer berührte, als dass dies je einer anderen Frau auch nur im Ansatz gelungen war! Dann endlich - ein letztes tiefes Durchatmen. Nicht mal mehr zwei Minuten blieben mir noch und das Handy auf dem Beifahrersitz liegend wartete nur darauf, zum Finale zu blasen - ihre Nummer, lange abgespeichert, die uns bis dato so sehr in Spannung gehalten, die ich nun zum ersten male mit dem Ziel anwählte, am ende auch die grüne Taste zu drücken!!!

KATHRIN

Hellwach und betörend klar, mit einem aufrechten Hauch von Erleichterung überzogen, lichtete der angenehme Klang ihrer Stimme vom ersten Laut an mein gerade erst zu neuem Leben erwachtes Gemüt - und ich war froh darüber, so endlos froh darüber, es geschafft zu haben, mir diese bewegende Impression für eben jenen ganz besonderen Augenblick aufbewahrt zu haben! Das sich immer mehr der Unwirklichkeit lossagende Tor zu unbekannten, reizvollen wie gleichsam brenzligen Ufern ward aufgestoßen - nun brauchte ich nur noch einzutreten…

Die halbvolle Reisetasche lässig über die Schulter gehangen, die stolz der Kälte trotzende Rose in der Hand, schlenderte ich , gelöst und locker wie ich es nie für möglich gehalten hätte, an parkenden Autos vorbei, dem seitlich etwas verborgen gelegenen Eingang entgegen. Beispiellose Stille untermalte effektvoll diesen ebenso beispiellosen Frühmorgen, welcher mir trotz Eiseskälte wohlig strömende Wärme bis ins kleinste Äderchen sandte. Was aber noch vielmehr wog, war der nachklingend liebliche, unmittelbar vertraute Klang aus dem Handy, welcher mit taktvoller Leichtigkeit meine Schritte dirigierte und dabei das Halbdunkel so taghell erstrahlen ließ, als wäre die Sonne niemals untergegangen!

Undurchsichtige Schattenlichter, wie einzig für diesen innig ersehnten Moment der Begegnung erschaffen, legten sich einer Diagonalen gleich über den zum Eingang führend magischen Gang. Schattenlichter, die mir mit geradezu emphatischer Regie geboten, einzutreten in dessen bedeckende Obhut. Schattenlichter, hinter deren beschirmender Hülle mir unverweilt hörbar aparte, zaghaft feste Schritte immer näher kamen - ohne jedes Schwanken folgte ich der "Regie" - und da war sie, einfach so, wie ein Engel aus dem Nichts - meine Kathrin - so behutsam leicht, unleugbar natürlich, lieb, smart, leger, ganz und gar schmucklos schön…

Zwei bittend flehende, schwarz funkelnde Engelsaugen, schauten mich an und wie ein scheues Rehlein beugte sich der zierliche Kopf zur Seite. Stilles Verharren beider Seelen, nur noch einen winzigen Schritt voneinander entfernt und all meine Sinne, die ich in jenen Glücksmomenten frei zu geben im Stande war, kredenzten sich in ehrfürchtiger Audienz meinem endlich sichtbar gewordenem Engel. Wie sonderbar, wie wunderschön dieser Augenblick, den ich wie einen Augenblick der Heimkehr empfand, einer glücklichen Heimkehr, dessen Hochgefühl ich nie vorher erfahren durfte…

Nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde bedurfte es, zu erkennen, dass mir genau dieser liebreizende Engel, wie er sich nur schwerlich von jener fensterverhangenen Vision unterschied, schon so oft in meinen aufreibenden Träumen erschienen ist - eben ganz genau in solch zärtlicher, mein Herz so empfindsam streifenden Pose. Ein Engel, so blühend reif, so zaghaft unbeirrt, so bedächtig leicht, so unbelastet strahlend - mit dunklen, zauberhaft im Dämmerschein funkelnden Augen, mit pechschwarzem, heiter gewelltem kurzem Haar und mit entzückend feinen, schwungvoll frohlockenden Lippen, wie sie meiner lechzenden Seele sogleich und ohne jeden Laut ein wahres "Epos" empfindsamster Sehnsüchte rezitierten! Mit einem Herzen voller Freude kompensierte ich in einhelliger Reglosigkeit ihr "schweigsames Gedicht"!

Obwohl ich mich noch immer als ein unbefleckter Neuankömmling am Tor zu einer neuen, fremden Welt sah, empfing ich unser erstes unmittelbares Gegenüber wie eine unerschöpfliche Erlösung. Die Verbundenheit unser beider Seelen konnte man förmlich sehen, fühlen, ja einatmen - längst war ich angekommen in dieser " neuen, zweiten Welt"! Ein wenig unsicher wanderte die von ihr liebevoll genant bewunderte Rose hinüber in ihre zarte Hand - und als sich unsere Finger hierbei wie zu einem Prolog sensibelster Empfänglichkeit zum ersten male samtweich berührten, sich unsere Blicke ineinander verliefen, unsere Körper sich ganz nahe waren, sich der warme Hauch unseres Atems willkommen hieß, sich ohne Zögern der Sog unserer Lippen in verblüffender Ungeniertheit sogleich in einem brennend sanften Kuss verwob, hatten sich Sehnsucht und Verstand endgültig vereint! Wie sonst hätte ich mir jenen einzigartigen Glücksmoment erklären können, da sich ohne das geringste Gebaren von Unentschlossenheit unsere Münder wie zwei unzertrennliche Seelenflecken in empfänglichsten Einklang suchten und fanden? Unser allererster Kuss - so zärtlich entschlossen, so flüchtig verstohlen, so sanft durchdringend, so unverhüllt rein, so engelhaft süß…

Entzückt und trotzdem überwältigt ob der erwartet spürbar inneren Nähe und Wärme dieses zauberhaft natürlichen Wesens, so herrlich schlank und scheinbar ungewollt elegant, folgte ich ihr leisen Schrittes (obwohl es nur so polterte in meinen Venen) die hölzernen Treppen hinauf in das fürwahr entlegenste Gemach direkt unter dem Dach. Wie in einer so eben belegten Legende des Glaubens, den Glauben an sich selbst und an das verbindende Licht vertrauter Seelen, tat ich es meiner Kathrin gleich und trat ein - und das wilde, alles umzingelnde Rauschen tief in mir drinnen, ließ mir vorerst wenig Raum, zu realisieren, was da eben mit mir, mit uns, geschah - was jene "sagenhaft reale Legende" unseren Herzen zu vermitteln gedachte. Es geschah einfach alles so, wie es geschehen sollte, wie es geschehen musste, denn unsere Herzen wussten längst so vieles voneinander, dass wir gar nicht bemerkten, wie unsere aufgewühlten Sinne ihrem "Regiment" verfielen!

Dann durfte ich sie sehen, endlich, die wahrhaftige Liebe! Nie vorher habe ich mir die Nähe zu einer Frau so tief und innig verinnerlichen können, nie vorher habe ich eine Frau so tief und innig lieben können und nie vorher bin ich von einer Frau so tief und innig geliebt worden. Ein Gleichklang der Gefühle, so einzigartig hell und erfrischend, wie in endloser Dunkelheit ersehnt - dass wir uns einfach dagegen wehrten, die Augen zu schließen.

Nun hatte ich sie endlich gefunden, meine Kathrin und ich hielt sie ganz fest in meinen Armen und auch sie hielt mich ganz fest in ihren Armen - und wir sahen uns an, ohne Unterlass - und alles um uns herum schien endlos weit entfernt - und nur vage vermag ich mich daran zu erinnern, welch sanft gütige Worte der Erlösung wir uns zuraunten, ehe wir uns immer und immer wieder "ergaben", so wie es einzig zweier Seelen vergönnt sein muss, die sich identischer nicht sein können…

Wenn ich nicht wollte, würde ich Nein sagen - Kathrins einzigartig sensible Offenherzigkeit und ebenso empfindsame wie unbefangene Leidenschaft hat mich zum ersten male in meinem Leben davon überzeugt, dass es sich lohnt, unbeirrt an seine Träume zu glauben! Früher habe ich geglaubt, oder besser, gehofft, wirklich zu lieben - doch erst durch Kathrin habe ich erfahren, dass man nur den einen Menschen wirklich und wahrhaftig lieben kann, den einem die Stimme des Herzens vorbestimmt hat! Morgen jährt sich zum zweiten male der Tag, an dem unsere Herzen triumphierten. Glückliche, schwere und immer wieder glückliche Tage sind uns seitdem beschieden. Und wir haben noch soviel vor in diesem "unserem" Leben, einem Leben ohne jeden Zwist und Bange! Kathrin (einzig der Name ist Fantasie) hat mir bewiesen und sie tut dies noch immer, dass es nicht vieler Worte bedarf, wenn der Verstand lebt - dass es keineswegs vernünftig ist, sich "nur" von der Vernunft leiten zu lassen - dass sich das Glück eben wirklich nur verdoppeln lässt, wenn man es ehrlich teilen kann - dass es das tiefste Glück bedeutet, einen geliebten Partner in den Armen halten zu können - dass ein glückliches Herz Schmerz und Frust verwehen kann - dass Tage ohne Lächeln verlorene Tage sind - dass nur der stark ist, der sich selbst besiegt - dass man nicht nur selbst, sondern dass auch der Partner Opfer bringen muss - dass wir beide viel zu oft die Sünden anderer mit eigenem Frust gebüßt haben - dass das Herz niemals lügt!!!

Diese kleine Geschichte, oder nennen wir es redlicherweise Überlieferung, möchte nie und nimmer als eine Hymne an die Untreue verstanden werden - eher, oder besser "einzig" als eine aufsehende Memo für all die unzählig verlassenen Seelen unter uns…

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