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Dez
01
Kaba
© Christian Heynk

"Ich habe gehört, in eurem Land bin ich ein Kakaogetränk."

Er lachte mich an. Seine weiß blitzenden Zähne, seine strahlenden, dunkelbraunen Augen und sein schwarzes, leicht verfilztes Haar trugen zum Gesamteindruck bei, den ich mit einem Adjektiv so beschreiben würde: Exotisch.

Ich dagegen: Weiß, ein blasses Weiß sogar, englisch, möchte ich fast sagen, obwohl ich Deutscher bin. Schwarze Haare hatte ich auch, aber meine waren und sind spießig gekämmt und glatt gegelt, während seine in alle Richtungen abstanden.

Kaba. Er hieß wirklich so. Woher aus den D.O.M.-T.O.M. er kam, weiß ich schon nicht mehr. Guadeloupe, vielleicht. Aber ich weiß, dass er alles war, was ich nicht war.

Er lebte in Le Bourget, einem in seiner Hässlichkeit typischen Vorort von Paris, der seine beste Zeit gehabt hatte, als Charles Lindbergh 1929 mit seinem Flugzeug The Spirit of Saint Louis den ersten Alleinflug über den Atlantik dort beendet hatte. Kaba hatte davor in einem anderen Vorort gewohnt, in einem ekligen Hochhaus, für das ein spanischer Architekt, Ricardo Bofill, seinerzeit Preise eingeheimst hatte. Ich wusste das, Kaba wusste es nicht. Er hatte auch keinen so ausführlichen Reiseführer wie ich. Wer kauft sich schon einen Reiseführer für die Stadt, in der er wohnt?

Kaba war nett. Er war Bell Boy im Queen&Crescent, das Hotel, in dem ich arbeitete. Wenn es nicht viel zu tun gab, dann kam er zu mir an die Rezeption, und wir unterhielten uns. Er brachte mir französische Ausdrücke bei, die man in keinem Wörterbuch finden konnte. Er lehrte mich verlan, die Sprache der Jugendlichen, die darin bestand, Silben von Wörtern solange zu vertauschen, bis die Wörter für Erwachsene unkenntlich geworden waren. Statt Zigarette sagte man Garettezi, statt Paris sagte man Rispa, und selbst vor Silben von Verben machte die Vertauschungswut der Jugendlichen nicht Halt.

Kaba war fließend, was das verlan anging. Überhaupt war er der Stadtindianer, der Paris sein Territorium nannte, und der Spuren lesen konnte, wenn es darum ging, die Fährte zu einer tollen Party aufzunehmen. Ich erkannte schon in der ersten Woche nach meiner Ankunft, dass ich gut daran tun würde, mich im Schlepptau dieses Einheimischen einzuhaken.

An einem Samstag, unsere Schicht endete zur gleichen Zeit, nahm Kaba mich auf ein Partyevent mit. Wir stiegen an der Station Oberkampf aus, liefen in das eher unschicke Viertel hinein und verschwanden schließlich in einem Hauseingang.

Es war eine Vernissage. Der Freund eines Bekannten von Kaba hatte eine Sammlung von Airbrush Gemälden mit Graffiti Motiven zusammengestellt, die er nun im Hause eines Kunstmäzen ausstellen und verkaufen durfte. Es gab ein kaltes Buffet und im Hintergrund, etwas lauter als auf Vernissagen üblich, spielte französische Rapmusik.

Es waren interessante Leute da. Geschniegelte Typen in Anzügen mischten sich unter so genannte Rakais, junge Immigranten aus den Pariser Vororten. Ein Großteil der Rakais war in Jogginganzügen aus Ballonseide gekleidet, dazu trugen sie Sneakers und um die Hüfte eine Bauchtasche, die die Franzosen belustigt banane nannten. Einige der etwas feiner gekleideten und auch älteren Menschen fühlten sich sichtlich unwohl. Sie verkehrten sonst nicht mit dem Pöbel.

Kaba und ich stachen aus der Menge ein bisschen heraus. Ein Weißer und ein Schwarzer, beide unterschiedlich gekleidet, der eine bürgerlich, der andere lässig, das machte uns in Paris zu einem eher ungewöhnlichen Paar. Zu dem treibenden Beat des Rappers Akhenaton versuchte ich, mich dem lässigen Schritt von Kaba anzupassen.

Sie stand am Buffet. Blonde, lange Haare, hoch gewachsen, durch Mascara zur Geltung gebrachte, große Augen und ein sympathisches Lächeln. Auch ohne den Stupser, den Kaba mir verpasste, wusste ich, dass Kaba sie ebenfalls für einen heißen Feger hielt. Oder für une bombe, wie man im Jugendslang sagte. Kaba, unbekümmert wie er war, sprach sie an.

"Ça va?", grinste er.

Sie grinste zurück. Ihre Zähne waren so weiß wie die von Kaba, auch ohne den Kontrast.

"Ça va!", sagte sie.

Sie war Dänin. Sie kam aus Aarhus. Sie war seit einem Jahr in Paris, was man ihrem Französisch noch nicht anmerkte. Sie hatte anfangs fürs Disneyland in Chessy gearbeitet, in der WildWestShow, dann aber über Kontakte eine Anstellung im Edelrestaurant Maison du Danemark auf den Champs Elysées bekommen. Da sie besser Englisch als Französisch sprach, war ich von Anfang an im Vorteil. Ich ließ meine sprachlichen Talente heraushängen, bot sie ihr dar wie auf dem Präsentierteller und betonte unablässig die Gemeinsamkeiten, die wir beide, als Ausländer in Paris, unweigerlich hatten. Kaba hatte nach zehn Minuten kapiert, dass hier für ihn nichts mehr zu holen war, und so verabschiedete er sich bald schon Richtung Toilette, obwohl er gar nicht musste. Ich blieb jedoch am Buffet und becircte die Dänin. Ich machte Momme, Momme, als ich die Canapés aß, und sie lachte, weil sie ja Dänin war und wusste, was das hieß. Als es so spät geworden war, dass sie gehen musste, nahm ich meinen Mut zusammen und fragte sie nach ihrer Telefonnummer. Sie gab sie mir.

"What's your name!", fragte ich zum Abschied.

"Line!", sagte sie. "Line Lorentsen".

Line und ich unternahmen viel zusammen. Die leidige Lakaienarbeit, die ein Job in einem Hotel und in einem Edelrestaurant mit sich brachte, versuchten wir mit feingeistiger Kultur wettzumachen. Wir gingen ins Musée d'Orsay. Wir gingen in den Louvre und ließen uns von ganz bestimmten Bildern inspirieren. So ließen wir da Vincis Mona Lisa außer Acht und wandten uns den erotischeren Gemälden zu. Die Badenden von Fragonard etwa, oder Diana im Bade von Boucher. Das Nackte an diesen Bildern gefiel mir besonders. Die weißen, stattlichen Frauen mit ihren Rubensfiguren und den voluminösen Brüsten, ihr blasser Teint, der sie in der freien Natur erstrahlen ließ, ihre sinnlichen Augen und ihre lockigen, blonden Engelshaare erregten mich. Für mich war die Betrachtung dieser Gemälde eine Art Vorspiel, das im Sex mit Line münden sollte.

Wir fuhren nach unserem Besuch im Louvre zu ihr nach Hause. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft in Neuilly-sur-Seine mit zwei Däninnen, einer Schwedin und einer Spanierin. Ihre Mitbewohnerinnen waren glücklicherweise nicht da. Es war später Nachmittag, die Sonne schien durch die kleinen, französischen, mit steinernen Arabesken verzierten Fenster.

Wir begannen uns zu küssen. Ihre schmalen, verführerischen Lippen näherten sich verlangend den meinen. Ich fuhr ihr mit meiner rechten Hand durch die langen, blonden Haare und strich anschließend über ihre warme Wange. Ich sah ihr in die Augen und war glücklich. Ihre Haut berühren zu dürfen, löste ein Gefühl des Triumphes in mir aus. Ich strotzte in diesem Moment vor Selbstbewusstsein und Kraft. Ich kam mir sehr edel und elegant vor. Geschickt und behutsam ließ ich meine rechte Hand an ihrem Hals hinunter gleiten. Vom Nacken abwärts musste ich eine Schneise durch ihre weiße, gestärkte Bluse schlagen. Als ich tiefer ging, fühlte ich, dass sie keinen Büstenhalter trug.

Sie stoppte mich nicht. Nicht, als ich ihren Jadebusen liebkoste, nicht, als ihr die Bluse auszog und mit beiden Händen ihren feingliedrigen Rücken ertastete. Sie stoppte mich auch nicht, als ich ihr die Hose auszog und auch nicht, als ich die darunter liegenden Nylonstrümpfe von ihren endlos langen Beinen abrollte. Sie stoppte mich nicht. Ich war glücklich.

Natürlich musste ich Kaba davon erzählen. Schon am folgenden Tag, im Hotel, schwärmte ich von meiner Begegnung mit Line. Ich prahlte mit ihr, wie man mit einem Auto prahlte. Ich führte sie vor, fütterte Kaba mit Details über ihren makellosen Körper und redete kein einziges Mal von meinen wirklichen Gefühlen für sie. Aus einer falsch verstandenen Männlichkeit heraus, sagte ich, dass ich sie gefickt hatte. Ich sagte Kaba nicht, dass ich sie liebte. Vielleicht war Kaba deswegen so still geblieben, und hatte die Handgriffe, die zu seiner Arbeit gehörten, mit einer solchen Konzentration ausgeführt. Er wollte mir nicht in die Augen sehen und seine Missbilligung ausdrücken, indem er sich desinteressiert gab.

Ich unternahm weiterhin viel mit Line. Sie holte mich oft von der Arbeit im Hotel ab. Meistens, wenn ich noch viel zu tun hatte, schwatzte sie ein bisschen mit Kaba. Wenn wir für den Abend geplant hatten, ins Kino oder essen zu gehen, fragte sie Kaba oft, ob er nicht mitkommen wolle. Er lehnte aber jedes Mal dankend ab. Nicht, dass ich ihn direkt und mit Worten dazu aufgefordert hatte, aber vielleicht hatte ich ihm mit Blicken gesagt, dass ich Line gerne für mich allein hatte. Jedenfalls ließ er uns allein.

"Kaba is really nice!", sagte Line, als wir zum Kino liefen.

"Yes, he is!", erwiderte ich, und erzählte ihr, wie nett er vom ersten Tag an zu mir gewesen war.

Als wir im Kino ankamen, drehten sich viele Männer zu uns um. Manche der Männer schauten Line mit unverhohlener Bewunderung an, und tatsächlich sah sie an diesem Abend noch umwerfender aus als sonst. Ich küsste sie demonstrativ, so sehr, dass es Line ein bisschen peinlich war. Wahrscheinlich fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt und erinnerte sich daran, wie ihr Bruder das letzte Stück Kuchen abgeleckt hatte, um es mit niemandem teilen zu müssen. Ich weiß, dass ich ein wenig übertrieben reagiert habe, aber ich wollte der Welt unbedingt zeigen, dass Line zu mir gehörte. Dass ich sie bekommen hatte.

Der Film war eine amerikanische Komödie. Es ging um eine Tochter mit wohlhabenden, konservativen Eltern, die zum ersten Mal ihren Liebhaber mit nach Hause bringt. Die Eltern ahnen jedoch nicht, dass dieser Liebhaber ein Schwarzer ist, was zu allerlei komischen Situationen führt.

Als wir aus dem Kino heraus kamen, lachte ich immer noch.

"Was deine Eltern wohl sagen würden, wenn du plötzlich einen Schwarzen mit nach Hause bringst?", fragte ich Line belustigt.

Line schaute mich etwas eingeschnappt an.

"Sie würden sich für mich freuen!", sagte sie bestimmt.

Natürlich ahnte ich, dass die Beziehung zwischen mir und Line mit unserer Situation zusammenhing. Paris war eine aufregende Stadt, wir waren von verschiedenen Planeten her gekommen, und unser Status als kultivierte, aber ärmliche Ausländer machte uns für den jeweils anderen attraktiv. Meine deutsche Kultur, meine Kindheit und Jugend im Land der Teutonen waren in Paris eine Rarität. Line hatte es etwas treffender einmal so formuliert: "Da, wo ich herkomme, sind alle gleich. Hier ist jeder verschieden".

Und meine Verschiedenheit zu Line hatte mich für sie interessant gemacht. Unterbewusst waren wir beide weniger aus Liebe, als vielmehr aus Interesse und Neugier zusammen gekommen. Ich hatte eine stereotypische Vorstellung von Däninnen und wollte wissen, ob die echte Line mit diesem Klischee kongruent war. Genauso wollte Line wissen, ob ich wirklich immer pünktlich, technokratisch veranlagt und endlos diszipliniert war.

Dieses Interesse und die Neugier, die uns anfangs zusammen gebracht hatten, verblassten zusehends. Irgendwann war ich für Line weniger interessant als die anderen Exoten, die sich af dem Spielplatz Paris tummelten. So stark, wie Line anfangs geglaubt hatte, unterschied sich die deutsche von der dänischen Kultur nicht. Und in Paris tummelten sich junge Männer aus aller Herren Länder. Junge Puertoricaner, knabenhafte Brasilianer, coole Schwarzafrikaner, lässige Japaner und feurige Spanier. Dagegen konnte ich nicht lange ankämpfen.

Dass ich Line dann aber ausgerechnet mit Kaba erwischte, versetzte mir einen tiefen Schlag.

Ich sah sie beide, als ich auf das Hotel zulief. Sie standen auf der Straße, etwas weiter vom Hotel weg. Kaba hatte seine Arme um Line gelegt, und sie lächelte ihn an. Er sagte etwas zu ihr, woraufhin sie noch lauter lachte.

Als ich mich durch die Menschenmassen schlängelte und immer zügigeren Schrittes auf sie zu bewegte, sah ich, wie Kaba sich vornüber beugte. Er legte seine schwarzen Hände auf ihr weißes Gesicht und küsste sie. Im gleichen Moment brannten meine Sicherungen durch.

Ich trat auf sie zu, schubste Kaba weg, und schlug ihm dann mit der geballten Faust ins Gesicht. Line schrie entsetzt auf.

Als Kaba wieder hochkam, sah er mich mit funkelnden Augen an. Mit seinem Ärmel wischte er das Blut ab, das ihm aus der Nase lief.

Dann sagte er hasserfüllt: "Rassist!"

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