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Sich (freiwillig) ins Chaos stürzen ...

© Toni Maier


Meine Freundin Nina war mittlerweile aus England zurückgekehrt und das Leben nahm wieder seinen normalen Lauf. Wir saßen bei mir zuhause herum und wussten nichts Vernünftiges mit unserer Zeit anzufangen. Und wenn doch, stritten wir darüber, wessen Vorschlag der bessere wäre. Und wenn nicht, stritten wir auch mal einfach so. Im Grunde aber kamen wir relativ gut miteinander aus, denn Nina war im Grunde eine herzensgute Person, die sich aber leider noch mehr Gedanken über sinnlose Dinge machte wie ich selbst und mich damit in den Wahnsinn trieb. Solange ich nüchtern war, lief eigentlich alles recht gut, weil ich darüber nachdenken konnte, was ich sagen oder besser nicht sagen sollte. Ich hatte mich sozusagen so weit unter Kontrolle, um größere Katastrophen zu vermeiden. Wenn wir aber zusammen die Stadt unsicher machten, sah es meist so aus, dass sie um ein Vielfaches weniger trank als ich. Fiel dann ein Satz, den sie falsch interpretieren konnte, tat sie das in der Regel auch, und ich war meist zu betrunken um es zu merken. So sahen die Anfangsstadien aller unserer größeren Streitigkeiten aus.
Eines der größten Probleme war ihre krankhafte Eifersucht. Anfangs dachte ich noch, das würde mit der Zeit vergehen, doch das Gegenteil war der Fall. Ich hätte mich ja nicht gewundert, wenn ich ihr einen handfesten Grund dafür gegeben hätte, aber treuer und ehrlicher als ich konnte man einfach nicht mehr leben.
Einmal saß ich an meinem Platz im Café, mit einem Red Bull am Tisch und Nina an meiner rechten Seite. Bis auf uns und ein paar Stammgäste, die immer da waren, war die Kneipe leer. Wir schwiegen schon eine ganze Weile, als sie mich plötzlich mit einer bissigen und ganz und gar nicht freundlichen Tonlage aus den Gedanken riss.
"Die findest du wieder geiler als mich, oder?", fauchte sie mich an.
"Was?"
Ich konnte tatsächlich weit und breit kein weibliches Wesen entdecken, auf das diese Beschreibung passen würde.
"Tu nicht so scheinheilig, ich hab genau gesehen, wie du ihr nachgegafft hast", fuhr sie mich an.
Da dämmerte es mir. Nina musste wohl das Mädchen meinen, das vor drei Minuten an unserem Tisch vorbei aufs Klo gegangen war. Ich habe sie nicht einmal richtig bemerkt, sie ist mir einfach durch mein Sichtfeld gelaufen. Und von Nachgaffen konnte schon gar keine Rede sein, denn ich hatte mich vollkommen auf den aufsteigenden Rauch meiner Zigarette konzentriert. Ich konnte es kaum fassen.
Zum Glück passierte das irgendwann unter der Woche, so dass ich nur ein Red Bull am Tisch stehen hatte, und Nina irgendwie beruhige konnte. An einem Samstagabend hätte die Geschichte wahrscheinlich weit tragischer geendet.
Solche Situationen gab es zuhauf, aber irgendwie hatten wir es immer geschafft, uns ein gewisses Etwas in unserer Beziehung zu erhalten, das uns nicht völlig durchdrehen ließ. Auch wenn es mal richtig krachte und es nur so Vorwürfe und Beleidigungen hagelte, war am nächsten Tag meist wieder alles normal und wir saßen bei mir herum.
Wir saßen immer bei mir herum, weil ich ihre Wohnung nicht mochte, und ihre Mutter hasste ich. In meinen Augen war sie ein frustriertes und höchst unbefriedigtes Weib, das einige Jahre älter aussah als sie tatsächlich war. Und in ihren Augen war ich ein nutzloser Idiot, der ihr ihre arme, unschuldige Tochter weggenommen hatte. Ich vermied ihre Gegenwart so gut es nur ging, aber wenn ich doch mal bei Nina war - meist um sie abzuholen - machte ich keinen Hehl daraus, dass ich ihre Mutter nicht ausstehen konnte und sprach so wenig wie nur irgendwie möglich mit ihr.
Zu dieser Zeit arbeitete ich im Schloss als Kassierer und Führer bei einer Ausstellung von alten Musikinstrumenten. Der Job war verdammt angenehm und auch die Arbeitszeiten. Man musste erst um zehn Uhr vormittags dort aufkreuzen und konnte um fünf wieder gehen. Jeder dritte Tag war frei. So ließ es sich leben, auch wenn die Kohle nicht wirklich passte. Meine beiden Arbeitskollegen waren äußerst nett und konnten es verstehen, wenn ich mal völlig verkatert und lustlos zur Arbeit kam.
Leider habe ich die Namen der beiden vergessen. Der eine war jedenfalls ein Typ, der einen ziemlich durchschnittlichen Eindruck machte, aber er war mir sympathisch und nervte mich so gut wie gar nicht, was bisher nur wenige Menschen geschafft hatten.
Das Mädchen, das auch dort arbeitete, war vielleicht 18 Jahre alt und hatte große Ambitionen. Immer wieder erzählte sie mir was von ihrer Ausbildung, was sie noch so alles sehen wollte und von den Ländern, die sie schon bereist hatte oder noch bereisen wollte. Normalerweise zehrten mir solche Sachen sehr an der Substanz, aber bei ihr war das etwas anderes. Ich ließ sie einfach reden, und wenn ich mal Sorgen hatte, ließ sie mich reden. So einfach war das. Einmal brachte ich ihr eine Tafel Schokolade mit, die ich notdürftig mit Geschenkpapier umwickelt hatte.
Wie der Trick funktioniert, mit dem man Geschenke so richtig edel und schön verpackt aussehen lassen konnte, hatte ich nie kapiert.
Die meiste Zeit gab es nichts zu tun. Wir saßen im Gang direkt neben dem Eingang zur Ausstellung herum, wo ein kleiner Glastisch stand, und rauchten und lasen. Neben uns stand ein bemalter Schuhkarton mit einem ausgeschnittenen Schlitz im Deckel. Ausstellungsbesucher konnten eigens dafür bereitgestellte Feedback-Formulare ausfüllen und dort hinein werfen. Am Ende eines jeden Tages lasen wir uns die Zettel aus reiner Neugierde gegenseitig vor, ließen die mit den negativen Bemerkungen verschwinden und brachten den Rest hinauf ins Büro der Chefin. Köstlich amüsiert hatte uns einmal der Kommentar eines deutschen Urlauberpaares:
"Das Personal sitzt im Gang herum und raucht, anstatt sich um die Besucher zu kümmern." Nach der Arbeit fuhr ich entweder zu mir nach Hause, um mir ein paar CDs anzuhören oder mit Nina herumzusitzen, oder ich begab mich in den Proberaum oder ins Stadtcafè. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn das ein paar Jahre so weiter gegangen wäre.
Ich saß gerade wieder einmal mit meiner Kollegin im Gang herum - der andere Typ hatte seinen freien Tag - als mein Handy läutete.
"Hallo?", fragte ich.
"Hi Polsi, hier ist Rene. Was machst du gerade?" Rene kannte ich schon ein paar Jahre. Offiziell hielt ich ihn immer für einen ganz anständigen Typen, aber insgeheim wusste ich immer, dass mit ihm etwas nicht stimmen konnte. Natürlich hätte ich nie etwas gegen ihn gesagt, ich hatte ja auch keinen Grund.
"Ich bin gerade bei der Arbeit im Schloss", antwortete ich.
"Kann ich vorbeikommen?", fragte er und klang so, als hätte er sich gerade selbst eingeladen.
Ich bejahte dennoch und kaum drei Minuten später war er auch schon da.
Es war völlig unmöglich, dass er es so schnell von zuhause hierher geschafft hatte. Folglich musste er bereits so gut wie da gewesen sein, als er mich anrief.
Er trug lange braune Haare und verschlissene Hosen, die einen ungepflegten Eindruck machten und sah irgendwie aus wie ein Penner, der aber dennoch Geld für ein paar ganz nette Tätowierungen hatte. Sein Blick war ständig irgendwie aggressiv und trügerisch, aber wie ich noch erfahren sollte, war ich wahrscheinlich der einzige, der das so sah.
An diesem Tag sah er sogar noch schlechter aus als sonst. Bei seinem Anblick wurde mir allmählich klar, dass er schon wieder ein Problem haben musste, und nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, legte er auch schon los:
"Ich bin aus meiner Wohngemeinschaft rausgeflogen, weil ich meinem Mitbewohner die Hand gebrochen habe", erzählte er ohne jegliche Gefühlregung.
"Wieso?", wollte ich wissen.
"Keine Ahnung wieso", entgegnete er, "wir haben im Stadtcafè Tischfussball gespielt und sind uns da irgendwie in die Haare gekommen." In diesem Moment wurde mir klar, dass Rene einen Schaden haben musste.
Seinen Mitbewohner Norman kannte ich gleich lang wie ihn, aber er war ein überaus friedfertiger Typ und einen einfachen Streit so eskalieren zu lassen, das hätte ich ihm nicht zugetraut.
"Hey Polsi, wann hast du denn heute aus?", fragte er nach drei weiteren Zigaretten, die er in Rekordzeit hinunter gezogen hatte.
"In einer halben Stunde", sagte ich.
"Wir könnten uns dann noch einen Film bei dir anschauen", schlug er vor, und obwohl mir mein Instinkt riet, bei diesem Typen vorsichtig zu sein, willigte ich ein.
Um Punkt fünf machten mein Kollege und ich den Laden dicht und zählten das eingenommene Geld, während Rene draußen im Gang auf uns wartete.
Dann fuhren wir zu zweit auf meiner weißen Vespa in die Videothek. Der Name des Films, den wir uns ausgeliehen hatten, ist mir leider entfallen, aber es muss irgendein Hollywood Abenteuerschinken gewesen sein.
Abends lagen Nina und ich im Bett und sahen uns den Film mit Rene an, der auf dieser abgenutzten schwarzen Ledercouch herumsaß. Es wurde eigentlich ein ganz angenehmer Abend. Gegen Mitternacht verabschiedete sich Rene. Wo er die Nacht verbringen wollte, wusste ich nicht.
Am nächsten Tag - ich war wieder bei der Arbeit und wie so oft herrschte wenig Betrieb - rief er wieder an.
"Was machst du heute noch so?", fragte er beiläufig.
"Ach, keine Ahnung. Wahrscheinlich werde ich mit Nina ins Stadtcafè gehen. Ich hab morgen frei", antwortete ich ihm.
"Kann ich mitkommen?"
Ich wunderte mich zwar ein bisschen, aber ich wusste, dass Rene hier nicht viele Freunde hatte und bejahte, da ich ihm in seiner Notlage nicht im Stich lassen wollte.
Wir saßen dann also im Cafè herum und Rene erzählte immer mehr Müll. Er redete von Dingen, von denen er überhaupt keine Ahnung hatte, von Politik, von Revolution, vom System und davon, dass seine Kindheit schuld an seinem miserablen Zustand und überhaupt an allem sei.
Irgendwann war mir das Geld ausgegangen, aber er wollte unbedingt noch, dass ich mit ihm weiter trank. Er stand auf, lief schnurstracks zum nächsten Bankomaten und legte 15 Euro vor mir auf den Tisch. Nina saß neben mir und schien sich nicht einmal drüber zu wundern.
Rene und ich wurden immer betrunkener, und er wurde immer aufdringlicher und wollte mir scheinbar seine komplette Lebensphilosophie einimpfen, die mir aber völlig zusammenhanglos und vor allem äußerst besserwisserisch vorkam. Er klang wie ein weltverbessernder Moralist, was überhaupt nicht zu ihm und seinem ganzen Leben passte. Und sein Werdegang war das beste Beispiel dafür, dass seine Philosophie zum Scheitern verurteilt war.
Die Abende zu dritt häuften sich und wurden mir immer unangenehmer.
Eines Abends - Rene war gerade gegangen - legte ich mich zu Nina ins Bett und da bemerkte ich, dass irgendetwas mit ihr nicht passte.
Ihre grünen Augen füllten sich mit Tränen und sie erklärte mir, dass sie sich in Rene verliebt hatte. Bis dahin hatte ich noch an ihre Vernunft geglaubt und war völlig verwirrt.
"Aber merkst du denn nicht, dass dieser Typ nichts als ein Heuchler ist?", versuchte ich, ihren Verstand zurückzuholen.
"Ach, Daniel" schluchzte sie, "mit ihm ist es so schön wie es anfangs auch mit dir war." Ich hasse sie noch heute für diesen Satz. Und anscheinend verbrachte sie auch Zeit mit ihm, wenn ich mich bei der Arbeit langweilte.
Ich ärgerte mich über die ganze Situation, denn für mich war sie einfach nur überflüssig. Ich wusste ganz genau, dass Nina Rene bald durchschaut haben würde, und auf irgendeine Weise wusste sie das auch. Und genau deshalb sah ich keinen Sinn in diesem ganzen Theater.
Für mich war es jedenfalls genug an diesem Abend und ich hielt es für angemessen, zu gehen.
Große Gefühle zu zeigen war nicht wirklich meine Stärke. Ich bildete mir ein, dass Nina mich nun schon so gut kennen musste, dass sie meine Stimmungen auch ohne viele Worte richtig deuten würde. Regelmäßig zermarterte ich mir den Kopf über Nina, vor allem, wenn es wieder mal einen Streit gab.
Dieses ganze Beziehungsding läuft eigentlich immer auf das gleiche hinaus, dachte ich. Natürlich, man muss hart im Nehmen sein, wenn man einigermaßen bequem mit einem Mädchen an der Seite leben will, denn im Prinzip sieht es so aus, dass man dabei einfach verrückt werden muss. Es ist purer Krieg, und ich fragte mich oft, ob es einen Mann gibt, der es geschafft hat, aus diesem ganzen Theater einfach auszusteigen. Auf Frauen macht man den Eindruck eines unsensiblen Machos, aber eigentlich gibt es für einen Mann nichts, was ihn mehr fertig machen kann, als eine Frau.
Nina war für mich erst einmal gestorben. Von nun an betrank ich mich für anderthalb Wochen lang jeden Tag. Nach einer Bandprobe saß ich noch allein im Proberaum herum, und alles womit ich mich dort beschäftigte war eine Flasche billigen Weißweins und ein Blatt Papier, auf das ich ein paar Textzeilen schmierte. Irgendwann wurde mir das doch zu blöd.
Ich steckte den Zettel ein, nahm die Flasche mit und machte mich auf den Weg in die Stadt. Ich war nie ein gehfreudiger Mensch gewesen, aber der Alkohol in meinem Blut ließ mich nichts von der Anstrengung spüren. Als ich im Stadtcafè ankam, war auch die Flasche leer. Gutes Timing, dachte ich.
Der einzig positive Aspekt dieses Tages war, dass mein Lieblingsplatz noch auf mich wartete. Als ich so da saß und an meiner Bierflasche saugte, wusste ich ganz genau, dass Rene jetzt bei Nina war. Ich hasste diese Tatsache zwar, aber ich hätte alles darauf gewettet.
Am nächsten Tag saß ich mit meinen Downward Cycle-Kollegen wieder im Proberaum herum. Wir entspannten uns gerade ein bisschen und sahen uns eine Live-DVD einer ziemlich guten Band an, als Nina bei der Tür herein kam.
"Daniel, hast du kurz Zeit?", sagte sie mit einem Tonfall, der mich sofort wissen ließ, dass jetzt eine halbstündige Entschuldigungsrede auf mich wartete, falls ich mich darauf einließ. Also blockte ich automatisch ab.
"Nein", sagte ich einfach, und hoffte darauf, dass sie die Bedeutung dieses einfachen Wortes akzeptieren würde. Natürlich kannte ich sie schon lange genug, um zu wissen, dass das nur eine Wunschvorstellung war.
"Es ist aber wirklich wichtig…", wollte sie ihrem Anliegen Nachdruck verleihen.
"Was willst du denn?", fragte ich.
"Ich möchte mit dir reden. Es ist wirklich wichtig." Sie versuchte, mich doch noch zu überreden, aber schlussendlich ging sie.
Es verging keine halbe Stunde, als in meinem Hirn plötzlich etwas umschaltete. Mein ausgeprägter Stursinn war auf einmal verschwunden, irgendetwas befiel mir, jetzt sofort Nina anzurufen. Als sie wieder da war, hatte sich aber blöderweise auch meine Dickköpfigkeit wieder durchgesetzt, und somit behagte mir die ganze Szenerie überhaupt nicht.
Wir setzten uns auf die dreckverkrusteten Stufen, die nach oben in den Proberaum einer anderen Band führten. Es stank nach alter Pisse und Bier, das sich über all die Jahre in allen Fasern des einst hellen Teppichbodens festgesetzt hatte.
"Was wolltest du denn?", begann ich das Gespräch, obwohl ich keinerlei Absichten hatte, mich wieder mit ihr zu versöhnen. Wie gesagt, sie war für mich so gut wie gestorben, zumindest redete ich mir das ein. Sie erzählte mir, wie Leid ihr das alles tun würde und redete viel von den alten Zeiten.
Es endete damit, dass ich sie wieder wegschickte. Natürlich war sie enttäuscht, weil sich bisher noch jede unserer Auseinandersetzungen so regeln ließ, doch diesmal war etwas anderes. Es war kein einfacher Streit, denn ich fühlte mich in meiner Ehre verletzt.
Ich fuhr nach Hause, ärgerte mich darüber, sie überhaupt angerufen zu haben und versuchte herauszufinden, was zur Hölle mich dabei geritten hatte. Eine Antwort fand ich aber nicht.
Es vergingen ein paar Wochen, an denen ich so gut wie nichts tat. Ich hing herum, entweder im Schloss, zuhause oder im Proberaum und hatte auf gar nichts Lust, weil mir sämtliche Tätigkeiten extrem anstrengend vorkamen. Zumindest auf eine angemessene Körperpflege legte ich noch Wert, und als ich einmal mit nassen Haaren aus der Dusche kam, klingelte es an der Haustüre. Ich zog mir schnell Jeans und ein T-Shirt an, und ging nach unten. Vor der Tür stand Nina - mit frisch gefärbten, rötlichen Haaren.
"Ich wollte nur meine CDs abholen, die du noch hast", sagte sie.
"Okay", antwortete ich und lief die Treppe hinauf, um ihre CDs zu suchen. Drei Stück fand ich und brachte sie ihr hinunter. Sie stand immer noch vor der Haustüre, aber während ich darauf zuging, bemerkte ich, dass auf dem Kästchen im Vorhaus etwas lag, das vorhin noch nicht da war. Es war eine Art faltbare Postkarte mit dem Foto einer kleinen Tigerkatze. Natürlich hatte sie das Ding dahin gelegt. Im Inneren würde ich einen ihrer Liebesbriefe finden. Ich wusste es. Ich fand, schreiben konnte Nina immer besser als reden, weil ihre Gedanken dann geordneter bei mir ankamen und ich genügend Zeit hatte, die Sätze zu verarbeiten.
Jetzt hart bleiben. Keine Mine verziehen. Ich tat so, als hätte ich von der Karte nichts bemerkt und gab ihr die CDs, tat so, als hätte ich es eilig.
"Tschüss", sagte sie mit einem Blick, der einer Mischung aus Vorwurf und Hoffnung glich. Ich schloss die Tür und nahm die Postkarte zur Hand.
Verdammt, damit hatte sie mich. Junge Katzen sind etwas, das mich immer schwach machen würde. Die auf der Postkarte sah wirklich herzergreifend aus. Sie hatte überdimensionale Ohren und schaute aus einem satten Grasbüschel hervor.
Ich klappte das Ding auf und darin war tatsächlich ein Brief, ausgedruckt mit einem uralten Nadeldrucker. Ich ging hinauf in mein Zimmer, setzte mich aufs Bett und begann zu lesen. Der Brief war genau so, wie ich es erwartete und unterschied sich auch nicht großartig von den anderen Briefen, die ich in besseren Zeiten von ihr bekommen hatte.
Poetisch beschrieb sie darin ihre Gefühlswelt und ihren Wunsch, wieder bei mir zu sein. Zwei Tage später rief ich sie an und lud sie zu mir ein.
Es lief dann wieder ein paar Monate relativ gut, irgendwann schlich sich aber wieder Routine ein, und ein Jahr später setzte ich einen Schlussstrich. Ich vergnügte mich mit anderen, wir kamen wieder zusammen, doch nach ein paar Monaten war schließlich jegliches Leben aus unserer Beziehung gewichen. Die Luft war raus, die Venen pulsierten nicht mehr, das Blut stockte. Wenn der Krieg vorbei ist, bekommt man erstmals Gelegenheit, die Schäden abzuschätzen und Bilanz zu ziehen über die vielen schmerzhaften Verluste. Der Wiederaufbau würde mindestens genauso schlimm werden.


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Eingereicht am 10. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an den Autor.
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