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Alpenglut

© Hans-Joachim Heider


Italiensehnsucht flammte mit einem leicht hingeworfenen Wort meines Vaters auf. Ferienfreude hielt mich an den Zöpfen gepackt und zerrte mich zu Kevin. Überschwänglich bestürmte ich meinen Freund mit dieser herrlichen Nachricht, doch der schnappte wütend nach meiner guten Laune. Meine Vorfreude auf die großen Ferien, unbeschreibliches Glück, spuckte er wie Erbrochenes aus. Gelähmt suchten meine Füße Halt, meine Hände klammerten am schlotternden Tisch. Die Welt schwankte. Jeder Speicheltropfen, mit dem er seinen jähen Zorn in mein Gesicht schleuderte, brannte auf meiner Haut.
"Entscheide dich zwischen mir oder Italien!"
"Was ist mit dir? Was ist mit uns?"
"Nichts!"
Ich keuchte: "Liebst du mich nicht mehr?"
Starr taumelte ich zurück, sein Lächeln höhnte mich.
"Wenn du mit deinen Eltern in die Ferien fährst, werde ich deinen Namen in einer Woche vergessen!"
"Oh Kevin!"
Worte fielen kraftlos aus meinem Mund. Ich suchte Sinn. Mein Gehirn war blockiert. - Meine Gehirnströme diktierten den willenlos strampelnden Beinen Flucht. Bei meinem jämmerlichen Rückzug war ich nicht fähig, die Tür seiner Bude mit wütendem Knall zu schließen. Wunderbare Ferienerwartungen verkümmerten zu schalem Geschmack, der noch nach dreimaligem Zähneputzen wie vergammelter Fisch meinen Rachen terrorisierte.
Die halbe Nacht versuchte ich, Schlaf von der nachtschwarzen Zimmerdecke zu brechen, schwarze Schafe zählte ich und starrte mit tränenfeuchten Augen ins Nichts. Schwarze Gedanken zermürbten mich. Wo lag der Fehler, den ich korrigieren oder wenigstens bedauern konnte? Es musste mein Fehler gewesen sein. Die Schule wurde Qual, das Leben wurde Qual, und niemand spendete Trost.
Erst nach zwei Tagen erkannte Vater meine Seelenmarter.
"Was hast du?", fragte er.
"Du kannst mich doch nicht verstehen!"
"Versuch es einfach!"
Welchen Sinn konnte es haben, meinen Kummer einem Mann zu erklären? Der Mann, zu dem ich Vater sagen musste, ist nicht mein richtiger Vater. Er ist nur der Mann meiner Mami - vielleicht der richtige Mann. Ich durchschaute die Gleichgültigkeit seines geheuchelten Interesses, mit dem er nie mehr als sterile Gutväterlichkeit produzieren konnte. Mir war seine neutrale Geschwätzigkeit zuwider.
Ich fragte hochnäsig: "Kannst du mir einen Rat geben, den ich nicht einmal von meiner Mutter erfragen würde?"
Vater petzte die Augen zusammen und betrachtete mich mit seiner wasserblauen Herablassung. Seine Augen sind wie ausgeschwemmte Gebirgsseen - grundlos und eisig.
"Wenn du Rat brauchst, frage mich. Brauchst du Trost, gehe zu deiner Mutter!"
Seine Worte klatschten wie Backenstreiche. Er drehte sich zur Tür, um ohne einen weiteren Kommentar zu verschwinden.
"Halt!", rief ich.
Er hatte mit meiner Panik gerechnet. Vater schlenderte zum nächsten Sessel und plumpste hinein, streckte die Beine lang aus und richtete seine blaue Kälte gegen mich - vielleicht lächelte er - nur wer kann das schon sagen.
"Ich suche Rat", sagte ich.
Langsam schritt ich durchs Zimmer und erzählte dabei die Geschichte mit Kevin. Als ich direkt vor ihm stand, fühlte ich mich besser. Ich sprach über meine Schulfreundinnen, die allesamt schon in fremden Ländern Urlaub gemacht hatten. Er sollte ruhig wissen, dass ich nach den Ferien immer mitleidig angeschaut wurde, weil meine Urlaubserlebnisse nie weiter als fünfzig Kilometer von unserem Haus stattgefunden hatten. Er nickte gelegentlich mit dem Kopf, aber ich war mir nicht sicher, ob er sich mit meinem Gespräch oder mit dem Füllen seiner Pfeife beschäftigte. Mit kurzen Zügen sog er die Flamme eines schräg gehaltenen Feuerzeugs durch seine Pfeife. Seine Augen irritierten mich, seine Ruhe machte mich rasend. Ich hätte mich an seinen Hals geworfen, wenn ich vor solcher Berührung keine Furcht gehabt hätte. Wir hatten uns noch nie umarmt und ich hätte es auch nicht gekonnt und nicht gewollt.
Mami kam ins Wohnzimmer, um sofort wieder zu verschwinden. Sie lauschte kurz und wusste, dass ich Rat suche. Sie ist selbst eine Ratsuchende. Wie sollte sie mich beraten. Ich war froh, als wir wieder allein waren. Sie hätte Vater die ganze Zeit verliebt angestarrt und zustimmend genickt.
"Britta, du bist vierzehn. Willst du dein Leben in der Enge falsch verstandener Liebe zubringen?"
Seine Augen packten mich, dass ich wie eine Marionette zu ihm hintappte. Unsere Schenkel berührten sich, ich wollte zurückweichen. Die Berührung seines Schenkels war mir peinlich. Seine rechte Hand hielt meinen linken Arm, der kraftlos von meiner Schulter hing. Er ließ sich Zeit, meine Pupillen zu durchdringen, sprach weiter, obwohl ich seine Botschaft bereits verstanden hatte.
"Liebe braucht Freiheit! - Wie könnten wir sonst ihre Fesseln überhaupt ertragen?"
Zum ersten Mal durfte ich in die Ferien fahren, würde mitsprechen können, wenn sich meine Freundinnen über Italien, Spanien, Kenia und wer weiß, welche geheimnisvollen Orte unterhalten. - Darauf wollte ich nicht verzichten, aber mit jedem Tag wogen Kevins Worte schwerer. Mein Mut brauchte sich auf. Vater sah mein Zögern, das wie Taucherschuhe meinen Schritt lähmte.
"Wird mich Kevin vergessen? Darf er mich vergessen?"
Er erwiderte: "Wenn ich dir sagen würde, was ich weiß, würdest du mich nicht verstehen, würdest mir nicht glauben -, mich vielleicht sogar hassen."
"Sag es!"
"Komm mit uns und ich brauche nichts zu sagen. Du wirst wissen."
Diese Worte waren düster genug um zwei Ferien zu zerstören.
Die Sonne begrub den Wagen unter unerbittlicher Glut, als wir durch Österreich rollten. Meine schlechte Laune garte zu Melancholie. Die hellblaue Sommerbluse drückte schweißfeucht auf meinen Rücken und presste jede Minute fester auf meine unfertigen Brüste. Wie ein nasses Tau zerteilte der Sicherheitsgurt meinen Busen. Mami kuschelte schläfrig im Sitz. Ihr Kopf schwenkte träge nach links und rechts, aber ich konnte nicht erkennen, ob sie wachte oder Fliehkraft die Ursache ihrer Besinnlichkeit war. Vater hielt die flimmernde Straße im festen Griff seiner blauen Augen. Gelegentlich blickte er in den Rückspiegel, um sicher zu sein, dass ich immer noch auf der Rückbank döste. Schweigen schläferte mich ein.
Unmerklich sog mich die Rückenlehne an. Schwerkraft markierte den Eintritt in die Alpen. Über der Motorhaube flatterte ein Fetzen Straße, einen winzigen Eindruck von Höhe und Anstieg vermittelnd. Rechts türmte sich Fels, und Tiefe fiel auf die linke Seite. Kurven schubsten mich aus schläfrigem Gleichgewicht.
"Ob sich der Tausch gelohnt hat?", fragte ich in den glühenden Raum.
Sein starker Nacken blieb unbewegt. Ich zählte die Sommersprossen, die wie eine Schar roter Waldameisen unter seinem Hemd den Hals hochkrabbelten und in seinem krausen Rotschopf verschwanden. Seine Augen füllten den Rückspiegel.
"Von Tausch kannst du nur sprechen, wenn du etwas gibst und etwas bekommst. Es kommt auf dich an, dass du Geben und Nehmen erkennst und ins Gleichgewicht bringst."
"Ich bin unglücklich, ich hätte ihn gern an meiner Seite."
Meine Mami riss die dunkelbraunen Augen auf und warf den Kopf zurück. Ihre Frisur passte sich flatternd der Luft an, die durch den schmalen Fensterschlitz hereinwehte. Ihr helles Blond gefiel mir besonders, wenn es lebendig schwirrte -, mein Haar war dunkler, lähmend matt -, wie meine Stimmung.
"Sprecht ihr eine Geheimsprache?", lächelte sie neugierig.
"Geheimnisvoll wie die Liebe", brummte er. "Ihr Freund hat Britta vor die Wahl gestellt - er oder wir - und wir sind Brittas erste Wahl."
"Italien", widersprach ich trotzig. "Ich habe mich für Italien entschieden."
Ich hatte einen Einwand erwartet. Mutter schloss ihre Augen und legte den Kopf in die Nackenstütze. Er lächelte sein kaum erkennbares Lächeln, das nicht einmal das Wort Schmunzeln verdienen würde.
Ächzend sackte die Drehzahl des Motors ab. Eine enge Kehre. - Fliehkraft schleuderte mich zu den Felsen, Gurte zerrten gegen den Flug der Haarnadelbiegung. Er schaltete zurück und trieb den gequälten Wagen durch die weit ausgefahrene Kurve.
"In den Kehren haben die hochfahrenden Wagen Vorfahrt", erklärte er sein kraftstrotzendes Manöver.
Mutter wendete wieder ihr Haupt. Ihr Ton klang ironisch.
"Italien ist eine gute Wahl!"
Sie nahm meine Probleme nicht ernst.
"Italien kann anstrengend sein, aber es wird deine Liebe erwidern, wie ein ehrlicher Liebhaber."
Vater lachte ausgiebig und zynisch.
"Sprich nicht von Liebhaber. Deine Tochter ist erst vierzehn. Sie wird erröten."
Durch sein Kichern fühlte ich mich unbehaglich.
"Hätte er mich umarmt, einfach nur umarmt - nicht besitzergreifend eingeschnürt - ich wäre geblieben. Aber er hat mich zurückgestoßen."
"Du hast die erste Lektion der Liebe bereits verstanden", gab er wie eine Lebensweisheit von sich.
Dumpf dröhnte eine Motorradhorde an uns vorbei. Annähernd ein Dutzend schwergewichtiger Ungetüme überholte uns auf gerader Steigung, zwei Personen auf jedem Motorrad. Ein Mädchen lächelte herein, rotes Haar flammte unter dem Helm vor. Ich beneidete den Jungen, der seinen behelmten Kopf an ihre Schulter drücken durfte und die Arme um ihre Taille schnürte.
Mehr zu mir selbst klagte meine Stimme: "Er hält sie fest. Er sucht an ihrem Körper Sicherheit. Sie gibt ihm ein gutes Gefühl."
Ich öffnete die Schlaufen meiner Zöpfe und entflocht das dicke Haar. Mit gespreizten Fingern durchkämmte ich die verwundenen Strähnen. Während er sprach, beobachtete er mich.
"Dein Vater ist zu früh gestorben. Er hätte dir Sicherheit geben können. Ich bedauere zutiefst, dass ich nicht dein leiblicher Vater bin."
Seine Stimme flackerte wehmütig. Ich schaute in den Rückspiegel. Seine tränenfeuchten Augen berührten mich, denn ich hatte nicht gewusst, dass er überhaupt zu Gefühlen fähig ist.
Meine Mutter brach in die Melancholie mit fordernder Stimme: "Was hindert dich, ihr diese Sicherheit zu geben? Ihr solltet eure Berührungsängste überwinden."
"Oh Mami, wie stellst du dir das vor?"
"Zum Vater muss man geboren sein!", sagte er.
"Macht es euch nicht zu leicht!", rief sie erhitzt. "Vaterschaft und Vater sein sind getrennte Funktionen und genauso muss Tochterliebe nicht auf den Erzeuger fixiert sein."
"Ach Mami, was du nicht alles weißt!"
Immer wieder die Wirkung von Fliehkraft, links Felsen, rechts ein kleiner Ausblick auf unerkennbare Landschaft. Veränderte Drehzahl des Motors, Beschleunigung -, wir plagten den Wagen zum Gipfel, den ich noch nicht erkennen konnte. Die Straße schien, wie eine verstaubte Trauerschleife, um den Berg gewickelt.
"Das Stilfzer Joch ist ein herrlicher Pass", jubelte er, mit Versprechen in der Stimme.
Hatte sich nicht das Versprechen ewiger Treue nach ein paar Wochen wie Zucker im dünnen Tee aufgelöst? Reste von Vegetation klammerten an steinernen Hängen - dürftiges Versprechen von Leben.
Gipfelwärts erspähte ich ein graubraunes, wuchtiges Haus, dem wir uns gemächlich näherten. Langsam rollte der Wagen aus, dem Nichts entgegen, das durch eine eiserne Barrikade abgegrenzt war. Bergspitzen ragten über die Motorhaube, ganz oben blauer Himmel, den nicht einmal kleine Wölkchen von seiner Eintönigkeit befreiten.
"Wir haben's geschafft!"
Stolz hallte in seiner Stimme, als sei er der Erbauer der Berge.
"Endlich Italien!" war mein mürrischer Kommentar, mit dem ich Mami ärgern wollte.
Meine Mutter war aus dem Wagen gehastet. Sie hatte meinen Missmut nicht mitbekommen.
Sie rief zurück: "Steig aus, damit du nichts versäumst!"
"Die Steinhaufen liegen hier schon seit Millionen von Jahren rum, was könnte ich versäumen?"
Zögerlich wälzte ich mich aus dem Sitz. Der Wagen stand auf abschüssiger Straße, die vier Türen aufgerissen. Mittagssonne hatte alle Schatten aus den Bergen gesogen und goss trockene Glut in die Tiefen. Vielleicht brannte Glut nur in meinem Herzen, denn auf meiner Haut lag Frost.
Schockiert atme ich durch. Nichts schien mit dieser Luft vergleichbar; sie war kein mehrfach konsumiertes Fertigprodukt, kein konfektioniertes Aroma - Luft in ihrer Wildform. - Ihre Frische trotze tausend geschwätzigen Menschen, die Jubelrufe ins Tal schleuderten oder plaudernd dem Haus entgegenpilgerten.
Trunken tappte ich an die eiserne Absperrung, die ich für die Grenze zum Nichts gehalten hatte. Benommen presste ich mich an die stählerne Stange. Meine Empfindung hastete hinter dem Suchfeuer meiner Augen, die langsam wagten, sich in die Tiefe der schlängelnden Straße zu stürzen. Mein Brustkorb spannte - ich war auf diesen Blick nicht vorbereitet.
Sehnsucht verzehrte mich, diesen Anblick zu teilen. Einen Wimpernschlag lang träumte ich, Kevin könne neben mir stehen. Dieser Wunsch wollte mich in Schwermut ertränken. Er sah mein Schwanken, das an der eisernen Stange vibrierte. Wie ein Schutzengel stand er hinter mir und hielt mich fest. Die Eisenstange glühte, als ich die Wärme seiner Hände spürte, die über meinem Bauch aufeinander lagen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich mich an ihn lehne. Mein Körper bog zurück. Benommen trieb ich in wohlige Umhüllung, eine Seidenraupe im weichen Gespinst.
"Endlich!", rief meine Mutter, die mich - die ihn, beobachtet hatte.
"Endlich seid ihr Tochter und Vater!" und wie Erstaunen über einen erfüllten Wunsch: "Ich hatte solche Angst!"
Sie hatte es gesagt und ich wusste sofort, dass sie recht hatte. Mit ihrem behutsamen Schweigen hatte sie recht behalten, mit ihrer entschiedenen Forderung, dass wir unsere Berührungsängste überwinden sollen, hatte sie recht behalten. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich keinen anderen Vater haben wollte. Gegen meinen Rücken hallte die Vibration seiner Stimme.
"Es ist nicht leicht, eine so große Tochter zu bekommen. Ich hatte auch Furcht", gestand er.
"Furcht?", frage ich.
"Die Gefühle junger Mädchen platzen oft wie Erbsenschoten. Ihr Verlangen bläht sie übermächtig auf."
"Halte mich fest!"
Er hielt mich umschlungen und ich konnte nicht platzen. Kevin, der sich vor einer Sekunde wie ein Henkerknecht an meine zappelnde Hoffnungen gehängt hatte, war ohne mich in die offene Grube gestürzt. Leben strahlte hinter einem zurückgerissenen Vorhang. Ich musste meine Augen reiben.
"Ist dieser Blick nicht atemberaubend?"
Schluchzend drehte ich mich in seiner Umarmung und zerrte ihn an mich, weinte an seine Schulter. Meine Arme umspannten seinen Körper, damit er merke, wie sehr ich schon ein Weib bin. Meine Mutter schnurrt, wenn er sie Weib nennt, und ich sehnte mich nach katzengeschmeidiger Nähe. Seine Lungen gaben nur langsam nach. Mit einer einzigen Umarmung versuchte ich alles nachzuholen, alle Ängste zu überwinden.
"Was wäre, wenn ich nicht mitgefahren wäre?"
"Wer kann das sagen?" Nach ein paar Augenblicken fügte er hinzu: "Ich glaube, du bist deinem Freund so sehr voraus, dass er dich nie mehr einholen kann."
Nie bin ich glücklicher gewesen. Der Blick ins Tal öffnete mein Herz, seine Umarmung hätte nirgendwo sonst diese heilsame Wirkung entfalten können. Die Größe der Landschaft zeigte auch menschliche Größe, eigene Größe, die ich schamhaft unterdrückt hatte.
"Wie lange gibt es diese Berge schon?"
"Millionen Jahre -, ein paar Sekunden der Ewigkeit."
Zum ersten Mal küsste ich seinen Mund und er hielt still.
"Britta, meine Tochter", flüsterte er und dicke Tränen rannen über seine Wangen.
"Paps", stammle ich.
Meine Mutter näherte sich.
Sie flüstert mir ins Ohr: "Du wirst bald ein Geschwisterchen haben."
Ich hielt ihn fest.
"Danke Paps, dass du Mami glücklich machst."
Wir standen, zu einem Klumpen geballt, auf dem Stilfzer Joch. Ein menschlicher Glückshaufen waberte mit Lachen und Weinen. Dieser Augenblick wird bis zum Abschluss meiner menschlichen Ewigkeit in der Vitrine meiner kostbaren Erinnerungen bleiben. Endlich war ich geworden, was ich sein wollte -, wobei ich mir mit der Definition Zeit lassen werde. Glück hatte uns zusammengeschmiedet. Mit unvergleichlichem Wohlgefühl stieg ich in den Wagen, denn von diesem Hier und Jetzt begann meine Lebensfahrt.
Welch herrliche Fahrt auf einer Passstraße, die man keinem Maultier zumuten dürfte, holpriger Schotter, Enge, die kaum zwei Autos passieren lässt. Über den Gaviapass rollten wir abwärts nach Italien. Er saß konzentriert, die Finger ins Lenkrad verkrallt. Ihr furchtsamer Achselschweiß umflatterte mich wie ein Seidentuch. Gewaltige Täler ermaß ich an der Höhe der Berge. Weite wehte leidenschaftlich durch meinen entsklavten Kopf. Kühner Horizont öffnete meine Augen. Schwindelnde Serpentinen wirbelten Gedanken. Mir war, als ob ich neben dem Wagen, eingebettet in köstliche Wünsche, zwischen den Schultern eines Adlers schaukle. Leichtflüchtige Träume erhoben sich wie Adlerschwingen.
An einer engen Kurve verschonten wir - um Haaresbreite - einen Motorradfahrer, der, von Kühnheit übermannt, die Kurve innen schnitt und die höhere Geschwindigkeit des in weitem Bogen fahrenden Autos unterschätzte. Paps musste hart bremsen. Am Ende der Kehre hätte der zweirädrige Held seine "Goldwing" gegen schwarze Flügel tauschen können.
"Ist dies Wahnwitz oder Todessehnsucht!", rief mein Paps zornig.
"In Italien sehnt sich niemand nach dem Jenseits, bevor er sein Leben gekostet hat", sagte ich.
"Britta, wo schöpfst du nur solche Weisheiten?"
Ich lachte: "War das nicht deine zweite Lektion?"
Eine dunkle Wand wuchs auf meiner Seite. In der Spiegelung der Scheibe erkannte ich eine junge Frau. Gold wallte um ihre Schultern. Wie ein verliebter Arm drängte der Sicherheitsgurt schmeichlerisch zwischen ihre Brüste. Weicher Stoff spannte faltenlos über zwei perfekte Hemisphären. Dann folgte rabenschwarze Nacht.
Zerberus hatte mit grobem Gebiss seine Hölle in den Berg gebrochen. Scheinwerferlicht verwischte an schwitzenden Wänden - Hupsignale fielen wie feuchtes Herbstlaub. Plötzlich wurden wir in gleißendes Licht geschleudert.
Verzauberte Pinien ducken sich krummgliedrig an Berghänge. Wiesen strahlten in enzianischer Bläue, der Motor schnurrte mit der Heimlichkeit des Spinnrads und ich hoffte, dass die alten Zeiten so herrlich waren.
Häuser engten die Straße. Kinder spielten vor ihren Häusern. Paps legte den gemütlichen Gang ein -, Hast war verflogen. Häuser klumpten sich zu einem Dorf zusammen.
"Halt bitte an, ich will eine Grußkarte schreiben."
Paps und ich verschwanden im Kramladen, der an vergessene Zeiten erinnern wollte. Wir suchten gemeinsam eine Grußkarte mit Bergen, Seen, Sonne und lachenden Menschen. Paps stellte sich an meine Seite, als ich auf dem Tresen, mit einer Tageszeitung als Unterlage, meine schönste Prosa hinschnörkelte.
"Lieber Klaus, ich sende dir Grüße aus Italien."
Ich reichte ihm die Karte. Er betrachtete diesen schlichten Satz ausgiebig und hob schließlich die Brauen.
"Heißt er nicht Kevin?"
"Sollte ich mich nach sechs Tagen noch an seinen Namen erinnern?"
Wir lachten fröhlich.
Mami war uns in den Kramladen gefolgt. Sie blickte über Paps Schulter und las, dann lachte sie mit uns.
Seine Stimme strahlte Wärme, obwohl seine Worte so knapp wie eh und je waren.
"Diesem Kevin gebührt kein Erinnerungsschreiben. Wenn er lernfähig ist, wird er auf seinem Bauch angekrochen kommen."
"Ich bin lieber deine Tochter als Kevins Geliebte", lachte ich.
Seine Hand lag wärmend auf meiner linken Hüfte, meine rechte Hand hielt sich an seiner Schulter - wir gingen zum Wagen zurück. Mamis Hand packte seine andere Schulter. Ich spürte den Stolz, der seine Beine zu leichtfüßigem Gang beflügelte. Ohne Tritt zu verlieren, faßte er mit der rechten Hand Mamis schwere Brust und streichelte sie.
"Paps?", frage ich. "Könnte ich Liebe finden, wenn ich sie nicht vorher verloren hätte?"
Er lächelte mich versonnen an.
"Hast du bemerkt, dass du eine junge Frau geworden bist? Es gibt keinen Verlust, den du bedauern müsstest. Du hast dich selbst gefunden, deshalb wirst du auch Liebe finden."


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Eingereicht am 13. Februar 2007.
Herzlichen Dank an den Autor.
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