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Eingereicht am
10. April 2007

Was das Leben aushält

© Michaela Guttuso

Sommer 1952. Sie wälzte sich von links nach rechts, doch wie sie es auch anstellte, sie fand keinen ruhigen Schlaf. Schon seit Tagen fühlte sie sich unwohl. Sie war nervös, ständig schlapp und…dieses flaue Gefühl im Unterleib. Das machte ihr besonders schwer zu schaffen, besonders weil diese Beschwerden sie zu den unmöglichsten Zeitpunkten überfielen. So schaffte sie es auch an diesem Morgen nur schwer aus ihrem Bett zu steigen und ins Bad zu gehen. Vor kurzem hatte ihre erste Blutung eingesetzt. Sie war erschrocken, als sie es entdeckte. Sie wusste, dass es bei jeder Frau einmal so weit war, aber zu Hause hatte sie niemand darauf vorbereitet. Dieses und auch andere Gespräche, die das Thema Sexualität beinhalteten, waren strikt tabu. Ihre Eltern betonten immer wieder, dass es schwer genug war, mit den Folgen der Nachkriegszeit zu leben, da waren persönliche Bedürfnisse Fehl am Platz.

Lange nachdem sie die Spülung betätigt hatte saß sie noch auf dem kalten Fließboden und dachte darüber nach, wen sie wegen ihrer Schmerzen ansprechen konnte und beschloss, nach der Arbeit ihren Hausarzt aufzusuchen.

Jenny Silva war mit ihren sechzehn Jahren schon eine verantwortungsvolle Dame. Sie hatte strenge Eltern, die es nicht immer gut mit ihr meinten und ihr viel abverlangten, aber mit ihren Geschwistern dagegen kam sie ganz gut zurecht. Meist war sie wegen ihrer verständnisvollen und liebenswerten Art die Seelsorge für ihre Schwestern, die sie mit ihren alltäglichen kleinen und großen Problemen beluden. Aber Jenny beschwerte sich nie. Sie arbeitete eine zehn Stunden-Schicht in dem kleinen Lebensmittelgeschäft Hammbecker´s, das sich zwei Straßen weiter befand. Da es in näherer Umgebung keine anderen Geschäfte gab, war im Hammbecker´s stets viel zu tun. Dennoch mochte sie diesen Job. Zumindest war dies eine Möglichkeit, einige Stunden Ihrem Zuhause fern zu bleiben. Ihre Mutter Ruth verließ die Wohnung nur, wenn es etwas zu erledigen gab, das ihr niemand abnehmen konnte. Den Rest trug sie Jenny auf, weil die anderen Geschwister sehr unzuverlässig waren. Jenny wusste, dass die Unzuverlässigkeit ihrer Geschwister kein Zufall war, viel mehr hatten diese sich geschickt aus der Affäre gezogen, ohne Rücksicht auf ihre Schwester. Aber Jenny beklagte sich auch nicht, dass sie nach ihrer Arbeit den Einkauf, die Wäsche und die übrige Hausarbeit erledigen musste. Die Hoffnung auf Lob und Anerkennung, die sie sich dadurch erhoffte, blieb jedoch allewege aus.

Jenny stellte sich mühsam wieder auf die Beine, als es an der Badezimmertür hämmerte: "Jenny, bist du wieder im Bad? Seit einer halben Stunde suche ich schon nach dir. Komm endlich da raus und deck den Tisch, wir wollen jetzt frühstücken!" rief ihre Mutter von draußen. "Ja Mama, ich komme sofort!" entgegnete Jenny.

Eine Stunde später machte sich Jenny auf den Weg zu Hammbecker´s. Es war ein sonniger Tag und Jenny nahm sich Zeit, um auf ihrem Weg die Nachbarskinder zu begrüßen. "Hallo Jenny, gestern hat uns unser Papi neue Rollschuhe geschenkt. Sieh mal!" sagte Danny, der ein Haus weiter wohnte. "Oh, die sind aber wirklich toll, Danny!" antwortete sie ihm und wuschelte durch sein goldblondes Haar. Sie hatte nie eigene Rollschuhe besessen. Ihre Freundin Leni hatte welche. Wenn sie draußen zusammen spielten, hatte Leni ihr immer einen Schuh abgegeben und dann sind beiden mit nur einem Rollschuh herumgefahren. Sie war ihr immer eine gute Freundin gewesen, doch vor vier Jahren ist sie mit ihren Eltern umgezogen und Jenny hatte nichts mehr von ihr gehört. Bei dem Gedanken wurde sie traurig. Sie hatte außer ihr nie Freundinnen. Vielleicht lag es auch daran, dass Jenny immer eine Außenseiterin war, weil sie nichts mitmachen durfte. Sie hatte schon als Kind so viel mit der Hausarbeit zu tun, dass für Spielen kaum Zeit blieb. Die anderen Kinder in der Nachbarschaft und auch ihre Klassenkameradinnen sind regelmäßig ins Ferienlager gereist, aber Jenny durfte nie mitfahren. Das hatten ihr ihre Eltern nicht erlaubt. So saß sie oft weinend ganz allein vor ihrer Haustür.

Als jemand mit quietschenden Reifen vor ihr zum Halten kam, wurde sie plötzlich aus ihren Kindheitserinnerungen herausgerissen. Sie sah sich um und erkannte, dass sie mitten auf der Straße stand. Ein Motorradfahrer stand unmittelbar vor ihr und zog seinen Helm herunter. "Hey Mädchen, ich hätte dich um ein Haar umgefahren…" er wollte weiter sprechen, aber als er sie ansah, stockte er, "ähm, vielleicht bist du lebensmüde, aber ich bin es nicht!" sagte er leicht stotternd. Jenny räusperte sich: "Entschuldigung, ich war wohl in Gedanken!" Er hatte ihr geantwortet, doch seine Worte hatten sie nicht erreicht. Vielmehr war sie damit beschäftigt, sich den jungen Mann anzuschauen, der sie beinahe totgefahren hätte. Er war groß, schlank und seine dunkle Stimme strahlte Kraft aus. Erst das Hupen und Rufen der anderen Fahrer rief sie wieder in die Realität zurück. Der Motorradfahrer versuchte wieder sie anzusprechen: "Geht es dir gut?" Jenny sah an ihm vorbei zu den der Autoschlange, die sich hinter ihm gebildet hatte und antwortete: "Ja, ich glaube schon." "Soll ich dich vielleicht nach Hause bringen oder irgendwo absetzen?" fragte er. Jenny schüttelte heftig mit den Kopf: "Nein, ich muss zur Arbeit, dort drüben." Sie zeigte mit ihrem Finger auf die andere Straßenseite, wo sich das Hammbecker´s befand. "Schade, aber..", er wollte noch etwas sagen, aber Jenny wand sich ab, ohne den Motorradfahrer weiter zu beachten. Ihm ist nicht entgangen, wie hübsch Jenny war. Ihre Augen strahlte etwas Sanftes, Unschuldiges aus. Er hätte sie gerne aufgehalten, aber sie hatte bereits die Türe geöffnet.

Wie immer war der Laden voll. Jenny war damit beschäftigt, alle Kunden nach ihren Wünschen zu bedienen, das Obst und Gemüse zu ordnen, die restlichen Lebensmittel nachzufüllen und den Kassenbestand zu prüfen Normalerweise hatte Jenny keine Probleme sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch an diesem Tag war es anders. Sie musste ständig an diesen gut aussehenden Motorradfahrer denken und dabei fühlten sich ihre Wangen besonders warm an. Sie hoffte, dass man ihr die Röte, die ihr im Gesicht stand, nicht ansah. Dieses Gefühl war ihr völlig fremd. Niemals hatte sie einen Jungen auf diese Art "interessant" gefunden. Außerdem war es ihr verboten, sich mit älteren Jungs zu treffen. Und dieser Junge war vermutlich um einiges älter als sie selbst, denn er fuhr immerhin ein Mottorad!

Als Jennys Schicht am Abend endete, zog sie sich ihre Schürze aus und verabschiedete sich von ihren Kolleginnen.

Vor der Tür stockte ihr der Atem. Da war er wieder und lehnte sich an seine Maschine. Als er sie bemerkte, stieß er sich von seinem Motorrad ab und kam auf sie zu. Jenny überlegte kurz, ob sie vielleicht unter dem Vorwand, etwas vergessen zu haben, wieder zurück in den Laden ging, um ihm aus dem Weg zu gehen. Doch er war bereits bei ihr. "Hey Mädchen, bitte versteh das nicht falsch, ich will dich nicht erschrecken oder verfolgen oder so etwas. Ich wollte dich nur wieder sehen. Kann ich dich vielleicht einladen mit mir zu Abend zu essen?" Jenny fühlte wieder die Wärme in ihrem Gesicht und fragte sich, ob sie wohl einer beobachten konnte. Sie hätte die Einladung von dem jungen Mann, der sie schon den ganzen Tag in Gedanken verfolgt, gerne angenommen. Aber die Angst vor der Reaktion ihrer Eltern war größer als die Versuchung, die ER ausstrahlte. Sie lehnte mit der Begründung ab, dass sie von ihren Eltern erwartet werde und noch viel zu tun hatte.

Aber der Motorradfahrer ließ nicht locker. Er wusste jetzt, wann sie ihre Arbeit beendete und wartete jeden Tag vor der Tür auf sie. So kam es, dass Jenny nach etwa einem Monat den Mut aufbrachte, seine Einladung anzunehmen. Zu Hause hatte sie erzählt, sie würde länger im Laden bleiben müssen, weil neue Ware angeliefert worden ist. Ihre Eltern fragten nicht weiter nach.

Nach einigen Tagen kannte sie seinen Namen, sie wusste wo er wohnte und dass er gerne Hamburger aß. Bei ihrer ersten Verabredung hatte er sie nämlich dazu eingeladen. Jenny hatte vorher nie Hamburger gegessen und sie liebte es. Mit den ersten Treffen schwand auch Jennys Angst, sich auf diesen Jungen Mann, der sich Dieter nannte, einzulassen. Sie trafen sich jetzt regelmäßig heimlich und machten lange Spaziergänge, fuhren auf seinem Motorrad und einmal hatte er sie sogar mit einem Picknick überrascht. Jenny genoss es in seiner Nähe zu sein. Wenn er ihre Hand hielt, schaute sie immerzu hinunter um sich zu vergewissern, dass dies auch wirklich geschieht und kein Traum ist. Sie erzählten sich von zu Hause und von ihrer Arbeit, von ihren Wünschen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellten. So wuchs in den nächsten Monaten ihre Vertrautheit zueinander. Jenny machte Erfahrungen mit Dieter, die sie nie zuvor mit einem Mann erlebt hatte. Darüber war sie teilweise erschrocken, aber ihr Verlangen nach ihm war größer. Sie trafen sich eines Abends und gingen ein Stück durch den Wald spazieren, als Dieter vorschlug, dass sie sich an einem Ort zurückziehen könnten, an dem sie es sich gemütlich machen konnten. Jenny verstand nicht und sagte: "Ich finde es auch hier sehr schön. Immerhin kann ich mit dir zusammen sein." Dieter wusste, dass Jenny vor ihm keine Erfahrungen mit Männern gemacht hatte. Aber er wurde zunehmend nervöser, wenn er ihre Hand hielt, ihren Nacken liebkoste und wenn seine Zunge ihre berührte. Einmal, als er Jenny zärtlich mit seiner Zunge küsste, hatte sie ihm erlaubt, dass er ihren weichen Busen streichelte. Er wurde mutiger und ließ seine Hände hinunter zu ihrem Slip gleiten bis er ihre empfindliche Stelle berührte. Jenny stieß heftig ihren Atem aus und er merkte, wie seine Finger immer wärmer und feuchter wurden. Doch bevor er Jenny das Höschen ausziehen konnte, stieß sie ihn von sich und in ihrem Gesicht stand Pein zu lesen. Seit dem sprachen sie kein Wort mehr darüber. Sein Verlangen nach ihr wurde dadurch jedoch jeden Tag stärker. Er hatte sich fest vorgenommen, beim nächsten Mal langsamer vorzugehen. Sie gingen weiter stumm nebeneinander. Nach langer Zeit schlug er ihr abermals vor, sich zurück zu ziehen, und er hatte auch schon eine Idee, wo er mit Jenny allein sein konnte. Er führte sie in das Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnte. Er wusste, dass sie um diese Zeit nicht zu Hause sein würden. Dort ging er mit ihr hinunter in den Keller, wo er bereits am Vortag saubere Decken und Kerzen vorbereitet hatte. Jenny schaute sich um und fragte: "Du hast das alles schon geplant?" Er sah zu Boden und antwortete beschämt: "Jenny, ich warte jeden Tag auf den Augenblick, mit dir auch auf eine besondere Art zusammen zu sein."

Jenny hielt die Decke fest an sich gedrückt und sagte nach langem Schweigen: "Ich glaube, das war nicht richtig!" Dieter schaute sie fassungslos an und sprach laut aus: "Nicht einmal das kann ich!" Sie zogen sich nach einer Weile an und Dieter brachte sie zurück zu dem Platz, an dem sie sich immer trafen. So ging jeder nach Hause und dachte darüber nach, was wohl falsch gelaufen sein mag. Sie schliefen immer wieder miteinander, aber Jenny traute sich nicht mehr, ihm zu sagen, dass sie es nicht so genießen konnte wie er. Sicherlich lag es an ihr, weil sie keine Erfahrungen hatte.

Jenny wurde nachts wach, weil ihr fürchterlich übel wurde. Sie konnte nicht mehr einschlafen und wusste, dass es vergebens war darauf zu warten, bis sich der Schlaf wieder einstellte. Sie setzte sich auf und versuchte den Gedanken an die Übelkeit zu verdrängen. Sie verbrachte nun schon seit einigen Wochen die Nächte damit, darauf zu warten, bis sie sich übergeben musste. Seltsamerweise passierte ihr das nun auch am Morgen und während der Arbeit. Normalerweise hatte sie schlaflose Nächte nur in der Zeit, in der sie auch ihre Periode hatte, denn die war für sie immer mit starken Schmerzen verbunden. Bei dem Gedanken fiel ihr auf, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie lange die letzte Periode schon zurücklag. Das war für sie jetzt auch nicht so wichtig, erst einmal sollte sie einen Arzt aufsuchen, der ihr etwas gegen den Virus verschreibt, den sie sich wohl eingeholt hatte, dachte sie.

"SCHWANGER?" Jenny war fassungslos und fand keinen Halt mehr auf ihren Beinen. Sofort stand ihr Arzt ihr zur Seite und stütze sie. Er half ihr auf den Stuhl zurück, aus dem sie einige Sekunden zuvor hoch geschreckt war.

Auf dem Weg nach Hause überlegt sie verzweifelt, wie das passieren konnte. Hatte Dieter denn nicht aufgepasst? Er wusste doch sicher besser, wie man das verhindern konnte. Voller Panik suchte sie nach Worten, wie sie ihren Eltern die Situation erklären sollte. Sie wussten ja nicht mal, dass Jenny sich mit Dieter traf. Und was wird aus ihrer Beziehung zu Dieter, ob sie sich bei ihm wohl vor ähnlichen Reaktionen wie die von Ihren Eltern fürchten musste, oder ob er wohl zu ihr stehen würde? Sie wusste es nicht. Aber sie würde zuerst mit Dieter sprechen.

Anders als sie es erwartet hatte, freute sich Dieter über ihre Nachricht, dass sie schwanger war. Es war seine Idee, sie zu ihren Eltern zu begleiten und ihr beizustehen. Doch Jenny beschloss, dies alleine mit ihren Eltern zu besprechen.

Jenny war nun im siebten Monat schwanger und freute sich auf ihr Baby. Trotz der Schwierigkeiten, die ihre Eltern ihr machten, war sie fest davon überzeugt, dass sie die Situation und das neue Leben, das sie erwartete, meistern würde. Anfangs machte sie sich noch große Sorgen, wie sie es alleine mit einem Kind schaffen sollte, doch sie würde nicht klein bei geben. Als sie ihren Eltern von ihrem anderen "Umstand" erzählt hatte, wurde sie mit Wutausbrüchen und wilden Beschimpfungen bestraft. Dieter wollte dies nicht hinnehmen und ging zu ihren Eltern. Er hatte um ihre Hand angehalten, doch ihre Eltern wollten davon nichts wissen. Ihre Bestimmung war es, dass Jenny das Kind zur Welt brachte und weiter zur Arbeit ging. In dieser Zeit würden sich ihre Eltern um ihr Kind kümmern und es groß ziehen. Jenny sollte natürlich ihr hart verdientes Geld nach wie vor zu Hause abgeben und bekam nur einen kleinen Teil davon für ihre Kleidung. Ihrer Meinung nach wäre es der Mindestlohn für die Peinlichkeit und die Strapazen, die Jenny ihren Eltern antat. Für Dieter wurde es nun immer schwieriger sich mit Jenny zu treffen, da ihre Eltern nun Bescheid wussten und Jenny zu Hause hielten.

Eines Tages, als Jenny gerade von einem Einkauf zurückkam, beobachtete sie, wie Dieter mit einer anderen Frau in das Haus seiner Eltern verschwand. Keiner von beiden hatte Jenny gesehen, aber sie wusste, was Dieter mit der Frau vorhatte. Es brach ihr das Herz. Sie fühlte sich benutzt und ausgeliefert. Ihre Gedanken kreisten nur noch um ihr gemeinsames Kind, das sie in ihrem Leib trug und wie sie es ohne Dieter schaffen sollte. Nachher konnte sie nicht mehr sagen, wie sie überhaupt den Weg nach Hause gefunden hatte.

Ihre Mutter stand vor der Haustür. Tränen überströmt stand Jenny ihr gegenüber. Ruth machte eine abwertende Handbewegung und sagte nur, dass sie doch gleich gesagt hatte, dass Dieter es nicht ernst meinte. "Das wäre nie geschehen, wenn ihr mir erlaubt hättet, ihn zu heiraten!" rutschte es ihr heraus. Sie drehte sich um, ohne eine Reaktion ihrer Mutter abzuwarten. Plötzlich traf sie ein Tritt und Jenny viel vorwärts auf den harten Boden. Jenny sah zu ihrer Mutter hoch und wagte es nicht mehr den Mund zu öffnen.

Im Dezember brachte Jenny einen Jungen zur Welt, trotz des Sturzes, den sie durch den Tritt ihrer Mutter verkraften musste. Sie vergötterte ihr Kind und freute sich, dass er vor Gesundheit nur so strahlte. Auch Dieter war gekommen um seinen Sohn zu begrüßen. Er freute sich ebenso und konnte seine Augen nicht von ihm lassen. Er trug den kleinen wann immer er konnte und auch das Windelwechseln machte ihm nichts aus. Jenny hatte Dieter nie gesagt, dass sie ihn mit einer anderen Frau gesehen hatte. Aber er wusste, dass etwas ihre Beziehung verändert hatte. Jenny hatte sich zurückgezogen, aber Dieter nahm an, dass es an der Tatsache lag, weil er sie nicht heiraten durfte.

Jenny und Dieter gaben ihrem Kleinen den Namen Johnny. Sie waren beide sehr stolz auf ihren jetzt zweijährigen Sohn. Sie versuchten so viel Zeit wie möglich mit ihm zusammen zu verbringen und Jenny genoss es, die Zeit mit Johnny als auch mit Dieter zu verbringen. Was hätte sie dafür gegeben, eine richtige Familie zu sein. Aber ihre Eltern weigerten sich noch immer, dem Eheglück zuzustimmen. Viel mehr hatten sie die Sorge, dass mit Jennys Auszug in eine eigene Familie auch der Geldfluss verloren ging.

Dieter ließ keine Gelegenheit aus, in Jennys Nähe zu sein. So wartete er an diesem Morgen vor der Tür des Hammbecker´s auf Jenny, um ihr seinen Entschluss mitzuteilen. Sie freute sich ihn zu sehen und beide umarmten sich. "Jenny, ich liebe dich!" sagte er sanft und gab ihr einen Kuss. "Ja" antwortete Jenny, "das weiß ich!". "Aber du sollst wissen, dass ich es wirklich ernst meine" sagte er bestimmt, "sobald du volljährig bist, werde ich dich heiraten! Wir werden eine richtige Familie sein, so wie du es dir gewünscht hast." Jenny lächelte und umarmte ihn abermals. Sie verabschiedeten sich und verabredeten, dass Dieter sie nach ihrem Dienst von der Arbeit abholen würde. Dass es dazu nicht mehr kommen sollte, erfuhr Jenny erst später.

Nach ihrem Dienst im Hammbecker´s wartete Jenny noch eine halbe Stunde auf Dieter. Sie war sichtlich verärgert und beschloss, allein nach Hause zu gehen. Schließlich wartete Johnny auf sie. Sie war schon fast an ihrem Elterhaus angekommen, als sie eine hysterische Stimme ihren Namen rufen hörte. Es war Hannelore, Dieters Schwester, die mit eiligen Schritten auf Jenny angelaufen kam. Hannelore hatte sie noch nicht erreicht, aber Jenny spürte schon jetzt, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie sah das aufgeregte Gesicht von Hannelore und wusste, dass etwas passiert sein musste. Sie blieb vor Jenny stehen und keuchte, es hätte einen Unfall gegeben mit einem LKW und einem Motorradfahrer. Jenny schaute Hannelore an und fühlte, dass ihre Beine und Arme kribbelten. Alles um sie herum drehte sich und sie verstand nur noch drei Worte: "Er ist tot!"

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