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Patricia Koelle
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Dez
01
Viktorias blauer Garten
© Patricia Koelle

Die Menschen, die an der Hecke vorbei durch den lärmenden Stadtsommer eilten, verlagsamten unwillkürlich ihren Schritt. Vielleicht war es der Duft, der als unsichtbare Überraschung herüberwehte, oder auch die Ahnung von Stille, die dahinter heimlich einen Sieg errungen hatte.

Es war keine ordentliche Hecke. Wie von einem frischen Wind zerzaust stand sie in der staubschweren Junihitze und sprach ungeniert vom Frühsommerhimmel, denn sie war garniert mit zwei verschiedenen Sorten blauer Blüten. Sie bestand aus Sommerfliederbüschen, die ihre blauen Rispen kreuz und quer in die Gegend reckten, und oben darauf turnten auf ganzer Länge Trichterwinden herum und richteten unübersehbare Trompeten in alle Richtungen wie einen stummen Widerspruch gegen Abgase und Motorengebrumm. Viktoria nutzte jeden Platz doppelt, den ihr winziger Vorgarten bot. Darum kletterte auch eine Waldrebe bis in den Wipfel des Apfelbaums, so dass nachtblaue Blüten wie gute Sterne über den Früchten standen, die noch nicht mehr als kleine grüne Versprechen waren.

Viktorias Vorgarten war kaum mehr als eine verlängerte Terrasse vor ihrer dunklen Parterrewohnung. Es wirkte als strecke das Haus dem Stadtgrau frech die Zunge heraus, und so empfand es auch Viktoria. Allerdings sah man diesen Triumph von außen nicht; es blieb ihr Geheimnis, das sie nur gelegentlich mit einem Mann aus ihrer Erinnerung teilte. Sie trotzte der engen Straße, indem sie den Garten in eine blaue Schüssel verwandelte, in der sie das Licht und die Weite des Himmels fing, die Kühle der Dämmerung und die weiche Stille der Nacht. Den Gerüchen nach Benzin, Hundekot und altem Frittieröl setzte sie eine Mauer aus Hyazinthen-, Veilchen-, Heliotrop- und Fliederduft entgegen.

Der Sommer hatte den Frühling gerade erst beiseite geschoben und Viktoria war dabei, verblühtes Männertreu und Vergissmeinnicht durch Glockenblumen und Jungfer-im-Grünen zu ersetzen, die sie vorsichtig mit bloßen Händen aus der Saatschale barg und ihnen einen Platz zu Füßen des Rittersporns zuwies, der sich dicht gedrängt in sämtlichen Blauschattierungen auf dem sonnigsten Platz in die Höhe wagte. Daneben plätscherte zwischen Kornblumen ein winziger solarbetriebener Terrakottabrunnen. Er spülte die wenigen Stadtgeräusche fort, die sich über die Hecke gewagt hatten. Unter dem blaubesternten Apfelbaum standen zwischen Büscheln später Iris ein Tisch, gerade ausreichend für einen Kuchenteller und eine Tasse, und ein Stuhl, von welchem auf dem Sitz die blaue Farbe abzublättern begann. Während sie behutsam Erde um zerbrechliche Wurzeln herum andrückte, sah Viktoria wie so oft ganz deutlich Jonas dort sitzen. Dass die siebenundzwanzig Jahre alte Erinnerung an ihn manchmal konkrete Gestalt annahm, hatte sie anfangs noch erschreckt; nun war sie daran gewöhnt und empfand ihn als angenehme Gesellschaft. Er passte einfach so gut hierher. Irgendwann hatte sie auch aufgehört darüber zu grübeln, ob Jonas vom Garten angelockt wurde oder ob sie in dieser Hoffnung den Garten genau so gestaltet hatte, weil Blau seine Farbe war. Hier liefen nun die Jahreszeiten wie eine Meereswelle über die wenigen Quadratmeter im Betonozean der Stadt. Das begann im März mit Krokussen, Primeln und Hasenglöckchen und endete im Oktober mit einem Feuerwerk aus Kugeldisteln und blauen Astern.

Das Meer, Jonas' Blick und die Weite am Horizont - damals war ihr alles wie ein Rausch dieser einzigen Farbe erschienen. Obwohl seine Augen gelegentlich auch grau sein konnten wie ein nebelverhangener Morgen über dem Fjord. Sie hatte kein Foto aus jenem Sommer, doch wenn sie hier im Garten Jonas' Erinnerung begegnete, war er lebendiger als jedes Bild.

Sie waren beide allein unterwegs gewesen, in einer Pause vom Leben. Gleich hinter der Grenze zu Dänemark waren sie sich begegnet, in der Wechselstube, und dann erneut auf dem ersten Campingplatz. Von da an waren sie gemeinsam weiter gezogen, jeder mit seinem Zelt, entlang der ganzen dänischen Küste bis hinauf nach Skagen. Sie sah Jonas noch immer ganz nah vor sich, wie er auf einem Felsen stand und in strahlendem Jubel die Arme zum Himmel hob, das kalte klare Blau des Skagerraks hinter sich, auf das sich trotz der späten Stunde kein Abend senken wollte, und das Licht in seinen Augen, das sie glücklich im Innersten traf wie die Berührung, die es nie gab.

Eine Frau, von der er nur einmal sprach, spielte eine Rolle in seinem Leben, und außerdem waren Viktoria und Jonas beide mitten in einer Ausbildung an verschiedenen Enden des Landes. Eine gemeinsame Zukunft kam gar nicht erst zur Sprache. Doch die leuchtende Kameradschaft jener Urlaubstage, die Geschichten, die sie nachts von Zelt zu Zelt in die Dunkelheit spannen wie silberne Fäden des beginnenden Altweibersommers, das Barfusslaufen im morgenkalten Sand und das Treibenlassen in den Wellen am Anfang und am Ende der langen hellen Tage reichten aus, um großzügige und leichte Träume in Viktoria zu wecken, als hätten ihre Gedanken einen neuen, endlos weiten Raum gefunden.

Nach ihrer Rückkehr lenkte sie sich ab, indem sie das schmutzigkahle Stück Erde vor dem Haus in einen Garten verwandelte. Mit den Blumen pflanzte sie ihre jungen Träume, die über die Jahre unverrückbar tiefe Wurzeln schlugen, ungeniert wuchsen und Ableger ins Leben trieben. Erst nach einiger Zeit bemerkte Viktoria, dass sie nur blaue Blüten für ihre Beete ausgewählt hatte. Sie beließ es so, weil die ruhige Kühle, die davon ausging, ihr wohl tat und die Erinnerung an Jonas und den Meersommer sich darin wohl zu fühlen schien. Am Ende waren alle Farben des Himmels hier zu Hause.

Es hatte noch Männer gegeben in ihrem Leben seitdem. Der eine hatte ihr eine rote Rose geschenkt und eigenhändig neben den Rittersporn gepflanzt, doch nach wenigen Jahren hatte Viktoria sie aus dem Garten verbannt. Die Farbe war ihr zu laut und blieb fremd. Später überreichte ihr ein Anderer einen Goldregen, dem sie auch eine Weile einen Platz gewährte. Doch dann wurde ihr das Gelb zu erdrückend und sie trennte sich auch davon.

Für Viktoria verlor eine Zeit nicht ihre Gültigkeit, nur weil sie längst vorbei war. Jonas blieb so wirklich, wie er jemals gewesen war. Ja, in letzter Zeit hatte sie sogar bemerkt, dass er mit ihr gemeinsam alterte. Er saß ein wenig gebeugter auf dem Stuhl, und wenn die Sonne tief stand, glänzte das weiße Haar an seinen Schläfen. Das Licht warf auch kleine Schatten in seinem Gesicht wenn es die Fältchen um seine Augen fand. Es war gut so; so wurden Jonas und Viktoria sich nicht fremder.

Allerdings sah er ihr nie direkt in die Augen. Sein Blick ging immer ein wenig an ihr vorbei, in die Weite über die Hecke hinweg in die Welt draußen. Sie nahm an, dass er sie nicht so sah wie sie ihn.

Doch die Bienen summten im Sommerflieder, und zusammen mit dem Plätschern des Brunnens klang es wie leises Rauschen von altem Wind und fernen Wellen. Viktoria setzte sich ins Gras, um Jonas nicht von seinem Stuhl zu verdrängen. Gegen den Apfelbaum gelehnt, schlief sie ein. In der warmen Dämmerung sprach Jonas zu ihr, und die Menschen auf der Straße gingen langsamer, denn es war ihnen als hätten sie ein Flüstern vernommen.

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