Ostergeschichten

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Das schönste Ei

© Martina Decker

"Oh jemine!" Baldur Hase schüttelte heftig den Kopf und seine langen Ohren schlackerten hin und her. "Mit dem neuen Stadtteil haben wir viel mehr Aufträge als im letzten Jahr!"

"Na, das ist doch schön!", entgegnete Hedwige Maus, "was gibt es da zu jammern?" Sie huschte zum Fenster und schüttelte den Staublappen gehörig aus. Schon seit vielen Jahren hielt Frau Maus die Hasenwohnung in Ordnung.

"Hedwige, ich bin nicht mehr der Jüngste. Seit dem Winter zwickt es mich wieder ständig im Rücken und meine Augen werden viel zu schnell müde. Schau nur in die Werkstatt - gerade mal zwei Dutzend Eier habe ich bis jetzt bemalt."

"Du hättest eben doch diese entzückende Häsin heiraten sollen. Eines eurer süßen Hasenkinder hätte bestimmt dein Talent geerbt und könnte nun in die Fußstapfen seines alten Vaters treten." Hedwige Maus sah Baldur streng an. "Aber du hast ja nicht gewollt! Das hast du nun davon!"

"Ich habe doch dich, liebe Hedwige!", meinte Baldur schmeichelnd.

"Aber ich kann nicht malen!", lachte Frau Maus und setzte nach: "Und den Korb kann ich mir auch nicht aufsetzen. Der ist viel zu groß für mich." Mit diesen Worten schnappte sie sich den Müll und trug ihn nach draußen. Baldur Hase blieb ratlos zurück. "Na, dann will ich mich erstmal wieder an die Arbeit machen", murmelte er. "Jedes Ei zählt!"

Als Hedwige zurückkam, saß Baldur in der Werkstatt an dem Maltisch. Einen Augenblick lang sah sie ihm nachdenklich zu. "Ich habe eine Idee!" piepste sie schließ . "Wir veranstalten nächste Woche einen Malwettbewerb. Jeder, der mitmacht, bekommt ein Ei und bemalt es. Wir müssen uns nur noch jemanden suchen, der dann das schönste Ei auswählt. Und der Gewinner darf ...", Hedwige machte eine bedeutungsvolle Pause, "am Ostersonntag mit dir die Nester füllen."

Baldur Hase schaute überrascht auf. "Meinst du, da wird jemand mitmachen wollen?"

"Aber natürlich!", meinte die Maus überzeugend. "Male du jetzt schnell ein paar Plakate und ich versuche derweil, Heinz Specht zu erreichen. "

Noch bevor Baldur etwas fragen oder einwenden konnte, war sie hinaus geflitzt.

Baldur malte erst einmal ein großes Ei mit Blumenmuster auf das Papier. "Aber was soll ich denn jetzt bloß da drauf schreiben?", grübelte er. Er nahm einen Stift und den Schreibblock zur Hand. Er schrieb und strich durch und schrieb und strich wieder durch. "Mir will einfach nichts einfallen!" haderte er. "das ist ja auch wirklich nicht verwunderlich! Ich bin der Osterhase und kein Poet.", brummelte er unzufrieden. Am liebsten hätte Baldur aufgegeben. Aber dann huschte doch noch ein Lächeln über sein Gesicht. Erleichtert nahm er den ganz feinen Pinsel und schrieb in seiner schönsten Schrift:

Wettbewerb im Eiermalen!
Ob Streifen, Kreise, Blumen, Zahlen
Wer malt das schönste Ei?
Der Sieger ist dabei,
wenn ich am Sonntag heimlich still
der Menschenkinder Nester füll'.
Am nächsten Dienstag geht es los
Ich freu mich schon famos!

Viele Grüße
Osterhase Baldur

Zufrieden betrachtete der Osterhase sein Werk. Schnell malte er noch weitere Plakate und schrieb den Text darauf. Hedwige Maus sollte keinen Grund haben, mit ihm zu schimpfen, wenn sie zurückkam.

"Na ja!" Plötzlich stand Hedwige hinter ihm. "Aber für einen Hasen nicht schlecht!" Schnell griff sie nach den Bildern und eilte wieder hinaus. "Heinz Specht wartet draußen. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Je schneller er die Plakate an die Bäume hämmert, desto besser ist das für unseren Wettbewerb!"

Und dann war es Dienstag und tatsächlich kamen viele Tiere, um mitzumachen. Sie drängelten sich in Baldurs Vorgarten und eilig trug er noch ein paar Tische hinaus und Stühle und alle Farben und Pinsel, die er finden konnte.

Einträchtig saßen da alle beieinander: die Mäusekinder, der junge Fuchs, die alte Kröte vom Waldteich, ein ganzer Ameisenstaat und nicht zu vergessen die Frischlinge von Mama Wildsau. Sie hatte Baldur allerdings erst einmal zur Ordnung rufen müssen. Ungestüm waren sie auf die anderen Tiere zugelaufen und hatten besonders die jungen Hühner so erschreckt, dass die Federn flogen.

Jetzt ging Baldur zufrieden von Tisch zu Tisch und sah den kleinen Künstlern über die Schulter.

Die Ameisen hatten sich in drei Gruppen aufgeteilt. Die Größten und Stärksten unter ihnen formierten sich zu einer flachen Schale. Da hinein schoben die anderen das Ei, so dass es nahezu aufrecht stand. Dann krabbelte die zweite Gruppe über das Ei und bildete mit seinen Körpern eine filigrane Schablone. Sie schienen einen genauen Plan zu haben und als jede Ameise an ihrem Platz war, marschierte die letzte Gruppe unermüdlich immer wieder erst durch die bunten Farbtropfen und dann an den anderen vorbei über die weiße Eierschale.

Staunend sah ihnen Baldur zu. "Das wird ein wunderbares Ei!", lobte er schließlich und ging weiter.

Die Frischlinge gingen ganz anders an Werk. Sie hatten einfach mehrere Farbtiegel umgeworfen und rollten das Ei in den Pfützen übermütig hin und her. Die Farben mischten sich immer neu und es war zu erkennen, dass das ein kunterbuntes Osterei werden würde. "Seid bitte etwas vorsichtiger!", mahnte Baldur die beiden schmunzelnd. "so ein Ei ist sehr zerbrechlich!"

Schuldbewusst sahen die beiden Rabauken zu ihm auf. "Ok!", quiekten sie und als Baldur ein paar Schritte weiter gegangen war, drehte er sich vorsichtig noch einmal nach ihnen um. Tatsächlich kullerten sie das Ei nun langsam durch die Farben.

"So ist es recht!", murmelte er. Verwirrt sah ihn die Kröte an. "Was ist recht? Mein Ei? Werde ich gewinnen?" Sie hatte seine Worte gehört und war irrtümlich der Meinung, er hätte sie gemeint. Aufgeregt streckte sie ihre Zunge in den kleinen Farbtiegel und spuckte einen dicken Tropfen auf das vor ihr liegende Ei. "Da war noch ein weißer Fleck!", meinte sie.

"Oh nein, ich habe gar nicht dich gemeint. Ich war in Gedanken.", sagte Baldur und bemerkte im selben Moment den enttäuschten Gesichtsausdruck der Kröte. "Aber dein Ei ist auch wirklich sehr schön. Ich habe ja gar nicht gewusst, wie genau du mit der Zunge treffen kannst." Ein bisschen hellte sich die Miene der Kröte wieder auf. "Muss ich doch, sonst kann ich ja keine Mücken fangen", antwortete sie verlegen. Baldur nickte. "Na, da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Nun male schön weiter. Die Zeit ist bald um."

Gleich daneben saßen die kleinen Mäuse. Sie mühten sich mit einem dünnen Pinsel und piepsten bei jedem Pinselstrich aufgeregt. Ihre langen Schwänzchen waren vor Anspannung weit hoch gereckt und ragten wie Zaunpfähle in die Luft. Ihre Schnurhaare zitterten und das Fell hatte schon einige Farbspritzer abbekommen. Auch für sie hatte Baldur nur lobende Worte.

Ganz besonders aber bewunderte Baldur Max, den kleinen Fuchs. Vorsichtig tauchte dieser seine Schwanzspitze in den Farbtopf und malte damit Kreise und zart geschwungene Linien auf das Ei. Sanft blies er immer mal wieder über die frische Farbe, damit sie ein wenig schneller trocknete. Verspritzte Tropfen wischte er sofort und sorgfältig ab. Dafür hatte er sich von Hedwige einen weichen Stofflappen geben lassen. Max war sehr konzentriert bei der Sache und schien die Welt um sich herum total vergessen zu haben. Baldur überlegte kurz, ob er ihn ansprechen sollte. Aber dann entschied er sich dagegen. Es würde Max nur stören.

Schließlich hatten alle Teilnehmer ihre Arbeit beendet und warteten gespannt, wer der Sieger sein würde. "Gut, dass ich nicht entscheiden muss, wer das schönste Ei gemalt hat", sagte Baldur leise zu Hedwige. Sieh doch nur, wie wunderschön alle sind."

Hedwige nickte. "Das verstehe ich gut. Aber bestimmt wird Eulalia eine weise Wahl treffen."

Eulalia war die alte Eule, die tief im Wald in einer mächtigen Eiche wohnte. Extra für Baldurs Wettbewerb hatte sie ihren Mittagsschlaf unterbrochen und begutachtete nun genau jedes Ei.

Dann endlich, als die Spannung kaum noch zu ertragen war, flatterte sie auf einen überhängenden Ast und sah wichtig in die Runde. "Es war nicht einfach, denn alle Eier sind ordentlich und sauber bemalt. Die vielen verschiedenen Muster haben es mir auch nicht leichter gemacht. Doch es kann ja leider nur einen Sieger geben und so habe entschieden: Der junge Fuchs hat das schönste Ei gemalt!"

"Hurra!", jubelte Max und wedelte aufgeregt mit seinem farbbunten Schwanz hin und her. "Hurra! Hurra! Ich bin der Sieger!"

Herzlich gratulierten ihm die anderen. Neidisch war keiner von ihnen. Es hatte viel Spaß gemacht und der Osterhase hatte versprochen, dass er im nächsten Jahr wieder einen Malwettbewerb ausrufen würde.

So kam es, dass am Ostersonntag mancher Frühaufsteher seinen Augen nicht trauen wollte. Da waren nämlich Fuchs und Hase gemeinsam unterwegs und beide trugen einen Korb auf dem Rücken.

Und das konnte doch nicht wahr sein, oder?

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