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Eingereicht am
24. Juni 2007

Tsunami

© Barbara Eickhoff

22.12.04:

Das Meer ist ruhig. Es sind 32 Grad im Schatten. Alle Touristen schnorcheln oder tauchen. Alles ist friedlich, nur die kleinen Fische in der flachen Lagune sind plötzlich aggressiv und angriffslustig. Wir vermuten, dass sie Brutpflege betreiben.

24.12.04 :

Die Strömung an der Ostseite der Insel ist extrem stark. Ein junger Mann (etwas geistig behindert) droht zu ertrinken. Ich renne zur Tauchschule um Hilfe zu holen, stolpere und falle fürchterlich hin.

26.12.04: ca 10.00 Uhr morgens :

Wir wollen schnorcheln gehen, ich möchte vorher aber noch bei der Tauchschule vorbeischauen, um mir Heilcreme für meine Blutergüsse holen.

Auf dem Weg dorthin sehen wir staunende Touristen mit ihren Fotoapparaten ... !

Das Meer schwappt über ... die Insel liegt gerade mal einen Meter über dem Meeresspiegel.

Hat das etwas mit dem Vollmond zu tun, fragen sich die Touristen verwundert, aber auch die Einheimischen kennen ihr Meer nicht wieder und betrachten staunend und besorgt das Geschehen.. Nur wenige Minuten später ist das Wasser bis zur Riffkante - 50 bis 100 Meter vom "Festland" entfernt - plötzlich völlig verschwunden. Nackter Sandboden tut sich auf, wo sich eben noch Fische und kleine Haie tummelten.

Dann kommt das Wasser wieder, läuft noch höher auf das Inselchen, nähert sich bedrohlich den am Strand aufgereihten Bungalows Niemand weiß, was das alles zu bedeuten hat. Bevor Panik aufkommt läuft das Meerwasser rasend schnell wieder ab, so als habe man einen Stöpsel aus der Badewanne gezogen, um kurze Zeit später noch mächtiger zurückzukommen.

Ein Mann stellt in hilflosem Versuch eine Strandliege als Schutz vor seinen Bungalow und rettet seine im Wasser schwimmenden Schuhe.

Irgendwann verbreitet plötzlich jemand die Nachricht, dass es ein Erdbeben gegeben haben soll, mit 1400 Toten. Hilflosigkeit und auch Angst geht um.

Wir laufen auf die andere Seite der Insel, das gleiche Bild tut sich vor uns auf. Sand und mit Grünalgen bedeckte Steine überall dort, wo gestern noch geschwommen sind.

Zum dritten Mal steigt das Wasser an, überschwemmt den Landungssteg und schwappt in die Bar, die einen halben Meter höher liegt. Die Menschen, die sich hier abwartend versammelt haben, staken durch das knietiefe Wasser, raffen die vor dem Gebäude stehenden Gartentische und -stühle zusammen und schaffen sie ins Trockene - eine in dieser Situation ziemlich sinnlose Aktion , aber immer noch besser ist als gar nichts zu tun.

Dann fällt auch der Strom aus. Die Barhocker sind jetzt die begehrtesten Plätze.

Eine weitere Flutwelle bleibt aus. Langsam trauen wir uns wieder nach draußen. Manche wagen sich bis an das wiedergekehrte Meer, dem alle Schönheit verloren gegangen ist und nur noch schmutzig aussieht.

In der Bar flackert wieder Licht.

Das Abendessen findet wie gewohnt statt als sei nichts geschehen.

Die Angestellten bemühen sich um Normalität.

Die Opferzahlen, die durch das einzige Fernsehgerät auf der Insel bekannt werden erhöhen sich dramatisch. Bis 2.00 Uhr nachts gilt Warnstufe 1-

Wir wissen jetzt, dass es ein Seebeben war.

Am Abend des gleichen Tages ist alles wieder friedlich. Die Boote, die vorher auf dem Trockenen lagen dümpeln wieder vor sich hin, als sei nichts geschehen.

Gegenstände werden angespült, Liegen, Matrazen, Papierkörbe.

In dieser Nacht schlafen wir kaum. das Meer, nur 10 Meter von unserem Bungalow entfernt tobt unentwegt weiter. Nachbeben werden angekündigt.

27. 12.04:

Der einzige Fernseher läuft nun ständig, abwechselnd auf Deutsch, Englisch oder Französisch. Die Zahlen der Toten steigen halbstündlich. Unfassbarkeit und Entsetzen machen sich breit .Wir setzen uns gegenüber den anderen Touristen durch und schalten das maledivische Fernsehen ein, da sich auch die einheimischen Angestellten Sorgen um ihre Angehörigen machen, zu denen sie weder telefonischen noch persönlichen Kontakt aufnehmen können. (Die Malediven erstrecken sich über 700 km. Eine Fahrt mit dem einzigen Boot, das sich die Einheimischen leisten können, dauert drei Wochen oder länger).

Das maledivische Fernsehen sendet kommentarlos - mit tragischer Musik unterlegt- Bilder der Verwüstung. Ein junger Kellner ist nicht mehr in der Lage zu arbeiten, sitzt nur noch in seinem Zimmer und weint. Am Abend werden 50.000 Tote gemeldet.

28.12.04:

Das Essen wird spärlicher, da keine Versorgungsschiffe ankommen. Wir "bunkern" Wasser, da wir nicht wissen, wann wieder etwas geliefert werden kann.

Von anderen Inseln treffen " Evakuierte" an, deren Inseln unbewohnbar sind, auch von der Insel Velavaru, auf der 2 Briten ertranken.

Die Tauchschule nimmt ihren Betrieb langsam wieder auf, aber von den übrigen Touristen wagt sich niemand mehr so recht ins Wasser.

29.12.04:

Unser Flug findet planmäßig statt, der erste Flug von Male nach Frankfurt nach dem

Nach halsbrecherischer Fahrt mit einem kleinen Boot durch meterhohe Wellen erreichen wir--- nass bis auf die Haut---- die Flughafeninsel Hulule.

Auf dem Abflughafen in Male warten Touristen immer noch auf einen freien Platz in einem Flugzeug, um nach Hause zu fahren zu können.. Viele von ihnen besitzen nichts mehr außer ihrer Strandbekleidung.

In Frankfurt werden uns Jacken, Pullover, Getränke und Brötchen angeboten, wir werden nach elf Stunden im Flugzeug in einen engen Raum gepfercht, abseits allen Geschehens, dabei wollen wir, die keinen Schaden erlitten haben, nur in unser Hotel, um zu schlafen. Aber erst müssen unsere Daten registriert werden ...

Um 2.00 Uhr nachts sind wir endlich im Bett.

30.12.04 , 20.00 Uhr

Endlich zu Hause erwartet uns die zweite "Flutwelle" in Form von besorgten Anrufen auf dem AB, Briefen oder E-Mails. Haben wir wirklich so viele Bekannte und Freunde ? Wir sind zu Tränen gerührt , aber als wir die Zeitungen lesen, die ein Freund für uns gesammelt hat, und als wir die Bilder im deutschen Fernsehen sehen, verstehen wir, warum.

Nahezu 300.000 Menschen haben bei diesem Tsunami ihr Leben verloren

"Embudu" (Insel im Südmale Atoll 300 x 150 Meter) 12/2004

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