Tiergedichte       Gedichte - Tiere - Tiergedichte

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Dez
01
Der Mensch und das Tier II
© Jennifer Kirchner

Ein leichtes Donnern riss sie aus dem Schlaf. Benommen setzte sie sich auf und spürte sofort ihre schmerzenden Glieder. Drei Tage schlief sie nun schon auf dem Waldboden, nicht sehr bequem aber immer noch weicher als auf Brettern.

Sie horchte.

Das Donnern entpuppte sich als Motorengeräusch, welches langsam lauter wurde. Ein Geräusch, dass sie nur all zu gut kannte und sie wusste, das sich Flugzeuge näherten.

"Lou!", murmelte sie und spürte wie trocken ihre Lippen waren. Sie musste heute unbedingt irgendwo etwas zu trinken finden.

Lou saß hinter ihr und raffte sich nun langsam hoch, ging um sie herum und stupste sie mit seiner feuchten Nase, leicht mit dem Schwanz wedelnd, an.

Den großen Jagdhund, ein Weimaraner, hatte sie vor langer Zeit in einer verlassenden Stadt gefunden. Er war in einem Keller eingesperrt. Sie vermutete, seine vorigen Besitzer hatten sich dort verschanzt aus Angst vor den Flugzeugen und bei einem Angriff gestorben. Lou hatte überlebt und kämpfte nun gegen den Hungertod in dem Keller, der ihn erst beschützen sollte und dann zu einem steinernen Grab geworden war.

Sie musste eine ganze Menge Kraft aufwenden um das verbogene Kellerfenster hinter dem sie den winselnden Hund gefunden hatte aufzustemmen.

Lou war panisch und krank vor Hunger. Er raste sofort davon, als ob der Teufel hinter ihm her wäre.

Zwei Tage später trafen sie sich auf einem kleinen Pfad im Wald. Lou hatte ein Kaninchen gefangen an dessen Resten er nun kaute. Sie hatte zunächst Respekt vor diesem großen Hund den sie nicht kannte und lief einfach an ihm vorbei. Lou hob den Kadaver hoch und trottete ihr wie selbstverständlich hinterher.

Das war vor mehr als zwei Jahren gewesen. Seitdem wich er ihr nicht mehr von der Seite, nur um zu jagen und er brachte hin und wieder einen Vogel oder ein Kaninchen mit wovon sie dann auch essen konnte.

Sie betrachtete ihren Gefährten eine Weile während sie horchte. Er sah nicht besonders gut aus. Zu dünn und die Augen ein Stück eingefallen, aber viel besser sah sie auch nicht aus.

"Sie kommen her, hörst du? Leg dich hin", sagte sie leise und drückte den Hund leicht zu Boden. Dieser kannte das Ritual nun schon und legte sich flach auf den Boden. Sie beugte sich halb über ihn und verharrte.

Keiner von beiden bewegte sich während 4 Flugzeuge über den Wald in dem sie die Nacht verbracht hatten im Tiefflug donnerten. Erst als das Geräusch der Motoren so gut wie verklang stand sie auf.

Ihr geschwächter Körper wollte sie nun kaum noch tragen und ihr war schwindelig, sie musste sich an einem Baum abstützen um nicht zu fallen.

Lou schien sie besorgt anzusehen.

"Was schaust du so? Sieh dich doch mal an. Du siehst bestimmt nicht besser aus, mein Freund", versuchte sie zynisch zu lachen. Aber viel mehr als ein Gekrächze kam nicht aus ihrem ausgetrockneten Mund.

"Einfach weiterlaufen ... Es geht gleich schon wieder, Lou. Ewig kann der Wald ja nicht andauern", flüsterte sie und stakste los.

Mit hängendem Kopf und eingezogener Rute trottete er ihr hinter her.

Tatsächlich lichtete sich nach kurzer Zeit der Wald und sie kamen auf eine weite Feldfläche. Zu ihrer rechten sah sie ein paar Häuser in der Ferne stehen. Vielleicht ein paar Bauernhöfe.

"Was meinst du Lou. Versuchen wir unser Glück?", fragte sie leise während sie versuchte den Abstand zwischen ihnen und den Häusern zu messen. Lou setzte sich neben sie.

"Was meinst du denn wie viel Chancen wir hätten was zu trinken zu finden, wenn wir nicht dahin gehen. Siehst du hier irgendwo nen Supermarkt?", flüsterte sie.

Lou regte sich nicht.

"Komm schon alter Junge. Ich brauche etwas zu trinken...du nicht? Sogar meine Augen sind schon ganz trocken", beharrte sie.

Lou regte sich immer noch nicht.

"Ich wusste, dass wir uns einig werden. Ich denke bis zum Abend sind wir da ... und dann ist es nicht mehr weit. Er wartet doch..", hauchte sie nur noch und lief langsam los.

Lou blieb an ihrer Seite. Die Sonne brach durch die Wolken und wärmte ihre kraftlosen Glieder ein wenig.

"Es wird Frühling Lou. Also haben wir noch einen Winter überlebt ... so schnell kriegen die uns nicht klein...", murmelte sie.

Etwa drei Stunden brauchte sie bis zu den Häusern, oder das was davon übrig war. Bomben waren auch hier gefallen und die drei ehemaligen Höfe schienen verlassen zu sein. Als sie auf das erste zerstörte Haus zulief trat ein Mann dahinter hervor und richtete eine Waffe auf sie. Sie blieb stehen und betrachtete den Mann. Auch er sah mitgenommen aus, war aber nicht so dünn und seine Kleidung recht sauber.

"Wir wollen hier keine Fremden, geh weiter!", rief er wobei sein nordischer Akzent nicht zu überhören war. "Siehst du Lou? Ich habe doch gesagt wir laufen in die richtige Richtung. Bald schon sind wir da ...", flüsterte sie und strich dem Tier an ihrer Seite über den Kopf. Der Mann legte den Kopf schief und musterte sie verwundert.

"Ich brauche Wasser. Ich habe seid Tagen keines mehr gefunden", sagte sie so laut es ihre trockenen Stimmbänder zuließen.

"Geh weiter, du könntest infiziert sein!", rief der Mann.

"Wäre ich das, so würde ich wie all die anderen vergammeln", sagte sie trocken.

In den Bomben war eine biochemische Waffe. Der Feind musste einen unerschöpflichen Vorrat davon haben. Überall dort wo Bomben fielen wurden die Menschen krank und starben an einer Art Pockenvirus. Ein paar schienen dagegen immun zu sein, so auch sie und der Mann mit der Waffe anscheinend auch. Er schien zu überlegen und betrachtete sie.

Den viel zu großen Mantel den sie vor einem Jahr gefunden hatte schützte sie gut vor der Kälte, aber er war dreckig und am Saum zerrissen denn er schliff über den Boden wenn sie lief.

Die Schuhe waren noch ihre eigenen, aber die Sohle war so gut wie durchgelaufen, leichte Turnschuhe die für jahrelange Wanderungen einfach nicht gemacht waren. Darunter trug sie mehrere Pullover, hier und dort gefunden und auch die Hosen waren längst nicht mehr ihre.

"Bist du allein?", fragte der Mann.

Sie drehte sich zu allen Seiten einmal um als ob sie sich selber nicht sicher sein würde.

"Nur Lou und ich."

"Wer ist Lou?"

"Mein Hund", sagte sie und sah zu ihrem Gefährten herunter.

Der Mann nickte nur leicht und presste dabei die Lippen aufeinander. Dann nahm er das Gewehr runter und gab ihr mit einem Zeichen zu verstehen, das sie kommen konnte.

Schwer setzte sie sich wieder in Bewegung und ging auf den ersten zerstörten Hof. Süßlicher Verwesungsduft stieg ihr in die Nase. Lou schnaubte leicht.

"Komm schon alter Junge. So langsam musst du dich doch daran gewöhnt haben...", sagte sie.

Der Mann musterte sie mitleidig als sie ihn erreichte.

"Komm. Wir haben Wasser aus einem Brunnen und auch etwas Dosenfleisch", sagte er und ging vor ihr her.

Er führte sie um das Haus herum zu einem Loch im Boden. Einem alter Bunker.

"Der ist noch aus dem 2ten Weltkrieg. Mein Urururopa hat ihn gebaut und er hält immer noch", erklärte er stolz. Es ging eine steile Treppe etwa 10 Meter unter die Erde. Unten brannten viele Kerzen. Es roch scharf nach Urin und Schweiß, ein kleiner Junge saß auf einer Pritsche und sah sie neugierig an.

"Das ist Robert. Er ist vor etwa einem halben Jahr hier aufgetaucht", erklärte der Mann nun freundlich. Ich heiße Nils. Und du?"

"Maria", sagte sie leise. "Und das ist Lou", fügte sie noch leiser hinzu.

Robert legte die Stirn in Falten.

"Wer?", fragte er.

"Na mein Hund!", sagte sie.

"Aber...", wollte Robert beginnen, Nils schnitt ihm das Wort ab und sah den Jungen kopfschüttelnd an.

"Wo kommt ihr denn her?", fragte er.

"Ich habe in Augsburg gewohnt. Lou habe ich in einem Dorf bei Berlin gefunden. Ich wollte nach Berlin gehen, aber da war nichts, nur Tote."

"Und wo willst du jetzt hin?", fragte Robert. Sie schätzte ihn auf 6 Jahre, viel größer war er nicht. Er war sehr dünn und schmutzig.

"Zum Meer. Und dann mit einem Schiff nach Hawaii", erklärte sie knapp und setzte sich auf den Boden.

"Es wird keine Schiffe mehr geben, Maria", sagte Nils vorsichtig.

"Doch, eines wartet dort auf mich. Mein großer Bruder hält das Schiff auf bis ich komme. Er wartet auf mich", sagte sie und starrte Lou an der sich langsam vor sie auf den Boden legte.

Nils holte eine Flasche mit trübem Wasser aus einem kleinen Schrank und gab sie ihr. Gierig begann sie zu trinken. Das Wasser tat so unendlich gut, schmerzte aber sofort in dem leeren Magen.

Als sie ihren Durst gestillt hatte begann sie vorsichtig Lou Wasser in die Schnauze zu schütten. Dieser wedelte leicht mit dem Schwanz.

"Was machst du denn da!", rief Robert auf und sprang von der Pritsche auf.

Nils hob die Hand und gab ihm zu verstehen, dass er sich wieder hinsetzen solle.

"Aber sie ... !", rief Robert empört aus.

"Sei still Robert!", sagte Nils ruhig aber nachdrücklich und sah zu, wie Maria das Wasser langsam und sorgfältig auf den Steinboden schüttete. Dabei lächelte sie liebevoll und strich einem unsichtbaren Hund über den Kopf.

"Er hat viel Durst. Er war lange krank...", begann sie zu berichten. "als der Winter anfing und es kalt wurde. Da hatte er Fieber und starken Schnupfen. Es hat sehr lange gedauert und er hat viel geschlafen, aber nun ist er wieder gesund. Wir haben den Winter überlebt."

Nils sah bedrückt zu Boden. Robert sah sie verwirrt an.

"Wie alt bist du, Maria?", fragte Nils.

"Ich bin jetzt 13 Jahre alt. Aber meinen letzten Geburtstag habe ich nicht mehr gefeiert. Lou war doch so krank und ich musste mich um ihn kümmern", flüsterte sie.

"Hast du Hunger?", fragte Robert der langsam zu verstehen begann.

Maria blickte kurz auf und nickte leicht. Robert ging in einen anderen kleinen Raum und brachte eine Dose Ravioli mit.

"Wir machen kein Feuer, das würde uns verraten. Du musst sie kalt essen", sagte er und gab ihr die offene Dose. Maria nahm sie dankend an und begann zu essen. Sie steckte sich eine Ravioli in den Mund und legte die nächste für Lou auf den Boden.

Robert und Nils betrachteten das Schauspiel ausdruckslos.

"Manchmal fängt er etwas. Einen Vogel oder einen Hasen. Dann gibt er es mir, wir teilen alles...", murmelte Maria und lächelte Lou an.

Nils und Robert sagten nichts.

Nach einer Weile, Maria hatte die Dose geleert und eine zweite Flasche Wasser getrunken, stand sie auf.

"Wie weit ist es noch zum Meer?", fragte sie.

"Willst du nicht hier, bei uns bleiben? Wir haben Essen und Wasser. Und es ist warm hier", sagte Nils.

"Ich muss zum Meer", beharrte sie.

Nils seufzte. "Aber dort wird nichts sein. Wahrscheinlich haben sie die Küsten eingenommen, du würdest ihnen direkt in die Arme laufen", versuchte er es weiter.

"Nein. Mein Bruder wartet da auf mich. Ich habe mich schon etwas verspätet ...", sie bewegte die Lippen eine Weile ohne etwas zu sagen.

"... nach Hawaii ...", sagte sie dann noch.

"Ich ... kenne den Weg zum Meer nicht", sagte Nils traurig.

"Dann geh ich einfach weiter in die Richtung ... Komm Lou. Es ist nicht mehr weit. Ich habe doch gesagt das wir richtig gehen", sagte sie zu ihrem Gefährten.

Langsam schleppte sie sich die Treppe hoch, ging wieder über den Hof und marschierte weiter in ihre Richtung.

"Nein Lou. Wir können nicht bleiben ... aber wir sind bald da ..."

Nils und Robert kamen nach draußen und sahen dem dürren Mädchen nach.

"Sie ist verrückt", sagte Robert abfällig.

"Ist das denn ein Wunder? Wer weiß wie lange sie schon alleine durch die Gegend läuft ... und die ganzen Toten... entweder man ist tot, oder verrückt. Was bleibt einem schon anderes übrig...", sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu dem Jungen.

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