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Dez
01
Dawn-Diamond
© Christine Kühnel

Seit Paris Hilton mit einem Chihuahua unter ihren dürren Arm geklemmt in der Gegend herumstakste, war ihr sehnlichster Wunsch, sich ebenfalls so ein Rassetier anzuschaffen, mit einem Stammbaum, der seine zur Noblesse unterlässliche, jahrzehntelange Überzüchtung aufs Genaueste dokumentierte. Mit der ersten eigenen Wohnung, von Mutti bezahlt, schaffte sie sich Dawn-Diamond an, seines Zeichens Chihuahua mit einem Champion als Vater und einer Wurfmaschine als Mutter. Das plüsch-weiße Ding passte zwar herrlich zu fast allen Klamotten, die sich in ihrem Kleiderschrank befanden, allerdings lief es nach der ersten Begeisterung zwischen ihnen Beiden recht mau weiter. 'Dawny' zahlte vermutlich den Preis seines inzestuösen Stammbaumes, sprich, war dumm wie Bohnenstroh. Kackte auf ihre Satin-Bettwäsche und zerkaute ausgerechnet das Paar ihrer Designer-Schuhe, an dem sie ganz besonders hing, seitdem sie es einmal, auf den Weg in ihren alljährlichen Bums-Urlaub am Meer, beinahe am Zoll verloren hätte.

Wenn er so unheimlich schlimme Dinge mit seinem Kau- oder Schließmuskeln anstellte, was übrigens in Wahrheit wegen mangelnder bis hin zu nicht vorhandener Erziehung durch sein Frauchen geschah, rief ebendieses so laut und autoritär es konnte: 'Pfui, Dawn-Diamond, Pfuipfuipfui, Mama ist sehr böse, auf dich!", doch das veranlasste ihn nur, wie ein Wahnsinniger mit rotierendem Schwanz im Zimmer herumzulaufen und ihr seinen Hintern hinzustrecken. Zuerst unterstellte sie ihm keine Böswilligkeit, doch eines Abends kam ihr der Gedanke, dass der kleine Mistkerl damit vielleicht sagen wollte: 'Leck mich an meinem pelzigen Arsch, Schlampe.'

Darüber war sie so erbost, dass sie ihn im Vollsuff, in dem sie sich gerade befand, von seinem kleinen, rosa Seidenkissen am Nacken hochriss, wo er bisher wie ein Engelchen geschlafen hatte, ein Miniatur-Pfötchen über die Augen gelegt, dieser gerissene Pisser.

Sein verstörtes und garantiert nur aufgesetztes Jaulen ignorierte sie, opferte einen Schuhkarton der gehobenen Sorte, stopfte das Tier hinein, band den Karton zu und packte ihn in den Küchenschrank.

Danach schlief sie 12 Stunden lang seelenruhig ihren Rausch aus und fühlte sich wie neugeboren, als sie am folgenden Tag erwachte, gerade rechtzeitig, um sich auf den Weg zur Kosmetikerin zu machen. Als sie dann, in warm-weiche, duftende Handtücher eingewickelt, auf der Liege entspannte und die Kosmetikerin begann, ihr eine nach Kotze riechende Anti_Age_Maske aufzutragen, die trotz der erst 24 Jahre der Kundin auf keinen Fall ausgelassen werden durfte, hatte diese ein seltsames Gefühl um die Magengrube herum, genau dann, als sie fühlte, wie sorgsam die Frau ihre Nasenlöcher ausließ.

Es brauchte aber noch die restlichen zwei Stunden Behandlungsdauer und ein anschließendes Telefongespräch mit ihrer Freundin Anabelle, die ihr das mirakulöse Geheimnis mitteilte, wie man sich 2 Pfund runter hungern kann, ohne nach jedem Essen zu kotzen, versteht sich, bis ihr dämmerte, dass 'D.D.' vermutlich erstickt sein könnte, verdammte Scheiße, da sie in den Karton keine Luftlöcher gebohrt hatte. Sie überlegte, ob Schuhe vielleicht auch welche brauchten und ob daher vielleicht schon welche drin gewesen sein könnten, als sie in ihren Hausflur trat, und ihr Maria, ihre spanische Haushälterin, entgegen kam, die eigentlich Delores hieß, aber während der Arbeit nur Maria genannt wurde, weil man in der Welt, in der sie sich ihr Brot verdiente, davon ausging, dass alle spanischen Haushälterinnen ohne Ausnahme Maria hießen.

Jetzt rutschte der Haushälterin ein 'Madre Dios!' heraus, obwohl sie sonst nicht in ihrer Muttersprache zu reden pflegte, um keine weiteren Haushälterinnen-Klischees zu nähren, und fing an viel zu schnell auf ihre Herrin einzureden, so dass diese kein Wort verstand. Einzig mit dem 'Madre Dios' meinte sie etwas anfangen zu können und nahm an, dass es sich um einen Kosenamen handelte, weil sie eine Vorliebe für Dior hatte.

Schließlich fielen auch der Name Dawn-Diamond und Maria bückte sich, hob aus dem Schuhkarton, in dem ihre Herrin den Hund vor sechzehn Stunden eingesperrt hatte, einen matten, gräulich-weißen Körper heraus. 'Mondy' wedelte zaghaft mit dem Schwänzchen, als er sein Frauchen sah und das machte sie für anderthalb Wochen wieder verliebt in ihn, bis sie den Stoff-Teddy, den Kai ihr, seiner Bumsi-Mausi, wie er sie zärtlich genannt hatte, geschenkt hatte, zerkaut und angesabbert im Hundekörbchen fand. Sie versuchte es nicht einmal mehr mit dem Pfuipfupfui Singsang, sondern sperrte den Hund direkt weg, in den selben Schuhkarton, denn Kai hatte inzwischen in Gestalt ihrer besten Freundin Estelle wohl ein besseres Bumsi gefunden, und sie hatte nur zwei Dinge von ihm zurück behalten: den Sieger-Teddy und Filzläuse und sie zog es vor, mit Ersterem hausieren zu gehen.

Delores war es erneut, die den entkräfteten Zwerg aus dem Karton befreite und ihm Hühnerbrühe gab, dem Himmel dankend, dass sie daran gedacht hatte, Luftlöcher in den Karton zu bohren, denn diesmal war Frauchen nicht besoffen gewesen, als sie den Karton zugebunden hatte. Genau dieses Frauchen fragte sich übrigens zur gleichen Zeit während eines Einkaufsbummels wie Paris das nur machte, mit ihrem Köter, als sie in einem riesigen Schaufenster die leuchtenden Konsolen sah.

Klein, verschiedenfarbig und enorm niedlich lagen sie da, lachten sie an und man konnte dazu insgesamt drei Spiele kaufen, mit jeweils vier verschiedenen Hunderassen. Sie kaufte sie gleich alle und vergrub sich zu Hause in ihrem Zimmer, entpackte alle Konsolen, von der Pinken über die Blaue, am Ende die Goldene. Steckte in jede eine Spielekassette und hatte am Ende jede Hunderasse auf den kleinen, niedlichen Touchscreens, von der sie bisher nur zu träumen gewagt hatte! Und was waren sie umgänglich, Sheltie Peppy, Cocker Kai oder Puddel Patty, belten nicht, stanken nicht, machten nach drei Mal vormachen alle Kunststückchen nach, funkelten nach nur drei Bürstenstrichen und pissten nicht in die virtuelle Bude, deren Ambiente man sich zudem aussuchen konnte.

Als sie gerade mit Beagle Barbie Gassie ging, hörte sie etwas, was sich so gar nicht in die fröhliche Hintergrundmusik fügen wollte, die aus den goldenen Mini-Lautsprechern dran. Chihuahua Dawn-Diamond, der Echte, pinkelte gerade vor die Schlafzimmertür, weil er seit 10 Stunden nicht mehr Gassi gegangen war, das konnte er nämlich nicht alleine.

Sie löschte zuerst Chihuahua Dawn-Diamond, den virtuellen, aus dem Bestandsmenü der pinkfarbenen Konsole und packte anschließend den Echten in seinen Heimatkarton, wo er blieb, bis Delores am nächsten Nachmittag kam, um ihn zu befreien, ein schmutzig-stumpfes Häufchen Elend, dass sich inzwischen auch noch eingeschissen hatte.

Die folgenden Wochen trat keine Änderung ein. Dawn-Diamond, der sich keinen Doppelgänger auf irgendeiner Konsole mehr verdient hatte und immer noch nicht gelernt hatte alleine Gassi zu gehen, schlich um sein Frauchen herum, das mit seinen virtuellen Artgenossen in den Park, zum Diskuswerfen und zum Shoppen ging. Und egal was er tat, am Ende des Tages landete er immer im inzwischen schon total abgenutzten, stinkenden Nobelkarton, wo er blieb, bis Delores ihren Dienst antrat und als erste Handlung nachsah, ob ihre Herrin es diesmal geschafft hatte, den armen Vierbeiner zu ermorden. Sein Fell verfilzte mit der Zeit und begann stellenweise auszufallen. Dieser Herbst seines Lebens setzte ein, da war er gerade 8 Monate alt.

An dem Tag und in dem Moment, in dem Frauchen gerade mit Spitz Sissilein die Meisterschaft im Hürdenlauf gewonnen hatte - immerhin 2000 virtuelle Euro Preisgeld, damit konnte sie sich endlich die sündhaft teure Teehaus Einrichtung auf der blauen Konsole leisten - betrat Maria ohne anzuklopfen ihr Schlafzimmer und verkündete ihr, dass Dawn-Diamond verstorben war und sie ihn gerne in eben dem Schuhkarton beerdigen würde, der in den letzten Monaten sein Zuhause gewesen war.

Frauchen, das für ihren Hund übrigens 2100 echte Euro hingeblättert hatte, hatte nichts dagegen, sie konnte sowieso keine Schuhe mehr darin lagern. Wenige Wochen später sollte sie der Konsolen überdrüssig werden und ihrem 'Da-Di' nachweinen, fest entschlossen, sich einen Nachfolger für ihn anzuschaffen, bis Maria ihr mit leiser Stimme zu verstehen gab, dass das keine gute Idee sei, sie höre nämlich ein Geräusch, als würde sich im Schrank etwas in einem Schuhkarton regen und behauptete, dass sei der Geist des Chihuahuas, der sich nicht von seiner Herrin trennen könne und es sicherlich nicht duldete, wenn sie sich 'Dimy', den II anschaffte. Sie hielt sich daran, nicht zuletzt, weil Kai zu ihr zurück kam, der allergisch gegen Fell aller Art war, womit er auch begründete, warum sie sich unten zu rasieren hatte.

Kleiner Epilog

An dem Tag, an dem Maria ihrer Herrin den Tod Dawn-Diamonds des I verkündete, erhielt sie zusätzlich zu der Einwilligung in die Beerdigung noch die Erlaubnis, diese sofort vorzunehmen, denn sie gab an, kein Raumspray mehr zu haben, was sich auf einen toten Körper in dieser Sommerhitze nachteilig auswirken würde, ganz gleich wie klein er war.

Draußen auf der Straße verwandelte sich Maria in Delores und sah sich verstohlen um. Aus dem Schatten des Gebüsches löste sich ein Knirps, das war ihr Sohn Toby, ihr jüngstes von sechs Kindern, dem sie nun den Karton überreichte und den das Kind entgegen nahm, als sei ein rohes Ei darin. Sie nickten sich zu und Toby verschwand so schnell er mit seiner Fracht konnte im Wagen seines Vaters, der dann mit aufheulendem Motor davon jagte. Delores sollte noch den ganzen Tag Herzklopfen haben, aber nur diesen einen, langen Tag, während sich zu Hause ihr Mann und ihre sechs gemeinsamen Kinder um den stinkenden Designer-Schuhkarton versammelten und ihn so ehrfurchtsvoll öffneten, als sei er die Bundeslade. Passend dazu wurde das kleine, graue und müde Gesicht, dass sie nun aus großen, staunenden Augen der Reihe nach anschaute, um dann am anderen Ende seines Körpers mit dem Schwänzchen zu wedeln, Moses genannt.

Den Karton verbrannten sie abends, als Delores nach Hause kam. Sie hielt Moses auf ihrem Arm, der seelig schlief. Er war inzwischen von den Kindern gebadet, spazieren geführt und unterhalten worden und bekam von dem Moment, der den letzten Akt seiner Befreiung darstellte, überhaupt nichts mit. Seine Pfötchen zuckten und imitierten schemenhaft, wie er im Park über die Wiese galoppiert war. Zeit seines, für einen Chihuahua noch ungewöhnlich lange währenden Lebens sollte er sich nicht entscheiden können, wen er am meisten von seinen acht neuen Menschen liebte, aber es sollte Delores sein, zu deren Füßen er sich schließlich nieder legen würde, um für immer friedlich einzuschlafen, das Fell so weiß wie frisch gefallener Schnee.

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