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Dez
01
Es duuftet!
© Gaby Schumacher

Mein Quinny möge mir verzeihen, dass ich einfach so aus der Schule plaudere. Ich tue es ja nicht ohne Grund, sondern weil...

Ja, weil es nämlich so unglaublich ist, dass es mir wahrscheinlich niemand abnehmen wird.

"Die hat zu viel Fantasie!", behaupten darauf die einen.

"Bei der piept's!", sagen dann die anderen.

Dabei entspricht alles, wirklich alles, was ich Ihnen jetzt schildern werde, den Tatsachen.

Mein Hund Quinny, ein selbsternannter Schälespitz (Schäferhund/Leonberger/Spitzmischling) mit der sagenhaften Schulterhöhe von immerhin 44, 4 cm, mit für besagter Mischung verdächtig zierlicher Figur, fast Untertassen großen Kulleraugen und irre niedlicher, kesser Stupsnase war gerade Žmal so richtig erwachsen geworden, bester Gesundheit und hinter der vierbeinigen Damenwelt her wie der Teufel hinter der Seele (Erfolgsquote 100 %, da Charme eines Beatles).

Nun war es ja so: Casanovas mussten eitel sein, Sonst hatten sie bei den Frauen verloren, konnten nicht mehr Casanovas spielen. Eitelkeit war Quinny äußerst wichtig. -zig Male am Tag raste er vor den Dielenspiegel, um sein Aussehen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Nach Beendigung dieser regelmäßigen Tüv-Untersuchung hörte man meistens ein lautes, selbstgefälliges "Wau!"

Das hieß übersetzt: "Hund, du kannst wirklich mit dir zufrieden sein!"

Quinny war dermaßen eitel, dass er sogar die dämliche Bürstenprozedur jeden Tag über sich ergehen ließ. Dabei allerdings wirkte er dann nicht so ganz zufrieden, sondern eher leicht beleidigt.

"Ich bin soo schön, dass ich das überhaupt nicht nötig habe!"

Na ja, aus Liebe zu Frauchen ...

Im Zusammenhang mit seinem Tick, immer und überall der Schönste sein zu wollen, entwickelte Quinny eine deutliche Macke, die seine vierbeinigen Rudelkameraden Fee und Mato aufs Tiefste schockierte. Wie konnte nur ein ansonsten vernünftiger Hund...

Seinen Zweibeinern dagegen bereitete er mit eben dieser Macke höchst vergnügliche Stunden. Seinen Menschen war aufgefallen, dass Quinny sofort zur Stelle war, benutzte eine der Töchter ein Deospray. Da hielt ihn nichts mehr. Er flitzte heran und schmalzte das betreffende weibliche Wesen unentwegt begeistert an, mit einem Kulleraugenblick, als ob da vor seiner Nase eine Jahrhundert-Leberwurst baumelte. Seine Nase zitterte vor Aufregung und sein buschiger Schwanz spielte Ventilator in Hochform.

Dem süßen Fratz konnte kaum jemand widerstehen. Und erst dann, wenn Quinny bettelte ...: "Ich auch! Ach bitte - quietsch, winsel!"

"Aber Quinnylein!", amüsierten sich meine Töchter.

"Mama, der ist garantiert schwul!", stellten sie lachend fest.

Dann zu ihm:

"Quinnylein ist schwul, Schwuli...!"

Da das sich so sanft anhörte, nahm Quinny das als großes Kompliment an ihn und wedelte noch mehr. Sein Schwanz fiel fast ab.

Aus Jux sprühten die Mädchen ein wenig ihres Deos auf den Teppichboden, gespannt wartend, wie unser Hund reagierte. Also: Ein normaler, nicht degenerierter Vierbeiner hätte die Pfoten unter'die Schulter genommen und wäre wie ein Düsenjäger abgezischt, um sich vor diesem für Hunde penetranten Geruch in Sicherheit zu bringen.

Eins war klar: Mato und Fee waren trotz Züchterei normal geblieben. Die waren sofort weg. Der dritte im Bunde dagegen dachte nicht im Entferntesten daran, das Feld zu räumen. Vor den verdatterten Gesichtern meiner Kinder ließ er sich auf den Rücken plumpsen, wedelte mit allen Beinen in der Luft herum, schaukelte hin und her und wälzte sich kreuz und quer durch das Deo, wieder und wieder. Zuerst rieb er den Kopf darin, dann den Rücken den Bauch. Natürlich vergaß er auch nicht, die Poften einzutauchen. Er strampelte sich nur so eins ab, um den für seinen Geschmack berauschenden Duft möglichst gleichmäßig im Fell zu verteilen - und Quinny hatte schönes, dichtes, mittellanges Fell.

Mit einem "Hatschi!" (das Deo kitzelte in seiner Nase!) beendete er diese zusätzlichen Fitnessübungen, hopste plötzlich wieder auf seinen vier Beinen, stellte sich kerzengerade aufrecht mit Schnute bis zur Decke gestreckt vor uns hin und wollte gelobt werden:

"Das hast du aber toll gemacht, feiner Quinny!", feixten meine Töchter Žrum, hielten sich aber dabei vorsichtshalber die Nase zu:

"Puuh, stinkt der!"

Das interssierte Quinny nicht die Bohne. Quinny schwebte im sechsten, im Deo-Himmel. Es war ein extrem süßliches Deo.

Bis wir unsere kleine Schwuchtel wieder in einen normalen Hund verwandelt hatten, das dauerte.

Quinny hatte das Ganze unheimlich genossen und so wie Hunde nun Žmal sind, ging ihm jenes tolle Erlebnis nie wieder aus dem pfiffigen Hundekopf. Er sehnte sich nach Wiederholung und forschte fleissigst nach einer Gelegenheit für noch mehr Wonne.

Je älter Quinny wurde, umso anspruchsvoller wurde er auch da. Deos waren ja schon klasse, aber überall im Hause standen doch noch diese anderen Fläschen, die seine Ersatzschwestern mit ganz viel Freude und Stolz benutzten. Hatten sie sich mit deren Inhalt eingesprüht, dann rochen sie immer so verführerisch, noch toller als mit den Deos.

Also wiederholte er die Schmalzerei aus vergangenen Tagen, verstärkte die Bemühungen, die Herzen meiner Töchter ein zweites Mal zu erweichen. Er bewies erstaunliche Ausdauer im Betteln, meine Töchter umso weniger im Hartbleiben. Sie gönnten doch tatsächlich unserem ohnehin mittlerweile sehr ungewöhnlich duftenden Teppichboden einige Tropfen ihres jeweiligen Lieblingsparfums.

Quinny ließ sich auch diesmal einfach fallen und spielte Kuchenteig, rollte sich vom Rücken quer durch die "Pfütze Parfum" auf den Bauch und zurück. Er seifte sich regelrecht ein und hörte damit nicht eher wieder auf, bis wir, seine Menschenfamilie, ob des betörenden Duftgemischgestankes leicht verzweifelt guckten.

Die "Entduftung" unseres Hundes brauchte da allerdings bereits etwa die doppelte Zeit.

Meine Älteste wohnte nicht mehr zu Hause, besuchte uns aber oft. Die Geschwister hatten ihr über Quinnys Macke erzählt, sie sich köstlich amüsiert:

"Das will ich sehen!", grinste sie ins Telefon.

Es war an einem Sommertag. Wir saßen im Garten. Meine Älteste hatte ihr Duftwasser mitgebracht. Kaum entdeckte Quinny das Fläschchen in Alexandras Hand, wurde er abermals zum Kasperle. Meine Tochter sprühte etwas von ihrem Parfum auf den Rasen. Qiunny führte ihr daraufhin flugs vor, wie toll diese Idee fände. Er hörte überhaupt nicht mehr auf, sich im Gras zu rollen, nieste, rollte weiter, nieste, rollte weiter... Wir bekamen schon Zwerchfellmuskelkater.

Nach dem ausgiebigen Bad in Chanel No. 5 legte sich Quinny total erschöpft in der hintersten Ecke des Gartens auf dem Rasen zur Ruhe: "Jetzt sollen sich die Artgenossen zeigen, die noch mit mir konkurrieren können!"

Es zeigten sich aber keine.

Mato und Fee wandten sich angeekelt ab: "Der stinkt ja wie eine ganze Parfümerie auf einmal. Ist ja nicht auszuhalten!"

Um sich nicht der Gefahr einer Ohnmacht auszusetzen, mieden sie ihn sicherheitshalber für den ganzen restlichen Nachmittags.

Ob Quinny das, so entrückt, wie er es war, überhaupt mit bekam, bleibt sein Geheimnis.

Erst nach mehreren Stunden wagten wir es (mit feuchten Tüchern vor der Nase!), uns unserem Hund wieder zu nähern.

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