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Dez
01
Hochmut kommt vor dem Fall
© Margrit Lang

Eine Großstadt bietet viele Möglichkeiten. Und wenn dann ein Landei, wie ich, dieser Vielfalt gegenübersteht, glaubt man, alles sofort in Angriff nehmen zu müssen. Eine breite Skala von Angeboten tut sich auf - und man staune - alles im Bereich des "Begehbaren"! Ich muss mich nicht hinter das Lenkrad zwängen, um im Umkreis von zehn Kilometern nach Kartoffeln, Würstchen und Salz zu fahnden. Das Täschchen unter den Arm geklemmt - und los geht's. Ist das nicht wundervoll!

Linear zum reichhaltigen Angebot, steigt allerdings auch meine Kauflust. Unerwartet stehe ich Dingen gegenüber, die plötzlich ganz und gar unverzichtbar sind. Mein Täschchen aber bleibt in Umfang und Fassungsvermögen konstant. So werden im Laufe der Zeit die Plastiktüten zu einem unentbehrlichen Bestandteil jeder Shopping-Tour. Voll gepackt, und bis zur Unkenntlichkeit hinter Tüten versteckt, verliert die Mannigfaltigkeit ihren Reiz für mich. Ja, es geht sogar so weit, dass der Einkauf zur Belastung wird. Sicher, werden Sie mir zustimmen, dass dieser Status nicht eintreten darf! Abhilfe kann in diesem Falle ein ‚Einkaufswägelchen' schaffen.

Bequem manövriert man diesen kleinen "Fersen-Porsche" durch die Stadt, und die Quantität der erworbenen Güter wird - ach wie schön - zur Nebensache. Locker und leicht holpert er hinter mir her über Stock und Stein, und schluckt bereitwillig alles, was ich nicht mehr tragen will. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team, und mein treuer Begleiter ist mir richtig ans Herz gewachsen.

Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch! Aber bei Verunglimpfungen meines Gefährten hört der Spaß auf! Ich habe auch keinerlei Verständnis dafür, wenn ein Unschuldiger zum Sündenbock gemacht werden soll! Was kann mein armer Trolley dafür, wenn eine Dame darüber stolpert? Und das auf einer Rolltreppe!

Gerade noch tauscht besagte ‚Dame in Nerz' Höflichkeitsfloskeln mit einem bekannten Ehepaar aus. Man bewundert sich gegenseitig, und findet sowohl Gastgeberin als auch Party vom vergangenen Abend ‚anbetungswürdig'. Abstriche macht man nur bei der Person von Frau M., deren letzte Nasenkorrektur ja wohl etwas überzogen ist. Abgesehen davon, war deren Kleid vollkommen deplatziert. Wie kann man nur! -

Bei diesem anregenden und wichtigen Diskurs vergisst man schnell das Fußvolk ringsumher. Zudem muss man sich voll und ganz auf seine Gesprächspartner konzentrieren, denn nur deren Mimik und Gestik verrät ihre wahre Einstellung zum Sachverhalt. So ist denn auch der Schritt, von der Rolltreppe auf festen Boden, für die ‚Dame in Nerz' recht verhängnisvoll. Wie leicht übersieht man doch Trolley-ziehende Menschen ohne Nerz!

In Sekundenschnelle spielt sich ein Szenario ab, dessen Inszenierung ein Comedian nicht hätte besser arrangieren können. Die eben noch so edle Erscheinung wird in dieser kurzen Zeitspanne zur unangenehmen "Weibsperson". Sie schreit, kreischt, keift und rudert mit den Armen. Die Mutation aber dehnt sich weiter aus. Die kunstvoll gepflegte Frisur geht schnell in ein struppiges Gebilde über, das dem Kopf zu entfliehen droht. Einen "High Heel" tiefer gesackt, taumelt das unschöne Wesen hin und her. Entschlossen springt das betagte Paar auf sie zu und versucht ihrer schwankenden Bekanntschaft wieder zu festem Stand zu verhelfen. Halten Sie mich nun bitte nicht für unsensibel, aber das Lachen, das meine Kehle kitzelt, kann ich nicht länger unter Kontrolle halten.

Verzweifelt versuche ich dem Ernst der Lage gerecht zu werden. Und das, obwohl mir ein kleines Teufelchen befiehlt, die Lage auszukosten: "O, das hätte auch wesentlich schlimmer enden können! Da hatten Sie noch Glück!"

Aber von dieser Sichtweise ist die "Dame in Nerz" weit entfernt. Einer giftigen Schlange ähnlich, zischt sie mich böse an. "... und diese Dinger hier, gehören verboten!" Voller Abscheu deutet sie auf meinen Trolley. Na, so was! Als ob mein "Mini-Porsche" etwas dafür könnte! Mir scheint, die Dame hat den Bezug zur Realität verloren. Das muss auf jeden Fall gerade gerückt werden:

"Wissen Sie, wenn Sie ihre Nase nicht so hoch tragen würden, könnten Sie auch alles sehen was weiter unten geschieht!"

Ein entrüstetes Schnauben und ein Infarkt ähnliches Keuchen erschüttert die Umgebung!

Und - Sie werden es nicht glauben - bei einem Blick zurück sehe ich Rauch aufsteigen!

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