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Dez
01
Ungewissheit
© Tina Martik

"Schön gemütlich habe ich es hier", dachte Moritz und streckte sich auf dem Sofa aus.

Aus der Küche hörte er bekannte Geräusche, die Frau und ihr Hund Nero kamen zurück. "Moritz". Mit einem schnellen Sprung war er in der Küche und begrüsste schmusend Nero, der ihm den ganzen Kopf ableckte. Mit einem weiteren Sprung war Moritz bei der Frau, tanzte ihr mit anmutigen Schritten vor den Beinen hin und her, schmiegte sich an sie und schnurrte dabei.

Sie lächelte ihn an und suchte eine Dose mit dem leckeren Futter aus. Während sich Moritz schnell über seinen Futternapf hermachte, streichelte sie ihn. "Es wird einen schönen Abend geben, mit vollem Bauch und so viel Aufmerksamkeit", überlegte Moritz gierig fressend.

Nachdem Kater, Hund und die Frau satt waren, suchte sich jeder ein gemütliches Plätzchen vor dem Flimmerkasten.

Moritz putzte sich schnell aber ausgiebig sein rotes Fell und rollte sich zusammen, um zu schlafen. Er hat den letzten Gedanken nicht fertig gesponnen, da kam schon der erste Traum.

Moritz traut seinen Augen nicht. "Was geht da vor sich?" Durch den weissen Schnee kämpft sich mühsam eine vierbeinige getigerte Gestallt zum Haus durch. Moritz sieht, was dieses Geschöpf im Schnee nicht sehen kann, da es vollkommen mit der Überwindung der Schneemasse beschäftigt ist. In der Luft kreist ein Adler eine Rundung nach der anderen, hält Ausschau nach Essbarem. Moritz knurrt, strampelt mit allen vieren, sein Atem beschleunigt sich, er möchte schreien: "Lauf, lauf weg du dummes Ding!"

Die Frau berührte den Kater, der so beunruhigt zuckte und knurrte.

Moritz wachte auf, froh, dass es nur ein böser Traum war.

Am nächsten Tag machten alle drei einen ausgiebigen Spaziergang. Es herrschte ein Bilderbuchwetter, die Sonne schien, auf dem Himmel war keine Wolke zu sehen, der Schnee strahlte mit einer Heftigkeit, dass es in den Augen wehtat. Die Aussicht war atemberaubend, rund um, wohin das Auge reichte hohe, verschneite Berge.

Nero sprang begeistert jedem nachgeworfenen Ast im hohen Schnee nach. Moritz versuchte eher auf dem Weg zu bleiben, "Es ist mir im Schnee zu anstrengend". Sie entfernten sich weit weg vom Haus. Da oben war keine Menschenseele. Im Winter war es in dieser Gegend sehr ruhig. Sie mussten keinem Auto ausweichen, niemand kam ihnen entgegen. Alle drei waren so mit sich selbst und ihren Gedanken beschäftigt, dass keiner die Bewegung in der Luft bemerkte.

Nach einer Weile kehrten sie zurück zum Haus.

Die Frau musste ins Tal runter fahren. Moritz und Nero sollten draussen vor dem Haus auf sie warten. Moritz weigerte sich aber, die warme Stube zu verlassen. Nero gehorchte dagegen sofort.

Als die Frau am Abend wieder zurückkam, war sie plötzlich unsicher. Sie hatte geglaubt, Moritz war im Haus geblieben. Nun sass er im Schnee in der Nähe des Hauses. Sobald die Frau näher zum Haus kam und den Lichtschalter betätigte, drehte sich die Katze langsam um und verschwand schnell in die Richtung des Waldes. Was die Frau allerdings noch zu sehen bekam, waren die Ohren der Katze.

"Luchs! Also traut er sich bis zum Haus!"

Der nächste Tag war auch wunderschön, es war warm, der Schnee taute langsam weg. Moritz freute sich hin und da ein wenig Erde zu sehen, spazierte auf der Wiese herum und versuchte Nero zu sich zu locken. Nero lag aber beim Eingang des Hauses und wartete auf eine günstige Gelegenheit, schnell ins Haus schlüpfen zu können. Das Warten hatte sich gelohnt. Die Frau wollte vor dem Mittagessen schnell ein paar Sonnenstrahlen tanken. Sie entfernte sich langsam vom Haus und schaute sich nach Moritz um. Ihr Liebling war weit oben beim Wald. Sie wollte umkehren, rief: "Moritz". Während sie sich umdrehte, erkannte sie einen Schatten am Himmel. "Adler!" Sie reagierte schnell, rannte in die Richtung des Waldes und wedelte mit den Armen, rief ununterbrochen: "Moritz, Moritz!" Auch diesmal gehorchte der Kater sofort und kam angelaufen. Der Adler drehte noch einige Runden und verschwand langsam aus dem Blickfang. "Adler, hier?"

Ein schöner Tag folgte dem nächsten, der Frühling näherte sich. Der Schnee schmolz, die Erde zeigte sich durch grosse noch gefrorene Flecken. Moritz ging immer öfter auf Erkundungsspaziergang. Er traute sich immer weiter, da er nicht mehr durch den Schnee gehindert wurde.

Die Frau war im Haus beschäftigt, ein Besuch wird erwartet. Nero weichte ihr nicht von der Seite, der Duft der köstlichen Speisen liess es nicht zu.

Die Frau hatte alles fertig. Sie ging hinaus, um frische frühlingshafte Luft zu schnappen. "Moritz, Moritz" rief sie. Niemand. Sie rief noch einige Male. Niemand. "Er kommt doch immer."

Es war ein gelungener Nachmittag. Der Besuch ging.

Die Frau lief auf die Wiese, schaute in die Richtung des Waldes, rief: "Moritz", sie rief weiter, sie rief ununterbrochen. Sie rief und rief, ohne Erfolg. Erstaunen breitete sich aus. "Er kommt doch immer."

Bis spät in die Nacht ertönte der verzweifelte Ruf. "Moritz" hallte es von einem Berg zu anderem. "Er kommt doch immer."

Tagelang war der Name Moritz zu hören. "Er kam doch immer."

Die Ungewissheit ist quälend, Adler? Luchs?

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