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Der Rhinozeros-Mann

© Petra Kramp


Neulich begegnete ich einem alten Herrn. Er trug einen schwarzen, breitkrempigen Hut, ein weißes, ordentlich gebügeltes Hemd mit einer schwarzen Fliege, eine helle Hose und ein schwarzes Jacket. An seinem Revers steckte eine weiße Nelke, und seine Schuhe waren aus blank poliertem, schwarzem Leder.
Er war eine sehr gepflegte Erscheinung, doch das Ansprechendste, das Sympathischste an ihm war nicht allein die wohltuend äußere Erscheinung, sondern vielmehr sein Gesicht: Er hatte kleine, vorwitzig-neugierig hellblaue Augen, die äußerst gescheit in die Welt blickten und in einem von Runzeln und Lachfältchen bewohnten Gesicht eingebettet waren. Seine Nase war etwas zu lang und zu groß geraten, aber dies unterstrich vielleicht sogar seine an sich vornehme Gesinnung. Seinen Mund versteckte er, wenn er mal nicht lachte und seine Zähne sichtbar werden ließ, in einem weißen Nikolausbartähnlichen Rauschebart, aber auch dieser war sehr gepflegt, versteht sich.
Alles in allem wäre diese Begegnung mit einem solchen älteren Herrn trotzdem nicht erwähnenswert gewesen, hätte er nicht etwas ganz und gar Seltsames hinter sich hergezogen: Er führte in einem alten klapprigen Handkarren ein überdimensionales Rhinozeros mit sich. Im ersten Moment dachte ich: "Mensch, das gibt's doch gar nicht. Rhinozerosse sind zwar schon sehr große Wesen, das hatte ich schließlich einmal irgendwo gelesen, aber so groß hatte ich sie mir nun doch nicht vorgestellt. Außerdem konnte ich mich nicht erinnern, jemals ein auf seinen Hinterbeinen aufrecht stehendes weißes Nashorn zu Gesicht bekommen zu haben. Ich durchforstete insgeheim alle Informationen, die ich im Laufe meines Lebens über Rhinozerosse im allgemeinen und im besonderen gesammelt hatte - gut, es waren nicht wirklich viele, aber nach meinen Erkenntnissen kam ich zu dem Schluss, es müsste sich bei diesem um ein ganz besonderes Exemplar von Rhinozeros handeln.
"Guten Morgen", der freundliche Mann lüftete höflich seinen Hut, als wir uns beim Vorübergehen auf gleicher Höhe befanden. "Guten Morgen", erwiderte auch ich.
"Können Sie das mal eben hier halten, ich muss nämlich mal Pippi."
Ohne eine Antwort abzuwarten, übergab er mir die Deichsel von dem Handkarren und verschwand rasch inmitten der Häuserzeilen. Denn das hatte ich eingangs ganz vergessen zu erwähnen, die ungewöhnliche Begegnung mit diesem seltsamen Gespann fand zu später Stunde inmitten einer großen Häuseransammlung statt.
Ratlos blickte ich zum Rhinozeros und von dort aus wieder zu der Häuserecke, in die der freundliche Herr verschwunden war.
Mittlerweile stellte ich aber zu meiner großen Erleichterung fest, dass es sich bei diesem Rhinozeros lediglich um eine Plüschvariante handelte. Von daher, so beruhigte ich mich allmählich, ging von diesem watteweichen Ungetüm sicherlich keine allzu große Gefahr aus.
Ich wartete noch eine Weile, und überlegte gerade schon, was ich tun sollte, wenn der Herr, aus welchen Gründen auch immer, nicht wiederkäme, aber da stand er plötzlich , so schnell, wie er verschwunden war, auch schon wieder vor mir.
"Vielen Dank, sehr freundlich von Ihnen", sagte der alte Herr nun etwas abwesend wirkend und offenbar in großer Eile, und wollte sich samt Rhinozeros von dannen machen. Er sagte wohl noch:" Es hat etwas länger gedauert, wissen Sie, die Prostata…" Und ich lächelte verständnisvoll, obwohl ich mich in diesem delikaten Alter noch nicht befand. Doch so schnell wollte ich ihn nun doch nicht ziehen lassen.
"Aber nun warten Sie doch, mein Herr, ich komme ja aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Wohin wollen Sie denn um alles in der Welt nur hin mit Ihrem wolligen Nashorn-Ungetüm?"
"Oh, äh, ja, ich verstehe, in Ihren Augen gebe ich sicherlich eine ganz schön merkwürdige Figur ab. Natürlich, Sie haben Recht, wo sie schon so freundlich waren und auf Ricardo aufgepasst haben. Da bin ich Ihnen wohl eine Erklärung schuldig…" Er machte eine kurze Pause.
"Aber ich fürchte, Sie werden mich nicht ernst nehmen", er räusperte sich, "obwohl es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handelt." - "Nun, ich bin von Hause her Psychiater, da bin ich es gewohnt, die Menschen so ernst zu nehmen, wie ich nur kann. Also", fügte ich aufmunternd hinzu: "Erzählen Sie bitte - und außerdem: Ich liebe Geschichten!" Und da begann er tatsächlich zu erzählen, und was er sagte, berührte und beschäftigte mich bis heute.
" Nun", sagte er zuerst etwas leise, " um es vorweg zu nehmen, es geht um die kleine Luise von der Bogenstrasse. Sie wünschte sich zum letzten Weihnachtsfest von ganzem Herzen ein Plüschnashorn. Aber es musste das größte Plüschnashorn nördlich und südlich der Ruhr sein. - Warum sie sich das wünschte? Das dürfen Sie mich nicht fragen, das ist nun mal so bei Kindern. Aber in der eigentlichen Weihnachtszeit war die Weihnachtswerkstatt derart überfordert und gleichsam unterbesetzt wegen der vielen Krankheitsfälle, die Grippe, Sie verstehen schon, sodass wir ihrem Wunsche nicht entsprechen konnten. Und durch einen dummen Irrtum bekam sie noch nicht mal ein kleines Rhinozeros, sondern - er verzerrte sein Gesicht ob des schrecklichen Fauxpas - eine Puppe. Da war die kleine Luise so enttäuscht, dass sie seit dieser Zeit fortwährend weinen musste. Und das darf der Weihnachtsmann doch nicht zulassen, oder?" das letzte sprach er schon mehr zu sich selbst. "Nun, und hier bin ich, inkognito, versteht sich. Denn erst jetzt habe ich die Zeit, mich persönlich um diese prekäre Angelegenheit zu kümmern."
Wollte er mir damit tatsächlich zu verstehen geben, dass er der Weihnachtsmann gewesen sei? - Nun, ich bin in meinem Leben - alleine von Berufs wegen - schon vielen seltsamen und bedeutenden Persönlichkeiten begegnet: Napoleon, Chagall, Marlene Dietrich …, aber einem Weihnachtsmann??
Für einen kurzen Moment hatte ich meine Gesichtszüge leider nicht unter Kontrolle, ein unverzeihlicher Fehler für einen Psychiater; ich weiß, aber es war, wie es war.
Traurig wollte sich der ältere Herr schon wieder abwenden, hatte er doch tatsächlich gehofft, endlich einmal einen vernünftigen Erwachsenen gefunden zu haben, der ihm glaubte…
"Nein, guter Mann", sagte ich darauf hin eine Spur zu hastig und zu laut, aber ich wollte auf keinen Fall so mit ihm auseinander gehen.
" Ich glaube Ihnen doch, wirklich. Und ich finde es persönlich mehr als nett von Ihnen, die Sache mit Ricardo endlich zu regeln. Aber," und nun war meine Neugierde gänzlich geweckt," wie wollen Sie nun die eigentliche Übergabe bewerkstelligen?"
"Das ist doch ganz einfach", lächelte der alte Herr verschmitzt. "Ich hänge einen kleinen Zettel, sozusagen ein Entschuldigungsschreiben, an das Plüschtier, klingele an ihrer Haustür, und wenn sie öffnet, sieht sie u. U. nur noch einen freundlichen älteren Herrn, der sie augenzwinkernd anblickt.
"So, jetzt muss ich aber los, ich habe mich schon viel zu lange mit Ihnen unterhalten, denn der Kleinen muss doch geholfen werden. War nett, Sie kennen gelernt zu haben", murmelte er da noch etwas zerstreut.
"Ebenfalls", antwortete ich noch, und ich glaubte schon, alles nur geträumt zu haben, hätte ich da nicht ein paar Tage später einen etwas überspannt wirkenden Vater mit einem kleinen entzückenden Mädchen in meiner Praxis kennen gelernt. "Schauen Sie", sagte der verzweifelte Vater, die Kleine hat ein Problem. Sie glaubt, sie hätte das hier vom Weihnachtsmann…"



Eingereicht am 14. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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