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Weihnachtsglocken

© Elisabeth Graf


Annalena fand, Weihnachten sei eine großartige Sache. Jedes Jahr freute sie sich schon Monate vorher auf das Fest - malte sich in den schönsten Farben aus, was sie alles geschenkt bekäme.
Wie groß wohl der Christbaum diesmal sei und ob er genauso prächtig aussehen werde wie der im letzten Jahr? Würde sie von ihren Eltern endlich das lang ersehnte Fahrrad bekommen? All diese Fragen sollte ihr der Heilige Abend beantworten und Annalena sehnte ihn herbei, wie man sich nur etwas herbeisehnen konnte.
Der Adventskalender mit dem täglich anders geformten, doch stets auf Neue leckeren Stück Schokolade versüßte ihr das Warten ein wenig. Aber Advent war eben nicht gleich Weihnachten und ein neues Fahrrad besser als Schokolade...
Mit jedem Türchen, das Annalena öffnete und jedem verstreichenden Tag rückte das Fest näher.
Dann endlich war es soweit: Heiligabend war da!
Annalena musste nach dem abendlichen Festtagsessen mit ihrer Mutter in der Küche warten, während der Vater ins Wohnzimmer ging, um den Christbaum zu schmücken und die Bescherung herzurichten. Die Eltern wechselten sich von Jahr zu Jahr mit der Rolle des Christkindes ab, und diesmal war die Reihe an ihm.
Annalena glühte innerlich vor Aufregung, Neugierde und Vorfreude. Die Warterei in der Küche machte sie halb verrückt.
Zuvor hatte sie von Mamas leckerem Gänsebraten kaum einen Bissen heruntergebracht.
"Was macht Papa bloß so lange da drinnen?" jammerte sie und rutschte unruhig auf dem Küchenstuhl hin und her.
Ihre Mutter seufzte. "Meine Güte, Annalena! Die paar Minuten bis zur Bescherung wirst du ja wohl noch überstehen!"
"Aber so lange hat er noch nie gebraucht, um den Baum zu schmücken und die Geschenke auszulegen", beschwerte sich Annalena. "Was, wenn er einfach vergessen hat, die Glocke zu läuten?"
Die Mutter verdrehte entnervt ihre Augen zur Decke. "Das vergisst er nicht!"
Die Glocke zu läuten war ein festes Ritual in der Familie und kam jedes Jahr am Heiligen Abend zum Einsatz - seit der Zeit, als Annalenas verstorbener Großvater noch ein Kind gewesen war. Dessen Vater hatte die Glocke selbst gegossen.
Ihr Läuten bedeutete, dass die Bescherung anfing. Erst dann durfte das Wohnzimmer betreten werden.
Die Glocke bestand aus massiver Bronze, war etwa dreißig Zentimeter groß und hing in einem hölzernen Gestell - einem Glockenturm-Modell sozusagen. Um sie zu läuten, musste man an einer geflochtenen Schnur ziehen, wodurch sie ins Schwingen kam... Dasselbe Prinzip wie bei den großen Vorbildern in alten Kirchen und Kapellen, die noch nicht elektrisch, per Knopfdruck betätigt wurden.
Annalena liebte den hellen, klaren Klang der Weihnachtsglocke, solange sie zurückzudenken vermochte.
Das Jahr über stand die Konstruktion ihres Urgroßvaters in einem versteckten Winkel des Kellers, und oft, wenn Annalena sich dort unten aufhielt, konnte sie nicht widerstehen, die Glocke erklingen zu lassen.
Nun, an Heiligabend, wartete sie jedoch offenbar vergeblich auf diesen alt bekannten Ton.
Ob Vater sie mit Absicht auf die Folter spannte? Das traute Annalena ihm durchaus zu; er stand auf Scherze und kleine Sticheleien seiner Tochter gegenüber.
"Ich glaube, Papa will mich ärgern", meinte sie, an ihre Mutter gewandt.
Diese schüttelte halb amüsiert, halb missbilligend den Kopf. "Unsinn, doch nicht am Heiligen Abend! Er braucht heute einfach etwas länger, bis er fertig ist."
In diesem Moment ertönte das von Annalena so ungeduldig erwartete Läuten.
Flüchtig dachte sie, dass die Glocke heute merkwürdig klang - tiefer und eindeutig anders als sonst. Aber angesichts der bevorstehenden Bescherung tat sie diesen Gedanken als unwichtig ab und hatte ihn bereits mit dem nächsten Wimpernschlag vergessen.
Sie sprang auf und stürmte ihrer Mutter voran aus der Küche Richtung Wohnzimmer, riss die Tür auf.
Ein Schwall von Hitze und dichtem, schwarzen Rauch schlug ihr entgegen, hüllte sie ein und drang beißend in ihre Lungen. Annalena hustete, schnappte nach Luft.
Durch den Qualm hindurch spähte sie angestrengt ins Wohnzimmer. Ihre brennenden Augen erfassten die umgestürzte Leiter, welche den Christbaum umgeworfen und unter sich begraben hatte, einen lichterloh in Flammen stehenden Sessel... Und ihren Vater. In gefährlicher Nähe des Feuers lag er reglos am Boden.
Angst und Entsetzen packten Annalena und schnürten ihr die Kehle zu. Sie wollte schreien, brachte jedoch keinen Ton heraus. Gleichzeitig war sie unfähig, sich zu rühren, stand bewegungslos in der Tür, bis sie jemand bei Seite stieß.
Ihre Mutter drängte sich an ihr vorbei ins Wohnzimmer, in der Hand einen Feuerlöscher, und stürzte sich auf die Flammen. Weißer Schaum ergoss sich über den brennenden Sessel, erstickte das Feuer. Ein paar Mal versuchten einzelne Flammen, wieder empor zu züngeln, hatten jedoch letztlich keine Chance.
Nachdem der Sessel gelöscht war, rückte Annalenas Mutter den noch brennenden Kerzen des Baumes in ähnlich brutaler Weise zu Leibe, ehe sich ein weiteres Feuer ausbreiten konnte.
Annalena erwachte unterdessen aus ihrer Erstarrung und warf sich über ihren Vater, der sich bis jetzt nicht gerührt hatte. Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich heiß an, hatte ansonsten aber keinen Schaden genommen.
"Papa!" rief sie flehend, fasste ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. "Papa, bitte wach auf!"
Für einen grausam langen Moment geschah gar nichts. Dann öffnete er die Augen. Sie wanderten einmal quer durchs Zimmer und blieben schließlich auf seiner Tochter haften, die über ihm kniete und vor Erleichterung in Tränen ausbrach.
Er griff sich stöhnend an die Schläfe. Dort zeichnete sich eine dicke Beule ab. "Was ist passiert?" fragte er schwach. "Warum ist es so heiß hier?"
Die Weihnachtsglocke stand schweigend in der Ecke, wie sie es die ganze Zeit über getan hatte. Doch von draußen war noch immer das Läuten der Kirchenglocken zu hören.



Eingereicht am 10. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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