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Marie und das Weihnachtswunder

© Nessi Dominkus


Es war die Zeit, in der die Tage kürzer werden und der Duft von feinen Gewürzen, von Lebkuchen und Spekulatius in der Luft liegt.
Die kleine Marie stand an der Straßenecke und versuchte die gehäkelten Topflappen und gestrickten Mützen, die ihre kranke Mutter gefertigt hatte, zu verkaufen. Armselig stand sie da. Klein und unscheinbar. Ihre Füße steckten in viel zu großen derben Schnürstiefeln und der alte abgetragene Mantel, den sie trug, war schon unzählige Male geflickt. Marie war traurig. Sie hatte heute noch kein einziges Stück von ihrer Ware verkauft. Die Menschen eilten mit gefüllten Einkaufstaschen, ohne sie zu beachten, an ihr vorüber. Keiner von ihnen vernahm ihr dünnes Stimmchen mit der sie ihre Ware feilbot. "Schöne bunte Topflappen, warme handgestrickte Mützen. Kauft, liebe Leute, kauft. Es ist auch gewiss nicht teuer." Aber niemand blieb stehen. Keiner wollte ihre Sachen haben. Nein, mehr als nur einen mitleidigen Blick, hatte keiner der vielen Menschen die an Marie vorbei eilten, für sie übrig. Dabei hätte sie das bisschen Geld so dringend gebraucht. Ihre geliebte Mutter war krank und dadurch an das Bett gefesselt. Marie war verzweifelt. Sie sah keinen Ausweg aus ihrem Elend. Die wenigen Lebensmittel, die sie noch hatten, neigten sich dem Ende zu und das Brennholz, das sie zum Heizen brauchten, reichte auch nicht mehr allzu lange.
Es war schon fast dunkel, als Marie sich mit ihren Habseligkeiten traurig auf den Weg machte. In ein paar Tagen war Weihnachten Das Fest der Freude. Doch Marie konnte sich nicht freuen. Für ihre Mutter und sie gab es keinen festlich geschmückten Weihnachtsbaum, keine bunt eingepackten Überraschungen und kein herrlich duftendes Festmahl. Das war für andere Leute bestimmt. Für Menschen, die nicht in so einer schlimmen Armut leben mussten. Schnell wischte sich Marie die Gedanken aus dem Kopf. Sie hatte einen langen Weg vor sich. Das kleine alte Holzhaus, das sie mit ihrer Mutter bewohnte, lag am Rande der Stadt. Nun fing es auch noch zu schneien an. Dicke große Flocken fielen von Himmel und im Nu war alles wie mit einem großen weißen Tuch bedeckt. "Auch das noch", dachte sich Marie und stampfte tapfer durch die weise Pracht.
Als das Mädchen zuhause ankam, war die Wohnstube unangenehm kalt. Das Feuer im Ofen war ausgegangen. Marie klopfte sich erst einmal den Schnee von ihrem Mantel. Dann heizte sie den Ofen wieder an und setzte einen Kessel mit Wasser auf.
"Nun mein Kind, wie war dein Tag heute?", fragte ihre Mutter.
Marie setzte sich zu ihr auf die Bettkante, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte auf.
Die Mutter streichelte ihr sanft übers Haar und sagte: "Meine arme Kleine. Es tut mir so leid, dass du alles alleine machen musst. In ein paar Tagen, wenn es mir wieder besser geht, ist manches wieder leichter für dich. Du darfst nur deinen Glauben an den lieben Gott nicht verlieren. Es kommen bestimmt auch mal bessere Tage für uns."
Mit Tränen in den Augen sah Marie ihre Mutter an und sagte: "Ich konnte heute kein einziges von deinen schönen Stücken verkaufen. Was sollen wir nur machen, wenn das so weitergeht?" Die arme Marie. Zu schwer war die Last die auf ihren schmalen Schultern lag.
Später als Marie sich zum Schlafen niedergelegt hatte, konnte sie keine Ruhe finden. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg aus ihrer Lage. Vielleicht müsste sie ein fröhlicheres Gesicht mache, wenn sie ihre Ware anpreist. Vielleicht würden dann die Leute etwas bei ihr kaufen. Aber wie sollte sie das anstellen, wenn ihr Magen vor Hunger wie ein kleines Ungeheuer knurrt und ihre Hände vor Kälte wie Espenlaub zittern. Marie wälzte sich in ihrem Bett hin und her. "Lieber Gott im Himmel hilf mir. Zeige mir einen Weg." Mit diesem Gebet auf den Lippen, fiel sie nach unendlich langer Zeit in einen unruhigen Schlaf.
In dieser Nacht hatte Marie einen seltsamen Traum. Sie stand wie immer an der Straßenecke und bot ihre Ware an. Die Menschen eilten wie gewöhnlich an ihr vorüber. Da löste sich aus der Menschenmenge eine sehr edel und fein aussehende Dame und trat auf sie zu. Mit gütigen Augen sah sie Marie an und lächelte. Mit einer angenehmen, warmen Stimme sagte sie: "Hab keine Angst Marie. Es wird alles gut werden." Dann löste sich die Gestalt in einem weißen Nebel auf.
Am nächsten Morgen packte Marie ihre Sachen, um sich wieder an ihre Straßenecke zu stellen. Dieser seltsame Traum wollte sie nicht loslassen. Immer wieder dachte sie darüber nach. Aber sie fand keine Erklärung dafür. Der halbe Tag war schon vorüber und Marie hatte noch nichts verkauft.
"Wie heißt du denn mein Kind?" Diese Stimme. Marie erkannte sie sofort.
Sie schaute auf und sah direkt in diese gütigen Augen. Marie wäre fast umgefallen. Sie konnte es nicht glauben. Diese edle Dame aus ihrem Traum stand vor ihr. "Marie, ich heiße Marie", stotterte sie ungläubig.
"Deine Sachen gefallen mir", lächelte die Dame und fuhr fort. "Das ist noch echte Handarbeit. Das bekommt man fast nicht mehr."
"Meine Mutter hat sie gefertigt", erwiderte Marie und fügte traurig hinzu. "Aber nun ist sie krank und muss das Bett hüten."
"Ich werde dir alles abkaufen was du hast", sagte die Dame.
Marie schossen Freudetränen in die Augen. "Wirklich? Sie wollen wirklich alles kaufen was ich habe?"
"Weißt du, Marie", sagte die fremde Dame. "Du bist mir schon vor Tagen aufgefallen. Es hat mich sehr beeindruckt, dass du nicht aufgegeben hast. Obwohl du noch so klein bist, hast du so viel Stärke bewiesen. Aber nun gehe heim und pflege deine Mutter gesund. Mache dir keine Sorgen Marie, ich weiß von eurem Elend. Glaube mir, es wird alles gut. In zwei Tagen, an Heiligabend, wirst auch du ein Fest der Freude erleben." Die fremde Dame ließ sich alles einpacken, bezahlte einen großzügigen Preis und verschwand in der Menge.
Marie tat wie ihr geheißen. Als sie zuhause ankam, musste sie feststellen, dass es ihrer Mutter schon viel besser ging. Im Ofen prasselte ein wärmendes Feuer. Über dem Tisch bildete sich plötzlich, wie aus dem Nichts, ein silbern glitzernder Nebel. Im nächsten Augenblick stand wie von Zauberhand, eine prall gefüllte Tasche mit feinen Lebensmitteln auf dem Tisch.
Verwundert sah die Mutter Marie an. "Was ist das?", fragte sie. "Was geschieht hier?"
Marie hatte keine Erklärung dafür. Sie erzählte der Mutter von ihrem Traum und der Begegnung mit der feinen Dame.
"Das ist ein Wunder", flüsterte sie. "Dein Traum hat sich erfüllt. Er wurde wahr."
Zwei Tage später, an Heiligabend war Maries Mutter wieder völlig gesund. Es klopfte an der Tür. Marie öffnete, doch es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Ein leiser klirrender Ton lag in der Luft. Gleichzeitig bildete sich der gleiche silberne Nebel wie zwei Tage zuvor in der Wohnstube. Plötzlich, wie aus dem Nichts, stand ein herrlich geschmückter Weihnachtsbaum vor ihr. Marie strahlte glücklich. Die feine Dame hatte Recht gehabt. Ein Fest der Liebe und der Freude. An der Spitze des geschmückten Baumes entdeckte Marie einen wunderschönen Weihnachtsengel. Er trug das Antlitz dieser fremden, feinen Dame.
Marie und ihre Mutter hatten fortan keine Sorgen mehr. Auf seltsame Weise füllte sich die Wundertasche immer wieder auf.



Eingereicht am 23. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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