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Ein außergewöhnlicher Baum

© Britta Dubber


Seit Jahren hatte Katja kein Weihnachten mehr gefeiert. Seit dem Jahr, in dem sich ihr Mann von ihr getrennt hatte. Wegen unüberbrückbarer Differenzen, wie er es nannte.
Diese Differenzen hatten Cup C, waren blond und gertenschlank, wie Katja kurze Zeit später herausgefunden hatte.
Sie hatte diesem Weihnachtsrummel noch nie viel abgewinnen können, schon als Kind nicht.
Ihr Vater hatte meistens das Haushaltsgeld am Monatsanfang versoffen, so dass es an Heiligabend nur belegte Brote und Saft gab. Für die Geschenke hatte ihre Mutter das ganze Jahr hier und da Geld abgezweigt, doch mit vier Geschwistern blieb nicht viel übrig.
Ihr schönstes Geschenk war ein Buch gewesen. Max und die Seefahrer.
Sie erinnerte sich noch genau an das Cover: ein kleiner Junge mit blonden struppigen Haaren, der in einer Hängematte lag, im Hintergrund war das Meer und ein Schiff abgebildet gewesen.
Das Buch war neu, nicht eines der Flohmarktbücher, die sie sonst bekommen hatte. Die Seiten waren sauber und ohne Knicke, und die Farben sahen frisch und fröhlich aus.
Den ganzen Abend hatte sie in dem Buch geblättert, vorsichtig, um ja die Seiten nicht zu beschädigen. Hin und wieder, wenn sie keiner beobachtete, roch sie an dem Buch, sog den unverwechselbaren Duft eines neues Buches ein, wohl wissend, dass es bald nicht mehr neu riechen und aussehen würde.
Katja überlegte was aus dem Buch geworden ist, doch sie konnte sich nicht daran erinnern. Vielleicht hatte sie es irgendwann verkauft, wie viele ihrer Sachen, um sich eine neue Hose kaufen zu können. Denn für Kleidung hatten sie fast nie Geld gehabt.
Missmutig blickte Katja aus dem Fenster und beobachtete wie die zarten Schneeflocken den Rasen bedeckten. Seit dem Morgen schneite es nun. Es war das erste Mal seit Jahren, dass es an Heiligabend schneite.
Im Fernsehen liefen nur Weihnachtsfilme mit glücklichen Familien, oder es wurden alberne Lieder gesungen.
Zum Lesen fehlte ihr irgendwie die Konzentration und so starrte sie einfach nur nach draußen und versuchte die Schneeflocken zu zählen.
Als es an der Haustür klingelte, erschrak sie regelrecht. Sie erwartete niemanden und war überrascht, ihre Nachbarin und deren kleine Tochter Gina zu sehen.
"Es tut mir wirklich leid, Sie zu stören, vor allem an Weihnachten."
Frau Kruse war pummelig und trug immer unmöglich bunte Sachen, doch an diesem Tag sah sie mit ihrem braunen Wintermantel und der Jeanshose recht normal aus. Ihre blonden Haare waren unter einer Fellmütze verborgen, ihre Wangen waren rosig von der Kälte.
Katja fragte sich, wie es sein konnte, dass ihre Tochter ihr so gar nicht ähnelte. Gina war mager, hatte hohen Wangenknochen und große rehbraune Augen. Dunkelbraune Locken fielen ihr über die Schulter und verliehen ihr ein exotisches Aussehen.
"Kein Problem. Ich habe sowieso nichts vor", sagte Katja und bat die beiden mit einer Geste ins Haus. Doch Frau Kruse schüttelte den Kopf und lächelte gequält.
"Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie Gina für ein, zwei Stunden nehmen können. Ich muss ganz dringend weg", sagte sie.
Katja überlegte einen Moment, dann nickte sie und machte die Tür weiter auf. "Klar, komm rein."
Das Mädchen blickte verschüchtert zur Mutter, die ihr einen Kuss auf die Wange gab.
"Schön lieb sein, ja?"
"Okay", sagte Gina und sah ihrer Mutter nach, die sich umdrehte und die Straße herunter lief.
"Wo muss deine Mutter denn hin?", fragte Katja, als sie Gina ins Wohnzimmer führte.
"Sie ist nicht meine Mutter, sondern meine Schwester."
Katja schätzte das Mädchen auf zehn, Frau Kruse auf Anfang dreißig. Vielleicht ließ das viele Make-up und die unvorteilhafte Kleidung sie aber nur älter wirken.
Als ob Gina die Gedanken erraten hätte, sagte sie. "Sie ist fünfundzwanzig. Meine Mutter hat mich mit Mitte vierzig bekommen. Sie lebt in Italien."
"Italien?", fragte Katja überrascht.
"Ja, sie ist dort im Gefängnis. Wegen Drogen." Gina sah sich in dem Zimmer genauestens um. "Wieso haben Sie es hier nicht weihnachtlich?"
"Ich mag Weihnachten nicht besonders. Habe nie den Sinn darin gesehen, das Haus mit kitschigen Sternen und Figürchen zu entstellen."
Gina setzte sich auf die Ledercouch und griff nach der Fernsehzeitschrift auf dem Tisch.
"Nicht jeder Weihnachtsschmuck ist kitschig. Plastikfiguren und so finde ich auch doof. Aber ein Baum, der ist schön."
Katja erinnerte sich an einen Weihnachtsbaum mit roter Spitze und goldenen Kugeln. Wie konnte sie den nur vergessen haben? Jedes Jahr hatte ihre Mutter den künstlichen Baum aufgebaut und alle zusammen hatten ihn geschmückt. Alle bis auf Katjas Vater, der zu betrunken dazu war.
Von Jahr zu Jahr waren mehr Kugeln zu Bruch gegangen und irgendwann hatte Katja ihre Mutter weinend in der Küche vorgefunden, in der Hand den roten Stern für die Baumspitze.
"Das ist als einziges nicht kaputt. Womit sollen wir nun den Baum schmücken? Ich habe nur noch vier Mark im Portemonnaie."
Katja hatte ihrer Mutter sanft über den Rücken gestreichelt, dann war sie in ihr Zimmer gegangen und hatte Papierkugeln und Sterne ausgeschnitten. Ihre Schwestern hatten ihr beim Bemalen geholfen und zwei Stunden später war der Baum mit roten, grünen, blauen und gelben Papiersternen und Kugeln geschmückt. Ihre Mutter hatte vor Rührung zu Weinen begonnen und dann hatte sich die ganze Familie im Zimmer versammelt und Weihnachtslieder gesungen.
Am lautesten war ihr Vater gewesen, der mehr gegrölt als gesungen hatte, aber nach dem vierten Bier war er auf der Couch eingeschlafen. An diesem Heiligabend hatte Katja das Buch geschenkt bekommen.
"Komm mit", sagte Katja zu Gina und ging in den Flur. Sie warf dem Mädchen seine Jacke zu, und nahm ihre eigene von der Garderobe.
"Wohin denn?"
"Einen Baum kaufen", sagte Katja und lachte.
Der Baum war größer als der, den sie zu Hause hatten. Eine Nordmanntanne, die sie so spät zum Spottpreis bekommen hatte. Der Verkäufer auf dem Marktplatz hatte gerade begonnen seine restlichen Tannen in den Lieferwagen zu stellen.
Vor dem Fenster neben der Couch machte er sich prächtig und auch Gina war beeindruckt.
"Unser ist viel kleiner zu Hause."
"Macht sich gut hier, was?"
"Aber es fehlt der Baumschmuck."
Katja blickte auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor vier. Die Geschäfte hatten längst zu.
"Mist", sagte sie, dann fiel ihr Blick auf ihren Computertisch und die losen Blätter im Drucker.
"Ich habe eine Idee." Und sie begann Gina von den selbstgemachten Papiersternen und Kugeln zu erzählen.
Diese war sofort begeistert und nahm sich sogleich zwei leere Blätter, die sie zu Kugeln zusammenknüllte.
Katja tat es ihr nach. Anschließend begannen sie Sterne auszuschneiden.
"Womit bekommen wir die farbig?"
"Ich habe im Keller rote und gelbe Sprühfarbe. Wollte mein Fahrrad lackieren, aber das kann warten", sagte Katja und betrachtete ihre Werke. Einen Preis gewinnen würden sie damit nicht, aber das wollten sie ja auch gar nicht.
Nachdem Katja die Kugeln und Sterne im Keller mit Sprühfarbe eingefärbt hatte, begannen sie die Dinger mit Nähgarn an den Zweigen aufzuhängen.
"Du hast mir noch gar nicht gesagt, wo deine Schwester so dringend hinmusste", fragte Katja vorsichtig.
Gina nahm eine gelbe Kugel und betrachtete sie lange in ihrer Hand. Als zu sprechen begann, klang ihre Stimme fast heiser.
"Sie wollte zu Freunden, wegen etwas zu Essen."
"Zu Essen?" Katja war sich nicht sicher, ob sie die Kleine richtig gehört hatte.
"Ja. Ihr Freund, der war letzte Nacht ziemlich betrunken. Naja eigentlich ist er immer betrunken. Er hat randaliert und den Kühlschrank geplündert. Hat kaum etwas von den Einkäufen übrig gelassen. Geld hat er auch noch geklaut, so dass wir nichts mehr einkaufen können."
Tränen traten in Ginas Augen und Katja fühlte sich auf einmal in ihre eigene Vergangenheit zurück versetzt.
"Und nun besucht sie Freunde, um dort etwas zu Essen zu organisieren?"
Gina nickte. Bevor Katja etwas sagen konnte, klingelte es an der Tür. Wenig später kam sie mit einer vor Kälte zitternden Frau Kruse zurück ins Wohnzimmer. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte. "Würstchen und Nudelsalat", sagte Frau Kruse und strahlte Gina an.
"Mit meinem Schweinebraten, den ich im Kühlschrank habe und dem Rotkohl wird das sicher ein köstliches Essen", sagte Katja und nahm Frau Kruse die Tüte aus der Hand.
Diese blickte nun verwirrt von ihrer Schwester zur Katja.
"Leisten Sie beide mit doch bitte Gesellschaft heute Abend. Ich habe lange keinen Besuch mehr an Weihnachten gehabt."
Fragend blickte Frau Kruse Gina an, die begeistert nickte. "Guck mal, wir haben sogar einen Baum", sagte sie und zeigte auf die Tanne.
"Was ist denn das für interessanter Schmuck?", fragte Frau Kruse lachend.
Als es sich alle auf der Couch bequem gemacht hatten, den Blick auf den außergewöhnlichen Tannebaum gerichtet, begannen Katja und Gina abwechselnd zu erzählen.



Eingereicht am 27. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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