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Überraschung!!!

© Uwe Hartig


23.12., 19.53 Uhr, noch einen Tag bis Weihnachten. Aus dem Autoradio umspült der Titel "White Christmas" die Ohrmuscheln und lässt mich den stressigen Bürotag vergessen. Drei Stunden Meeting, zwei Stunden 50 Minuten davon hätte man sich sparen können. Meine Halsadern sind vom Ärger noch dick wie Fahrradschläuche, aber das vergeht.
Ich schließe Frieden mit meinem inneren Schweinehund und beuge mich leicht nach vorn um das Handschuhfach zu öffnen. Zielsicher angle ich mir die Schachtel Zigarillos. Bald schmecke ich den ersten Zug. Eklig. Na ja. Der zweite Zug ist schon besser. Entspannt lehne ich mich zurück und lasse die letzten Lichter der Stadt an mir vorüber ziehen. Den Rauch blase ich vorsichtig aus dem spaltbreit geöffneten Fenster. Ich hasse kalten Rauch. Der Wagen gerät auf der glatten Straße ins Schleudern, als ich bremsen muss. Das ABS arbeitet verlässlich. Vor mir überquert ein älteres Ehepaar die Straße. Ich schätze sie läuft ca. 180 cm hinter ihm, dazwischen ein Weihnachtsbaum. Ich bin zu müde um mich aufzuregen und muss über die erschrockenen Gesichter der beiden Alten lachen. Nach zwei, vielleicht drei Sekunden erstickt mich mein eigenes Lachen. Ganz deutlich sehe ich das Bild meiner Frau vor mir. "Hallo Schatz, dieser Baum ist wunderschön, ich wusste, dass du es nicht vergisst. Ich liebe dich. Du bist ... ach es ist einfach schön mit dir!" Die beiden Alten haben die Straße überquert, ich kann wieder Gas geben. "Welcher Baum?" höre ich meine eigene Stimme fragen. Kurzzeitig hatte ich darüber nachgedacht den Alten einfach ihren Baum abzukaufen, doch die Geldautomaten meiner Bank hatten Weihnachten einen Tag vorverlegt. Feiertag. No Cash. Besuchen sie uns doch im nächsten Jahr. Wie konnte ich den blöden Baum vergessen? Zwei mal hatte mich meine Frau im Büro angerufen und zweimal habe ich ihr das Gleiche erwidert. Sie soll sich um nichts kümmern, wozu sind denn die Männer Weihnachten da. Ich musste ihr sogar versprechen keine billige Krücke von Baum anzuschleppen. Frauen...unglaublich!
"Hallo Schatz, du wirst es nicht glauben, alle Bäume in der Stadt ausverkauft, nicht ein einziger beschissener Baum zu haben. Einer alten Oma hat man sogar den geschmückten Weihnachtsbaum aus der Wohnung geklaut, gerade als sie ihre Lieblingskochserie geschaut hat. Die Welt ist schlecht. Ich habe wirklich alles versucht. Aber Morgen soll ich noch einmal vorbeikommen, der Klaus...ach nee, den kennst du nicht...der Klaus will mir einen zurückstellen...extraschön soll der sein. Na, wie hab' ich das wieder hingekriegt?" Mittlerweile bin ich zu Hause angekommen und noch immer ist mir keine glaubwürdige Ausrede eingefallen. Als ich rückwärts einparke streift das Licht meiner Scheinwerfer eine wunderschöne Blautanne. Nicht zu groß, nicht zu klein, genau richtig. Es gibt nur ein Problem. Die verfluchte Tanne steht auf dem Grundstück meines ungeliebten Nachbarn. Eine Minute später schwinge ich mich mit einer kleinen Säge bewaffnet über den ohnehin niedrigen Gartenzaun. Noch ehe meine Füße den Boden berühren zerbrich unter mir die zarte Wirbelsäule eines Gartenzwerges. Ritsch...Ratsch...Weitere fünf Minuten vergehen, bis die Blautanne ihren Besitzer gewechselt hat. Meine Hände sind verharzt, das Gesicht zerkratzt, mein rechter Knöchel verstaucht, so ungefähr müssen sich Helden fühlen. Nicht unglücklich klingele ich an der Haustür und verstecke mich hinter dem Baum. Wie erwartet öffnet meine Frau. "Hallo Schatz, dieser Baum ist wunderschön, ich wusste, dass du es nicht vergisst...!" Verschwörerisch grinse ich wie ein Buschkrieger durch die Äste als meine Frau sagt: "Ich habe auch eine Überraschung für Dich. Jetzt wo Weihnachten ist ... Was gibt es Schlimmeres, mein Schatz, als den ewigen Streit um über den Zaun hängende Äste und Grundstücksgrenzen überwucherndes Unkraut. Jedenfalls haben Fredi und ich beschlossen, diesen Streit ein für allemal beizulegen." Freudig winkt sie in das Haus hinein und Fredi erscheint auf der Türschwelle. Fredi, was unser Nachbar ist wie ich jetzt weiß, streckt mir seine Hand entgegen. "Es ist doch wirklich Schade, wenn man sich wegen solcher Kleinigkeiten das Leben schwer macht, finden sie nicht auch? Schöner Baum, übrigens, gratuliere!" Ich schaffte ein Lächeln, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Frieden nicht lange halten würde.



Eingereicht am 08. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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