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Die verschwundene Katze

© Susanne Sayici


Ornella sitzt beim offenen Fenster und weint. Sie trauert um ihren schwarz weiß gefleckten Kater Moritz, der vor zwei Tagen aus dem Fenster gefallen war, weil er einen Vogel fangen wollte, der knapp an ihm vorbei flog. Nun ist sie ganz allein. Die wenigen noch verbliebenen Verwandten halten von ihr Abstand, weil sie zu oft zur Flasche greift. Sie ist allein.
Vor vielen Jahren ließ sich ihr Mann scheiden, weil er eine jüngere und schönere Frau fand. Der einzige, gemeinsame Sohn wurde bald zum Zankapfel. Ein hässlicher Scheidungskrieg zerstörte nicht nur das Leben der Frau, sondern auch die Seele des Kindes. Es gelang ihr nicht den Lebensstandard zu halten, den ihr Mann dem Buben bisher geboten hatte. Arbeit gab es damals, vor ungefähr dreißig Jahren genug. Man spazierte aus der einen Firma hinaus und in die nächste hinein und wurde mit offenen Armen empfangen. Trotzdem fiel es ihr schwer eine passende Arbeit zu finden.
Sie hatte keine Ausbildung, weil sie gleich nach der Schule das Kind gebar und dann zu Hause blieb. Erich wollte es so. Die Abhängigkeit seiner jungen Ehefrau bot ihm, dem jungen, aufstrebenden Manager sicheren Rückhalt im privaten Leben. Außerdem schuf er ein System der Macht, in dem er sich als Herrscher empfand. Erich wollte keine emanzipierte Frau, sondern lieber ein altmodisches Heimchen am Herd. Ornella wiederum fühlte sich in ihrer Rolle als Mutter überfordert. Dankbar nahm sie deshalb die Rolle der untergeordneten Ehefrau an, die alles tut um ihren Mann und Ernährer zufrieden zu stellen. Doch der flotte Mann betrog sie wo er nur konnte, machte sich über sie lustig, setzte sie herab wann immer sich eine Gelegenheit bot. Er wurde immer selbstsicherer - zumindest erschien es Außenstehenden so - sie hingegen verlor schon bald an Selbstbewusstsein. Er nahm ihr alles was sie brauchte um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Die Familie, Freunde, Unabhängigkeit und z um Schluss auch die Freude am Leben. Wein und Schnaps gab es immer zu Hause, denn Erich bewirtete gerne Gäste. Die zahlreichen Einladungen wurden bald für Ornella zur Tortur. Vorher musste sie die Wohnung putzen, dann servieren und danach abräumen und wieder putzen. Von den Gästen wurde sie meist ignoriert, weil ihre Bildung zu dürftig war um mitreden zu können. Man sah auf sie herab, bedauerte ihre Ungeschicklichkeit und ließ sich bedienen. Um die schwierige Ehe und die langweiligen Besuche zu überstehen, trank sie regelmäßig mehr als ihr gut tat. Bald war sie als Säuferin verschrien, die dem armen Mann auf der Tasche lag, zu nichts nütze war und immer mehr zur Belastung wurde. Die Freunde des Ehemannes ergingen sich in Lobpreisungen, weil er so loyal war und zu seiner unfähigen Frau stand, statt sich scheiden zu lassen. Seine bösartigen Bemerkungen, mit der er sie vor der ganzen Gesellschaft bloß stellte, die Sticheleien mit denen er sie quälte, empfanden sie als durchaus verständlich und akzeptabel. Er wurde immer frecher und brachte seine Freundinnen mit nach hause. Eine stellte er als Sekretärin vor, eine andere als Dienstmädchen des Chefs, der Ornelle bedauerte, weil diese die Wohnung nicht sauber halten könne und deshalb die Bedienstete verborgte. Dann sperrte er sich mit der jeweiligen Geliebten im Schlafzimmer ein und befahl seiner Frau, inzwischen das Essen zuzubreiten. Sie stand jedes Mal heulend in der Küche, zu schwach und zu gebrochen um sich zur Wehr zu setzen, obwohl sie genau wusste was in ihrem Ehebett in der Zwischenzeit getrieben wurde. Eine Frau in einem goldenen Käfig. Verachtet, ausgenützt und missbraucht. Um sie herum entstand immer größerer Luxus, weil Erich sich stetig hoch arbeitete und dementsprechend gut verdiente. Exclusive Möbel, teure Teppiche, originale Bilder moderner Künstler an den Wänden, Designerkleidung - Dinge um die viele Frauen sie beneideten. Mitten in den teuren Sachen, behangen mit teurem Schmuck, saß di e zarte Frau und war todunglücklich. Sie dachte, schlimmer könne es nicht mehr kommen, unglücklicher als sie war, könne man gar nicht sein. Doch mit einem Male musste sie erfahren, dass es sehr wohl noch Schlimmeres gab. Eines Tages eröffnete ihr Erich, er wolle die Scheidung.
Die junge Frau fiel aus allen Wolken. Sie hatte sich für ihn aufgeopfert, seine Bösartigkeiten ertragen, hatte sich von seinen Feunden erniedrigen lassen - und nun warf er sie einfach weg wie ein altes Kleid das man nicht mehr haben möchte. Es war ein unvorstellbarer Schock, der aber bald einem Gefühl der Befreiung wich. Instinktiv wusste sie, dass die Trennung von ihrem Mann eine Chance war, wieder ein selbstbewusster und glücklicher Mensch zu werden. Ein stärkerer Mensch als sie es war, hätte diese Chance sicher ergriffen und das Schicksal zum Besseren gewendet. Ornella war jedoch psychisch zerstört. Sie hatte weder Selbstvertrauen noch Kraft, um aus dem scheinbaren Unglück einen persönlichen Erfolg zu machen. Die lang ersehnte Befreiung aus der lieblosen Umklammerung, die sie gleichzeitig immer gefürchtet hatte, wurde zu einem neuerlichen, noch abscheulicheren Fluch, der ihre Seele langsam auffraß. Es gelang ihr zwar eine Anstellung als Verkäuferin zu bekommen, aber mit dem geringen Einkommen war es ihr nicht möglich dem Sohn die teuren Freizeitaktivitäten zu ermöglichen die er gewohnt war. Sie konnte keine teuren Spielsachen kaufen und keine Flugreisen finanzieren. Erich zahlte keine Alimente. Er kündigte einfach, verließ mit seiner neuen, jungen Frau, die ebenso unerfahren und unbeholfen war wie Ornella zur Zeit ihrer Heirat, das Land und wartete ab. In den Sommerferien holte er den Jungen zu sich, verwöhnte ihn, zeigte ihm was er alles bieten konnte - im Gegensatz zur armen Mutter - und gewann auf diese Weise sehr schnell die ganze Sympathie des Heranwachsenden. Er brachte Harry einfach nicht mehr zurück, ließ ihr ausrichten der Junge wolle beim Vater bleiben und habe kein Interesse mehr an seiner Mutter. Dieser Schicksalsschlag wirkte stärker als alles andere was ihr zuvor widerfahren war. Sie gab sich auf, betrank sich täglich und verlor dadurch die Arbeit und in Folge dessen den letzten Rest von Selbstachtung. Beinahe verlor sie ihre kleine Wohnung, weil sie die Sozialhilfe in Alkohol investierte, statt damit die Mietschuld zu begleichen.
So gut es geht verdrängt Ornella die Erinnerung an die Vergangenheit. Zurecht fühlt sie sich als Opfer, aber gleichzeitig schämt sie sich für ihre Schwäche. Alleingelassen von allen Menschen die sie jemals liebte, klammert sie sich nun an einen jungen Sozialarbeiter, dem es gelang sie aus dem Sumpf der selbstzerstörerischen Gedanken zu ziehen. Seine Fröhlichkeit, sein Optimismus geben ihr ein vages Gefühl der Hoffnung, ihr Leben könne sich vielleicht doch noch zum Besseren wenden. Schließlich ist sie noch immer jung genug, um einen neuen Anfang zu wagen. Die Trunksucht liegt hinter ihr. Der junge Herr Anzenbach hatte sie vor einiger Zeit einer Therapie zugeführt, nachdem er sie bewusstlos und mit einer beinahe tödlichen Alkoholvergiftung auf der Strasse liegen fand. Seither ist sie trocken, geht sogar putzen um sich über Wasser zu halten. Alles schien sich zum besseren zu wenden. Er schenkte ihr eine kleine Katze, die ihr neuen Mut geben sollte. Ein Wesen das sie liebkosen konnte und das sie niemals enttäuschen würde. Einige Monate hoffte sie auf eine bessere Zukunft - und jetzt das. Das einzige Lebewesen das ihr wirklich nahe steht, der kleine Moritz, ist tot. Sie wusste, sie sollte ein Katzengitter montieren um ihren kleinen Liebling zu schützen, schob aber die Montage immer wieder hinaus. Ihre alte Schwäche, zu wenig Aktivität zu entfalten, immer auf darauf zu warten, dass andere das Notwendige tun, hatte sie dazu verleitet, einfach nur darauf zu hoffen, es möge nichts Böses geschehen. Schon schlug das Schicksal zu, packte sie an der empfindlichsten Stelle. Vielleicht um ihr zu demonstrieren wie wichtig es ist, sich einzig und allein auf sich selbst zu verlassen und um das Glück zu kämpfen. Denn Glück kommt nicht von selbst. Man muss es festhalten wenn es da ist und erringen wenn die Gefahr unbemerkt auf ihr Opfer lauert. Selbstvorwürfe plagen seither die arme Frau zurecht und niemand, ganz besonders sie selbst nicht, kann sie frei sprechen von der Schuld am Tode ihres kleinen Katers.
In der Hand hält sie ein Foto des Tieres, streichelt mit der Hand darüber, als wolle sie das Bild trösten. Am liebsten würde sie sich selbst aus dem Fenster stürzen, so einsam und verlassen fühlt sie sich in diesem Augenblick. Sie wischt aber dann doch diesen Gedanken weg und verharrt in ihrer Trauer.
Unten spielen Kinder im Schnee, lachen und bauen einen kleinen Schneemann und eine Schneefrau. Ein grosser Junge kommt gelaufen, wirft mit Schneebällen auf die Kunstwerke und zerstört sie. Die anderen Kinder schreien, schimpfen, wehren sich aber nicht. Anscheinend fürchten sie den bösen Buben, dem es sichtlich Vergnügen bereitet sein Zerstörungswerk fortzuführen, bis die beiden Figuren dem Erdboden gleichgemacht sind. Er erinnert Ornella wieder an ihr verpfuschtes Leben. An den Mann, der jeden Schwachen in seiner Umgebung zerstören musste um sich gut fühlen zu können. Sein Leben verlief erfolgreich, aber wahrscheinlich war er ebenso unglücklich wie sie. Eine Ehe nach der anderen zerbrach und mit ihnen die Frauen an seiner Seite. Er wurde mit den Jahren immer härter und grausamer. Viel erfuhr sie über ihn nicht. Einmal im Jahr rief ihr geliebter Sohn bei ihr an, wünschte ihr frohe Weihnachten und erzählte der Mutter wie die aktuelle Frau an der Seite des ehemaligen Ehemannes gerade hieß. Vor zehn Jahren hörten die Anrufe plötzlich auf und Ornella hörte nie wieder etwas von ihrem Buben, der nun ein erwachsener Mann war. Ihre Gedanken gleiten ab, kehren zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit als sie zwar unglücklich, aber wenigstens nicht alleine war. Ein zartes Stimmchen holt sie zurück in die Gegenwart. "Hallo!" Ein kleines Mädchen winkt ihr, deutet, sie solle hinunter zu ihr kommen. Ornella will nicht. Sie liebt Kinder, aber sie ist zu sehr verletzt um sich jemandem zu nähern. Sie redet mit niemandem mehr als das Notwendige, außer mit dem Sozialarbeiter, weil sie Angst hat ihr Herz könne wieder etwas für einen anderen Menschen empfinden. Lieben bedeutet verletzbar sein und Ornella weiß, dass sie das nicht überleben könnte. Doch etwas in ihr drängt sie eine Ausnahme zu machen. Sie verlässt tatsächlich die Wohnung, geht die Treppe hinab und ins Freie. Die kalte Luft lässt sie erschauern, oder vielleicht ist es auch nur die Angst vor der seelischen
Kälte der Menschen, die sie fürchtet. Das kleine Mädchen lächelt die Frau an. "War das deine Katze die aus dem Fenster gefallen ist?", fragt sie freundlich. Ornella nickt und will wieder gehen, weil sie die Frage für eine Bosheit hält. Doch das Kind nimmt sie am Ärmel, zieht sie mit sich. "Komm mit!", sagt sie und versucht den körperlichen Widerstand der Frau zu überwinden. "Ich weiß wo deine Katze ist." Ornella schüttelt unwillig den Kopf. "Meine Katze ist tot!" "Nein, ist sie nicht!", erwidert das Kind. "Ein Mann hat sie mitgenommen, das musst du doch gesehen haben. Er ist Tierarzt. Ich kenne ihn. Ich weiß wo er wohnt." Die Frau, deren Gesicht von Frustration und Alkohol gezeichnet ist, schöpft neue Hoffnung. "Komm!", drängt das Kind. "Der Arzt hat einen lustigen Namen. Er heißt Adolf Zeppelzahner! Hast du einen solchen Namen schon einmal gehört?" Ornella erschrickt. Der Atem stockt ihr als sie den Namen Zeppelzahner hört, den sie vor vielen Jahren abgelegt hatte, nachdem ihr Mann sie verließ. Tränen schießen ihr aus den Augen. Das Kind läuft und Ornella hinter ihr her. Wirklich, auf dem Ordinationsschild steht der Name ihres verlorenen Sohnes. Sie wagt es kaum einzutreten, senkt verschämt den Blick zu Boden, als der großgewachsene, freundliche Herr ihr die Hand reicht. "Herr Doktor, das ist die Frau deren Katze aus dem Fenster fiel. Lebt der arme Kater noch? Konnten sie ihn retten?", fragt das Kind atemlos und stürmt an ihm vorbei in die Ordination. Dort miaut in einem kleinen Käfig der arme Moritz, der mit viel Glück den Sturz aus dem dritten Stuck überlebt hat. Ornella läuft zu ihm, versucht ihn durchs Gitter zu streicheln. "Ich kann die Behandlung nicht bezahlen!", meint sie und errötet wie ein kleines Mädchen. Doch der Doktor winkt ab. Er sieht, dass die Frau arm ist und es ist gerade Weihnachten. "Das ist mein Weihnachtsgeschenk!", meint er lächelnd, drückt ihr das Tier in die Hand und bugsiert Frau und Mädchen hinaus.
Ornella bedankt sich bei dem Kind, geht nach Hause und setzt sich wieder ans Fenster. Diesmal öffnet sie es nicht. Ein Weinkrampf schüttelt die Frau, die überraschend ihr Kind gefunden hat und ihm nicht sagen kann, dass sie seine Mutter ist. Ihre größte Hoffnung, den Buben wenigstens einmal vor ihrem Tod wiederzusehen hat sich erfüllt, aber sie bleibt alleine, aus Angst er könne sie ablehnen. Es läutet an der Tür. Erst will sie nicht öffnen, dann geht sie doch hin. Vielleicht ist es das Kind, das noch etwas wissen will. Oder will es vielleicht eine Belohnung? Als sie öffnet steht der Tierarzt vor ihr. "Ich habe etwas vergessen, deshalb bin ich hinter ihnen hergelaufen!", meint er. "Ihr Kater braucht Medikamente, er hat doch einige Verletzungen die man behandeln muss. Kommen sie nach den Feiertagen bei mir vorbei, ich behandle ihn kostenlos. Darf ich einen Moment herein kommen?" Der Mann fühlt Ornellas Verzweiflung. Am heiligen Abend möchte er eine alte, verbitterte Frau nicht einfach so abfertigen. Einige nette Worte, ein Kaffee gemeinsam getrunken und die Einsamkeit wird leichter erträglich. Wortlos lässt sie ihn ein. Er sieht sich um und sein Blick fällt auf ein Foto an der Wand, das ihm vertraut ist. Ein Bild aus längst vergangenen Zeiten, als Vater und Mutter noch ein Paar waren und er sich bei ihnen geborgen fühlte, nicht ahnend wie dramatisch die Beziehung verlief. "Ja!", haucht sie, "Ich bin deine Mutter!", seine Gedanken erratend. Der Sohn sieht sie lange an, dann nimmt er die Frau in den Arm, die ihm so fremd und doch so vertraut ist.





Eingereicht am 18. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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