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Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

VWZ

© Christiane Reimann


1
Bald ist es wieder soweit. Der Herbst ist schon längst vergangen, seiner statt kommt die VWZ.
Popel gefrieren in der Nase, auf dem Heimweg schleicht sich Kälte ins Hosenbein. Hinter den Fenstern sieht es warm und vorfreudig aus, den ehrlichen Menschen beschleicht vielleicht gar das Gefühl, er laufe selbst und wahrhaftig durch die Weihnachtsgeschichte.
Er erinnert sich noch gut daran, als die ersten Pfefferkuchen und schon bald darauf die ersten Weihnachtsmänner wieder ihren Platz in den Regalen bezogen hatten, sie waren wohl alle in der Sommerfrische? Was werden sie erlebt haben?
Gespannt und träge schauten sie die noch immer sommerlich gekleideten Einkäufer von ihren Regalen und Paletten aus an und überlegen sich wohl, warum sie schon aus der Welt zurückkehren mussten. Hier werden sie noch nicht gebraucht, geschweige denn geachtet, bestenfalls nebenbei bemerkt, mit einem "Ach, ist es schon wieder so weit?".
Nun, sie mussten ihre Sommerquartiere verlassen, wegen den Osterhasen, die sind jetzt dran.
Gut, dass er um all das weiß und wissend durch die Regalreihen laufen kann.
Tatsächlich hat er sich gefreut als sie kamen und er ihnen die Plätze hat zuweisen dürfen. Alles schien gut.
2
"Das darf nicht wahr sein, das darf einfach nicht wahr sein", schreit eine Frau sehr aufgelöst und hysterisch, während sie sich auf den Kühltruhen abstützt und sich die Stirn mit einem Taschentuch abtupft. Ein dicker Verkäufer aus der Obstabteilung fächelt ihr Luft zu.
"Was ist hier los", fragt er, nachdem er flinken Schrittes in die Süßwarenabteilung, Regal 23 b, geeilt ist. Seine Krawatte ist dabei etwas verrutscht.
Die Frau sieht ihn verstört an, der Dicke fächelt weiter.
"Wer ist hier verantwortlich? Warum verkürzen sie unser Leben immer mehr? Warum lassen sie die Zyklen nicht in den von Gott geplanten Maßen? Wer hat ihnen das erlaubt", fragt sie ihn in militärischen Ton, da er ihr, aufgrund seiner Krawatte, verantwortlich scheint. Ihre Augen sind groß, ihr Blick unruhig.
"Ich verstehe Sie nicht, meine Dame", gibt er offen zu.
"Die Weihnachtsmänner, die Pfefferkuchen, die Schokoladennüsse, das Zuckerwerk! Vor zwei Monaten hat der Sommer begonnen, er ist noch nicht zu Ende und Sie stellen bereits jetzt die Weihnachtsmänner auf." Das gesamte Einkaufspublikum, das sich mittlerweile in einer Traube um sie formiert hat, nickt nun zustimmend und schaut ihn mit glücklichen, schuldzuweisenden Blicken an, ihn, den Einzigen, der unter seinem Kittel eine Krawatte trägt.
"Aber meine Dame, so ist das im Handel und übrigens auch im Leben, ein...", versucht er sie zu beruhigen und streichelt dabei sanft über ihr Haar. Sie unterbricht ihn: "Ersparen Sie mir das!" Der Dicke fächelt noch immer Luft. Sie ist noch immer ganz aufgewühlt und atmet schwer. Die Weihnachtsmänner blicken auf sie herab und sagen immer nur: "wir tun doch nichts, wir sind ganz brav, wir wären auch gern noch etwas in der Sommerfrische geblieben".
Er fühlt eine Sprachlosigkeit über sich kommen, die auch sein Denken lähmt, die Einkaufenden zerstreuen sich, der Dicke geht zurück in die Gemüseabteilung, er und sie bleiben im Gang von Regal 23 b allein zurück, er riecht ihr Parfüm. Die Weihnachtsmänner sind nun leise und schauen etwas betreten und freundlich bockig auf sie hinab.
3
"Einen Kaffee, sind Sie so liebenswürdig?",fragt sie, nachdem sie sich eine Weile angeglotzt haben, ganz unbestimmt bestimmt. Er gehorcht und stammelt: "Oh natürlich, bitte verzeihen Sie, dass ich nicht schon längst...selbst." "Schon gut", sie lächelt nun.
Sie hakt sich bei ihm unter, gemeinsam gehen sie in den Aufenthaltsraum der Arbeitnehmer, der immer so herrlich nach Kaffee und Pause riecht.
Er bereitet den Kaffee zu, sie beäugt die zurückgelassenen Sachen der Arbeiter, Illustrierte mit Neuigkeiten aus der Welt des Adels, ein Haargummi mit braunen Haaren neben dem Glas mit dem Kaffeeweiser. "Geht es Ihnen schon besser?", fragt er sie, während er die Tasse vor sie stellt, ganz vorsichtig, um nichts zu verschütten.
"Oh ja, besser."
Es ist Ruhe im Raum, er vermeidet jede Bewegung, will nicht Anlass eines weiteren Anfalls werden.
"Was denken Sie also zu tun?", fragt sie schließlich.
"Was wollen Sie das ich mache?", fragt er wieder mit jenem Unverständnis wie vorhin. "Die Weihnachtsmänner", gibt sie kühl an. "Was soll ich denn mit ihnen machen?" "Einschmelzen, in ein jahreszeitenunabhängiges Format oder ihren Auftritt wenigstens bis Oktober verzögern." "Wie stellen Sie sich das vor, ich bin doch nicht Gott."
4
Nach weiterer Bewegungslosigkeit und drei Lautsprecherdurchsagen, die anderen Nummern galten als seiner, sagt sie schließlich "ich kann mich also auf Sie verlassen". Er stottert, die Frau scheint ihm zweifelsohne in ihrer Entschlossenheit sehr suffragettenhaft, was in ihm ein Gefühl von Respekt vermischt mit Ekel erzeugt, gegen das man versucht ist anzugehen, wie ein kleiner Junge, dessen Mutter aus sozialisatorischen Gründen, eine Teilnahme beim Weitpisswettbewerb untersagt.
"Ich fürchte, ich bedaure..." und nachdem er mit aller Kraft versucht hat sich zu fassen, stark zu sein, wie es einem Mann gebührt, stürzt es aus ihm hervor: "Was haben sie gegen die Weihnachtsmänner? Sehen sie denn nicht allerliebst aus?" "Das wohl, im Nikolausstiefel am Nikolaustag und wohl auch in der heiligen Nacht, aber doch nicht am Sommerbadestrand!" "Dann nehmen Sie sie doch nicht mit dorthin, lassen Sie sie hier, wo sie friedlich vor sich hin stehen, den Einkäufern ein wenig zusehen." "Sie wollen es nicht verstehen, Sie trinken doch auch keinen Glühwein am Ostersonntag, oder?" "Meine Dame, ich bitte Sie." "Worum bitten Sie mich? Einzuhalten? Verlangen Sie von mir nichts, das Sie selbst nicht halten können." Mit diesen Worten steht sie auf, bedankt sich höflich für den Kaffee und geht, nicht ohne sich noch einmal an ihn zu wenden: "also geben Sie nicht nach? Das Weihnachtsfest ist noch fern." Er starrt sie an, versteht nichts und hält ihr die Tür auf. Der Dicke aus der Obstabteilung sieht ihr nach.
Er läuft nochmals durch Regal 23 b, als wolle er die Weihnachtsmänner aufgrund eines bangen Gefühls beruhigen und sagen, dass ihnen nichts geschehen werde.
5
Die Wochen ziehen ins Land, die Weihnachtsmannregale lichten sich, nigelnde Kinder, deren scheinbar größte Freude der erste, der hochsommerliche Weihnachtsmann ist, ziehen mit nachgebenden Müttern durch die Regale der Kaufhalle. Exotik avanciert zu einem bevölkerungsweiten Wert.
Wie nach dem Krieg, denkt er, als er durch die nur noch sporadisch bevölkerten Weihnachtsmannregale geht. Gut, dass wir das Wirtschaftswunder erlebt haben. Er geht ins Lager, um seinem Anspruch als Aufrechterhalter eben dieses Wunders gerecht zu werden und die Regale neu zu befüllen, als er bestürzt feststellen muss, dass sich an der zur Lagerung vorgesehenen Stelle keine Weihnachtsmänner befinden. Er ist zunächst irritiert, fasst sich aber schon nach zwei Lautsprecheransagen, die anderen Nummern galten, nicht seiner.
Er begibt sich geistesgegenwärtig zum Telefon und wählt die Nummer der Schokoladenfabrik, niemand meldet sich, er ruft eine weitere an, nichts, dann eine Dritte, ohne Erfolg. Dann wählt er wieder die Erste an. Eine Stimme säuselt: "Schmickmanns Schokoladenfabrik, am Apparat Fräulein Wiczorek, was kann ich für Sie tun?" Er hüstelt und spricht: "Kollers Kaufhaus. Guten Tag. Weihnachtsmänner, die Weihnachtsmänner sind aus. Wir benötigen dringend neue, jetzt wo es schon bald Anfang Oktober ist, sollten die Lager gefüllt sein." "Sie sind heute schon der Dritte. Wir kommen mit der Produktion kaum nach." "Aber wo sind sie denn dann alle?" "Wir liefern wie bestellt." "Also wann können Sie liefern?" "Frühestens in zwei Wochen." "In zwei Wochen", flink rechnet er im Kopf nach, ob dann das große Geschäft schon vorbei sein wird, aber nein, es wird dann erst so richtig anrollen, "gut, wir nehmen 15 Paletten." "Wir schicken die Rechnung anbei." Zwei Wochen, das müsste klappen.
6
Stolz geht er durch seinen Regalverantwortungsbereich, alles ist akkurat einsortiert, die Regale bersten fast, so voll sind sie. Hier und dort ordnet er etwas, das wohl ein Kind verschleppt hat, wieder richtig ein. Nur bei den Weihnachtsmännern wird ihm etwas schwer ums Herz, haben sich die Reihen doch beträchtlich gelichtet.
Ein Mädchen in kurzen Hosen läuft geradewegs an ihm vorbei auf sie zu und dreht sich zu ihrer, den vollgepackten Einkaufswagen schiebenden Mutter um: "Ach Mama, bitte. Ich räume auch mein Zimmer auf." "Aber es sind doch noch fast drei Monate bis Weihnachten." "Mama!" Die Mutter schaut zweifelnd.
"Bitte, bitte, bitte", stürzt flutartig aus dem Kindermund hervor. Wieder und wieder.
Er bangt, denkt: gib nicht nach.
"Na gut."
Mütter.
Das Mädchen ist froh, die Mutter erschöpft, er zunehmend verzweifelt.
Dann kommt ein weiteres Mädchen, ähnliche Szene, ähnliches Bestechungsangebot, ihr folgt ein kleiner Junge, dann ein Zwillingspaar, weiblich, alle jeweils mit einer Mutter im Schlepptau, die irgendwann diesen Kinderhinterlisten nachgibt. Und das alles an einem Sommervormittag!
Seine Mittagspausen verbringt er nun verstärkt damit, im Kopf immer wieder zu überschlagen, wie lange sich der, beim derzeitigen Weihnachtsmannkaufverhalten, noch im Regal befindende Vorrat wird halten können. Seine Rechnungen kommen jeweils auf ein anderes, besorgniserregendes Ergebnis, er ist beunruhigt, magert zusehends ab.
7
Er beginnt das Weihnachtsmannregal drakonisch im Blick zu behalten, um seine Rechnungen immer genauer ausführen zu können und notfalls einzuschreiten.
"Aber meine Dame, wofür benötigen Sie denn so viele Weihnachtsmänner", fragt er eine Frau, die eine ganze Kompanie entführen will, als der Vorrat schon sehr übersichtlich geworden ist. "Für die Kinder in Afrika, die haben so etwas doch nicht, die haben doch gar nichts da unten", gibt sie sozial an.
"Ja und die deutschen Kinder, an die denken Sie nicht?" "Natürlich denke ich auch an die, aber jetzt eben denke ich an die Afrikanischen", sagt sie und fährt mit dem Übersiedeln der Weihnachtsmänner fort, ganze Armeen! Er spürt, wie seine Hände feucht werden, sich zur Faust ballen wollen. Aber morgen sollen die Neuen kommen, beruhigt er sich, morgen wird alles wieder schön sein, die Regale alle voll.
Die Verbliebenen schauen ihn an und scheinen zu fispeln: "Weißt Du denn nicht, dass wir ein sehr geselliges Volk sind? Gerade die Vorweihnachtszeit verbringen wir gern zusammen." Bis zum Abend konnte er lediglich, trotz großer Anstrengung, nur die verletzten Weihnachtsmänner vor den quengelnden Kindern retten. Müden Fußes und schweren Kopfes, vom vielen Rechnen, schleppt er sich nach Hause.
8
Beschwingten Schrittes geht er durch den Gang. Heute ist Liefertag, nun wird alles gut.
Den gesamten Vormittag verbringt er damit, im steten Wechsel die Lieferrampe zu bewachen und die Anzahl der verbliebenen Weihnachtsmänner, sieben Eingedrückte und zwei Plattgedrückte, zu überprüfen. Er wird zunehmend unruhig, als um elf noch immer nichts geschehen ist, außer dass nun nur noch vier der Eingedrückten und die zwei Platten in ihrem Regalchen warten. Er öffnet den obersten Hemdknopf, lockert seine Krawatte, geht zum Telefon und wählt mit zittriger Hand die Schokoladenfabrik an. Keiner meldet sich. Schweiß steht auf seiner Stirn. Er geht zurück zum Regal. Eine grimmig blickende Frau erwartet ihn bereits. "Sind Sie hier verantwortlich", fragt sie gereizt, ohne die Antwort abzuwarten, denn er trägt ja Krawatte, sprudelt es weiter aus ihr hervor: "wo sind denn die ganzen Weihnachtsmänner?" Ein Hitzeschwall erfasst seinen ganzen Körper.
Es stimmt, sie waren alle weg, sogar die Plattgedrückten! Nur das Preisschild zeugt noch von ihrer Existenz.
"Wir erwarten die Lieferung jede Minute. Sehen Sie sich doch noch ein bisschen um, ich bitte Sie." "Ich verlasse mich auf Sie, denken Sie nur an die Kinder!" Was kann er denn dafür, dass die Lieferung nicht kommt. Forschen Schrittes geht er wieder zum Telefonapparat und wählt, wieder nichts. Die Anrufe in der Schokoladenfabrik verlaufen immer nach dem gleichen Zeitplan: fünf mal klingeln, 24 Sekunden, ein kleines Knacksen, 25. Sekunde, "Schmickmanns Schokoladenfabrik, leider ist unser Büro im Moment nicht besetzt, bitte hinterlassen Sie uns eine Nachricht oder versuchen Sie es später erneut".
Zuerst hat er noch gehofft, dann gebangt, schließlich gelitten, dann bekam er Angst, Panik, zuletzt ist er nahe dem Wahnsinn.
Man sieht ihn nun aufgeregt durch die Regalgänge laufen, etwas gebückt, dabei atmet er hastig ein und sanft aus, als solle es jeweils der letzte Zug sein, Einkäufern weicht er aus, zu viele schreiende Kinder, zu viele Mütter, die den Glauben an den uneingeschränkten Konsum verloren haben. "Wo stehen denn die Weihnachtsmänner?" Immer wieder fragen sie das. Wo sind denn die Weihnachtsmänner, wo sind denn die Weihnachtsmänner. Den ganzen November über zogen Mütter, ihre heulenden Kindern an der Hand, aus der Kaufhalle, "Weihnachts-mahahahann" kam aus ihren von Tränen zerquollenen und mit Rotz zugelaufenen Gesichtern.
9
Er selbst geht jeden Tag langsamer, angstvoller zur Arbeit. Seine erste Handlung, noch bevor er seinen Kittel überstreift: der Anruf in der Schokoladenfabrik, immer das gleiche Spiel. Er kann den Spruch, von dieser säuselnden Stimme vorgetragen, nicht mehr hören, er weiß genau wie lang es dauert bis er los geht, das Piepsignal kommt. Von Wählvorgang zu Wählvorgang lässt er die Hand resignierter nach unten sinken und hängt ein. Er geht wieder zur Rampe, die Hoffnung stirbt zuletzt. Es sieht fast traurig aus, wie er dort steht.
Als er geduckt durch seinen Regalbereich läuft, gebeutelt von den Nachfragen aus gereizten Muttermündern nach Schokoladenweihnachtsmännern, in jeder Ecke einen lauernden, bösartigen Einkäufer vermutend, oder noch schlimmer, eine Mutter mit schreiendem, verklebtem und verschleimtem Kind, steht plötzlich sie da, in einem langen Mantel, der Advent lässt nicht mehr lang auf sich warten und fragt ganz unschuldig: "Wo haben Sie denn die Weihnachtsmänner versteckt?".
10
"Sie?" Er ist überrascht.
"Sie sehen schlecht aus."
"Wollen Sie den Grund erfahren? Ja?" Er ist gereizt, weil er in ihr eben jene erkennt, die das Glück reichlich gefüllter Weihnachtsmannregale so früh im Jahr nicht ertragen konnte und nun wird ihm einiges klar. Er ist das Opfer, ihr Opfer. Sie hat die Nachlieferung umgeleitet, vermutlich nach Afrika und die Sekretärin der Schokoladenfabrik getötet. Nein, sie hat sie abgebrannt! Diese Frau, dieses Monster! Zerstörerin der weihnachtlichen Schokoladenfigur und allen daran haftenden Kinderglücks.
"Bitte, so sprechen Sie doch, Sie sind ja ganz apathisch!" "Die Weihnachtsmänner", er atmet tief und sein Blick streift unkoordiniert durch die Regale, er möchte nicht aggressiv sein "sie sind ausverkauft, jemand blockiert scheinbar die Nachlieferung, hat vielleicht sogar die Schokoladenfabrik unter seine Kontrolle gebracht, seit Wochen meldet sich nur der Anrufbeantworter", sein Unterlippe beginnt nun zu zittern, "ich weiß nicht, was ich noch tun soll, die Mütter lauern mir auf, wollen wissen wo die Weihnachtsmänner sind. Ich kann nicht mehr diese vom Weinen verquollenen Kinderaugen sehen, die immer nur fragen ‚warum' oder sagen ‚wir hassen dich, wir hassen dich', ich ertrage es nicht mehr, ich sperre mich im Kühlhaus ein, zum Sterben." Er fühlt sich plötzlich erleichtert und frei, er wird sterben in den Tod, ins Kühlhaus gehen, seine Last an jemand anderen abgeben.
"Was sagen Sie da? Aber mein Herr, ich bitte Sie. Sehen Sie denn keine andere Lösung?" "Nein!" Er weint nun vor dem Puddingregal.
Sie reicht ihm ein Taschentuch. Tränenerstickt presst er hervor: "das ist es doch, was Sie wollten, die Weihnachtsmänner abschieben. Jetzt seien Sie glücklich und kaufen Sie sich eine Tafel Schokolade und beim Verspeisen werden Sie an mich denken, einen einfachen Angestellten, der durch Sie in den Tod gegangen ist, durch ihr intrigantes Verhalten, das Tausende, ja Millionen von Kindern den traurigsten Nikolaustag ihres Lebens beschert. Weinend und zugequollen werden sie ihre kleinen Stiefelchen versuchen auszuschütteln, aber kein Weihnachtsmann wird sie freundlich lächelnd zum Nikolaustag begrüßen." "Sie wissen doch nicht was Sie da reden." Nun kommt auch der Dicke aus der Obstabteilung gelaufen und beginnt ihm Luft zu zufächeln. Er stützt sich gegen eine der Kühltruhen und tupft sich die Stirn ab.
"Sie", wendet er sich an das Publikum der Einkaufenden, das sich mittlerweile in einer großen Traube um sie versammelt, "ist dafür verantwortlich, dass eure Kinder weinen, dass eure Häuser weniger vollkommen weihnachtlich sind als sie sein könnten. Sie ist es", er zeigt mit dem Zeigefinger auf die Frau im Mantel, während Dicke weiter fächelt und schon ganz rot ist, "die die Weihnachtsmannnachlieferungen schon seit Wochen blockiert, mich damit zu dem gemacht hat, den Sie heute vor sich sehen. Beim Einschlafen, liebe Leute, denke ich an die unzähligen Kinder, die dieses Jahr nicht nur auf den Weihnachtsmann in ihrem Nikolausstiefel, sondern auch auf den unterm Tannenbaum verzichten müssen. Diese vielen kleinen Kinderaugen, die weinen werden. Und das wegen ihr, die auch noch die bösartige Dreistigkeit besitzt, hierher zu kommen und zu fragen, wo ich denn die Weihnachtsmänner versteckt halte, um sich von ihrem bösen Werk zu überzeugen. Ich halte es nicht mehr aus, die Mütter, die Kinder." Mit diesen Worten sinkt er weinend in sich zusammen. Der Dicke fächelt weiter.
"Er muss sich irren", beginnt sie zu stottern, 237 Augenpaare sind auf sie gerichtet, "ich habe damit nichts zu tun." Ein Murmeln und Raunen geht durch die Menge, die sich nun teilt, ein Finger der auf sie gerichtet wird, ruft: "Das ist die Frau!". Eine Fernsehkamera schiebt sich hervor, ihr angehängt eine Moderatorin. Sie stellt sich sogleich links versetzt vor ihr auf, das rote Licht der Kamera geht an und sie säuselt in ihr Mikrophon und die Wohnzimmer dieser Welt: "Liebes Fernsehpublikum, wir erreichen sie hier mit einer Eilmeldung. Wir haben nun endlich den Grund für die leeren Weihnachtsmannregale gefunden, die schon seit Wochen den Suizid unter den Müttern in die Höhe schellen lassen." "Wovon reden Sie?", fragt die Dame entgeistert zurück.
"Sie möchten also leugnen, auf gemeine und hinterhältigste Weise die Reichhaltigkeit im vorweihnachtlichen Sortiment geschmälert zu haben? Und was sagen Sie dazu?", sie zeigt auf einen Bildschirm, von einem schmächtigem Assistenten gehalten, ein Band läuft ab: Sie im Hochsommer, auf eine Kühltruhe gestützt, ihre Stimme, sie erkennt ihre Stimme wieder, die da sagt: "Die Weihnachtsmänner, die Pfefferkuchen, die Schokoladennüsse, das Zuckerwerk! Wer hat Ihnen das erlaubt? Sie müssen weg." "Das habe ich so nicht gesagt", unterbricht sie das Band. "Moment", säuselt die Stimme wieder und klimpert mit den Puppenwimpern, "wir sind gleich wieder auf Sendung, dann können Sie Stellung beziehen." Das rote Licht geht wieder an, die Moderatorin singt süß ins Mikrophon: "Liebe Zuschauer, Sie haben selbst gesehen, wie feindselig, wie fordernd, wie herrisch diese Person ist. Wir erwarten die Polizei jeden Moment zu unserer Live-Festnahme. Deshalb, bleiben Sie an den Bildschirmen, nach einer kurzen Unterbrechung, wird das diesjährige Weihnachtsfest gerettet sein." "Sie haben mich ja gar nicht gefragt." "Na und? Die Polizei wird Sie noch genug fragen."
11
"Wo ist sie?" Die Menge beginnt sich wieder zu wiegen und spuckt 3 Polizeibeamte aus.
"Wie sieht das denn aus, nur drei?", fragt die Moderatorin bestürzt. "Die Frau ist doch friedlich", gibt einer der Polizisten an. "Haben Sie denn nicht unseren Beitrag gesehen?" "Nein." "So, wir müssen wieder auf Sendung, am besten, Sie nehmen sie einmal in die Mitte und ich stelle mich vor sie und Sie kommen auch mit vor", sie zieht den attraktivsten Polizisten mit nach vorn.
Die rote Lampe geht an.
"Meine Damen und Herren, Sie haben Szenen des Kampfes, des Schreckens verpasst, umso glücklicher bin ich nun, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass die Polizisten sie überwältigen konnten und nun alles Weitere in Erfahrung bringen werden, um uns allen ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen. Schalten Sie auch das nächste Mal wieder zu, wenn es heißt: Gabi Wiczerok für Sie unterwegs".
Wiczerok? Er schießt nach oben, ihm ist noch immer heiß, aber was war das für eine Stimme? Er kennt diese Stimme, hat sie schon unzählige Male gehört, aber wo nur. Eben wird die Frau im Mantel abgeführt, von drei Polizisten, sie wehrt sich nicht. "Das wollte ich nicht, das habe ich nicht gewollt.", stammelt er ihr halblaut hinterher. Die Einkaufenden verteilen sich wieder. "Was war hier los?", fragt er den Dicken, der noch immer fächelt. Er zeigt auf Fräulein Wiczerok. "Ähm, Fräulein, was war hier eigentlich los", fragt er sie, als sie gerade von der Stylistin versorgt wird. "Wir haben das für Sie geklärt, mit den Weihnachtsmännern", säuselt sie ihn an "Sie brauchen sich nun nicht mehr umbringen." "Wie heißen Sie noch mal?" "Wiczerok, Gabi Wiczerok." "Wiczerok, Wiczerok", flüstert er vor sich hin, "Wiczerok, Wiczorek! Natürlich, Frau Wiczorek! Ich habe Ihre Stimme schon unzählige Male auf dem Anrufbeantworter gehört".
"Vermutlich täuschen Sie sich."
"Nein, ich glaube nicht. Sie sind das."
Der Dicke hat aufgehört Luft zu fächeln, ein heulendes Kind, zieht seine Mutter an ihnen vorüber.
12
"Sie haben die Lieferungen manipuliert, Sie waren das." "Na und, wer soll Dir schon glauben? Ich mache einen Bericht über Dich und deine unordentlich eingeräumten Regale." "Nein, so etwas dürfen Sie nicht tun, Sie wissen, dass das nicht stimmt." "Ich weiß es und du weißt es, aber die Leute da draußen", dabei fährt sie mit der Hand einen imaginierten Horizont ab "die glauben, was ich ihnen sage und zeige".
"Wo haben Sie sie alle hingebracht?"
"Wohin? Ich habe sie an die Girls von den ganzen Castings verschenkt, ich habe sie fett gemacht, ich wollte raus aus diesem Loch von Schokoladenfabrik, verstehst du? Als ich mit dem Direktor geschlafen habe, hat er einen Herzanfall erlitten, ich wurde also nicht mehr gebraucht, die Firma war kaputt. Die Mädchen von den Castings haben alle Weihnachtsmänner aufgegessen, Du glaubst gar nicht wie fett die geworden sind! Tja. Und so habe ich die Stelle: Schnellste und hübscheste Berichterstatterin weltweit, bekommen." "Aber...aber", er ist stark verwirrt, "warum decken denn dann die anderen Modelgirls das nicht auf? Man kann doch kaum noch auf die Strasse ohne in Rotze auszurutschen, so sehr weinen die lieben Kleinen." "Die sind zu fett geworden, die trauen sich nicht mehr raus." Dabei beginnt sie bitterböse zu lachen, so dass ihm ganz schlecht wird.
"Verstehe. Und die Frau in dem Mantel?"
"Ach, die bleibt wohl Weihnachten über im Knast, aber wen stört das schon?" "Das wird das traurigste Weihnachten, das ich je erlebt habe." "Ach was, du empfängst doch meinen Kanal!"





Eingereicht am 19. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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