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Weihnachten - ein Fest der Liebe

© Irmela Nau


Johann stapfte missmutig durch den tiefen Schnee. Sein Ziel war ein kleines Dorf, das vor ihm lag. Es dämmerte schon längst und er konnte sehen, wie langsam Kerzen in den Fenstern entzündet wurden und einen warmen Glanz verbreiteten. Doch irgendwie ärgerte ihn das nur noch mehr. Was für eine blöde Idee ausgerechnet heute hierher zu kommen. Noch dazu in seinem Zustand.
Die letzten drei Jahre waren für ihn die reinste Hölle gewesen, denn er hatte einer Frau, die ihm ihre ganze Liebe schenken wollte, so sehr vor den Kopf gestoßen, dass sie ihm von da an aus dem Weg gegangen war. Doch er hatte schon in dem Moment in dem er sie abgewiesen hatte gewusst, was er verlor. Nur sein dummer Stolz hatte ihn davon abgehalten, seinen Fehler direkt wieder gutzumachen. Immer wieder versuchte er sich damit zu rechtfertigen, dass er ja schließlich verheiratet wäre, aber gleichzeitig wusste er, dass das nur eine Ausrede war, denn seine Ehe bestand nur noch auf dem Papier. Und er hielt sie aufrecht um der Kinder Willen. Doch seit jenem verhängnisvollen Tag hatte er sich verändert. War immer übellauniger und unleidlicher geworden, so dass seine Frau es nicht mehr ertragen konnte und mit ihren Kindern gegangen war. Die Scheidung war vor knapp zwei Monaten ausgesprochen worden, doch er hatte auch schon vorher jeden freien Tag damit zugebracht sich vollaufen zu lassen, in der Hoffnung zu vergessen, was für ein Idiot er war. So auch heute. Er hatte zu hause gesessen, getrunken und es dann für eine gute Idee gehalten, wenigstens einen Fehler in seinem Leben endlich zu beheben. Und das war der Grund dafür, dass er nun zu Fuß unterwegs war. Denn er hatte seinen Wagen in einen Graben gelenkt und ihn nicht wieder frei bekommen. Er war betrunken, wütend auf sich und den Rest der Welt und ihm war kalt. Und er wusste nicht genau wo er sie finden konnte: die Frau, die er für seine Misere verantwortlich machte. Wäre sie doch nie in sein Leben getreten, dann würde es ihm bestimmt besser gehen.
Er war am Dorfeingang angekommen und fragte sich, in welche Richtung er nun gehen sollte. Allzu viele Häuser gab es hier nicht und er ging einfach die Straße entlang. Sein Blick schweifte umher. Durch die Zwischenräume eines Naturholz- Zaunes schimmerte die gelbe Farbe eines Wagens und Johann trat näher heran. Es war eindeutig ihr Wagen, der dort stand. Er ging den Zaun entlang zur Hofeinfahrt und starrte auf das Auto und dann auf das Haus, das vor ihm lag.
Es gab zwei Haustüren. Die Fenster auf der linken Seite waren dunkel, aber zwei Fenster auf der rechten Seite wurden durch eine Lichterkette erleuchtet. An der Tür hing ein Kranz aus Tannenzweigen und alles sah warm und einladend aus. Doch war es das auch für ihn?
Johann stand eine ganze Weile in der Einfahrt und überlegte, was er tun sollte. Hatte es denn überhaupt einen Sinn, das er hier war. Ja, zu Hause war ihm das noch als einleuchtend erschienen, aber jetzt, wo er hier stand... Vielleicht würde sie ja gar nicht mehr mit ihm reden wollen, nach allem was war. Und vielleicht war es besser, wenn er einfach wieder gehen würde. Doch in dem Moment in dem er sich umdrehen wollte, wurde die Außenlampe eingeschaltet und die Tür geöffnet. Zwei Hunde tobten nach draußen. Der kleinere der beiden blieb einen kurzen Moment stehen und rannte dann laut bellend auf Johann zu, der andere blieb stehen und stimmte in das Bellen ein.
"Muck, Mückchen", ertönte eine klare Frauenstimme aus dem Haus. "Seid ruhig, da ist doch nichts."
Doch die beiden dachten gar nicht daran, mit dem Bellen aufzuhören, schließlich stand da ein Fremder und die Frau, die zu der Stimme gehörte, trat in die Tür. Johann hielt die Luft an. Sie war es tatsächlich. Aber würde sie ihn auch erkennen?
Marta spähte in die Dunkelheit. In der Toreinfahrt stand jemand, aber sie konnte nicht erkennen wer es war. Sie rief noch einmal ihre Hündin zurück, aber die hörte auch diesmal nicht. Die Gestalt in der Einfahrt bewegte sich und diese Bewegung brachte Marta dazu, zu rufen: "Kann ich Ihnen helfen? Es ist nicht gerade das richtige Wetter, um hier draußen rumzustehen." Sie trat aus dem Haus und ging langsam durch den Schnee. Eine Antwort hatte sie noch nicht bekommen, also fragte sie erneut: "Kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen gut?"
"Aber selbstverständlich geht's mir gut", nuschelte eine Männerstimme, die Marta nur allzu vertraut war, die sie aber schon lange nicht mehr gehört hatte. Sie ging weiter auf den Mann zu und starrte ihn an.
"Das kann doch nicht wahr sein", sagte sie und schaute Johann direkt in die Augen.
Er grinste unbeholfen: "Schönen guten Abend."
"Schönen guten Abend? Das... Egal. Wenn es Dir gut geht, dann verschwinde von hier." Marta drehte sich auf dem Absatz um, schnappte sich ihre Hündin und stampfte zurück zum Haus.
"Darf ich bleiben, wenn es mir nicht gut geht?" fragte Johann leise, doch Marta hatte es gehört. Sie ging noch mal zurück.
"Du bist betrunken", stellte sie fest.
"Ja. Ich weiß. Und mein Auto liegt im Graben, ich Brauch einen Abschleppdienst, mir ist kalt und es tut mir leid." Er traute sich nicht, Marta dabei anzusehen, so hatte sie die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Und sie sah, das es ihm wirklich nicht gut ging. Er sah müde aus, hatte tiefe Ringe unter den Augen, war viel zu dünn und sah sehr traurig aus. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Das war der Mann, den sie geliebt hatte und wie sie feststellen musste, immer noch liebte. Die drei Jahre, die sie ihn zu vergessen suchte, waren erfolglos gewesen.
"Komm mit ins Haus. Es ist zu kalt hier draußen."
Marta ging zum Haus zurück und Johann folgte ihr.
Kurze Zeit später stand er unbeholfen in ihrer Stube und knetete seine Hände warm. Es war ein gemütlich eingerichteter Raum. Ein Raum, in dem man sich wohlfühlen konnte. Ein kleiner Weihnachtsbaum stand fertig geschmückt in einer Ecke, es duftete nach Vanille, Zimt und einem Braten. Marta stand am Herd.
"Setz dich doch. Du machst die Hunde nervös."
Johann setzte sich auf das Sofa. Mückchen sprang zu ihm und schaute ihn erwartungsvoll an. Gedankenverloren kraulte er sie hinter den Ohren während Muck auf seinen Füßen lag und dabei merkte er nicht, dass Marta ihn beobachtete.
Wie lange hatte sie davon geträumt? Seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Und das war schon über sechs Jahre her. Sie hatte ihre Gefühle drei Jahre vor ihm verbergen müssen, aber als sie ihm dann endlich gestanden hatte, was sie für ihn empfand hatte er sie abgewiesen und fortan so getan, als wenn es sie nicht gäbe. Doch was wollte er dann ausgerechnet am heiligen Abend hier?
Die Antwort musste noch warten. Sie trat wieder an den Herd, denn das Essen war fertig. Marta nahm Teller und Besteck und begann den Tisch vor Johann zu decken. Sie stellte Weingläser dazu und drückte ihrem unerwarteten Gast eine Flasche Wein und einen Korkenzieher in die Hand. Dann eilte sie geschäftig hin und her und trug das Essen auf.
Als sie sich endlich setzte, meinte sie nur: " Ich hoffe, es reicht. Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet."
Johann guckte verwirrt auf und begriff erst jetzt, das er immer noch die geschlossene Weinflasche in der Hand hielt. Er beeilte sich, sie zu öffnen und schenkte ein, während Marta ihm Klöße, Rosenkohl und Braten auftat.
"Womit hab ich das bloß verdient"" fragte Johann bedrückt.
"Gar nicht. Aber du bist da und nur das zählt. Jetzt iss erst mal, reden können wir später."
Sie aßen schweigend, im Hintergrund lief leise Weihnachtsmusik. Als sie fertig waren, half Johann beim Tisch abräumen und als sie wieder nebeneinander auf dem Sofa saßen, fragte Marta:
"Warum bist du gekommen? Ausgerechnet heute?"
"Es ist Weihnachten", murmelte Johann. "Zeit des Verzeihens und der Vergebung. Wann hätte ich wohl sonst eine Chance, dass du mir verzeihst?"
"Ich habe Dir nichts zu verzeihen." Marta schaute ihm fest in die Augen. "Zu lieben bedeutet auch, den anderen so zu nehmen wie er ist und du konntest damals nicht anders. Aber ich habe nie aufgehört Dich zu lieben, auch wenn du es so wolltest und mir gesagt hast, ich solle mir das aus dem Kopf schlagen. Dafür hätte ich mir den Kopf aber abschlagen müssen." Sie lächelte. "Das wäre doch ein bisschen übertrieben gewesen. Ich wusste ja, das du eines Tages den Weg zu mir finden würdest."
"Dann wusstest du mehr als ich", staunte Johann.
"Das war schon immer so", lächelte sie geheimnisvoll.
Sie redeten viele Stunden darüber, was bei ihrem letzten Gespräch schief gelaufen war und über die letzten drei Jahre. Was sich alles so in ihrem Leben ereignet und verändert hatte. Doch irgendwann sagte Marta:
"Jetzt küss mich endlich. Darauf warte ich schon über drei Jahre."
"Wieso?"
"Das erzähl ich Dir später."
...
So wurde dieses Weihnachten wirklich ein Fest der Liebe.


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Eingereicht am 25. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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