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Schotter

© Hans-Jörg von Büren


Das Restaurant Aurora gibt es nur mehr in alten Telefonbüchern. Da wo Anna ihren Hackbraten aufschnitt, wird jetzt roher Fisch angerichtet. Das scheint es auch nicht zu bringen. Der Sushi Corner, wie das Lokal jetzt heißt, bleibt meistens leer, trotz bester Lage gegenüber dem Quartierbahnhof. Pech für die Betreiber, kein Trost für Annas Gäste, vor allem die vom runden Tisch.
Hier verbrachte den Tag, wer im nahen Obdachlosenheim genächtigt hatte. Es waren meist Männer in der zweiten Hälfte ihres missglückten Lebens. Niemand wusste, was ihnen zugestoßen war oder was sie angestellt hatten; niemand brauchte es zu wissen. Von Vergangenem mochten sie nicht sprechen. Ihre oft lauten Dispute entfachten sich an Fragen wie dem Bremsweg eines Supertankers (in die Runde geworfen von einem, der zur See gefahren war) oder dem Ausgang des Kampfes zwischen einem Grizzly und einem Taigatiger.
Einer von ihnen war Moritz, der Fremdenlegionär. Mit seiner Baskenmütze und dem zu einem schmalen Bürstchen gestutzten Schnurrbart glich er Figuren aus Pagnol-Filmen. Er legte denn auch Wert darauf, Maurice genannt zu werden, und seine Zigaretten waren gelb. An John Silver wiederum erinnerte Leo mit seiner aus dem Leim fallenden Holzkrücke. Er war einer der Ältesten in der Runde und völlig kahl. Drinnen wie draußen trug er einen bis zu den Knöcheln reichenden, vermutlich aus Beständen der Zarenarmee stammenden grauen Mantel mit riesigen, in Kniehöhe aufgenähten Taschen.
Die müssen es Moritz angetan haben. Eines Tages stand er unvermittelt auf, verließ das Lokal, kehrte nach zehn Minuten zurück. In der fleckigen Provianttasche aus seiner Legionärszeit, die er en bandoulière trug, waren Steine, die er in den Rabatten um die Bäumchen auf dem Bahnhofsplatz aufgelesen hatte und die er nun sachte in Leos Manteltaschen gleiten ließ. Das konnte er unbemerkt tun, da der Mantel neben dem Stuhl den Boden wischte. Erst als er sich erheben wollte, fühlte Leo das Gewicht. Beim ersten Mal machte er gute Miene zum fiesen Spiel, schon beim zweiten jedoch fand er es nicht mehr lustig, und als die Steine eines Tages von Hundekot rochen, hätte er den Legionär mit seiner Krücke fast erschlagen. Der ließ es denn auch eine Weile bleiben.
An einem Abend im November - ich war gerade mit der S-Bahn angekommen und auf dem Weg nach Hause - sah ich in einem Fenster des Restaurants ein Flackern. Neugierig trat ich ein. Um den runden Tisch war die ganze Truppe versammelt; auch zwei Frauen mit strähnigen Haaren waren dabei. Zwischen den Gläsern und Aschenbechern brannten Kerzen. Was denn los sei, fragte ich. Man kannte mich, da ich oft am Nebentisch saß und mit dem einen oder anderen ins Gespräch gekommen war. Aber keiner antwortete. "Der Moritz ist tot", sagte endlich eine der Frauen, tonlos und über die Schulter. Mehr wollte auch sie nicht sagen.
Stückchenweise, mal aus kurzen Zeitungsnotizen, mal von der Kellnerin, mal von einem der Kumpane erfuhr ich in den nächsten Tagen, was geschehen war oder wie es geschehen sein musste.
Es war ein trüber Morgen gewesen; auch am runden Tisch wollte keine Stimmung aufkommen. Moritz hatte versucht, Leo anzufrotzeln, war aber auf eisiges Schweigen geprallt. Da besann er sich früherer Belustigungen. Er erhob sich unauffällig, als wollte er zur Toilette gehen, ging auf den Bahnhofsplatz hinaus und begann, in den Rabatten nach Steinen zu suchen. Aber da waren keine mehr, oder sie waren verschissen und bepinkelt. Was tun? Kurz entschlossen lief Moritz zum Bahnhof und die Treppen hinunter zu den Bahnsteigen. Noch ein Sprung auf die Gleise - ah! Zwischen den Schienen und Schwellen lagen, sauber und in handliche Größe gebrochen, Steine für Hunderte von Leo-Taschen. Aus dem Tunnel, der unmittelbar in den Bahnhof mündet, schoss der Euro City Mailand-Frankfurt.
Mir war aufgefallen, dass mein Lokalzug nicht am gewohnten Bahnsteig hielt. Nebenan waren Bahnarbeiter oder Feuerwehrmänner mit dem Aufrollen von Wasserschläuchen beschäftigt.
Dass Moritz des Schotters wegen die Gleise betreten habe, blieb allerdings nicht unbestritten. Einige meinten, so blöd könne er gar nicht gewesen sein. Der habe doch einfach genug gehabt und Schluss machen wollen. Die Rede war von einer Erbschaft, die ihm vorenthalten worden sei, aus welchen Gründen immer. Anderseits versicherte einer, der an dem Vormittag auf einer Bank am Bahnsteig gesessen hatte, weil er kein Geld für den Stammtisch hatte und bei Anna bereits in der Kreide stand, er habe Moritz gesehen, wie er sich nach den Steinen bückte. So hatte die Runde ein neues Thema. Auch dieses erschöpfte sich. "Schluss jetzt", sprach Leo eines Tages, "tot ist tot."
Am Heiligen Abend jedoch brannten wieder Kerzen. In der Mitte des runden Tisches lag die Schachtel Gitanes, die Moritz an jenem Tag zurückgelassen hatte, und einer hatte eine Postkarte mitgebracht, die ihm Moritz von irgendwo in Afrika gesandt hatte und die diesen in Legionärsuniform zeigte, mit einer schwarzen Schönheit an seiner Seite. "Der Schuft!" sagte eine der beiden Frauen nach einem Blick auf das Datum. "Mir hat er an dem Neujahr einen Liebesbrief geschrieben." Die andere lächelte. "Mir auch. Aber was soll’s?" Sie umarmten sich. Es war ein inniger Abend, bis einer rief, jetzt müssten sie aufbrechen, sonst verpassten sie das Weihnachtsessen der Heilsarmee. "Nichts da!" rief ein anderer. "Jetzt bleiben wir hier und trinken noch eins auf den Moritz." Zu seinem Nachbarn: "Dort gibt’s auch kein Bier."


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Eingereicht am 11. November 2006.
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