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Das Englein Silberstaub (und der ungewöhnliche Wunschzettel)

© Artur Christian Kopp


Fröhlich saß das Englein mit dem wohlklingenden Namen Silberstaub auf der Treppe vor der großen Himmelswerkstatt und sang ein Weihnachtslied:
"Mor-gen Kin-der wirds was ge-ben, mor-gen wer-den wir uns freun..."
Silberstaub sang immer während seiner Mittagspause. Die anderen Engel lümmelten auf den samtweichen Wölkchen herum oder sie verbrachten ihre Pause mit ausgelassenen Spielen. Silberstaub aber sang am liebsten, denn er war eigentlich ein sehr fröhlicher Engel. So fröhlich, dass er alle mit seiner sprichwörtlichen Fröhlichkeit förmlich ansteckte und spätestens zehn Minuten vor dem Ende der Mittagspause sang auch der noch so faulste Engel bei Silberstaubs Liedern mit.
Doch schon erklang das Glöckchen und alle wussten, die Pause war vorüber. Die Arbeit in der Himmelswerkstatt ging weiter. Alle machten sich wieder an ihre Aufgaben, auch Silberstaub. Die Engelchen stellten Weihnachtsgeschenke für die Kinder auf der Erde her. Jeder einzelne von ihnen hatte seinen eigenen Bereich. Der Mohrenengel zum Beispiel machte die Schokolade, der Tschu-Tschu-Engel stellte ganze Züge von Eisenbahnwaggons her. Der Nuss- und Zimt-Engel war für das Plätzchenbacken zuständig und der Lieder-Engel bastelte Spieluhren, und so weiter...
Überall wurde gehämmert, geleimt, geklopft und gebacken. Und seit ein paar Jahren gab es sogar eine elektronische Abteilung, in der Computer, Handys, Spielekonsolen, DVD-Player und all so ein hochtechnisches Zeug hergestellt wurde. Die Zeit machte also auch vor der Himmelswerkstatt nicht halt. Silberstaub aber war in der Poststelle eingesetzt. Das Englein war dafür verantwortlich, dass jeder Wunschzettel jedes einzelnen Kindes auch sicher auf dem Schreibtisch des Weihnachtsmannes landen würde.
Aus einem großen Schacht kamen täglich Tausende und Abertausende von Wunschzetteln auf Silberstaub zu und er musste sie alle ordnen, nach Ländern, Städten und Namen der Kinder.
Puh, das war vielleicht eine anstrengende Arbeit. Aber Silberstaub machte es gerne. War er doch sehr stolz darauf, dass er alleine dafür verantwortlich war, dass der Weihnachtsmann auch alle Briefe bekam und dass jedem Kind auf der Welt auch der richtige Wunsch erfüllt wurde.
Und der Weihnachtsmann bekam alle Briefe. Noch niemals hatte Silberstaub auch nur einen ausgelassen. Dafür bekam er auch schon mal ein ganz dickes Lob.
Ab und zu hatte Silberstaub sogar Zeit den einen oder anderen Wunschzettel zu lesen. Am Anfang war das Englein noch sehr neugierig, was sich die Kinder denn alles so wünschen würden. Es war ja kein Geheimnis. Denn Silberstaub half dann kurz vor der Abfahrt des Weihnachtsmannes auch beim Herrichten der Sachen. Aber irgendwann wurde es dann auch sehr langweilig für Silberstaub, die Briefe zu lesen. Denn in jedem Brief stand fast immer dasselbe. Alle Kinder wünschten sich je nach Alter, automatisch alles, was sie seit September im Fernsehen in der Werbung gesehen hatten:
Puppen die sprechen, Hündchen die laufen, Autos die sich hundertmal überschlagen, Roboter die mal ein Raumschiff sind und mal eben ein Roboter, Handys die Fotos machen, Computer die schreiben wenn man ihnen über das Mikrophon diktiert, alle 10.000 Artikel die es inzwischen von Harry Potter gibt und Millionen von Barbies und Fußbällen.
"Barbies und Fußbälle sind wohl das einzige Spielzeug, das niemals ausstirbt", dachte sich Silberstaub und musste lächeln. Aber mit all dem modernen Zeug konnte das Englein rein gar nichts anfangen. Und so schüttelte Silberstaub, wenn er wieder mal einen Wunschzettel gelesen hatte, nur seinen Kopf und dachte bei sich, was das noch für schöne Zeiten waren, als sich die Kinder noch Rauschgoldengel, Teddybären oder Spieluhren gewünscht hatten.
Und eines Tages, als sich Silberstaub wieder einmal so seine Gedanken darüber machte, rutsche plötzlich ganz schnell ein Brief aus dem Schacht und traf das Englein genau auf die Nase. Etwas verärgert über den frechen Brief, der es in die Nase gepiekst hatte, nahm es den Brief und öffnete ihn.
"Da bin ich aber mal gespannt, was in dir frechem Brief wohl alles so gewünscht wird, wahrscheinlich genauso freche Roboter, die anderen in die Nase pieksen...", beschimpfte Silberstaub, schon wieder sichtlich fröhlich, diesen Brief.
Doch als Silberstaub den Wunschzettel zu Ende gelesen hatte, kullerten dicke Tränen über seine Wangen hinab. Als er sich wieder etwas beruhigt hatte rief er:
"Diesen Brief muss sofort der Weihnachtsmann sehen!"
Ganz aufgeregt bat das Englein einen der anderen Engel, ihn doch kurz mal in der Poststelle zu vertreten. So eilig, als ob der Weihnachtsmann bereits hätte abreisen wollen, lief Silberstaub zu ihm.
"Na, na, na, was ist denn so eilig, mein Kind?" fragte Santa mit sanfter Stimme, als Silberstaub mit einem Ruck die Türe zu seinem Zimmer aufgerissen hatte.
"Bitte lies diesen Brief, diesen Wunschzettel, und bitte.... - schaue für mich in deinem goldenem Buch nach, wer dieses Kind ist", bat Silberstaub nervös den Weihnachtsmann.
Santa bat Silberstaub sich gemeinsam mit ihm an den großen runden Weihnachtstisch zu setzten, auf dem das ganze Jahr über vier Kerzen brannten. Das war eine große Ehre für Silberstaub, denn nur sehr wenige der Engel durften dort Platz nehmen, außer am Heiligen Abend, kurz vor der Abreise des Weihnachtsmannes.
Dann lasen Santa und Silberstaub den ganz besonderen Wunschzettel des kleinen Mädchens:
"Lieber Weihnachtsmann!!
Ich wünsche mir, dass ich nächstes Jahr an Allerheiligen das Grab von meinem Opa besuchen darf, dass ich jeden Tag 15 Minuten länger wach bleiben darf, wenn ich nächsten Tag zur Schule muss, dass ich nicht jeden Tag eine Vitamintablette nehmen muss (die schmeckt so furchtbar) ... ja vielleicht noch ein paar Süßigkeiten und ... ein Küsschen ...
und, dass es allen Menschen gut geht ... und dass sie froh und glücklich sind auf der ganzen Welt!
Danke lieber Weihnachtsmann!"
Erwartungsvoll sah Silberstaub den Weihnachtsmann an. Beiden standen Tränen in den Augen.
Solche Briefe bekamen sie wirklich nicht jeden Tag. Und dieser Brief war tatsächlich etwas ganz besonders. Dann schlug der Weihnachtsmann sein goldenes Buch auf, in das jedes Kind dieser Erde eingetragen ist. Er blätterte ziemlich lange, doch dann hatte er das Kind gefunden.
Es war ein kleines, achtjähriges Mädchen. Es war gesund, lieb und fleißig. Es lebte bei seiner Mutter und durfte alle zwei Wochen seinen Vater, der von der Mutter geschieden war, übers Wochenende besuchen.
Zwar war ihr Großvater, den sie sehr mochte, dieses Jahr gestorben worüber sie sehr traurig war, aber sonst war es ein fröhliches, gescheites Mädchen. "Ja, hat sie denn sonst keinen besonderen Wunsch?", fragte Silberstaub den Weihnachtsmann.
"Doch", antwortete er, "aber der ist sehr geheim, aber dir kann ich ihn ja sagen!"
Dann flüsterte der Weihnachtsmann den besonderen Wunsch des kleinen Mädchens in Silberstaubs Ohr. "Aber sie würde ihn niemals in den Wunschzettel schreiben, weil es ein Wunsch ist, den niemand erfüllen kann, nicht einmal ich", fügte der Weihnachtsmann hinzu.
Silberstaub verstand es und sah es auch ein. Doch ab sofort wusste das Englein, was zu tun ist. Silberstaub war sich seiner Sache ganz sicher. Fortan würde sich sein Leben gänzlich verändern. Es war zwar ein entscheidender Schritt, den er vorhatte, "Aber ein so bescheidenes Mädchen war es schließlich wert", dachte Silberstaub bei sich.
Der Weihnachtsmann wartete mit traurigem und gleichzeitig glücklichem Gesicht auf das, was ihn Silberstaub gleich fragen würde, denn er wusste ganz genau was das Englein jetzt vorhatte.
"Lieber Weihnachtsmann...", begann Silberstaub.
Doch der Weihnachtsmann ließ das Englein gar nicht erst ausreden. Es war zwar sonst nicht seine Art, aber er wollte Silberstaub all den Abschiedsschmerz ersparen, den er selbst bereits empfand. Santa wusste genau, das Englein wollte die Himmelswerkstatt verlassen. Viele Jahre waren sie treue Freunde gewesen.
"Silberstaub", begann er zu sprechen, "mein liebes Englein, ich weiß genau, wo deine neue Berufung liegt. Geh nur, das Mädchen braucht dich. Wir werden immer Freunde bleiben. Das Englein Rauschgold, dein bester Freund, wird deinen Platz in Ehren vertreten."
Plötzlich waren beide gar nicht mehr so traurig, denn sie wussten, sie waren sich einer Meinung. Nachdem Silberstaub diesen Wunschzettel gelesen hatte, wusste er ganz genau, was seine Berufung war. Und Santa wusste es auch.
Silberstaub musste einfach Schutzengel werden. Schutzengel bei diesem Mädchen.
Schutzengel war die höchste Auszeichnung, die je ein Engel von der Himmelswerkstatt bekommen konnte. Und es war Silberstaub sehr peinlich von selbst danach zu fragen, ohne auf eine Auszeichnung zu warten.
Aber weil er dieses kleine Mädchen jetzt schon sehr, sehr lieb hatte, ohne es zu kennen, musste er diesen Schritt einfach gehen.
Der Weihnachtsmann verstand Silberstaub sehr gut und beförderte ihn deshalb feierlich zum Schutzengel. Freundschaftlich legte er seinen Arm um die Schulter des Engleins und lobte es mit den Worten:
"Silberstaub, du warst eines der besten und zuverlässigsten Englein, die je in der Himmelswerkstatt für alle Kinder dieser Welt da waren, du hat deine Aufgabe stets mit vollster Zufriedenheit erfüllt, und alle Kinder werden es dir für immer danken, deshalb weiß ich auch, du wirst deine Aufgabe als Schutzengel wie kein anderer meistern. Denn, wenn ein Kind den besten Schutzengel verdient hat, dann ist es dieses kleine Mädchen!"
Sehr glücklich über diese Worte flog Schutzengel Silberstaub zur Erde hinab und beschützt fortan bis in alle Ewigkeit dieses kleine bescheidene Mädchen als ihr ganz besonderer Schutzengel.
Und immer wenn das Mädchen müde wird und Sand in ihre Augen fällt, kommt dieser nicht vom Sandmännchen, sondern es ist ein klein bisschen Silberstaub von ihrem Schutzengel.


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Eingereicht am 04. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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