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Der Weihnachtshase

© Kyra Nilsson


Ganz anders als sonst hatte Julia an diesem Morgen gar kein Problem damit, aus dem Bett zu kommen. Mit einem Satz sprang sie heraus und stürmte gleich ins Bad zum Zähneputzen. Denn heute war ein besonderer Tag- Nikolaustag! Gleich würde sie unten im Flur, in ihren Schuhen ein paar Süßigkeiten finden. Und bestimmt noch eine andere nette Kleinigkeit. Und abends dann würde Onkel Klaus kommen- als Nikolaus. Julia musste lachen, als sie sich den dicken Onkel in seinem Kostüm vorstellte. Das sah immer wieder zum Brüllen aus.
Sie spuckte schnell den Zahnputzschaum in das Waschbecken.
Was er wohl diesmal alles wieder für Sachen aus seinem Sack hervor zauberte? Julia liebte Nikolaustag. Der machte das sehnsüchtige Warten auf Weihnachten doch viel leichter.
Schnell spritzte sich Julia noch ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht und dann eilte sie die Treppe hinunter. Sofort rannte sie Richtung Flur.
"Moment, Moment, junge Dame!" rief da ihre Mutter und hielt sie an einem Zipfel ihres Schlafanzugs fest.
"Willst du dich nicht erst mal anziehen, bevor du barfüßig im Flur herumtanzt? Und das Frühstück wartet schließlich auch noch!"
"Aber..." protestierte Julia. Aber Mama schob sie erbarmungslos Richtung Küche. Beleidigt ließ es Julia mit sich geschehen. Wahrscheinlich war gar nichts im Stiefel. Sonst hätte die Mutter sich ja nicht so anstellen müssen! Pah, das war ja wirklich ein toller Nikolaus-Tag!
Unverhofft hatte sich ihre gute Laune zum Gegenteil gewendet. Das ging oft ganz schnell. Da musste irgendwer nur ein falsches Wort sagen.
Wortlos ließ sie sich in ihren Stuhl fallen und schaufelte sich ihre Cornflakes in den Mund. Immer wenn sie den Löffel mürrisch in die Milch tauchte, spritzte ein wenig davon auf die Tischdecke.
Ihre Mutter räusperte sich lautstark und zog drohend ihre Augenbrauen hoch. Daraufhin wischte Julia trotzig mit dem Ärmel über die Kleckser.
Im Gegensatz zu Julia hatte ihr kleiner Bruder hatte noch außerordentlich gute Laune. Ganz zappelig war er und sang fröhlich vor sich hin: "Heute Abend kommt der Nikolaus! Der Ni- ko- laus!" Dabei trommelte mit den Fingern einen sehr schiefen Takt auf die Tischplatte.
"Timmi, das nervt!" schimpfte Julia. "Halt den Mund und iss!"
Das stachelte ihn aber nur noch mehr an und sein Singen würde zu einem scheppernden Grölen: "Der Niiikolaus!"
Julia drehte sich nach ihrer Mutter um. Aber die stand an der Spüle und tat so, als ob sie nichts hörte- das war das Beste Mittel gegen Timmis verrückte Anfälle.
Doch dafür war Julia gerade viel zu schlecht gelaunt.
"Den Nikolaus gibt es doch gar nicht, du Doofi," sagte sie deshalb. "Das ist doch nur Onkel Klaus, der sich einen weißen Bart anklebt!"
Da klappte Timmi die Kinnlade herunter und Mama rutschte beinahe ein Teller aus der Hand.
"Stimmt doch gar nicht!" erwiderte er, aber das hörte sich nicht sehr überzeugt an.
"Na dann guck doch heute mal nach, ob der Bart echt ist!" sagte Julia und schob ihren Teller zur Seite. Irgendwie bleib ihr heute morgen jeder Bissen wie Kleber im Hals hängen.
"Als ich so klein war wie du, hab ich den ganzen Unsinn auch geglaubt," fuhr sie fort.
"Aber jetzt weiß ich es schon längst besser."
Da glitzerten Timmis Augen traurig und seine Unterlippe begann gefährlich zu beben. Hilflos sah er zu Mama.
"Verflixt noch mal, was ist denn mit dir los?" fragte die und knallte ein Glas, das sie gerade abtrocknete sehr unsanft auf die Anrichte.
Dann ging sie zu Timmi, dem schon ein Träne die Wange herabkullert. Sanft strich sie ihm über den Kopf. Das machte Julia noch zorniger:
"Na wenn's doch stimmt!" rief sie und stand so heftig auf, dass der Stuhl umfiel. Ohne ihn aufzuheben stampfte sie aus der Küche und die Treppe rauf.
Zitternd vor Wut setzte sie sich auf ihre Bettkante
"Immer bin ich die Blöde!" schimpfte sie leise vor sich hin. "Es gibt nun einmal keinen Nikolaus. Und auch kein Christkind und erst recht keinen Osterhasen. Haben Kinder denn kein Recht, die Wahrheit zu erfahren?"
"Die Wahrheit?" sagte da eine Stimme. Erschrocken drehte sich Julia um- und traute ihren Augen nicht. Auf ihrem Kopfkissen saß ein kleiner Hase- mit einer roten Zipfelmütze auf dem Kopf.
"Wer bist du denn?" fragte Julia.
"Siehste doch, der Weihnachtshase!" erwiderte der Weihnachtshase.
Julia tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
"Und ich bin Frau Holle," sagte sie und rollte genervt mit den Augen.
"Also du bist wirklich anstrengend," erwidert der Hase, "du glaubst ja an gar nichts! Soll ich dich mal kneifen, damit du auch merkst, dass ich echt bin?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, zwickte der Hase Julia in den Arm.
"Aua! Spinnst du?" schrie sie auf. "Aber eine Fata Morgana bist du wirklich nicht. Doch ein Weihnachtshase, ich weiß nicht..."
"Weißt du, die Kinder, die an den Nikolaus glauben, die lernen mich gar nicht erst kennen," erklärte der Weihnachtshase. "Mein Job ist es, solchen argwöhnischen Gören wie dir klarzumachen, dass er mehr gibt, als in den Schulbüchern geschrieben steht."
Schon wollte Julia energisch etwas einwerfen. Schließlich ließ sie sich doch nicht von irgendeinem dahergelaufenem Karnickel als "Gör" bezeichnen!
Aber der Weihnachtshase redete weiter wie ein Wasserfall:
"Ich bin nämlich persönlicher Assistenz des Nikolaus'. Denn der hat keine Lust darauf, dass ihm die Kinder, wenn sie auf seinem Schoß sitzen, an seinem weißen Bart herumzupfen, bis ihm vor Schmerz die Tränen kommen!"
"Aber heute Abend kommt doch Onkel Klaus und der hat keinen echten Bart!" warf Julia ein.
"Nein, heute Abend kommt der Nikolaus. Onkel Klaus ist krank. Und irgendwann bekommt schließlich jede Familie einmal die Gelegenheit, dass der echte Nikolaus sie beehrt. Aber jedes Jahr geht das natürlich nicht. Da hat er viel zu viel zu tun!"
Da wusste Julia gar nicht, was sie sagen sollte. Irgendwie klang das ja ganz logisch. Aber sollte sie einem Kaninchen mit Zipfelmütze wirklich glauben? Zweifelnd musterte sie den ungewöhnlichen Gast. Er sah schon wirklich aus wie ein echter Weihnachtshase, das musste sie ihm lassen!
"Bist du denn mit dem Osterhasen verwandt?" fragte Julia. Wenn der Hase bei seiner Erklärung herumdruckste, konnte Julia ihn vielleicht als Schwindler entlarven!
"Junge Dame, ich bin der Osterhase! Kurz vor Weihnachten nutze ich aber meine freie Zeit, um meinem Freund dem Nikolaus hilfreich zur Seite zu stehen. Es reicht ja bei weitem, wenn ich dann nach den Feiertagen mit dem Eiermalen anfange."
Schulterzuckend erwiderte Julia: "Meinetwegen, du hast mich überzeugt." Warum sollte er sie auch anlügen?
"Na, Nikolaus sei dank. Dann wäre hier wohl meine Arbeit erledigt. Aber ein paar Straßen weiter wartet schon der nächste Besserwisser. Weihnachtsstress ohne Ende, sage ich nur! Aber was tut man nicht alles für die Freundschaft!"
Dann erhob sich der Hase von Julias Kissen und zog sich die rote Zipfelmütze zurecht.
"Natürlich ist es nun deine Aufgabe, Timmi die Zweifel wieder zu nehmen. Aber mit dem nötigen Glauben sollte das ein Leichtes sein. Auf Wiedersehen!"
Höflich lüpfte er die Mütze, schnippte mit den Fingern und war verschwunden.
So schnell, als wäre er nie da gewesen.
Nachdenklich kratzte sich Julia am Kopf. "Weihnachtshase! Was es nicht alles gibt!" murmelte sie und ging hinunter in die Küche.
Da saßen noch immer Mama und Timmi am Tisch. Allerdings sah der Bruder schon wieder recht zufrieden aus- wahrscheinlich deswegen, da er einen Schokoladen- Nikolaus in der Hand hatte, auf dessen Kopf er gerade genüsslich herumkaute.
Keiner sagte etwas, als Julia reinkam. Aber zu ihrer Erleichterung sahen beide nicht böse aus.
"Timmi, es tut mir leid," sagte Julia, "ich wollte dich vorhin nur ein bisschen ärgern. Klar gibt es den Nikolaus!"
Mit vollem Mund antwortete der: "Sicher doch. Bin doch nicht darauf reingefallen!"
Da atmete Julia erleichtert auf.
"Na ich bin ja mal gespannt, was der Nikolaus uns heute Abend mitbringt!" sagte sie dann und brach sich ein Stück Schokolade ab.
Da sagte Mama (und hörte sich ganz und gar nicht mehr wütend an):
"Du Julia, ich hab es Timmi schon gesagt. Der Nikolaus hat vorhin angerufen. Er hat gesagt, dass er wahrscheinlich erst morgen kommt. Wahrscheinlich hat er sich in all der Hektik eine Grippe geholt!"
Julia grinste über beide Ohren. Der Weihnachtshase hatte also recht gehabt. Onkel Klaus war krank. Woher er das nur wusste?
"Ich bin mir sicher, dass der Nikolaus kommt!" sagte sie.
"Woher willst du das den wissen?" schmatzte der Bruder. Vom Schoko- Nikolaus waren nur noch die Füße übrig.
"Der Weihnachtshase war eben da und hat es mir gesagt," erklärte Julia, mit möglichst bitterernster Miene. Dann ging sie aber schnell raus.
"Muss mich umziehen," brachte sie gerade noch heraus, ehe sie draußen vor lachen losprustete.
Zurück ließ sie zwei staunende Gesichter.


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Eingereicht am 09. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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