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Weihnachten

© Ulrike Renk


Fröstelnd stand Anna auf. Eine klamme Kälte füllte das Zimmer. Sie wickelte sich fest in ihren abgetragenen Bademantel.
Es war früh am Morgen, die Welt war noch halb im Schlaf. Nebel stieg auf, als wolle der Tagesanbruch wochenlang fortdauern.
Zitternd öffnete sie den Ofen. Jeden Abend bedeckte sie sorgfältig die Glut, so dass sie am nächsten Morgen nur etwas Zunder nachlegen musste, um das Feuer wieder zum Leben zu erwecken.
Bald schon knistere es und Wärme breitete sich aus. Anna stellte den Wasserkessel auf den Ofen. In der alten Blechdose waren nur noch wenige Krümel Kaffee. Sie hoffte, dass sie ausreichen würden. Wenn Karl seinen Tag ohne dies heiße Getränk beginnen musste, war seine Laune noch schlechter als gewöhnlich. Oben erklangen seine Schritte und etwas zog sich in ihr zusammen. Furcht?
Seit vier Jahren waren sie nun verheiratet. Karl und Anna. Hatte sie ihn wirklich jemals geliebt? Wusste sie überhaupt was Liebe war? Wusste er es? Er war ihr Rettungsanker gewesen in der harten Zeit nach dem Tod der Mutter. Hatte die Lücken gefüllt, die sie hinterließ und Anna über die Lieblosigkeit des Vaters hinweggeholfen. Nicht durch wahre Liebe. Nein, eher durch Anteilnahme und einfach deshalb, weil er da war. Reichte das aus?
Anna senkte den Kopf, als Karl in die Stube trat. Mürrisch nahm er die von ihr gereichte Tasse entgegen.
"Der Kaffee ist etwas dünn. Es tut mir leid. Ich muß neue Bohnen kaufen."
"Hmmm."
Karl trank ohne sich hinzusetzen. Das tat er nie. Er sprach auch nicht viel. Früher hatten sie sich wenigsten noch unterhalten, aber nun schien auch das nicht mehr möglich zu sein.
Er sah sie an, zweifelnd, überlegend. Dann kramte er in seiner Hosentasche, als suche er dort nach passenden Worten. Stattdessen zog er aber nur ein paar zerknitterte Geldscheine heraus, die er auf den Tisch fallen ließ.
Er nickte ihr zu, drehte sich um und ging. Anna starrte ihm hinterher, versteinert, wie erfroren.
Morgen war Weihnachten. Dann würde er nicht arbeiten müssen. Sie würden den ganzen Tag miteinander verbringen, schweigend, sich umkreisend. Ein furchtbarer Gedanke.
Weihnachten, das Fest der Liebe.
Anna dachte an längst vergangene Feste zurück. Obwohl nie viel Geld da gewesen war, hatte ihre Mutter aus diesen Tagen immer etwas Besonderes gemacht.
Es waren Tage voller Licht und Wärme. Tatsächlich ein Fest der Liebe.
Anna ließ ihren Kopf in ihre Hände sinken, spürte heiße Tränen in sich hochsteigen. Liebe. Ist es das, was Männer und Frauen in unerfüllter Sehnsucht einander in die Arme treibt? Liebe, dieses eine Wort, das nichts aussagt und doch alles bedeutet.
Unruhig rieb sie sich die Tränen in die Wangen und stand auf. Sie blickte zu den Geldscheinen, die auf dem Tisch lagen.
Sie könnte einkaufen gehen. Sie könnte die Leere in ihrem Leben mit Dingen füllen. Ganz tief in sich wusste sie, dass sie sich mit diesem Gedanken betrog. Dinge konnten das Haus füllen, aber keine Löcher in ihrer Seele stopfen. Schnell, zu schnell, drängte sie das zur Seite.
Die Stadt war hell erleuchtet. In den Schaufenster stapelten sich Kostbarkeiten, die Anna zuriefen: Kauf mich!
Zögernd schlich sie an den Geschäften vorbei. Stundenlang. Hin und wieder betrat sie einen Laden, streichelte mit den Fingerspitzen über teure Stoffe, glatte, glänzende Dinge. Nahm dies oder jenes in die Hand. Das ein oder andere ließ sie sich einpacken.
Schließlich war sie mit Taschen beladen. Sie wusste, sie sollte nach Hause gehen, das Haus schmücken, ein Festmahl kochen. Irgendetwas hielt sie davon ab. Selbst wenn die Heizung lief und der Ofen brannte blieb es kalt. Sie wollte und konnte nicht in die Kälte zurückkehren.
Ohne nachzudenken wanderte sie durch die Straßen. Plötzlich stand sie vor einer alten Kirche. Wie war sie hierher gekommen? Es war nicht die Kirche, die sie mit ihren Eltern besucht hatte. Seit dem Tod ihrer Mutter war sie nicht mehr dort gewesen. Kein Gotteshaus hatte sie seitdem betreten. Der Sinn war ihr verloren gegangen, begraben mit ihrer Mutter.
Etwas zog sie in dieses alte, kleine Gebäude. Sie trat durch die Tür, kalte Luft, wohlmöglich noch kälter aus draußen, schlug ihr entgegen. So kalt, das Anna meinte sie berühren zu können.
Die Bänke waren alt und schrundig. Nur ein paar Kerzen flackerten in der Dunkelheit, schafften es kaum kleine Inseln des Lichts zu werfen. Der Altar zeugte in seiner Schlichtheit von mehr gelebten Glauben als es protzige und prunkvolle andere je können würden.
Die Bank, auf die Anna sich setzte, knarrte leise unter ihr. Ansonsten war kein Geräusch zu hören. Quälende Unsicherheit machte sich in ihr breit. Was tat sie hier? Was suchte sie? Hier würde sie sicher keine Antworten auf ihre Fragen finden.
Gott hilf mir jetzt, hilf mir.
Langsam senkte sich die Stille über sie und ihre Unruhe nahm ab.
Sie wusste nicht, wie lange sie so da gesessen hatte, als sich plötzlich ein kleines Kind neben sie setzte. Die Tür war nicht zu geschlagen, sie hatte es nicht kommen hören. Auch knarrte die Bank nicht, als es sich niederließ.
Auf einmal fror Anna nicht mehr.
Was machst du hier? wollte sie fragen. Ganz alleine und so spät.
In einer Kirche.
Die Fragen formten sich in ihren Kopf, sie öffnete den Mund, aber es kamen keine Töne.
"Freust du dich auf Morgen?" Die Stimme des Kindes schwebte durch den hohen Raum.
Anna lauschte den Worten hinterher, versuchte ihnen einen Sinn zu geben.
"Nein, ich freue mich nicht." Die Antwort war so ehrlich, dass es sie überraschte.
"Warum nicht? Weihnachten. Jesus ist geboren."
"Ja, das wird gefeiert. Doch was hat das mit mir zu tun? Nichts."
"Oh doch." Das Kind sprach mit einer tiefen Sicherheit.
"In meines Herzens Grunde, dein Nam' und Kreuz allein funkelt all Zeit und Stunde, drauf kann ich fröhlich sein." Die hohe und klare Stimme des Kindes füllte mit ihrem Gesang den hohen Raum. Nun drehte es sich zu Anna und sah ihr in die Augen.
"Er ist auch für dich geboren worden, er ist auch für dich gestorben."
"Ach, nein. Das glaube ich nicht. Warum für mich? Was bin ich für ihn?" Anna spürte, wie traurig sie bei ihren Worten wurde.
"Für uns alle. Er hat für uns gelebt, er für uns sein Leben gegeben."
"Nun, für mich war das vergebene Mühe."
"Warum sagst du so was? Wie willst du das wissen. Gott liebt alle seine Kinder. Dich auch."
"Gott liebt mich." Anna lachte, ein bitteres, kleines Schnauben.
"Liebe," fuhr sie fort. "Liebe, was ist das?"
"Das weißt du nicht?" Die Augen des Kindes leuchteten in der Dunkelheit.
"Nein."
"Aber sie ist doch auch in dir." Das Kind nahm Annas Hand. Die warme Berührung tat ihr wohl.
"Ich kann es fühlen. Liebe ist in dir. Du hast sie nur versteckt. In eine dunkle Ecke. Genau wie dein Mann."
Anna fragte nicht, woher das Kind das wusste. Es war einfach so.
"Aber," sie zögerte, kaute auf den Worten herum. "Aber ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt. Zu lieben, geliebt zu werden."
Das Kind lachte, es klang wie ein kleines Glöckchen.
"Doch das weißt du. Gott liebt dich. Er nimmt dich an, so wie du bist. Ohne wenn und aber. Er braucht auch deine Liebe, und er ist sicher traurig, dass du sie versteckst. So ähnlich ist das mit deinem Mann auch."
Es stand auf, ließ Annas Hand los. Die Wärme blieb, breitete sich in ihr aus.
"Dein Wille gescheh, Herr Gott zugleich auf Erden wie im Himmelreich. Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid. Wehr und steur allem Fleisch und Blut, das wieder deinem Willen tut." Der Choral erhob sich über sie, schien die kleine Kirche zu erleuchten.
Anna schloss die Augen und lauschte den Tönen hinterher. Sie war nicht erstaunt, dass das Kind verschwunden war, als sie die Augen wieder öffnete. Die Worte des Kindes drangen in sie ein und sie spürte die Wahrheit dahinter.
Anna fühlte in ihre Seele, in ihr Herz. Gott liebt mich. Ja, das tut er.
Sie stand auf und ging nach Hause. Es war tiefste Nacht. Über ihr zitterten die Sterne. Als sie die Tür aufschloss, kam ihr ein Schwall warmer Luft entgegen. Karl saß zusammengesunken in seinem Sessel. Er hob den Blick und sah sie fragend an.
"Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich dachte, du wärst gegangen."
Anna nickte.
"Ich war in der Stadt. Ich habe etwas gesucht und es auch gefunden. Etwas, was man nicht kaufen kann. Etwas, was ich schon hatte, ich wusste es nur nicht." Plötzlich lachte sie befreit.
"Ich liebe dich!"
Das hatte sie noch nie zu ihm gesagt. Nie. Doch die Worte kamen leicht heraus, leichter als alles sonst. Als hätte sie sie oft genug gewälzt und gewaschen im Meer ihrer Gedanken, so dass sie nun all Ecken und Kanten verloren hatten. Abgeschliffen wie Kiesel, trotz ihres Gewichts.
"Ich liebe dich auch." Seine Stimme klang rau. Er stand auf und nahm sie in den Arm, dann küsste er sie behutsam.
"Es ist Weihnachten, lass uns feiern."


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Eingereicht am 12. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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