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Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

Ein ungewöhnlicher Besuch

© Oliver Fahn


Als ich am 24. Dezember allein in der Stille vor meinem geschmückten Christbaum stand, merkte ich, dass mich die Melancholie übermannte. Die Kugeln glänzten im Licht der Kerzen und warfen ihre Schatten auf die hellblauen Vorhänge. Niemand war zu mir gekommen, um mit mir gemeinsam zu feiern.
Opa Helmut starb letztes Frühjahr, meine Verflossene Corinna wollte nichts mehr von den weihnachtlichen Bräuchen wissen, zumindest, solange diese in Verbindung mit mir standen. Aber ich hoffte auf Uwe, meinen besten Freund, bei dem ich während seiner schweren Krebserkrankung täglich am Krankenbett saß, doch auch er fand scheinbar bessere Gesellschaft
Auf meinem Wohnzimmertisch stand eine Flasche Rotwein, die mir Uwe aus seinem Toskanaurlaub mitgebracht hatte. Ich nahm ein gut gefülltes Glas des edlen, gehaltvollen Tropfens. Es betäubte meine Enttäuschung und versöhnte mich mit Uwe.
Das Zweite stieß ich gedanklich mit Corinna an und ich stellte mir vor, wie sich ihr Leben wohl jetzt gestaltete mit einem reichen Mann an ihrer Seite und seinen zwei kleinen Kindern, ob sie noch von mir träumte oder die einstige Schwärmerei von meiner einfühlsamen, verständnisvollen Art endgültig der Vergangenheit angehörte. Ich empfand tiefen Zorn in mir, dass sie mich offensichtlich aus materiellen Beweggründen verlassen hatte. Das war ein Zeichen, dass mir Corinna mehr bedeutete, als mir lieb war.
Nach dem dritten Glas legte sich der Kummer über meinen einfachen Job, mit dem Corinna nicht mehr zurechtkam, als ihr Martin das süße Leben zeigte. Darauf eingestellt, dass ich den Abend allein verbringen würde, schellte es an meiner Haustüre. Wer wollte mich aus meiner Einsamkeit retten?
Ein großer, betagter Mann mit weißem Bart und gnädigem Blick stand vor mir. Er sagte, dass er der Weihnachtsmann sei. Ich musste ihm glauben, da er mir zuvor immer davongeflogen war, ehe ich ihn erspähen konnte. Selbstverständlich bat ich ihn in mein Wohnzimmer und bot ihm Stollen und Nüsse an, er bediente sich lächelnd daran. Der Weihnachtsmann interessierte sich für meinen verstorbenen Großvater, er hatte ihn damals besucht, als Oma Helena ihr Zeitliches segnete.
Großvater verschwieg sein Geheimnis vom Weihnachtsmann beharrlich. Der gütige Mann, der sich mittlerweile großzügig auf dem Kanapee ausgebreitet hatte, erzählte mir, dass er nur zu Menschen in Not käme, aber darauf bedacht sei, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Während er an einem Schokokeks kaute, erwähnte er die Selbstverständlichkeit der Diskretion bei unserer Zusammenarbeit.
Wie schlecht musste es eigentlich um mich stehen, dass er ausgerechnet den Weg zu Paul Gärtner in der Grabengasse 17 fand? Er bestätigte mir, dass er von meinem Großvater einen Brief erhalten hatte, der sorgenvolle Zeilen über meinen Zustand enthielt. Der Weihnachtsmann unterhielt schriftlichen Kontakt zu meinen Opa.
Großvater lag am Herzen, dass ich mich von den Fehlern, die er damals beging, fernhielt. Der Weihnachtsmann beruhigte mich in Bezug auf meinen gesundheitlichen Zustand und sagte mir, dass er in diese Richtung nichts unternehmen brauche und dass dies auch gar nicht in Großvaters Sinn wäre.
Die große dickbäuchige Gestalt sah so fröhlich drein, dass ich wirklich daran zu glauben begann, dass Schenken Glück bringe. Er hatte nach meiner Einschätzung mindestens achtzig Lenze auf dem Buckel, aber die Falten in seinem Gesicht waren eindeutig Spuren seines erfüllten Lachens.
Der Weihnachtsmann berichtete mir, dass Großvater das Ende der Beziehung zu Corinna längst vorausgesehen habe. Immer wieder blickte er mit seinen großen, blauen Augen auf den Zettel, den er in seinen riesigen Händen hielt. Ich hätte Corinna nicht behandelt, wie es einer Geliebten würdig wäre, sondern ständig nur meine Gedanken um die eigenen Wünsche kreisen lassen.
Ja, seine Kritik stimmte. Ich scherte mich wenig um Corinnas Schmerz während ihre Mutter sich ihr Leben nahm. Corinna war einfach da, nichts Besonderes, eine Alltagssituation wie Essen und Trinken. Ich brauchte sie, wie die Luft zum Atmen, beachtete sie aber ebenso wenig.
Der Weihnachtsmann rügte meine Einstellung gegenüber Martin. Wenn ich Corinna noch liebte, dann solle ich sie freigeben, denn Martin habe zwar genügend Geld, um eine Familie mit allem erdenklichen Luxus auszustatten, allerdings habe er auch den Großmut, um ein Haus mit seinem Verständnis und Zuneigung zu erfüllen.
Der liebe Mann, der sich zu mir selbst eingeladen hatte, kniete nun vor mir nieder und hielt ein rotes Päckchen mit grüner Schleife vor seine mächtige Brust. Es schien leicht zu sein, da seine Gesichtszüge dabei sehr locker wirkten. Er wies mich daraufhin, dass Uwe in der Freude der überwundenen schweren Krankheit nicht durch solch negative Strömungen vereinnahmt werden wolle.
Er sagte, dass Uwe intuitiv die richtige Entscheidung getroffen habe, wenn er solchen Pessimismus ablehne. Langsam öffnete ich das Päckchen mit dem Gewicht einer Feder. Ich musste lange nach dem Inhalt suchen, dachte bereits daran, leer auszugehen. Dann erblickte ich ein goldenes Blatt.
Der Weihnachtsmann strahlte und deutete auf die Vorderseite, darauf erschienen schwarze, schöne Buchstaben. Es war nur ein Wort, das mir im künftigen Leben Zufriedenheit bringen sollte, was Großvater in seinem Dasein allzu oft vernachlässigt hatte und mir Unheil und Einsamkeit brachte.
"Unbeschwertheit!", las mir der weise Weihnachtsmann vor, das sei der Schlüssel zur Gesellschaft und dem Glück, das ich so mit meiner Umgebung teilen könne.
Der Weihnachtsmann verabschiedete sich von mir, er war bereits viel länger geblieben, als sein straffer Zeitplan zuließ und hoffte, dass ich in Zukunft auf eigenen Beinen stehen könne.


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Eingereicht am 15. Dezember 2006.
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