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Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

Tanz auf dem Eis

© Mara Jo


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Der Himmel war von winterlichem Grau. Er lag wie ein Leichentuch über der Landschaft. Bald würde es schneien und der Schnee würde die Geräusche ebenso dämpfen wie die Farben der bunten Anoraks, Mützen, Schals und Handschuhe der Eisläufer, die über die künstliche Eisbahn auf dem Marktplatz ihre Runden und Pirouetten drehten.
Emma saß wie jeden Tag auf einer Bank unweit des fröhlichen Treibens und blickte abwechselnd sehnsuchtsvoll und resigniert zu den lachenden, kreischenden und unbekümmerten Menschen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die teils alleine, teils in langen Ketten und manchmal als Paare über die spiegelglatte Fläche flitzten. Weihnachtsmusik klang aus den Lautsprechern an der Balustrade der Bahn und gab dem Treiben etwas Unwirkliches, Verträumtes.
Heute war Heilig Abend und bald würde die Bahn schließen, die Menschen gingen nach Hause, um sich festlich zu kleiden, die Geschenke unter den Baum zu legen, Kerzen anzuzünden und das Festmahl gemeinsam mit der Familie einzunehmen, bevor unter lautem Hurra die Geschenke ausgepackt wurden und manchmal die Enttäuschung über ein ungewolltes Geschenk tapfer unterdrückt wurde, um die Stimmung nicht zu trüben. Aber bis dahin waren es noch einige Stunden, die Emma nicht allein sein musste - obwohl sie einsam und verlassen auf der Bank saß, abseits vom weihnachtlichen Leben.
Als Kind hatte sie sich immer Schlittschuhe gewünscht - es hätten auch gebrauchte sein können - aber ihr sehnlichster Wunsch waren eben weiße Schlittschuhe gewesen. Einmal über die spiegelblanke Fläche gleiten, es musste wie Fliegen sein: ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit. Doch ihre Mutter hatte ihr diesen Wunsch nie erfüllt, weil in jedem Jahr das Geld dazu fehlte.
Inzwischen hatte Emma den Wunsch aufgegeben - oder etwa nicht? Säße sie sonst Tag für Tag nach getaner Arbeit auf der Bank neben der Eisbahn und betrachtete die Läufer? Sie wusste es selbst schon nicht mehr. Ihr Leben war mehr und mehr aus der Bahn geraten und es war nichts als Kälte und Einsamkeit neben dem Kampf ums Überleben übrig geblieben. Sie fühlte sich unendlich müde. Die Farben vor ihren Augen vermischten sich zu bunten Wirbeln, die sich aufzulösen schienen, die Geräusche wurden mehr und mehr zu einem Rauschen und sie hatte den Eindruck, als decke der Himmel alles zu - auch sie selbst. Vielleicht sollte sie einen Schluck aus der Kornflasche nehmen, die sie mit ihren Händen umklammerte. Sie hatte noch nie Schnaps getrunken - aber heute wollte sie sich betäuben. Der Gedanke an den widerlichen Geschmack hielt sie jedoch zurück. Es wäre vielleicht besser, wenn sie erst ein wenig ausruhen würde, nur ein kleines Weilchen auf der Bank einnicken, um den Schmerz, der sich in ihrem Inneren wie eine riesige Krake ausbreitete, zu verdrängen.
Emma zog den fadenscheinigen grauen Mantel so fest es möglich war um sich, schob ihre Schlägermütze tiefer ins Gesicht und legte sich auf die Bank, so dass sie immer noch das Treiben auf der Eisbahn im Blick behalten konnte. Die Kornflasche umklammerte sie wie ein Kuscheltier mit ihren Händen und drückte sie an ihre Brust. Wenn sie einfach einschlafen würde und nie mehr aufwachen, dann wäre sie mit einem Mal nicht mehr einsam, verzagt und hilflos. Sie war zu feige für einen geplanten Selbstmord, wusste auch nicht so recht, wie sie es hätte machen sollen, aber Erfrieren sollte doch schmerzlos - unauffällig und ereignislos - ganz einfach sein. Während Emma über diesen Gedanken nachgrübelte, verfolgte sie die Eisläufer, horchte sie auf die Geräusche um sich herum, die sich zu einem Wirbel vermischten und sie allmählich einlullten.
Drehorgelmusik erschallte plötzlich und sie roch gebrannte Mandeln, Zuckerwatte und Paradiesäpfel.
"Mama!" Ein kleines Mädchen mit dunklen Zöpfen und riesigen braunen Augen hüpfte an der Hand einer jungen hübschen Frau auf und ab. "Darf ich einen Apfel - bitte!"
Die Frau beugte sich zu dem Kind und gab ihm einen Kuss: "Selbstverständlich, mein Schatz." Dann kramte sie in ihrer Manteltasche, zog eine Münze heraus und drückte sie in die kleine Hand. Dann hob sie das Mädchen auf und die Kleine bestellte selbst einen wunderschönen roten Paradiesapfel, den der Verkäufer in eine durchsichtige Plastiktüte packte und über die Theke reichte.
Anschließend wanderten die beiden Hand in Hand weiter zwischen Buden und Ständen, die gefüllt waren mit Backwaren, Bonbons, Schals und Mützen, Büchern und Spielzeug, Kerzenleuchtern und Lampen und vielem mehr. Ein Meer von Farben ergoss sich über den verschneiten Platz, über den Massen von Menschen strömten, um die letzten Weihnachtsgeschenke zu ergattern und Glühwein zu trinken oder Reibekuchen zu essen. Mutter und Kind gelangten zu der Eisbahn und die schnellen Bewegungen der Eisläufer machten das kleine Mädchen schwindelig. Es fühlte sich magisch angezogen und gleichzeitig wie aus einer scharfen Kurve hinausgedrängt.
Emma zwinkerte und starrte auf das Geschehen auf dem Marktplatz. Immer noch kreisten Unermüdliche über die kalte glatte Fläche, schlugen Riefen ins Eis und zerkratzen die spiegelnde Oberfläche. Es war genau wie an ihrem ersten Schultag. Ihre Mutter stand weinend und zitternd vor dem großen Spiegel im Badezimmer und starrte in ihr verzehrtes Gesicht. Emma stand in der Badezimmertür und beobachtete voller Angst die Frau, die ihr so vertraut und gleichzeitig so fremd wie kein anderer Mensch war, dann nahm ihre Mutter eine Nagelfeile und kratzte über die Spiegelfläche. Emma konnte sich noch genau an das unangenehme Geräusch erinnern, es quietschte und kratzte gleichzeitig. Dann erblickte die Mutter das Kind im Hintergrund, drehte sich schnell um, wischte die Tränenspuren von ihrem verquollenen Gesicht und hockte sich zu der Kleinen: "Komm, Emma. Wir müssen jetzt gehen. Es wird Zeit, dass du zur Schule gehst." Emma konnte aber immer nur auf den zerkratzten Spiegel starren, der ihr sonderbar bedrohlich erschien. So lange sie zurückdenken konnte - von ihrem ersten Schultag bis heute - blieb der Spiegel zerkratzt und verletzt im Badezimmer hängen.
Das Geräusch der scharrenden Kufen holte sie zurück in die Wirklichkeit. Jeder Schritt verletzte die Fläche, die Vollkommenheit des Eises. Nur wenn es nicht betreten wurde, blieb es unversehrt und wunderschön, aber kalt und einsam.
Die Zehen schmerzten vor Kälte, denn die dünnen Sohlen ihrer abgelaufenen Turnschuhe schützten weder vor Kälte, noch gaben sie Halt auf glattem Untergrund. Sie war oft gestolpert, ausgerutscht und gestrauchelt. Jetzt bewegte Emma die steifen Zehen und konzentrierte sich bewusst auf die Schneeflocken, die sanft vom Himmel schwebten und alles wie mit einer Puderzuckerschicht verzierten. Sie öffnete den Mund und fing mit ihrer Zunge eine Flocke auf. Sie spürte dem weichen kalten Gefühl nach, das sie auf der Zunge fühlte und wie von fern kam ihr ein Winternachmittag tief in der Vergangenheit in den Sinn.
Ein großer dunkelhaariger Mann trug sie auf seinen Schultern. Seine Haare waren nass und von einer Schneeschicht bedeckt. Sie griff mit ihren Händen in die dunkle Masse und zupfte den Mann an den Ohren. Er lachte, ein weiches, dunkles, volles Lachen. Es schien direkt aus seinem Bauch zu kommen. Emma konnte auch immer noch seine Hände spüren, die ihre Fußgelenke umklammerten, damit sie nicht von den Schultern fallen konnte. Der Mann hatte sie manchmal in den Armen gehalten und sie konnte sich an seinen Herzschlag erinnern. Plötzlich aber war er verschwunden und ihre Mutter weinte immer. Emma hatte ihren Vater nie wiedergesehen...
Dann setzte der innere Film ein. Eine kleine schmuddelige Wohnung, nur mit dem Nötigsten ausgestattet: ein schmales Bett für ihre Mutter, eine ausklappbare Couch, die abends für Emma hergerichtet wurde, eine wackelige Küchenzeile, davor ein kleiner Tisch mit zwei alten Stühlen. Irgendwo stand ein windschiefer Schrank, wo neben den wenigen Kleidern, die Emma und ihre Mutter besaßen, Schuhe, Bettwäsche, ein paar Handtücher und allerlei Krimskrams aufgehoben wurde. Der Boden war mit billigem Linoleum belegt, der immer grau und schmutzig wirkte wie eine Straße, wenn der Schnee noch nicht alles bedeckt, sondern matschig und dunkel mit dem Dreck vermischt wird. Selbst in der Erinnerung stieg Emma jetzt wieder der widerliche Geruch in die Nase, so wie immer, wenn sie das finstere Mietshaus betrat und die knarrende Treppe hinaufstieg. Es stank nach abgestandenem Essen, Schnaps und nach - Armut.
Anfangs ging ihre Mutter putzen. Dann kochte sie abends eine einfache Mahlzeit und spülte anschließend das Geschirr. Aber je älter Emma wurde, umso weniger engagierte sich die resignierte Frau für sich und ihre Tochter. Ihre Hände blieben rot und rissig, unter ihren Augen bildeten sich zunächst dunkle Ringe, die zu tiefen Augensäcken wuchsen, um ihren Mund erschien eine verbitterte Falte und ihre Haare hingen meist strähnig und ungepflegt um ihren Kopf. Sie bekam tiefe Riefen in ihr einst schönes Gesicht. Die schöne Oberfläche verlor ihren Glanz von einst und übrig blieb eine gebrochene, gefühlskalte Frau.
Dann bemühte sich Emma die kleine Wohnung einigermaßen sauber zu halten, sie hatte gelüftet und manchmal ein Raumdeo verspritzt, um den unangenehmen Geruch loszuwerden. Sie hatte immer Angst gehabt, dass sie genauso stinken könnte, wie die Räume und deshalb peinlichst darauf geachtet, sich zu waschen, ihre Kleider ans Fenster zu hängen und - wenn es die knappe Haushaltskasse zuließ - ein billiges Parfum zu benutzen.
Emma fühlte ihre Zehen nicht mehr. Es war ein gutes Gefühl, denn der Schmerz war unangenehm gewesen und diese Taubheit hatte etwas Schwereloses, fast wie Eis laufen. Emma seufzte, drückte die Flasche fester an sich und sank erneut in ihren Lebensfilm.
Die Jahre reihten sich aneinander: gleichförmig, hoffnungslos und grau - wie der Himmel an diesem Heilig Abend. Es gab keine Farben, noch nicht einmal am Weihnachtsfest. Das wenige Geld, das nach Abzug von Miete und Lebenshaltungskosten übrig blieb, versoff ihre Mutter. Manchmal stahl Emma aus der zerbeulten Blechbüchse auf der Fensterbank einen kleinen unauffälligen Betrag, damit sie sich etwas sparen konnte, um später einen kleine Anschaffung machen zu können. Weihnachten war am schlimmsten gewesen. Während andere unter einem Tannenbaum saßen, brannte auf ihrem Küchentisch eine einzelne krumme Kerze. Jeden Weihnachten spielte sich dieselbe Szene ab: nach dem Mahl aus Würstchen und Kartoffelsalat, begann die Mutter zu weinen, weil sie kein Geschenk für ihre Tochter hatte und verstieg sich in das Versprechen, dass im nächsten Jahr alles besser werden würde und Emma endlich ihre lang ersehnten Schlittschuhe bekommen sollte, die auf ihrem alljährlichen Wunschzettel standen.
Die Melodien des Drehorgelspielers, der am Rand der Eisbahn entlanglief und seine Drehorgel nach Hause schob, drangen an Emmas Ohr. Doch sie blieb in ihren Erinnerungen. Sie sah sich aus dem Haus schleichen und durch verschneite Straßen wandeln. Irgendwann lehnte sie sich gegen die Absperrung der Eisbahn, die glänzend im Mondlicht lag. Die Welt schien die Luft anzuhalten, der Himmel wölbte sich sternklar über die Stadt. In den Fenstern leuchteten die Weihnachtsbäume, Stimmen drangen durch die geschlossen Scheiben, wie durch einen Weichzeichner oder wie durch Schneegestöber. Nur das Knirschen einzelner Schritte unterbrach die Stille hier und da.
Emma blinzelte. Der Schneefall wurde stärker und die einzelnen Flocken kitzelten sie auf der Haut und der Nase. Es war fast wie ein Streicheln. Sie wickelte sich wieder enger in ihren Mantel. Andere Mütter hatten ihre Kinder in die Arme geschlossen, wenn sie zu Ferienbeginn am Schultor auf ihre Sprösslinge gewartet hatten. Emma schlich jedes Jahr mit eingezogenem Kopf allein nach Hause, gefolgt von mitleidigen Blicken, die sich in ihren Rücken zu bohren schienen und wie Säure auf der Haut brannten. Schnell war sie immer in das alte Haus gerannt, stolz das Zeugnis in einer Plastikhülle verstaut, immer in der Hoffnung, dass ihre guten Leistungen ihre Mutter so werden ließen, wie andere Mütter und in der Hoffnung, dass ihr Vater eines Tages zurückkehren und stolz auf seine Tochter sein würde, wie andere Väter. Aber ihre Hoffnung wurde nicht erfüllt. Ihre Mutter wurde krank, konnte noch nicht einmal mehr putzen gehen und Emma begann Zeitungen auszutragen, die Putzstellen ihrer Mutter zu übernehmen und die gebrochene kranke Frau zu pflegen. Jetzt wurden ihre Hände rissig und rot, ihre Augen brannten ständig vor Übermüdung, um ihren Mund erschien ein gepresster Zug und ihre starre Haltung bewahrte sie vor dem Zusammenbruch. Die Lehrer versuchten sich einzuschalten, baten um Gespräche mit der Mutter, die Emma aber immer wieder zu verhindern verstand, redeten auf Emma ein, drangen in sie Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber Emma schützte ihre Mutter und schuftete noch mehr. Sie schaffte ihren Schulabschluss mit guten Noten und kümmerte sich anschließend nur noch um das häusliche Leben, einsam und allein. Wenn sie in den zerkratzten Spiegel starrte, blickten ihr dunkle, matte Augen entgegen, die im Gegensatz zu ihrem energischen Kinn standen. Hoffnungslosigkeit mischte sich mit Kampfgeist, Hilflosigkeit mit Phantasie, Einsamkeit mit dem Gefühl gebraucht zu werden. Irgendwann schrieb sie an die einen Enden der Spiegelrisse verschiedene Worte, die ihr Leben ausmachten und auf die gegenüberliegende Seite ihre Wünsche. In der Mitte, wo sich alle Linien trafen, aber malte sie ein Paar Schlittschuhe. Schlittschuhe - dachte Emma jetzt - Schlittschuhe schmiegten sich fest und gleichzeitig weich um den Fuß, es musste so sein, denn sie gaben Halt auf der glatten Fläche, ermöglichten elegante Bewegungen, hielten Füße warm und beflügelten zu ungeahnter Geschwindigkeit. Emma glaubte, ein Paar Schlittschuhe an ihren Füßen zu spüren. Ihre Beine wurden leicht, sie fühlten sich nicht mehr kalt an, sondern schwerelos, als ob sie schwebten.
Ihr Kopf wurde leichter, während sie sah, wie ihre Mutter starb. Es war an einem warmen Sommertag, die Fenster standen weit offen, um die frische Luft hineinzulassen und den Geruch des Todes zu vertreiben. Emma hatte Blumen auf den Tisch gestellt: Gänseblümchen, Wiesenschaumkraut und einige Gräser. Ihre Mutter lag bleich in den verschwitzten Kissen, sie öffnete noch einmal die Augen, lächelte Emma zu und flüsterte: "Verzeih mir - Danke!" Dann stieß sie ein letztes Mal die Luft aus und es senkte sich eine unendliche Stille über Emma und die Tote, obwohl von draußen Kinderlachen, Frauenstimmen, die ihre Kinder ermahnten, Grillenzirpen und Vogelgezwitscher in das kleine schmuddelige Zimmer hinein drangen. Es klang wie ein buntes unechtes Rauschen. Emma war endgültig allein. Die Beerdigung verlief sang- und klanglos: Emma stand allein an der dunklen Grube, aus dem Hintergrund von einer Sozialarbeiterin beobachtet, und warf eine einzelne Rose mit dumpfem Geräusch auf den Sargdeckel, dann schlich sie nach Hause, ohne Freunde, Verwandte, ohne Leichenschmaus und Anteilnahme, kochte sich einen Tee und überlegte, wie es weitergehen sollte. Aber auf einmal war ihr Kopf leer. Sie hatte keine Phantasie mehr, keine Kraft, keine Ideen, keinen Mut. Sie machte einfach so weiter wie bisher: Sozialamt, putzen, Zeitungen austragen und existieren. Und nun wollte sie einfach schweben, wie auf einer Eisbahn leicht dahingleiten, Freiheit und Leichtigkeit fühlen, genießen, dazugehören, abheben....
Marius klopfte und rieb die kalten Hände gegeneinander. Seine Handschuhe hingen auf der Fensterbank zum Trocknen, denn er hatte in aller Frühe bereits die Straße gefegt und Schnee geschoben, der in der Nacht sehr stark gefallen war. Er wollte zunächst zu Frau Müller, um ihren Einkaufszettel zu holen und ihre letzten Weihnachtserledigungen zu übernehmen. Schmunzelnd betrat Marius den kleinen Flur, der zu einem gemütlichen Wohnzimmer führte, das mit zahlreichen Sesseln, die mit Deckchen verziert waren, voll gestopft war. Auf der Fensterbank blühte ein prächtiger roter Weihnachtsstern und in einer Ecke stand die geputzte Weihnachtstanne. Frau Müller zog den großen dunkelhaarigen jungen Mann in ihre Arme: "Guten Morgen, mein Junge. Schön, dass Du für mich einkaufen gehst. Ich bin so froh, dass ich bei diesem Wetter nicht mehr vor die Türe muss."
"Guten Morgen, Frau Müller. Es ist herrlich frisch draußen. Aber es gibt bestimmt noch mehr Schnee, es riecht so und der Himmel sieht ganz danach aus."
"Dann lauf schnell los, damit Du auch bald wieder ins Warme kommst." Mit einem aufmunternden Klaps auf den Arm, drückte sie ihm die Einkaufsliste zusammen mit einem Korb in die Hand und schob ihn ins Freie.
Marius studierte den Zettel und machte sich auf den Weg. Überall waren Frauen, mit Einkaufstaschen und Körben beladen, unterwegs, zahlreiche Kinder trödelten hinterher, immer wieder Schneebälle formend und werfend. Männer schoben Schnee vor den Eingängen und Verkäufer versuchten mit besonders guten Angeboten die letzten Weihnachtsartikel zu verkaufen. Es herrschte ein erwartungsvolles Treiben in den schmalen Gassen der kleinen Stadt. Immer wieder musste Marius stehen bleiben, um ein paar Worte zu wechseln oder einen Gruß zu erwidern. Er genoss die fröhlichen Gesichter, stellte sich vor, was die einzelnen Kinder sich wohl gewünscht haben könnten und schlenderte in Ruhe an den Auslagen der Geschäfte vorbei. Ein Blick zum Himmel bestätigte ihm seine Annahme, dass es bald schneien würde. Das Grau wurde dunkler und die Wolken wirkten schwerer. Hoffentlich gab es Pappschnee, damit er am nächsten Morgen den versprochenen Schneemann mit seinem kleinen Nachbarn, Tom, bauen konnte. Pfeifend setzte Marius seinen Weg fort und betrat schließlich zum Schluss die Bäckerei. Süße Düfte hüllten die Käufer ein, Zimt, Anis und Vanille wetteiferten mit Koriander und Mandelduft. Marius wäre am liebsten in die Backstube gelaufen und hätte sich an den Gerüchen ‚satt gerochen'. Stattdessen beobachtete er die Frauen und Männer, die Christstollen abholten, Brötchen und Streuselkuchen auswählten, Teilchen und Plätzchen einpacken ließen, während der neueste Stadtklatsch ausgetauscht wurde. Lebhafte Unterhaltung untermalte die Verkaufsgespräche, unterbrochen vom Klingeln der altmodischen Kasse.
Endlich war Marius an der Reihe und er kaufte für Frau Müller die Weihnachtsvorräte. Als er gezahlt hatte, reichte ihm die Bäckerin ein Päckchen über die Theke: "Frohe Weihnachten, Marius!"
Gerührt nahm er das Geschenk entgegen: "Danke. Ihnen auch frohe Weihnachten."
Schnell trat er auf die Straße, er hatte sein erstes Weihnachtsgeschenk bekommen! Er schnupperte an dem Päckchen und konnte sein Glück gar nicht fassen: ein großes Stück Christstollen. Fast übermütig vor Glück schlenkerte er mit dem Korb, in dem Frau Müllers Einkäufe lagen, und lief beschwingt zu dem kleinen Haus, in dem er bereits erwartet wurde.
Er hängte seinen grauen alten Mantel an die Garderobe und folgte der Hausfrau in die Küche. Dort war der Tisch bereits gedeckt und es duftete nach Rindfleischsuppe. Frau Müller bat Marius Platz zu nehmen, während sie flink die Einkäufe verstaute und anschließend die Teller füllte. Genießerisch schloss der junge Mann die Augen und schmeckte den ersten Löffel Suppe voller Konzentration. Der starke würzige Geschmack breitete sich aus und die Wärme durchflutete seinen gesamten Körper. Zufrieden beobachtete Frau Müller ihren Gast und nickte: "So ist es recht. Iß nur kräftig."
Marius langte mit der Hand über den Tisch und drückte die runzelige Rechte der alten Dame, die schnell ihren Blick senkte, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Sie war unendlich froh, dass Marius ihre Einkäufe und Behördengänge erledigte. Sie mochte ihn von Herzen gern und genoss seine Gesellschaft. Sie hätte ihm zu gern zu einer Arbeitsstelle verholfen, aber sie hatte keine Ahnung, was ein arbeitsloser Fotograf noch anderes als Fotos machen konnte. Immer wieder dachte sie sich daher neue Dinge aus, die er für sie erledigen konnte und für die sie ihm etwas Geld und eine deftige Mahlzeit gab.
"Du kannst heute Abend wirklich zu mir kommen!"
"Danke, Frau Müller. Aber ich möchte den Abend allein verbringen - in meinen eigenen vier Wänden. Ich werde auf jeden Fall im Laufe der Feiertage bei Ihnen vorbeisehen. Versprochen!"
"Ich weiß, mein Junge. Du sollst nur wissen, dass Du jederzeit willkommen bist."
"Danke."
Nachdem sie beide zusammen gespült hatten, verließ Marius das kleine Haus und begab sich Richtung Eisbahn. Jeden Tag zog es ihn zu dem bunten Treiben. Er beobachtete die Eisläufer, verfolgte die Fortschritte der kleinen Läuferinnen und Läufer, studierte die Bewegungen und Schrittkombinationen und genoss die fröhliche Atmosphäre. Aber er hatte noch ein bisschen Zeit.
Zunächst bog er in eine ruhigere Seitengasse, die zum Weihnachtsmarkt führte. Ein letztes Mal wollte er den Duft riechen, wollte noch einmal die Stände sehen: die Mützen, Schals und Handschuhe, die Bücher und Spiele, die Windlichte und Holzschalen, den filigranen Silberschmuck und die derben Holzschuhe, wollte noch einmal verschiedenen Stimme hören, das Debattieren der alten Männer, die irgendwo vor einem Glühweinstand verweilten und die Weltgeschichte besprachen, während ihre Frauen zu Hause das Festmahl vorbereiteten. Die Hände tief in die Taschen seines alten Mantels vergraben, schritt er gemächlich zwischen den Buden hindurch. Er blieb überall stehen, sog den Anblick der Fülle ein und sammelte seine Eindrücke wie ein Eichhörnchen seine Wintervorräte. Ein Blick zur Turmuhr zeigte ihm, dass er noch immer ein wenig Zeit hatte. Seit Tagen beschäftigte er sich mit der jungen Frau, die stets zur selben Zeit auf der Bank neben der Eisbahn saß und die Schlittschuhläufer beobachtete. Sie war auf der gegenüberliegenden Seite der Bahn und Marius stellte sich immer so, dass er sie sehen konnte. Vor seinem inneren Auge entstand ihr Bild: große dunkle Augen - die Farbe hatte er aus der Entfernung nicht erkennen können - dunkle Haare unter einer üppigen Schlägermütze. Ihr schmaler Körper wurde mehr schlecht als recht von einem fadenscheinigen Mantel gewärmt und ihre Hände steckten in durchsichtigen Handschuhen. Er nannte sie für sich ‚Eponnie', weil sie ihn an Victor Hugos Figur aus ‚Les Miserables' erinnerte. Sie hatte ein sprechendes Gesicht, das manchmal wehmütig und sehnsuchtsvoll zu den Eisläufern blickte, ein anderes Mal wirkte sie frustriert und wütend, dann schienen ihre Augen Blitze zu senden, dann wieder sackte sie resigniert zusammen und starrte blicklos vor sich hin. Nie aber lächelte sie. Nachdenklich schlenderte Marius weiter. Wie oft hatte er in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, warum sie so traurig und hoffnungslos wirkte. Hatte sie kein Zuhause, keinen Job - so wie er? War sie einsam? Natürlich! Sonst säße sie nicht tagein tagaus auf derselben Bank. Sicher - das Leben als Arbeitsloser war schwer und mühsam. Man musste das Geld zusammenhalten, Bewerbungen schreiben, durfte Hoffnungen nicht aufgeben - auch dann nicht, wenn die Wirklichkeit anders aussah - man musste den langen freien Tag sinnvoll gestalten, um nicht vollends abzusacken. Dankbar dachte Marius an Frau Müller, die ihn immer wieder rief, um ihm neue Aufgaben zu geben und die sich um ihn kümmerte. Seine Hand fuhr über eine frisch gestopfte Stelle seines Mantels: Frau Müller hatte liebevoll das Loch, das am Ellbogen entstanden war, repariert, als er nach der Heizung guckte und seinen Mantel über einem Stuhl gehangen hatte. Ohne große Worte hatte die alte Dame den Mantel zur Hand genommen, Nähgarn und Nadel hervorgeholt und den Schaden beseitigt. Menschen konnten wunderbar sein, sinnierte Marius, während sein Blick zum Himmel schweifte, aus dem es jetzt recht heftig zu schneien begann. Ob sie heute überhaupt zur Eisbahn kommen würde? Plötzlich drängte es ihn, den Markt zu verlassen und nach ‚Eponnie' Ausschau zu halten.
Er hörte die Musik der Eisbahn schon von weitem: ‚White Christmas'. Wie passend!, schoss es ihm durch den Kopf. Während der Himmel seine Schleusen öffnete und alles allmählich mit einer weißen sanften Decke bedeckte, leuchteten die bunten Kleider der vermummten Eisläufer schon von ferne. Auf den städtischen Weihnachtsbäumen hatten sich bereits winzige Schneehauben gebildet und die Lichter schienen gedämpft unter der dünnen Schneedecke hervor. Es war perfektes Weihnachtswetter - so wie man es sich immer vorstellte und wünschte. Marius blieb einen Augenblick stehen, legte den Kopf in den Nacken und spürte dem Kitzeln der Schneeflocken auf seinem Gesicht nach. Es war wie früher: einfach herrlich! Es gab Dinge, die änderten sich glücklicherweise nie, auch dann nicht, wenn das Leben allem Anschein nach aus der Bahn geriet. Dieser Gedanke holte ihn in die Wirklichkeit zurück und er dachte wieder an ‚Eponnie'. Mit festen Schritten beeilte er sich zur Eisbahn zu kommen. Irgendwie hatte ihn eine unerklärliche Unruhe erfasst, die ihn zur Eile antrieb. Er trat an seinen Stammplatz an der Balustrade der Bahn, erfasste die muntere Szene vor seinem Auge mit geschultem Blick und suchte dann die gegenüberliegende Seite ab. Die Bank war leer. - Halt, nein, nicht leer: auf der Bank lag irgendetwas, das von einer leichten Schneedecke bedeckt war. Ein Ruck ging durch den jungen Mann und er wandte sich um, lief um die Eisbahn herum und schlitterte auf die Bank zu. Er konnte sich später selbst nicht mehr an diesen Weg erinnern, denn sein einziger Gedanke war nur immer: nein! Nein! Nein! Als er mit klopfendem Herzen vor der Bank ankam, erkannte er ‚Eponnies' Mantel, der durch die Schneedecke durchschimmert. In fliegender Hast, drehte er sie auf den Rücken, fühlte ihren Puls, den er noch schwach an ihrem Hals ausmachen konnte. ‚Kein Mensch schien sich für sie interessiert zu haben!', schoss es durch seinen Kopf. Ihr Gesicht war blass und eiskalt, ihre Hände hielten eine volle Kornflasche umklammert und waren steif. Marius rüttelte die junge Frau und klopfte auf ihre Wangen: "Eponnie! Wach auf. Du darfst hier nicht schlafen - das ist dein Tod!" In seiner Aufregung nannte er sie so, wie er es für sich tat. Aber sie rührte sich nicht. Er schlug fester auf ihre Wange und zu seiner Erleichterung flatterten ihre Augenlider leicht. Marius blickte sich um: niemand sah sich gemüßigt zu helfen, nur ein paar Gaffer blickten zu der Bank und begannen zu tuscheln. Kurz entschlossen nahm er die junge bewusstlose Frau auf seine Arme und hob sie hoch. Dabei entglitt ihr die Schnapsflasche, die auf der harten Erde zerbarst. Schwitzend trug er seine Last zu seiner Wohnung.
Sterben war schön - zumindest empfand es Emma so, denn sie fühlte sich nach einem etwas unangenehmen Ruckeln wie von Engeln getragen. Sie fühlte sich plötzlich geborgen und nicht mehr einsam, sie fühlte sich umsorgt und behütet. Sie hatte sich den Tod immer bedrohlich vorgestellt, als dunkles Nichts. Aber so, wie sie ihn erlebte, war er wunderbar und sie war glücklich, dass sie sich dazu entschieden hatte sang- und klanglos einzuschlafen und aus diesem Leben zu scheiden. Seltsam, dass man seinen Körper noch ein wenig spürte, obwohl doch immer alle sagten, dass man davon nichts mehr merken würde. Aber vielleicht dauerte es eine Weile, bis die Seele den Körper verlassen hatte und absolut schwerelos dahinschwebte. Sie ließ es einfach auf sich zukommen.
Marius erreichte seine kleine Wohnung mit letzter Kraft. Seine Arme zitterten, als er die junge Frau auf seinem einzigen Sessel absetzte, die Tür mit dem Fuß zuschob und in fliegender Hast seinen Mantel aufknöpfte und ihn zur Erde gleiten ließ. Dann klappte er sein Schlafsofa auf, legte ein Betttuch darüber, Kissen und Decke parat und widmete sich der Halbtoten. Zum Glück flatterten immer mal wieder ihre Lider, aber ihre Wangen waren nach wie vor erschreckend bleich. Er begann ihr den Mantel auszuziehen, schälte sie aus ihren nassen Sachen. Als er ihr die Mütze abzog, ergoss sich eine Flut langer brauner Haare über seine Finger. Die Turnschuhe schleuderte er unter die Heizung, gefolgt von den fadenscheinigen Socken. Sie war erschreckend mager. Als er ihre Wäsche ausziehen wollte, zögerte er einen Moment, dann aber gewann die Vernunft die Überhand und er löste ihren BH, schnitt ihren Slip auf und legte sie auf seine Couch. Schnell holte er ein raues Handtuch und begann ihre Glieder und ihren Körper abzurubbeln, bis die Haut zu glühen anfing.
Das unangenehme Gefühl abgerubbelt zu werden, als würde einem die Haut abgezogen, erschien Emma schon sonderbar, aber wenn es zum Loslösungsprozess der Seele gehörte, dann konnte sie davor nicht fliehen. Dass sie ihren Körper nun wieder stärker fühlte, war schon seltsam. Er fing an zu kribbeln und zu ziehen, als liefen tausende von Ameisen über sie hinweg, aber sie war zu müde um die Augen zu öffnen und nachzusehen.
Marius wickelte Emma in eine flauschige Decke, legte seine Bettdecke darüber und begann ihre gefrorenen Zehen zu massieren. Sie waren blau, aber allem Anschein nach glücklicherweise noch nicht erfroren. Vorsichtig bewegte er die Zehen und stellte erleichtert fest, dass sie noch intakt waren. Anschließend widmete er sich den Fingern seines Schützlings. Mit seinen warmen großen Händen rieb er Finger für Finger warm, bis die Hände ganz rot waren. Er fühlte die Risse in ihrer Haut, spürte die Schwielen und empfand die Sensibilität, die von den schmalen zarten Händen ausging. Unendlich behutsam knetete er ihre Handballen, bewegte ihre Gelenke, bis er den Eindruck hatte, dass alles wieder richtig durchblutet wurde. Ihm rann der Schweiß über die Stirn in die Augen und sein Atem ging schwer, als er sich endlich kurz zurücklehnen konnte und einen längeren Blick in das bleiche Gesicht werfen konnte, das allmählich wieder etwas Farbe bekam. Er stand auf, trat an den Herd und setzte Wasser auf, um frischen Tee zu kochen. Er füllte eine Kräuterteemischung, die nach Zimt und Orange duftete, in einen Filter, holte anschließend ein Stövchen aus dem Schrank, stellte Tassen dazu und begann dann die verstreut liegenden Kleider zu sortieren. Sorgfältig schlug er die Sachen aus und hängte sie auf einen Bügel zum Trocknen, bevor er die Heizung höher stellte. Als er seinen eigenen Mantel von der Erde aufhob, fiel das Päckchen mit dem Christstollen aus der Tasche. Marius bückte sich und legte es auf die Küchenanrichte, er würde den Kuchen mit seinem Gast teilen. Nach dem Aufräumen zündete er Kerzen an, schaltete die elektrische Lichterkette seines kleinen Weihnachtsbaumes an und setzte sich in den Sessel, wo er eine Tasse Tee trank und ‚Eponnie' beobachteten konnte.
Emma empfand plötzlich eine angenehme Wärme. Das Kribbeln auf ihrem Körper hatte nachgelassen. Ihre Zehen fühlten sich etwas komisch an, aber sie konnte sie bewegen. Sie kuschelte sich tiefer in die warme weiche Masse, die sie umgab. War das eine Wolke? Emma konzentrierte sich: es war warm - wie im Bett und es duftete nach - Orange - Zimt - - Kerzen - und - - Mann! Der Duft eines männlichen Aftershaves stieg in ihre Nase. Das konnte unmöglich sein! Roch man überhaupt etwas, wenn man bereits tot war?
Marius beobachtete, wie sich Emmas Gesichtszüge allmählich regten. Erst entdeckte er ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel, dann runzelte sie irgendwann die Stirn, zog die Nase leicht kraus und schien nachzudenken. Aber noch immer hielt sie die Augen geschlossen, als wolle sie die Wirklichkeit nicht sehen.
Marius erhob sich und ging zu seiner alten Stereoanlage, die er bereits als Schüler besessen hatte. Mit zielsicherem Griff fischte er eine CD aus dem Regal und legte sie ein: ‚Das Weihnachtsoratorium' von Bach. Die Lautstärke sehr stark reduziert, begann die festliche Musik Besitz von ihm zu ergreifen. Einen Augenblick starrte er aus dem Fenster auf die Straße. Kein Mensch war mehr zu sehen. Die Fußspuren der Fußgänger waren fast alle wieder verschneit. Die weihnachtliche Stadt lag friedlich und ruhig zu seinen Füßen. So hatte er sich sein Weihnachtsfest nicht vorgestellt und er war gespannt, was noch alles auf ihn zukommen würde.
Himmlische Musik! Es klang, als sängen tausende von Engel. Aber sie konnte keinen einzigen Engel sehen! Emma wurde immer verwirrter - wo war sie? Sie fühlte in sich hinein und spürte weder Furcht noch Not. Sie fühlte sich nach wie vor sicher und geborgen. Die Musik schien sie zu tragen und doch lag sie fest in einem weichen warmen Bett! Mühsam öffnete sie die Augen und blickte geradewegs in ein Paar unbeschreiblich blaue Augen, in denen sie wie in einem See zu versinken drohte.
Sie blickte ihn einfach stumm an. Im Hintergrund verkündete der Weihnachtsengel die Geburt des Herrn, während Marius ihrem Blick schweigend standhielt. Verwirrt löste Emma schließlich ihre Augen von seinen und musterte das fremde freundliche Gesicht, das Erleichterung, Fürsorge und - ein wenig Ärger ausdrückte. Sie versuchte sich zu konzentrieren: Der Mann war ungefähr dreißig Jahre alt, schätzte Emma, hatte dichtes dunkles Haar und einen sinnlichen Mund. Sie musste kurz zwinkern, als sein Bild vor ihren Augen verschwamm. Dann konnte sie wieder klar sehen: Das energische Kinn und die ausgeprägten Jochbeine gaben dem Gesicht etwas Markantes. Aber am beeindruckendsten waren seine Augen: sie schienen sich in sie hineinzubohren und sie gleichzeitig zu umfangen. Eine leichte Röte überzog plötzlich Emmas Gesicht und sie verbarg es in der Decke.
Marius löste sich aus seiner Erstarrung. Die dunklen Augen der jungen Frau wirkten unglaublich verletzt und verzagt. Gleichzeitig schien sie neugierig zu sein. Er trat näher an das Bett, schob die Decke leicht zurück und hob ihr Kinn sanft an, so dass sie ihm wieder in die Augen blicken musste: "Sie haben mir einen ganz schön heftigen Schrecken eingejagt."
Ihr Kinn zitterte, aber sie schwieg weiterhin.
"Ich heiße übrigens Marius. Als ich Sie fand, waren sie fast tot."
"Ich wünschte Sie hätten mich sterben lassen." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Mit Bestürzen stellte Emma fest, dass ihr die Tränen kamen und sie versuchte sie krampfhaft zurück zu halten. Das Geräusch von unterdrücktem Weinen schnitt Marius ins Herz und er setzte sich einfach auf die Kante der Couch und strich Emma über das heiße, gerötete Gesicht. Diese Geste ließ sie vollends die Fassung verlieren und sie raffte sich auf und warf sich dem fremden Mann in die Arme, der sie reflexartig an seine Brust zog und umschlungen hielt. Ihre unzähligen ungeweinten Tränen stürzten aus ihr heraus und durchnässten seine Hemdsbrust. Bebend klammerte sie sich an ihn. Marius ließ sie weinen, bis das Schluchzen verebbte und das Beben ihres Körpers abklang, dann legte er sie sanft zurück in die Kissen, zog die Decke über sie und setzte sich neben die Couch auf den Boden: "Warum?"
"Es ist alles sinnlos."
"Was?"
"Alles. Mein ganzes Leben." Emma zupfte an dem Plumo.
"Das Leben ist nie sinnlos."
"Das sagen Sie."
"Erzählen Sie mir von sich." Seine Stimme wirkte wie Balsam auf Emmas Nerven und sie begann zögernd ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Nie in ihrem Leben hatte sie sich einem anderen Menschen derart offen anvertraut, aber das extreme Erlebnis des nahen Todes änderte die Perspektive. Sie erzählte fast eine Stunde, zunächst stockend, dann immer fließender. Marius hörte aufmerksam zu, stellte ab und zu eine Frage zum besseren Verständnis und blieb die ganze Zeit neben ihr sitzen, immer in Augenhöhe, sie nie aus dem Blick lassend.
"Und deshalb wollen Sie Ihr Leben wegwerfen?"
"Für wen soll ich denn leben?" Die Verzweiflung in ihrer Stimme zerriss ihm fast das Herz.
"Für sich selbst. Man lebt in erster Linie für sich selbst, aber es gibt immer andere Menschen, die einen brauchen."
"Leben Sie auch für sich selbst?"
Ihre Frage überraschte ihn und er musste einige Sekunden nachdenken, ehe er erwiderte: "Ja, seit einiger Zeit lebe ich für mich selbst."
"Wieso erst seit einiger Zeit? "
"Ich habe alles verloren, was mir lieb und wichtig war: meine Eltern, meinen Beruf, meine Existenz."
"Aber Sie haben doch eine gemütliche Wohnung." Emma ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie bewunderte im Stillen die saubere Küchenzeile, die zwar alt, aber gut gepflegt wirkte, streifte zahlreiche Fotografien, die die gelben Wände säumten, heftete ihren Blick auf das volle Bücherregal und die Stereoanlage und blieb schließlich auf dem winzigen Weihnachtsbaum hängen, der liebevoll geschmückt war und nun in seiner ganzen Pracht strahlte. "Sie haben sogar einen Weihnachtsbaum! Ich hatte noch nie einen", fügte sie tonlos hinzu.
"Noch nie?" Marius konnte es kaum glauben, aber ein Blick in ihre traurigen Augen bestätigte die Wahrheit ihrer Aussage.
"Man braucht immer Geld!", stieß sie bitter hervor.
"Das ist nur begrenzt richtig. Das Wichtigste ist Phantasie und Liebe."
Verstört betrachtete Emma das kluge Gesicht und fragte sich, was dieser Marius wohl für ein Mensch war.
"Haben Sie mich deshalb gerettet?"
Auf diese Frage wusste Marius keine Antwort und er wandte sich ab und wechselte abrupt das Thema: "Sie müssen unbedingt etwas essen. Warten Sie, ich hole Ihnen etwas zum Anziehen, dann können Sie sich aufsetzen." Mit einem Satz verschwand Marius im Flur, wo sein Kleiderschrank stand und griff nach einem weichen warmen Schlafanzug, dessen Oberteil er Emma reichte. Gehorsam schlüpfte sie hinein und schwang die Beine vor die Couch, zog dankbar ein Paar dicke Wollsocken über ihre Füße und setzte sich so, dass Marius den Tisch näher an sie ranrücken konnte. Als sie den Duft des Tees einsog, spürte sie, dass sie hungrig und durstig war. Marius legte ihr ein Stück Christstollen auf den Teller und sie biss genussvoll in das süße, schwere Gebäck. Langsam kaute sie kleine Bissen, immer darauf bedacht, den Geschmack möglichst lange im Mund zu bewahren. Sie biss auf Zitronat und Orangeat, ehe eine süße Marzipanmasse auf ihrer Zunge schmolz. Der Zucker am Rand des Kuchens knisterte zwischen ihren Zähnen, während sie Vanille und - ein ihr fremdes Gewürz wahrnahm. Marius beobachtete sie und fragte sich, auf was diese junge Frau in ihrem Leben noch hatte verzichten müssen. Als Emma ihren Teller geleert hatte, befeuchtete sie ihren Zeigefinger und leckte die übrigen Krümel alle auf, dann schloss sie die Augen und fuhr sich mit der Zunge über die gezuckerte Lippe. Marius hielt den Atem an: er hatte nie einen Menschen gesehen, der stärker und sinnlicher wahrnehmen konnte als ‚Eponnie' in diesem Moment.
Als sie die Augen öffnete, trafen sie in seinen intensiven Blick und Emma errötete wieder. Verlegen griff sie nach der Teetasse und führte sie zum Mund.
"Warum haben Sie immer auf der Bank neben der Eisbahn gesessen?"
Seine unvermittelte Frage brachte sie aus dem Konzept.
"Ich habe mir als Kind immer Schlittschuhe gewünscht - vergeblich. Ich wollte mich auch auf dem Eis drehen, schweben, dahingleiten, dazugehören. Aber das Eis blieb für mich ein kaltes fremdes Terrain, zu dem ich keinen Zutritt hatte, genau wie sonst im Leben. Aber es hat eine ungeheure Anziehungskraft auf mich und so ging ich wie magisch angezogen immer wieder dorthin - vielleicht in der Hoffnung auf ein Wunder." Ein kleines verlegenes Lächeln spielte um ihren Mund und Marius bekam eine Ahnung von ihrer Ausstrahlung, wenn die Zeichen des Grams und der Not aus ihrem Gesicht weichen würden. "Warum gehen Sie immer dorthin?", fragte Emma.
"Ich liebe die Farben und die Bewegung auf dem Eis. Das Vermischen der unterschiedlichen Muster zu einem Ganzen, begleitet von den fröhlichen Stimmen und dem Rauschen der Kufen, umhüllt vom winterlichen Licht."
"Wollen Sie nie selbst mitmachen?"
"Manchmal schon. Aber wenn ich das Treiben beobachte, dann speichere ich es in meinem Inneren ab und habe das Gefühl, dass ich es selbst erlebt habe."
"Seltsam." Emma hatte sich wieder in die Decke gekuschelt und Marius saß ihr gegenüber im Sessel. "Reicht Ihnen das wirklich?"
"Nicht immer. Aber ich sammle sehr viel Sehen, Hören und Riechen, so dass ich viele Bilder in mir trage."
"Und das funktioniert?"
"Nicht immer,."
"Sie müssen einen guten Blick haben."
"Ich war Fotograf."
"War?"
Ein Schatten huschte über sein Gesicht, aber er antwortete: "Ich habe spekuliert und mein gesamtes Vermögen verloren, samt meiner Ausrüstung. Mein Beruf ist futsch, ich muss zum Sozialamt gehen und meine Eltern kennen mich nicht mehr." Außer dem Zucken eines Muskels in der Wange zeigte Marius bei diesen Worten keinerlei Regung. Aber Emma spürte seinen Schmerz hinter den Worten, beugte sich vor und drückte seine Hand. Sie war nicht weniger erstaunt als Marius über diese Geste, und sie genoss das Gefühl für einen anderen Menschen einen kurzen Augenblick wichtig gewesen zu sein.
"Ich muss jetzt gehen. Ich habe Sie lange genug belästigt!" Emma setzte ihre Tasse zum letzten Mal auf dem Tisch ab und bemühte sich aufzustehen.
"Sie können jetzt nicht gehen!" Seine Stimme klang bestimmt.
Aber Emma stand auf und im nächsten Augenblick wäre sie umgekippt, hätten Marius' starke Arme sie nicht aufgefangen. Er setzte sie wieder aufs Sofa und hob ihr Gesicht an: "Sie waren fast erfroren, Sie können jetzt nicht einfach wieder zur Tagesordnung zurückkehren."
Emma spürte, dass er nicht nur ihren körperlichen Zustand meinte und sie seufzte. "Ich falle Ihnen aber zur Last!"
"Das lassen Sie mal meine Sorge sein."
Unschlüssig kaute Emma auf der Unterlippe.
"Bleiben Sie heute hier. Feiern Sie mit mir Weihnachten!"
Seine Worte nahmen ihr den Atem. "Ich soll mit Ihnen Weihnachten feiern?" Ihre Augen blickten wie die eines Kindes, voller Erstaunen, Hoffen und Bangen.
Marius beugte sich vor und streichelte kurz über ihre Wange: "Bitte."
Emma wandte den Blick zum Weihnachtsbaum und in dem Augenblick war sie sicher, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dass ein Wunder geschähe und sie Weihnachten feiern konnte. Marius beobachtete sie und auch er spürte, dass er nichts lieber wollte, als diesen Abend mit der verzweifelten jungen Frau zu verbringen und gemeinsam mit ihr das Weihnachtswunder zu feiern. Ihre Blicke trafen sich und ein scheues Lächeln erschien auf Emmas Gesicht, das Marius bis ins tiefste Innerste traf.
Marius las die Weihnachtsgeschichte vor, sie hörten einen weiteren Teil des Weihnachtsoratoriums von Bach und anschließend richtete Marius ein paar Brotschnitten an. Die Kerzen und die Lichterkette tauchten das Zimmer in warmes Licht und eine tiefe Stille senkte sich über die beiden Menschen, deren Wege sich an diesem Heiligen Abend gekreuzt hatten. Emma sog jeden Moment der Stunden in sich auf, begierig keinen Augenblick zu verpassen und die Eindrücke für immer in sich abzuspeichern. Ihre bleichen Wangen wurden rosig wie die eines Kindes und ihre Augen bekamen einen warmen dunklen Glanz, der Marius faszinierte.
Auf dem Regal entdeckte Emma eine Holztruhe: "Was ist das?"
Marius folgte ihrem Blick und erhob sich, um den Kasten zu holen. Er stellte ihn auf den Tisch vor Emma und öffnete den Deckel. Eine sanfte Melodie entstieg dem Inneren der Truhe und ein Schlittschuhläuferpaar drehte sich dazu in einer Schneekugel. Emma beobachtete atemlos die zarten Figuren.
"Sie hat meiner Großmutter gehört. Weihnachten holte sie dieses Kleinod vom Speicher und stellte es auf eine Anrichte. Ich habe oft davor gestanden und die Schlittschuhläufer bewundert. Kurz vor Ihrem Tod hat sie mir diese Truhe geschenkt. Ich weiß noch, wie sie sagte: ‚Marius. Vergiss nie, dass Weihnachten Wunder geschehen. Deshalb schenke ich dir diese Wundertruhe, damit du immer an mich und die Möglichkeit, dass Wunder geschehen, erinnert wirst. Versprich mir, dass du sie immer öffnen wirst, wenn du ein Wunder brauchst oder gerade erlebt hast.'" Er hatte bisher die Truhe nie ohne seine Großmutter geöffnet - bis heute.
Emma fuhr vorsichtig mit einem Finger über das alte gemaserte Holz. Schlittschuhläufer - war gerade ihr Wunder passiert? Sie hob den Kopf und blickte in Marius' Augen, der sie beobachtete. Auf einmal fühlte sie sich leicht, als ob sie selbst in der Schneekugel tanzen würde.
Als es Zeit zum Schlafen gehen wurde, pumpte Marius eine alte Luftmatratze auf und wickelte sich in einen ausrangierten Schlafsack zu Emmas Füßen.
"Gute Nacht, Eponnie!"
"Eponnie?" Emmas Stimme klang schon ein wenig schläfrig.
"Ja. Denn ich weiß immer noch nicht Ihren Namen."
"Eponnie - gefällt mir. Gute Nacht, Marius - und vielen Dank." Einen Augenblick später lauschte Marius auf die gleichmäßigen Atemzüge der jungen Frau, die ihm ein völlig anderes Weihnachtsfest beschert hatte, als er zu träumen gewagt hatte. Vielleicht gab es doch Wunder, so wie seine Großmutter immer behauptet hatte. ‚Marius, du musst nur die Augen aufhalten und dein Herz öffnen, dann wirst du die vielen Wunder des Lebens entdecken', so hatte sie immer zu ihm gesagt, wenn er als Junge auf ihrem Schoß gesessen oder später seine langen Beine unter ihren Esstisch gestreckt hatte. Ihre strahlenden Augen, die er von ihr geerbt hatte, hatten dann aus dem runzeligen schönen Gesicht geleuchtet, als wenn sie tiefer sehen könnten, als andere. Marius zog den Schlafsack dichter um sich und war im nächsten Augenblick eingeschlafen.
Emma blinzelte und versuchte sich zu orientieren. Die weiche, dicke Decke, die sie umhüllte, gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit, wie sie es jahrelang nicht mehr empfunden hatte. Der Duft nach Aftershave stieg ihr ganz leicht in die Nase und sie entdeckte Marius am Herd stehend und Kaffee kochend. Seine Haare waren noch nass vom Duschen und er trug eine Jeans mit einem karierten Hemd darüber. Als spüre er Emmas Blick, drehte er sich um und lächelte sie an: "Guten Morgen!"
"Guten Morgen." Emma gähnte und reckte sich genüsslich.
"Haben Sie gut geschlafen?"
"Phantastisch. So gut wie schon lange nicht mehr." Sie warf die Decke bedauernd zurück und schwang die Beine über die Kante. Vorsichtig stand sie auf und testete, ob ihre Beine sie tragen würden, dann setzte sie vorsichtig einen Schritt vor den anderen.
"Das Bad ist dort drüben. Ich habe Handtücher auf die Wanne und eine neue Zahnbürste auf das Waschbecken gelegt."
"Danke."
Während Emma sich frisch machte, deckte Marius den kleinen Tisch vor der Couch. Dann räumte er das Bett zusammen und verstaute das Plumo und die Kissen im Sofakasten, ehe er den Weihnachtsbaum und die Kerzen wieder entzündete. Der Kaffeeduft zog verführerisch durch die Wohnung, die einer Oase glich.
Als Emma wieder ins Zimmer kam, trat sie zu Marius, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange: "Frohe Weihnachten!"
"Frohe Weihnachten!" Gebannt starrte Marius in das schmale Gesicht der jungen Frau, das von innen heraus zu leuchten schien. Ihre dunklen Augen wirkten wie schwerer Samt und der bittere Zug um ihren Mund war verschwunden. Sie versank fast in seinen blauen Augen, die tief und dunkel wie das Meer strahlten und sie in ihren Bann zogen. Marius hob seine Hand und schob eine Haarsträhne aus dem Gesicht hinter ihr Ohr. Emma spürte das Blut in ihren Ohren rauschen und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Dann riss sich Marius plötzlich los und lud zum Frühstück ein.
"Wollen Sie nachher mit mir hinausgehen, um einen Schneemann zu bauen?" Marius biss in seine Schnitte, die mit Marmelade bestrichen war.
"Einen Schneemann?"
"Ich habe einen jungen Freund, dem ich versprochen habe, heute einen Schneemann mit ihm zusammen zu bauen."
"Wenn es recht ist, dann gehe ich mit."
"Fein!" Ein schelmisches Lächeln spielte um die Lippen des jungen Mannes und Emma wandte schnell den Blick ab.
Es schneite nicht mehr, der Himmel war von blassem Blau, das sich über die glitzernde Landschaft wölbte und der Schnee leuchtete so stark, dass es in den Augen brannte. Weiße Dampfwolken stiegen vor den Gesichtern auf und die Kälte ließ die Wangen rot und die Hände blau werden. Wie selbstverständlich nahm Marius Emma bei der Hand und lotste sie zu einer großen Wiese, wo bereits ein zirka neunjähriger Junge begonnen hatte, eine riesige Schneekugel zu formen.
"Marius!" Die fröhliche Kinderstimme schallte über die weiße Fläche und Marius begann zu laufen.
"Tom! Ich habe Hilfe mitgebracht!"
"Super!"
Außer Atem erreichte Emma den Jungen, der sie neugierig betrachtete.
"Bist Du Marius' Freundin?"
Emma errötete leicht. Was sollte sie sagen? Aber Marius nahm ihr die Entscheidung ab: "Das ist meine Freundin."
"Hi, ich bin Tom." Der Junge reichte ihre seine behandschuhte Hand, die Emma verdutzt ergriff: "Ich heiße Eponnie."
"Komischer Name. Aber macht nichts. Dann könnt Ihr ja die mittlere Kugel formen!" Mit diesen Worten wandte sich Tom wieder seiner Schneekugel zu und begann sie über die Wiese zu rollen.
Marius blickte Emma von der Seite forschend an, aber sie bückte sich und begann den Kopf des Schneemanns zu formen und Marius schüttelte verwundert den Kopf und fing an eine kleine Kugel zu formen und sie ebenfalls durch den Schnee zu wälzen. Sie arbeiteten schweigend, jeder mit seiner Aufgabe beschäftigt und in seine eigenen Gedanken versunken. Verstohlen blickte Emma immer wieder zu Marius, der trotz des oftmals geflickten alten Mantels und der unmodernen Handschuhe und Stiefel glücklich und zufrieden wirkte. Er schien eins zu sein mit sich und der Natur. Sein dichtes dunkles Haar quoll unter seiner Mütze hervor und fiel ihm in die hohe Stirn. Seine Augen hatten die Farbe des Himmels und spiegelten die Klarheit des Tages wider. Als Tom seine Kugel nicht mehr bewegen konnte, schob Marius sein Mittelteil in die gleiche Richtung. Es war aber so groß geworden, dass er es unmöglich allein auf das Unterteil des Schneemannes heben konnte und so rief er Emma zu sich, die mit ihrer kleineren Kugel lachend angelaufen kam. Die Haare, die unter ihrer Mütze hervorlugten, ringelten sich um ihr gerötetes Gesicht und sie wirkte verführerisch frisch. Marius spürte ein leichtes Ziehen im Bauch, als er sie betrachtete und wandte schnell den Blick zu Tom, der erwartungsvoll darauf wartete, dass die beiden Kugeln übereinander gestapelt wurden. Dann wuchteten Emma und Marius gemeinsam die Schneemasse auf das Unterteil und Emma verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts in den Schnee. Tom stürzte sich auf sie und versuchte sie mit Schnee einzureiben. Sie wehrte sich und strampelte mit den Beinen, versuchte mit den Händen in den Schnee zu greifen und Tom eine Ladung ins Gesicht zu reiben. Aber der kleine Junge war flink und gelenkig und wich ihr geschickt aus. Als ein Schneeball Marius traf, formte auch er Schneebälle und eine wilde Schneeballschlacht begann. Über das große Feld schallten eine helle Kinderstimme, eine sonore Männerstimme und das etwas eingerostete Lachen einer jungen Frau. Als sie außer Atem waren, zog Marius Emma auf die Füße und klopfte den Schnee von ihrem Mantel. Sie hielt ganz still, den Blick auf Marius' Gesicht gerichtet und sprachlos ihren Empfindungen nachfühlend. Marius blickte in ihre Augen und erkannte eine tiefe Sehnsucht und noch etwas anderes - zaghaft erwachendes. Er verharrte in seiner Bewegung, unfähig seinen Blick aus ihrem zu lösen, bis Toms Stimme sie in die Wirklichkeit zurückholte: "Kommt, wir wollen den Schneemann fertig bauen!"
"Okay!" Abrupt wandte sich Marius um und kramte in seiner Manteltasche nach einer alten Möhre und zwei dunklen Steinen. Tom suchte einen Ast und bildete daraus den Mund des Schneemannes, der mit seinen Kulleraugen und der krummen Nase etwas Drolliges hatte. Emma klopfte den Schnee an dem großen weißen Körper fest, während Marius versuchte, einen verbeulten Kochtopf, den Tom mitgebracht hatte, auf den Kopf des Mannes zu drapieren. Anschließend betrachteten die drei ihr Werk. Zufrieden klatschten Tom und Marius ihre flachen Hände gegeneinander und auch Emma musste das Ritual mit beiden durchführen. Dann verabschiedete sich Tom, der nach Hause zum Essen musste.
Marius nahm Emma bei der Hand und spazierte mit ihr durch die verschneite Stadt. Die Eisbahn lag verlassen zwischen verschneiten Weihnachtsbäumen. Die Eisfläche glitzerte in der Sonne wie ein Spiegel, denn die dünne Schneedecke war geschmolzen und hinterließ Tausende Wassertröpfchen, die wie Diamanten funkelten. Marius schwang sich über die Balustrade und reichte Emma seine Hand. Sie ergriff die dargebotene Rechte und kletterte ebenfalls über die Absperrung. Ihr Herz klopfte unregelmäßig und hart in ihrer Brust. Die Lippen fest aufeinander gepresst betrat sie vorsichtig die glatte Fläche, während Marius sie nicht aus den Augen ließ. In ihrem Gesicht spiegelten sich all ihre widersprüchlichen Gefühle wider und zuletzt blickte sie ihn fragend und voller Angst an. Marius lächelte und zog sie in seine Arme: "Schließ die Augen und horch in dich hinein."
Zögernd folgte sie seiner Anweisung. Zunächst war alles grau und leer. Plötzlich aber sah sie vor ihrem inneren Auge die Eisbahn voller Menschen, sie hörte Musik wie in einem Ballsaal, vernahm das Rauschen der Kleider und das Scharren der Schlittschuhkufen. Marius begann sich mit ihr zu wiegen, wie in einem langsamen Tanz. Als er spürte, dass sie sich ganz fallen ließ, führte er sie zu seiner inneren Musik über die Fläche. Sie tanzten miteinander, verschmolzen zu Klängen, die nur sie beide hören konnten. Sie fühlten Wärme und Licht, sie rochen Kerzen und Blumenduft, Tannengrün und Zimt und Emma glaubte das Prickeln von Champagner auf ihrer Zunge zu spüren und sie fühlte sich unendlich reich. Sie schmiegte sich in Marius' Arme, fühlte seine Wärme, atmete seinen Duft ein, hörte seinen Herzschlag und als sie die Augen öffnete, versank sie in seinen Augen, die wie zwei Sterne leuchteten.
"Es ist wie ein Wunder", seufzte sie. Ihr fiel ein Satz aus einem Victor Hugo -Text ein: ‚Mir ist auf der Straße ein sehr armer junger Mann begegnet, der verliebt war. Sein Hut war alt, sein Mantel abgetragen, Wasser rann durch seine Schuhe. Aber Sterne zogen durch seine Seele.'
Eine Träne löste sich aus ihren Augenwinkeln, die Marius auffing, ehe er sich zu ihr niederbeugte und zärtlich ihre Augen küsste.
"Du bist mein Weihnachtswunder", flüsterte er.
Es begann leicht zu schneien und das tanzende Paar wurde eingehüllt in die sanften Flocken, die um es herumwirbelten, während die Weihnachtsglocken zu läuten begannen.


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Eingereicht am 16. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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