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Larissa und der Weihnachtsengel

© Nessi Dominkus


Weihnachtsgeschichten
unserer Autoren
Traurig stand Larissa am Fenster, und sah dem lustigen Treiben der Kinder zu, die draußen auf dem kleinen freien Platz gegenüber mit ihren Fahrrädern ihre neuesten Fahrkünste ausprobierten. Manche fuhren Kreise, die immer enger wurden, andere übten sich in Schlangenlinien, und die ganz Mutigen fuhren sogar freihändig.
Wie gerne wäre Larissa auch dabei gewesen. So wie in ihren Träumen. Ihr sehnlichster Wunsch war ein Fahrrad. Aber nicht irgendein Fahrrad, nein, ein rotes Fahrrad sollte es sein, denn Rot war ihre Lieblingsfarbe.
Doch das war ein Traum, der sich wohl nie erfüllen würde. Ihre Eltern waren arme Leute, denn der Vater war schon lange Zeit krank und konnte nicht mehr arbeiten. Seit seinem schlimmen Unfall, konnte er sich nur noch mit einer Gehhilfe fortbewegen, und die Familie verfiel immer mehr in Armut. Die Mutter versuchte in ihrer Not Handarbeiten, die sie mit viel Geschick fertigte, auf dem Markt zu verkaufen. Das bisschen Geld, das sie einnahm, reichte kaum für die Lebensmittel, die sie brauchte, um die Familie zu ernähren.
Eines Tages schickten die Eltern Larissa in den Wald um Reisig zu sammeln, damit sie wenigsten ein bisschen heizen konnten.
Sie zog ihren alten, abgetragenen Mantel an, steckte ein trockenes Stückchen Brot und eine kleine Flasche Wasser ein, nahm den kleinen Leiterwagen und zog los.
Es war schon recht kalt, und es würde nicht mehr lange dauern, bis der Winter vor der Tür stand.
Auf dem Weg zum Wald, begegnete ihr eine alte gebrechliche Frau.
Larissa blieb stehen und fragte: "Was hast du arme Frau? Kann ich die behilflich sein?"
"Ich habe seit Tagen nichts gegessen, und bin schon so schwach, dass ich meinen Weg nicht fortsetzen kann."
Larissa tat die arme alte Frau so leid, dass sie ohne Zögern ihr Stückchen Brot aus der Manteltasche zog und es ihr gab.
"Mehr habe ich leider nicht. Aber vielleicht kann es deinen Hunger ein wenig stillen." Dann reichte sie ihr auch noch das Wasser, und sagte:
"Hier nimm, denn du bist sicher auch durstig." Die alte Frau bedankte sich bei Larissa, und sagte:
"Du bist ein gutes Kind, und wirst dafür reichlich belohnt werden." Dann, nur einen Wimpernschlag, war sie verschwunden.
Larissa wunderte sich, wohin die alte Frau so schnell gegangen war. Sie schaute sich nochmals suchend um, und ging dann schließlich weiter.
Kurze Zeit später, traf sie auf einen alten Mann, der zitternd auf dem Boden hockte.
Er war in zerrissene Lumpen gehüllt, und fror erbärmlich.
Larissa blieb bei ihm stehen, und fragte:
"Was ist mit dir alter Mann? Hast du bei dieser Kälte nichts als die zerrissenen Lumpen zum anziehen?" Der alte Mann sah das Mädchen traurig an und sagte:
"Diebe haben mir alles gestohlen. Nur diese paar Lumpen haben sie mir gelassen. Wenn kein Wunder geschieht, werde ich wohl erfrieren." Als Larissa diese Worte hörte, überkam sie unsägliches Mitleid. Sie konnte doch nicht zulassen, dass der arme alte Mann erfror. Sie zog ihren Mantel aus, und legte ihn dem Mann um die Schultern.
"Hier alter Mann, nehme meinen Mantel, denn du brauchst ihn nötiger als ich." Der Mann lächelte Larissa dankbar an, und sagte:
"Du bist ein gutes Kind, und wirst dafür reichlich belohnt werden." Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, war er auch schon verschwunden.
Sosehr Larissa auch nach ihm Ausschau hielt, sie konnte ihn nirgendwo entdecken.
"Seltsam", dachte sie, "genau wie die alte Frau, die so plötzlich verschwand.
Mit dem guten Gefühl, etwas Rechtes getan zu haben, ging Larissa weiter.
Als sie den Wald erreicht hatte, fand sie nur ein bisschen Reisig das sie einsammeln konnte. Aber es war viel zu wenig. Sie beschloss tiefer in den Wald hinein zu gehen. Bestimmt würde sie soviel finden, dass ihr Wägelchen voll würde.
Larissa bemerkte, dass es schon langsam dunkel wurde. Hungrig und durstig war sie inzwischen auch. Außerdem fröstelte sie. Sie hatte zwar noch einen Strickpullover an, aber im Wald war es feucht, und viel kälter als draußen auf dem Weg.
Nur wenige Meter vor ihr, auf einer kleinen Lichtung, stand eine kleine Holzhütte in der Stroh und Heu für die Waldtiere gelagert war. Davor war ein Unterstand mit einer Futterkrippe.
Vorsichtig öffnete sie die Tür, die mit einem kleinen Riegel verschlossen war, und vergewisserte sich, dass sich in der Hütte Niemand befand.
Larissa war froh, dass sie ihr Weg hierher führte, und richtete sich ein Lager, auf dem sie sich ausruhen konnte. Hier drinnen spürte sie die Kälte nicht so sehr. Gegen den Hunger und den Durst konnte sie nichts machen, aber die eine Nacht würde bestimmt schnell vergehen. Sie dachte an ihre Eltern. Die Armen, sie machten sich bestimmt große Sorgen wegen ihr, und würden sie suchen. Aber so erschöpft wie Larissa war, konnte sie unmöglich den Rückweg antreten. Vielleicht würde ihre Mutter wegen des Mantels mit ihr schimpfen. Aber wenn sie ihn dem alten Mann nicht gegeben hätte, wäre er bestimmt schon erfroren.
Draußen vor der Hütte raschelte es ganz leise. Larissa spähte vorsichtig aus dem kleinen Fenster, und war entzückt. Obwohl noch kein Schnee lag, und die Futterkrippe noch nicht aufgefüllt war, hatten sich dort ein paar neugierige Rehe und Häschen eingefunden.
Larissa schaute ihnen eine Weile zu, dann schlich sie sich ganz leise, um die Tiere nicht zu verscheuchen, zu ihrem Strohlager zurück, denn inzwischen war sie nun doch schon recht müde. Sie rollte sich zusammen, und fiel kurz darauf in einen tiefen Schlaf.
War es die zarte Berührung, oder war es das geheimnisvolle sanfte Licht, das, das Innern der Hütte erstrahlen ließ, und Larissa aus ihrem Schlaf holte.
Erstaunt sah sie sich um. Träumte sie? Am Fußende ihres Strohlagers, konnte das Mädchen eine liebliche Gestalt erkennen, die sie freundlich anlächelte.
Sie trug ein schneeweißes, weit fließendes langes Kleid, und ein ebenso schneeweißes Flügelpaar, zierte ihren Rücken. Langes golden glänzendes Blondhaar fiel in sanften Locken auf ihre Schultern.
Seltsamerweise verspürte Larissa keinerlei Angst, sondern ein Gefühl der Geborgenheit hatte von ihr Besitz ergriffen.
"Wer bist du", fragte Larissa das Wesen. "Bist du etwa das Christkind?" Die Lichtgestalt musste lachen, und das Lachen klang wie tausend kleine, hell klingende Glöckchen.
"Aber nein Larissa", sagte die liebliche Gestalt. "Nicht ganz. Ich bin ein Engel. Ich bin der Weihnachtsengel." "Und warum kommst du zu mir", fragte Larissa ohne Angst.
"Du hast ein reines Herz", sagte der Engel, "und bist allen Lebewesen, ob Mensch oder Tier, freundlich und hilfsbereit gesinnt. Deshalb bringe ich dir deine Sachen zurück, die du ohne zu zögern verschenkt hast." Sie gab Larissa einen neuen, dick gefütterten Wintermantel, einen Korb mit frischem Brot und feinem Gebäck, und ihre Flasche, die mit leckerem Kakao gefüllt war.
"Aber das kann ich nicht annehmen", stotterte Larissa. "Mein Mantel war alt und zerschlissen, das Brot ausgetrocknet, und in der Flasche war nur gewöhnliches Wasser." Der Weihnachtsengel lächelte das Mädchen freundlich an.
"Larissa, weißt du nicht mehr, was die alte Frau und der alte Mann zu dir sagten, als du, selbst in Not, ihnen dein letztes Hab und Gut gegeben hast? Nun ist die Zeit gekommen, dich reichlich zu belohnen. Also, nehme die Sachen in gutem Glauben an, denn es hat alles seine Richtigkeit." Dann, wie aus dem Nichts, hielt der Engel einen kleinen Beutel in der Hand.
"Diesen Beutel bringst du deinen Eltern", sagte er. "Sie sind ehrliche, und rechtschaffene Leute. Aber merke dir meine Worte, und gebe sie weiter. Der Münzbeutel besitzt die Eigenschaft, sich immer wieder zu füllen. Aber nur solange seine Besitzer auf dem Rechten Weg bleiben. Sollten deine Eltern den Pfad der Bescheidenheit und Ehrlichkeit verlassen, und der Habgier verfallen, wird die Armut wieder bei euch einkehren." Der Weihnachtsengel lächelte gütig, strich Larissa sanft wie ein Windhauch übers Haar, und war plötzlich verschwunden.
Als Larissa am Morgen erwachte, fiel ihr sofort dieser wunderschöne Traum ein.
"Schade", dachte sie, "es war nur ein Traum." Sie erhob sich von ihrem Lager, und wunderte sich, dass sie einen Mantel trug. Einen neuen, dick gefütterten Wintermantel.
Aufgeregt sah sie sich um. Am Fußende ihres Strohlagers, stand ein Korb mit frischen Backwaren, und daneben lag ein kleiner Beutel.
"O mein Gott, es ist war. Es war kein Traum. Der Weihnachtsengel war in der Nacht wirklich bei mir." Larissa trat vor die Hütte. In der Nacht hatte es geschneit, und die ganze Umgebung in eine bezaubernde Winterlandschaft verwandelt.
Dankbar schaute Larissa zum Himmel, und sagte:
"Danke lieber Weihnachtsengel. Hab vielen Dank." Nun wurde es aber Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Die armen Eltern hatten bestimmt vor lauter Sorge um sie die ganze Nacht nicht geschlafen.
Larissa nahm ihren Leiterwagen, der auf wundersame Weise bis oben hin mit Reisig beladen war, und ging los.
Auf dem halben Weg traf sie ihre Eltern, die auf der Suche nach ihr waren. Überglücklich schlossen sie ihre Tochter in die Arme, und waren froh, dass ihr nichts Böses zugestoßen war.
Zuhause erzählte Larissa, was sie erlebt hatte. Zuerst wollten die Eltern ihr nicht so recht glauben, aber der gefüllte Brotkorb und der neue Wintermantel, sprachen für sich.
Als dann die Mutter am nächsten Tag mit dem seltsamen Beutelchen zum Markt ging, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen, stelle sie erfreut fest, dass er sich tatsächlich immer wieder füllte. Sie erkannte, welch kostbares Gut sie in den Händen hielt, und drückte den kleinen unscheinbaren Beutel dankbar an ihr Herz.
Wenige Tage später war Heiligabend.
Die Eltern hatten hin und her überlegt, ob sie das Beutelchen, mit dem Kauf eines Weihnachtbaumes samt Baumschmuck, und einem Geschenk für Larissa, nicht überfordern würden. Doch dann entschlossen sie sich dazu, denn in all den vergangenen Jahren, waren sie nie in der Lage, ihrer Tochter ein schönes Weihnachtsfest zu bescheren. Der Weihnachtsengel würde das sicher verstehen.
Larissa schaute schon zum zigsten Mal auf die Uhr. Die Zeit wollte heute überhaupt nicht vergehen. Doch dann endlich ertönte das Weihnachtsglöckchen, und langsam öffnete sich die Zimmertür.
Larissa wagte kaum zu sprechen, so erstaunt war sie. Der herrlich geschmückte Weihnachtsbaum übertraf all ihre Vorstellungen. Die vielen brennenden Kerzen, die mit ihrem flackerndem Lichtschein, das ganze Zimmer in anmutiges Licht tauchten, und die unzähligen bunten Kugeln, faszinierten Larissa so sehr, dass sie fast ihr Geschenk übersehen hätte. Doch dann entdeckte sie es. Ein rotes Fahrrad. Endlich, hatte sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Glücklich umarmte sie ihre Eltern. Sie fassten sich gemeinsam an den Händen, und dankten still dem Weihnachtsengel. An der Baumspitze aber, die ein kleiner, weißer Engel zierte, konnte man für einen Augenblick, ein helles Aufleuchten sehen.
Und weil die Familie in zufriedener Bescheidenheit lebte, kehrte die Armut nie mehr zu ihnen zurück.


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Eingereicht am 25. Dezember 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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